Leidet Deutschland an moralischer Altersschwäche?

Daß auch der Seelenschatz so vielen abgerungen”

Ein Volk kann sich bis zur Erschöpfung verausgaben. Uns wurde zwischen 1914 und 1945 alles an materiellen und seelischen Opfern abverlangt. Zuletzt verloren wir noch den Glauben an uns selbst. Uns war, wie zuletzt nach dem 30jährigen Krieg 1618-1648 „der Seelen Schatz abgerungen“, wie Andreas Gryphius dichtete:

Wir sind doch nunmehr ganz,
ja mehr denn ganz verheeret:
Der fremden Völker Schar,
die rasende Posaun,
Das von Blut fette Schwert,
die donnernde Kartaun
Hat allen Schweiß und Fleiß
und Vorrat aufgezehret.

Die Türme stehn in Glut,
die Kirch’ ist umgekehret,
Das Rathaus liegt in Graus,
die Starken sind zerhaun,
Die Jungfern sind geschänd’t,
und wo wir hin nur schaun,
Ist Feuer, Pest und Tod,
der Herz und Geist durchfähret.

Hier in der Schanz der Stadt
rinnt allzeit frisches Blut.
Dreimal sind schon sechs Jahr,
als unser Ströme Flut
Von Leichen fast verstopft,
sich langsam fortgedrungen.

Doch schweig ich ganz von dem,
was ärger als der Tod,
Was grimmer denn die Pest
und Glut und Hungersnot:
Daß auch der Seelenschatz
so vielen abgerungen.

Andreas Gryphius (1616-1664)

Zum Seelenschatz gehörte 1945 vor allem der Glaube an uns selbst. Die Überlebenden empfanden gegenüber allen Idealen ein überwältigendes „Ohne mich!“  

Die historische Substanz ist verbraucht. Man nimmt nichts mehr ernst außer den groben Genüssen und dem, was der Alltag abverlangt. Der soziale Körper gleicht einem Pilger, der, von der  Wanderung erschöpft, sich zur Ruhe begibt.

Ernst Jünger, Eumeswil, 1977, S.66

Sie glaubten nicht mehr an eine „deutsche Sendung“, an ein deutsches Wesen, an welchem mittels seiner Dichter und Denker einst „die Welt genesen“ sollte.“

Entideologisierung und Reideologisierung

Auf jeden Zusammenbruch einer geistig-moralischen Orientierung folgt nach einer gewissen Pause eine ideologische Neuorientierung. Gesetzmäßig folgen Epochen hoher Ideologisierung und Ent-Ideologisierung aufeinander. Auf die Ent-Täuschung der idealistischen Kriegsgeneration und ihr Ohne-mich folgte seit 1968 eine heftige Re-Ideologisierung.

Diese kehrte die Prämissen um, stellte alle Ideale auf den Kopf und fand just alles dasjenige moralisch, daß zuvor als verbrecherisch gegolten hatte, und erhob das vormals Verwerfliche zum neuen Ideal. Ihre Faustegel lautete: Es ist immer das Gegenteil von dem richtig, was für „die Nazis“ Verpflichtung bedeutet hatte.

Unter dem Druck moralisierender Schuldvorwürfe wollte man gern seinem Schicksal entkommen, Deutscher zu sein, und flüchtete sich in moralisierenden Internationalismus.

Vaterlandsliebe fand ich stets zum Kotzen. Ich wußte mit Deutschland noch nie etwas anzufangen und weiß es bis heute nicht.

Robert Habeck, Patriotismus: Ein linkes Plädoyer, 2010.[1]

Die billigste Methode, die kollektive „Vergangenheit zu bewältigen“, bestand in der Leugnung, mit ihr noch irgendetwas zu tun zu haben. „Deutsch?“, fragen Leute wie Habeck, „was soll das eigentlich sein. Das gibt es eigentlich gar nicht. Es ist bloß ein Konstrukt.“ Noch vor den Klimaleugnern, den Coronaleugnern und anderen Leugnern waren die Aussteiger aus dem deutschen Volk die ersten, die Volksleugner.

Charakteristisch ist daß sie nicht mehr in der Lage sind, sich als Deutsche, als eigenes Volk mit eigentümlichen Merkmalen einzuschätzen.

Hellmut Diwald, Geschichte der Deutschen, 1978, S.123.

Gleichzeitig aber benötigen die gleichen Leute wieder das deutsche Volk als Kollektiv, um ihm spezielle moralische und finanzielle Lasten aufzuerlegen, aus „unserer besonderen historischen Verantwortung“. Alles Leugnen nützt nichts, denn

vor einer deutschen Not kannst Du Dich nirgends verstecken auf der Erden, wenn Du ein Deutscher bist – sie findet Dich doch.

