Wahrnehmungen

Dem postmodernen Europa gehen ganze Bibliotheken den Bach hinunter. Die elementare Wucht der Realität spült sie in den Orkus: die Dekonstruktivisten, die Genderisten, die Transfemininistinnen, die Diskurstheoretiker und andere Träumer. Die Ideenwelt folgt zwangsläufig den realen Umständen. Das Gerede zieht immer den kürzeren, wenn die Gewalt groß ist und die Rede klein.

Nur zu gern hatte sich der Großteil unserer Intellektuellen von der Wirklichkeit verabschiedet. Jetzt werden sie von ihr eingeholt. Utopisten wollten nicht wahrhaben, „was immer gilt“. Gutmenschen schlossen die Augen davor, daß „der Mensch“ jederzeit „des Menschen Wolf“ sein kann. Globalisten verabschiedeten das Konzept „Nation“. Ihre liberalistisch halbierte Vernunft betrachtete Völker als bloße Konstrukte.

Blut ist aber dicker als Tinte. Mit ihrem Blut besiegeln heute Ukrainer ihre Existenz als eigenes Volk, das um seine Freiheit ringt. Jeder waffenfähige Mann soll kämpfen. Mehr noch: Wir sehen bewaffnete junge Frauen Molotow-Cocktails basteln und auf gepanzerte Fahrzeuge werfen. Hunderttausende Mütter und Kinder werden ins Ausland evakuiert. Und das Wunder an der Weichsel geschah: Dieselben Polen, die seit Jahren die sogenannte „ gerechte Verteilung“ von Flüchtlingen in Europa verweigerten, nehmen die aus der Ukraine bereitwillig auf. Ukrainnerinnen sind schließlich keine Syrer.

Europa benötigt einen umfassenden Paradigmenwechsel. Der Abwehrkampf der Ukrainer könnte als geistige Initialzündung wirken. Die Osteuropäer wollen Völker sein und nicht Bevölkerungen, sie bilden in der Not Gemeinschaften und keine Gesellschaften, sie wollten frei sein und selbstbestimmt, nicht unterjocht und für irgendwelche imperialen Ziele mißbraucht. Sie wollen in ihrer Identität sie selbst bleiben und nicht solange von Fremden unterwandert, bis ihre Heimat sich vor ihren Augen in eine Fremde verwandelt. Solche Völker stehen Schulter an Schulter wie heute die Osteuropäer, weil sie sich ihrer historischen Verbundenheit und ähnlichen Kultur bewußt sind. Daß auch wir entweder „wir selbst“ bleiben müssen oder kein freies Volk mehr sein werden, lautet unser neues Paradigma.

Fehlwahrnehmungen

Die deutsche Rechte wird von der Realität ebenso durchgeschüttelt wie die Linke. Manche erkennen nicht den Funken Glut, der die Fackel des zukunftsweisenden Denkens entzünden kann. Manche scheinen zu glauben, schwach bewaffnete Ukrainer und Zivilisten riskierten ihr Leben für George Soros oder Bill Gates.

Sie sehen einen Teil der Wirklichkeit richtig, überblicken aber weder die Lage in ihrer ganzen Komplexität noch die Chancen, die sie für uns birgt. Ja, der Großkonflikt mußte irgendwann militärisch zum Ausbruch kommen. Die USA waren dabei, Rußland schachmatt zu setzen. Wie schon so oft folgte das Drehbuch dem Konzept, daß man den Feind zwingt, den ersten Schuß abzugeben oder sich aufzugeben. Als die Japaner Pearl Harbour angriffen, hatten die Amerikaner sie strategisch bereits so eingekreist, daß sie meinten, sich nur noch militärisch aus der Falle lösen zu können. Der US-Geheimdienst wußte vor dem Angriff Bescheid. Der Krieg endete mit einem Aufschwung der US-Wirtschaft und der Herrschaft über den Indopazifik.

Ja, die zunehmende Einkreisung Rußlands durch die US-geführte NATO läßt Rußland aus seiner Sicht keine Alternative als den militärischen Ausweg, wenn nicht am Ende NATO-Mittelstreckenraketen zehn Flugminuten vor Moskau stationiert werden könnten. Ja, die Amerikaner haben die Maidan-Bewegung in Kiew auch geheimdienstlich unterstützt und möchten die Ukraine dem Wirtschaftsraum ihrer Finanzimperiums einverleiben, dessen treueste Vasallen wir bereits sind. Ja, sie haben Putin geostrategisch in eine Lage manövriert, aus der er nicht mehr friedlich zu entkommen meint. Den heutigen Krieg haben sie billigend in Kauf genommen.

Deutschlands Lage ist nicht beneidenswert. Ein strategisches Ziel der USA bestand immer darin, die potentielle ökonomische Verbindung der deutschen Industrie mit den russischen Bodenschätzen zu verhindern. Unser Land ist mit strategischem Arsenal der USA vollgepackt. Unsere Bundeswehr hat noch nicht einmal ausreichend Munition. Wer Amerika zum Freund hat, braucht keine Feinde mehr. Die Russen rauben Unterworfenen nur ihre Freiheit, die Amerikaner aber ihre Seele. Von der Umerziehung und die Political correctness über den Genderwahn bis hin zur LBTG-Bewegung als neueste Sumpfblüte unserer Destruktion bedeutete Amerikanisierung immer Zersetzung alles dessen, was unser Selbst ausmacht.

