Alles ist potentiell politisch

Alles kann politisch sein. Ob Kultur politisch ist, ist keine kulturelle Frage. Es ist ausschließlich eine politische.

Das Politische vermag jedes andere Sachgebiet an sich zu ziehen und sich einzuverleiben. Ob die moderne Genetik mit dem Begriff Rasse noch etwas anfangen kann – hochpolitisch! Welcher Stamm vorzeitlicher Proto-Indianer setzte als erster seinen Fuß auf amerikanischen Boden – potentiell politisch! Die Hydrologie unseres Grundwassers im Hochsommer – politisch brisant! Selbst dem Liebesleben der Pflastersteine könnte eine eingefleischte Genderistin sicherlich noch eine politische Botschaft entlocken.

Der politische Generalangriff auf uns alle richtet sich gegen unsere Kultur. Zu ihr gehört alles, was uns als Deutsche prägt und unsere Identität begründet. Es gibt ausdrückliche „antideutsche“ Kräfte, die uns als Volk und als Land verschwinden lassen wollen. Das gelingt ihnen nicht, solange wir uns unserer nationalen Identität bewußt sind und diese verteidigen. Sie ist darum zentrales Angriffsobjekt.

Die kulturelle Identität

Zu unserer kulturellen Identität gehört heute eine Reihe von Faktoren. Sie sind vielschichtig ineinander verwoben. Das Bewußtsein unserer gemeinsamen Herkunft und Abstammung zählt dazu. Für dieses Gemeinsamkeitsgefühl ist es belanglos, ob man zum legendären Hermann dem Cherusker zurückgehen muß, um bei einem Bayern und einem Friesen auf Gemeinsamkeit zu stoßen und ob ein Kölner nicht mit einem Flamen enger blutsverwandt ist als mit einem Tiroler. Ausschlaggebend ist der Glaube an die Zusammengehörigkeit, nicht die Genetik, die uns mit unseren Nachbarvölkern so eng verbindet, daß es „genetisch Deutsche“ schlechterdings nicht gibt.

Der Glaube an die Abstammungsgemeinschaft ist bereits ein Ergebnis kultureller Prägung, oder konstruktivistisch ausgedrückt: ein geistiges Konstrukt. Als mentaler Faktor erzeugt er aber zwischen uns Deutschen ein engeres Gefühl der Solidarität, als wir es gegenüber Sundanesen oder Mongolen empfinden. Er ist fester Bestandteil unserer gemeinsamen Kultur.

Er läßt uns unsere Vergangenheit als ein gemeinsames Schicksal empfinden. Als Volk teilen wir historische Erinnerungen und Traumata wie die an den 30jährigen Krieg, und die Niederlagen von 1918 und 1945, aber auch an Zeiten legendärer Gestalten wie Kaiser Barbarossa und demokratischer Erfolge wie 1989. Solche Erzählungen, viele sagen heute Narrative, wollen immer wieder erzählt werden. Sie sind Teil unserer kollektiven Erinnerung wie die Märchen der Brüder Grimm. Als Erzählungen sind sie auch kulturelle Leistungen, geistige Konstrukte, die jeder Generation aufs neue nahegebracht werden müssen, sonst erlöschen sie. Mit ihnen erlischt ein wesentlicher Teil unserer Identität.

Daß wir als Volk eine historische Schicksalsgemeinschaft bilden, erkennen selbst die Deutschen an, die am liebsten Europäer oder Kosmopoliten wären. Während die einen stolz auf unsere lange Geschichte sind, schämen sich andere. Sie verweisen auf unsere „besondere Verantwortung als Deutsche“, gerade „angesichts der in deutschem Namen begangenen Verbrechen“, wie sie oft formulieren. Ohne spezifisch deutsche Identität könnten sie so nicht argumentieren, denn von einer Art „genetisch deutschem Blut“ kann man eine „Verantwortung“ eines im Jahr 2000 Geborenen nicht ableiten, ohne in diesem Zusammenhang unpassendes Kichern auszulösen.

Gerade weil wir als Deutsche historische Erfahrungen haben, die auch unsere demokratischen Nachbarn so nicht gemacht haben, haben wir uns 1949 mit dem Grundgesetz unsere Verfassung so gegeben, wie sie ist. Die freiheitliche demokratische Grundordnung ist eine kulturelle Institution, eine juristische Konstruktion aus der Erfahrung, wohin Unfreiheit führen kann.