Hans Grimm, Suchen und Hoffen, 1960, S.19.

Sie findet uns allerdings in heller Auflösung, denn den Volksleugnern genügt nicht, das Volk, das es als bloßes Konstrukt angeblich gar nicht gibt, zu leugnen. Sie müssen es zerstören, weil sie sich als Deutsche und damit ihr Land im Stillen neurotisch hassen. In guter deutscher Tradition gingen sie nach 1933 jetzt, in der Nachkriegszeit, erneut in eine Falle, nur war der Fallensteller nicht mehr derselbe. Sie fielen dem denkbar subtilsten Angriff zum Opfer, dem moralischen:

“Es ist die bedeutendste geschichtliche Leistung einer Nation, sich überhaupt für eine so verfaßte geschichtliche Einheit zu halten, und den Deutschen ist sie nicht geglückt. Die Selbsterhaltung schließt die geistige Behauptung und das Bekenntnis einer Nation zu sich selbst vor aller Welt ebenso ein wie die Sicherheit im großpolitischen Sinne, und diese besteht in der Macht eines Volkes, den physischen wie den moralischen Angriff auf sich selbst unmöglich zu machen.”

Arnold Gehlen, Moral und Hypermoral; 1986, S.103.

“Der Feind muß aufhören, an sich zu glauben!”

Der Dichter Hans Grimm erinnerte sich aus der Zeit des 1. Weltkriegs

an einen Kriegsaufsatz des Student of War in der Times. Der Aufsatz beschäftigte sich mit gewissen englischen propagandistischen Unternehmungen. Er enthielt den Satz: »Die Moral des deutschen Feindes muß gebrochen werden. Es ist der Verlust an Moral, nicht der Verlust an Boden oder an Menschen oder an Material, was Sieg oder Niederlage ausmacht. Der Feind muß aufhören, an sich zu glauben.«

Hans Grimm, Suchen und Hoffen, 1960, S.146.

Der anglophile Grimm nahm sich ein Beispiel an den Engländern und legte uns an Herz, „daß ein Volk sich zu keiner Zeit selbst verneint, daß ein Volk sich so wenig selbst verneint, wie die Engländer.“[2]

Genau diese Selbstverneinung bildet das Hintergrundrauschen aller linker Politk, von der SED (Die Linke) über die Grünen bis weit in die SPD. Sie kulminiert in der eigenen Abschaffung. „Thorsten Hinz hatte in seinem 2011 erschienenen Werk über die „Psychologie der Niederlage“ eine ähnliche These vertreten wie Richter und Ulrich. Die deutsche Nachkriegsidentität beruhe demnach auf einem kollektiven geistig-moralischen Schuldgefühl sowie auf der Annahme, daß die deutsche Kultur als Ganzes durch die Verbrechen des Nationalsozialismus diskreditiert sei. Dadurch sei eine Situation entstanden, in der eine Nation sich selbst verneine und eine auf ständiger Selbstverneinung beruhende Politik betreibe, die selbstdestruktiv wirken müsse.“[3]

Gegenüber allem neurotischen Selbsthaß können wir als Volk und als Staat mit demokratischer Selbstbestimmung nur überleben, wenn wir unsere gebrochene Identität wiederherstellen und die gesamte Schuldmetaphysik abstreifen, die uns einredet, wir seien moralisch oder in irgendeiner anderen Weise minderwertig. Wir müssen um unsere Moral kämpfen wie um unsere letzte Bastion –  um unsere, nicht um deren Moral. Uns droht sonst, was Christian von Massenbach schon 1795 angesichts der vorrückenden französischen Armeen fürchtete:

Von der Überzeugung, daß Deutschland untergehen werde, niedergedrückt, gebe ich hier nur einige Ideen an, wie vielleicht noch einem edeln Volk geholfen werden könne. … Die Geschichte der künftigen Jahrhunderte wird keine Germanier mehr nennen. – Unglückliches deutsches Vaterland!
Potsdam, im November 1795

Christian von Massenbach, Memoiren zur Geschichte des preußischen Staates, S.460.

Unsere Aufgabe besteht darin, alles zu fördern, was unsere Identität stärkt: unsere Kultur, unsere freiheitliche demokratische Lebensform, die Erinnerung an unsere große Geschichte und nicht zuletzt unsere Sprache.