Es stellt aber eine groteske Reduktion der Lage auf diese eine Seite der Medaille dar, mit klammheimlicher Freude Herrn Putin zu beobachten, wenn er seine Knute über seinen einheimischen buntlackieren LBTG-Abweichlern schwingt, ein Heiliges Mütterchen Rußland beschwört, kriegerische Mannestugenden kultiviert und so manche Pose einnimmt, die rechte Männerherzen höher schlagen läßt.

Die von Putin kultivierte Ideologie der Stärke richtet sich allerdings gegen uns, auch um uns einzuschüchtern und zu einem Pussy-Staat zu machen. Seit Jahren ist in den sozialen Medien mit den Händen zu greifen, welche Twittermeldungen und RT-Berichte schlechthin nur den Zweck haben können, unser Staatswesen zu zersetzen, Mißtrauen zu säen und uns zu spalten. Es ist kein Zufall, daß überall dort, wo wir unserer Regierungspropaganda und ihren Staatsmedien völlig zu Recht nicht mehr trauen, russischer Einfluß mitmischt. RT berichtet doch nicht wegen unserer schönen blauen Augen live von Pegida-Demonstrationen oder Spaziergängen.

Wer sich mental aus Abscheu vor dem Feind im Westen dem im Osten in die Arme wirft, vergißt sich selbst, und er vergißt unsere historischen Erfahrungen. Wessen Panzerketten walzten denn den deutschen Volksaufstand am 17. Juni 1953 nieder, wessen den Ungarnaufstand 1956, wer marschierte 1968 in die Tschechoslowakei ein und fährt heute wild um sich schießend in der Ukraine spazieren?

Ganz gleichgültig, welche geostrategischen Schachzüge die Ukrainer in ihre Lage zwischen zwei Mühlsteinen gebracht haben: Jetzt kämpfen sie für sich, für ihre Freiheit und für ihre Selbstbestimmung. Das ist der ausschlaggebende Anknüpfungspunkt für unsere emotionale Lagebewertung. An ihr mag sich nach nüchterner Betrachtung unserer nationalen Eigeninteressen, unserer Chancen und Risiken dann unser politisches Verhalten ausrichten.

Europa freier Völker

Für ein Europa freier Völker tragen wir als größte Nation im Herzen des Kontinents die Hauptverantwortung. Es kann nur ein Europa ohne russische Kettenpanzer und ohne unsere Kolonisierung durch US-Finanzwirtschaft und ihre Großkonzerne sein.

Das Herz dieses Europas schlägt heute in Ostmitteleuropa, bei den Ungarn, den Polen, den Balten und nicht zuletzt den Ukrainern. Es liegt in unserem nationalen Interesse, die europäischen Völker als in ihrem Schicksal miteinander verbunden zu erkennen. Unsere Freiheit wird nicht am Hindukusch verteidigt. Die heute von Rußland bedrohten Länder hatten einst einen gemeinsamen, wirtschaftlich und geistig deutsch dominierten Kulturraum gebildet.

Für schicksalträchtige Emotionen darf es auch mal ein bißchen kitschig sein: Hermann Knackfuß, 1895: Völker Europas: von links nach rechts: unbenannt, Britannia, Italia, Austria, Mütterchen Russland, Germania, Marianne; in der Bildmitte der Erzengel Michael (Bildquelle, Bilderläuterung Wikipedia)

Es ist ja kein Zufall, daß der Kern des ukrainischen Widerstandes zu verorten ist, wo Landstriche wie Galizien ihre kulturelle Prägung durch die Monarchie der Habsburger empfangen hatten, dem letzten Kaiserhaus unseres alten Reiches. Wo hingegen der Zar befahl und sich Russen ausbreiteten, scheint in der Ostukraine heute noch moskowitisches Denken vorzuherrschen. Hier könnte im Rahmen eines Friedensschlusses ein territorialer Kompromiß Abhilfe schaffen.

Angesichts des brutalen russischen Vorgehens denken selbst eingefleischte Linke um, schweigen die üblichen Verdächtigen und schlägt den für ihre Freiheit Kämpfenden in ganz Europa Sympathie entgegen. Der Wind hat sich gedreht. Laßt uns die Segel setzen! Wer jetzt die Begriffe prägt, die richtigen Positionen besetzt und die Überlegungen in die richtige Richtung lenkt, befindet sich im Vorteil. Wer einen Paradigmenwechsel herbeiführen will, muß auch die passenden Sprachbilder nutzen.

Die Realität des Krieges befindet sich noch erfreulich weit weg. Damit sie sich wuchtig entfalten kann, muß sie in unsere Wohnzimmer und unsere Köpfe transportiert werden. Worte und Bilder vermitteln das. Die Macht der optischen Bilder ist groß. Sie bilden die Hauptsäule jeder Propaganda wie etwa das Foto eines angeblich ertrunkenen Flüchtlingskindes 2015. In den Kinderjahren der Photographie bediente man sich bildlicher Allegorien wie der Maler Hermann Knackfuß, 1895. Das Gemälde wurde dem Zaren geschenkt, welche Ironie vor den heutigen Ereignissen.

Wir haben unsere Chance. Nutzen wir sie!