Die Summe aller dieser Faktoren und geistiger Traditionen prägt uns. Diese werden von Mund zu Mund tradiert. Sie mögen lauten“ „Ein Mann, ein Wort“, oder „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!“ Jedes Volk hat seinen eigentümlichen Volkscharakter, der auf der Weitergabe kultureller Normen beruht.

Die Destruktion

Was man konstruieren kann, kann man auch wieder zerstören. Die Grundlagen unserer nationalen Existenz bestehen nicht auf substanzhaften Eigenschaften, sondern auf geistig-kulturellen. Sie bilden den weichen Punkt unserer Verteidigung. Schlaue Angreifer wissen genau: Hierhin fiel das Lindenblatt, als Siegfried im Drachenblut Fafnirs badete.

Dekonstrukton: der Zahn der Zeit

Die zunächst rein philosophische Theorie des Konstruktivismus ist hochpolitisch. Natürlich ist sie politisch. Politische Waffen lassen sich aus allem schmieden. Konstruktivismus besagt, alle Begriffe vom profanen „Weg“ bis zu Personen wie „Frauen“ seien nichts weiter als Hirngespinste. Real gebe es so etwas gar nicht, alles nur Kopfsache, alles gesellschaftlich bedingte Konstruktionen. Er müßte darum eigentlich Destruktivismus heißen. Daß wir eine reale Sache auf einen Begriff bringen, ist seit der Sprachkritik des späten Mittelalters am scholastischen Ideenrealismus ein alter Hut der Philosophiegeschichte. Der Denkfehler des Destruktivismus besteht darin, nicht nur auf die begriffliche Konstruiertheit verbaler Seifenblasen wie „Dreifaltigkeit“ zu verweisen, sondern auch die Existenz realer Phänomene wie Frauen zu leugnen.

Der Destruktivismus ist der Rammbock, mit denen man unsere Mauern sprengen will. Wir sollen irre werden an uns selbst. Er leugnet alle Gewißheiten, auf die unser Gefühl kultureller Identität sich gründet: die gemeinsame Abstammung, das gemeinsame Schicksal, das gemeinsame Freiheits- und Verfassungsverständnis und die gemeinsame Kultur – alles nur konstruiert, also offenbar fragwürdig und wertlos. So

nahm die Ideologie der Zerstörung der europäischen Kultur und Geschichte mit dem Poststrukturalismus, der sich mit dem Marxismus verbündete, dem Dekonstruktivismus, dem Postkolonialismus und dem Genderismus Fahrt auf. 

Klaus-Rüdiger Mai, Das neue Subjekt des revolutionären Kampfes – Cancel Culture – Ein Angriff, der zur Rückeroberung führen könnte, Tichys Einblick 11.10.2020.

Wie jede Ideologie läßt sie sich nur begreifen, wenn man ihre menschlichen Verwender und ihr Angriffsobjekt konkret in den Blick nimmt. Destruktivisten denken nicht im Traum daran, Phänomene wie „Black lives matter“ oder die Gendertheorie zu dekonstruieren, obwohl man das spielend leicht könnte. Nein, sie polemisieren gegen den sozialen Kitt, der die freien und darum auch marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaften zusammenhält. Ihr Angriffsobjekt ist in letzter Konsequenz, was sie aus ihrer Sicht unter „Kapitalismus“ verstehen. Unter der Tarnkappe des Konstruktivismus verbirgt sich nämlich das sattsam bekannte Gesicht des Kommunismus. Er hat den ausgedienten Proletarier nur inzwischen durch diverse andere unterdrückte „Minderheiten“ ersetzt:

Der englische Publizist Douglas Murray fand den Nukleus dieses Paradigmenwechsels in den Arbeiten der Marxisten Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. Diese wandten sich vom “traditionellen Diskurs des Marxismus” ab, der sich auf den Klassenkampf und wie ökonomischen Widersprüchlichkeiten des Kapitalismus konzentriert habe. “Doch jetzt”, schreibt Murray, “müsse das Konzept des Klassenkampfes neu geschrieben werden, weshalb sie die Frage aufwerfen:”

    In welchem Umfang ist es notwendig geworden, das Konzept des Klassenkampfes zu modifizieren, um mit neuen politischen Themen – Frauen, nationale, ethnische und sexuelle Minderheiten, Anti-Atomkraft- und institutionskritischen Bewegungen – von eindeutig anti-kapitalistischem Charakter umgehen zu können, deren Identität jedoch nicht auf bestimmte Klasseninteressen ausgerichtet ist.”