In einer Endzeit, in der es als rühmlich galt, am Untergang des eigenen Volkes mitgewirkt zu haben, konnte es nicht wundernehmen, daß man auch der Sprache die Wurzeln kappte. Geschichtsverlust und Sprachverfall bedingen sich gegenseitig. […] Sie fühlen sich berufen, einerseits die Sprache zu entlauben und andererseits dem Rotwelsch Anstand zu verleihen. So rauben sie unten mit dem Vorwand, das Sprechen zu erleichtern, dem Volk die Sprache und mit ihr die Dichtung, während sie auf den Höhen ihre Fratzen aufstellten. Der Angriff auf die gewachsene Sprache und Grammatik, auf Schrift und Zeichen, bildet einen Teil der als Kulturrevolution in die Geschichte eingegangenen Vereinfachung. Der Erste Weltstaat warf seine Schatten voraus.

Ernst Jünger, Eumeswil, 1977, S.93.

Dieser Weltstaat ist der emotionale Bezugs- und Fluchtpunkt der entnationalisierten Kosmopoliten. In ihm werden wir unsere Freiheit und unsere Identität verlieren. Wer den Kampf um seine Freiheit und seine Idenität noch nicht aufgegeben hat, für den gilt das Dichterwort:

Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben,
an deines Volkes Auferstehn!
Laß diesen Glauben dir nie rauben
trotz allem, allem, was geschehn.

Und handeln sollst du so als hinge
von dir und deinem Tun allein
das Schicksal ab der deutschen Dinge,
und die Verantwortung wär’ dein!

Albert Matthäi

Es hatte gegolten für jene Studenten der Lützower Jäger, die 1813 in einem besetzten, ausgeplünderten und erniedrigten Deutschland ihre Moral und ihren Lebenswillen gegen die Siegermoral der Besatzungstruppen richteten. Ohne einen konsequenten Abbruch der gegnerischen Ideologeme, ihrer Moral und ihrer täglichen Repression wird es keinen neuen Aufbruch wie 1813 geben.

Ferdinand Hodler schuf 1908 das Gemälde in der Aula der Universität Jena vom Aufbruch der Lützower Jäger zum befreiungskampf gegen die Truppen Napoleons (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

[1] Das Zitat lautet im Kontext vollständig: „Als Adressat und Verbindung zwischen den Gegensätzen, zwischen ‚Liberalität‘ und ‚Paternalismus‘, zwischen ‚verantwortungsvoll‘ und ‚kreativ‘, zwischen ‚Bürger‘ und ‚Konsument‘ braucht man ein positives Gesellschaftsverständnis. Man braucht es, um eine sinnstiftende, politische Erzählung zu schaffen, die Zutrauen und Zuversicht gibt, dass Veränderungen gut sind und es sich lohnt, für sie zu streiten. Man braucht eine Erzählung, die auf Veränderung setzt, auf Gerechtigkeit und Internationalität. Dieses Engagement nenne ich einen ‚linken Patriotismus‘. Ich schreibe das in vollem Bewusstsein, dass ich Widerspruch provozieren werde. Patriotismus, Vaterlandsliebe also, fand ich stets zum Kotzen. Ich wusste mit Deutschland nichts anzufangen und weiß es bis heute nicht.“

[2] Hans Grimm, Suchen und Hoffen, 1960, S.125

[3] Renovatio 8.4.2021.

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  1. Bernhardt

    ANMERKUNGEN ZUR STEINMEIER-REDE IN YAD VASHEM

    Steinmeiers Begründung, warum er die englische Sprache mit einigen hebräischen Sätzen wählte, ist mehr als fragwürdig: Er wollte den vielen Zuhörern, darunter Holocaust-Überlebenden, nicht die Sprache der Täter zumuten. Diese Phrase von der „Sprache der Täter“ ist aber nichts anderes als die bewusste Stigmatisierung einer bedeutenden Kultur- und Literatursprache, die von etwa 100 Millionen Menschen auf der Welt tagtäglich gesprochen oder zumindest verstanden wird.
    Niemand käme in den USA und England, in Russland, China, Frankreich, Belgien oder Spanien auf die Idee, die englische, russische, chinesische, französische oder spanische Sprache als „Sprache der Täter“ zu bezeichnen, weil Täter mit diesen Sprachen Millionen Menschen, ja ganze Völker und Kulturen vernichtet haben. Nicht die Sprachen, auch die deutsche nicht, haben Schuld an diesen Verbrechen, sondern die Täter. Dass auch Täter sich in irgendeiner Sprache verständigen müssen, sollte auch dem Bundespräsidenten bekannt sein. Doch in der Logik seiner Begründung des Verzichts auf den Gebrauch seiner Muttersprache in der Yad Vashem-Rede müsste eigentlich ganz Deutschland längst nicht mehr seine Muttersprache reden.
    In welcher Richtung tut das der Entwicklung unserer Jugend Betreff Heimatgefühl,Heimatstolz gut?

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