Laclau / Mouffe, Socialist Strategy: Where next, in: Marxism today, Januar 1981, zit.nach Murray a.a.O. S.79, siehe mein Blogbeitrag “Die linken Puritaner

Begierig griffen „Postmarxisten“ nach dem Rettungsring, den ihnen ein Philosoph zuwarf:

Im Grunde dreht es sich ausschließlich um die Frage der Macht. Nachdem der Linken das Subjekt des revolutionären Kampfes, nach klassisch-marxistischer Lehre das Proletariat, abhanden kam, halfen die Liberalen um den Philosophen John Rawls aus, für den eine Gesellschaft dann als gerecht gilt, wenn „die Gesetze zum Wohle der am stärksten benachteiligten Gruppe“ gestaltet worden sind. Alles, was als unterdrückt angesehen wird: die People of Color, die Homosexuellen, die Angehörigen der 666 Geschlechter werden zum neuen revolutionären Subjekt erhoben, zum Maß aller Dinge.

Klaus-Rüdiger Mai, Das neue Subjekt des revolutionären Kampfes – Cancel Culture – Ein Angriff, der zur Rückeroberung führen könnte, Tichys Einblick 11.10.2020.

Ist die Not am größten …

Jede Strategie beginnt mit einer zutreffenden Lageanalyse. Man muß den Gegner, seine Beweggründe und seine Methoden studieren, wenn man ihn schlagen will.

Zu einer erfolgversprechenden Gegenstrategie gegen unsere Destruktion gehören unbedingt zwei Mittel: De gegnerische Strategie muß als solche durchschaut und ins allgemeine Bewußtsein gerufen werden. Wie in einem Schneeballsystem muß es sich herumsprechen, warum man uns unsere kulturelle Identität madig machen und sie durch multikulturelle Phantasmagorien ersetzen will.

… und Konstruktion im Wiederaufbau.

Man will uns das Bewußtsein nehmen, als Nation und als Angehörige dieser Nation einen Wert zu haben. Wir sollen unsere Geschichte vergessen. Den Kindern bringt man sie schon gar nicht mehr bei. Darum lautet das zweite Gegenmittel gegen unsere Destruktion: Erinnerung. Wir müssen auch die jüngeren Generationen wieder und wieder daran erinnern, was an unserer Geschichte und Kultur unverwechselbar, einzigartig und erhaltenswert ist. Andernfalls wird uns unsere Identität wie Sand unter den Händen zerrinnen.

Jeder kann nach seinen Kräften und an seinem Platz der Destruktion konstruktiv entgegenwirken. Das ist der tiefere Grund und Sinn dahinter, wenn ich schwerpunktmäßig zu historischen Themen publiziere. Historische Biografien wie „Lebensbilder aus dem alten Weserbergland“ sind für sich betrachtet völlig unpolitisch.

Genealogische Nachschlagewerke, in denen man die Einwohnerschaft eines Dorfes und die Abstammung der Bewohner voneinander über Jahrhunderte nachvollziehen kann, sind zwar gänzlich unpolitisch, nicht aber aus politischer Sicht.

Deutlicher ist die politische Stoßrichtung in Werken wie „Das ewig Weibliche im Wandel der Epochen“, wo sich schon im Titel eine Kampfansage gegen den Genderismus verbirgt. Trotzdem ist das Buch ein historisches, vor allem geistesgeschichtliches.

Nicht jedem liegt es, Bücher zu schreiben. Man kann die kulturellen Traditionen unseres Volkes auch stabilisieren, indem man bloß Mitglied eines Schützenvereins wird, einer Studentenverbindung, eines Turnvereins oder eines Heimatvereins – oder ganz einfach, indem man seinen Kindern oder Enkeln Grimms Märchen vorliest.

Informieren Sie sich gern weiter in der Liste meiner Buch-Publikationen oder hier: