{"id":4843,"date":"2022-08-27T12:09:08","date_gmt":"2022-08-27T10:09:08","guid":{"rendered":"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/?p=4843"},"modified":"2022-09-06T22:04:04","modified_gmt":"2022-09-06T20:04:04","slug":"der-erste-konservative","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/2022\/08\/27\/der-erste-konservative\/","title":{"rendered":"Der erste Konservative"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u201eIch verabscheue Neuerungen\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p>Konservativ empfindet, wer die Welt liebt, wie sie ist. Warum sollte er alles umst\u00fcrzen? Michel de Montaigne (1533-1592) z\u00e4hlte noch keine vierzig Jahre, da setzte sich der gewesene Richter zur Ruhe. In seinem 16 Schritt durchmessenden Turm zog er sich zu seinen etwa 1000 B\u00fcchern zur\u00fcck: zumeist lateinische Ausgaben antiker Klassiker. Er lebte fortan von seinen G\u00fctern.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"799\" height=\"842\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/800px-St_Michel_de_Montaigne_Tour03-a.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4845\" srcset=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/800px-St_Michel_de_Montaigne_Tour03-a.jpg 799w, http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/800px-St_Michel_de_Montaigne_Tour03-a-285x300.jpg 285w, http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/800px-St_Michel_de_Montaigne_Tour03-a-768x809.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 799px) 100vw, 799px\" \/><figcaption>Tour de Montaigne: Michel de Montaignes Turmbibliothek befindet sich in der 2. Etage (Foto Heinrich Salome 2009, <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:St_Michel_de_Montaigne_Tour03.jpg\">Wikipedia<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Offen gibt sich Montaigne als Konservativer zu erkennen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Ich verabscheue Neuerungen, welches Gesicht auch immer sie tragen m\u00f6gen, und ich habe Grund dazu. weil ich \u00e4u\u00dferst verh\u00e4ngnisvolle Auswirkungen hiervon erleben mu\u00dfte. Jene, die uns nun schon seit f\u00fcnfundzwanzig, drei\u00dfig Jahren so hart zusetzt, hat zwar nicht alles allein angerichtet, aber man kann mit einigem Recht sagen, da\u00df sie zumindest mittelbar alles erzeugt und hervorgebracht hat &#8211; sogar die Untaten und Zerst\u00f6rungen, die seitdem ohne sie, ja gegen sie ver\u00fcbt werden.\u201c<\/p><cite>Montaigne, Buch I, 23, S.66.<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>In Frankreich war das 16. und in Deutschland das 16. bis 17. Jahrhundert die Epoche der Religionskriege. Die von Montaigne genannten Neuerungen waren die Edikte von Ch\u00e2teaubriant (1551), von Compi\u00e8gne 1557 und von \u00c9couen 1559. Durch sie wurden Protestanten entrechtet und zuletzt dem Tode \u00fcberantwortet, was zu den Hugenottenkriegen f\u00fchrte und 1572 in der Bartholom\u00e4usnacht Tausende hugenottischer Opfer forderte. Der Katholik Michel de Montaigne h\u00e4tte lieber alles beim Alten gelassen, hatten die Neuerungen doch zu diesen Exzessen und einer &#8222;Zersetzung der Gesellschaftsordnung\u201c gef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Frankreich des 16.Jahrhunderts sah neben Hugenottenverfolgungen auch auf Schiffen mitgebrachte Kannibalen aus S\u00fcdamerika. Montaigne vergleicht 1580,<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201ees ist noch barbarischer, sich an den Todesqualen eines lebendigen Menschen zu weiden, als ihn tot zu fressen: barbarischer, einen noch alles f\u00fchlenden K\u00f6rper auf der Folterbank auseinanderzurei\u00dfen, ihn st\u00fcckchenweise zu r\u00f6sten, ihn von Hunden und Schweinen zerbei\u00dfen und zerfleischen zu lassen (wie wir es nicht nur gelesen haben, sondern in frischer Erinnerung noch vor uns sehen: keineswegs zwischen alten Feinden, sondern zwischen Nachbarn und Mitb\u00fcrgern, und, was noch schlimmer ist, unter dem Vorwand von Fr\u00f6mmigkeit und Glaubenstreue), als ihn zu braten und sich einzuverleiben, nachdem er sein Leben ausgehaucht hat.\u201c<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p><cite>Michel de Montaigne, Essais, 1580, Buch I, 31, S.113.<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>In seiner Nachbarschaft massakrierten sich Bekannte und Verwandte teils wechselseitig wegen theologischer Spitzfindigkeiten. Jedem, auch Montaigne, drohten Folter und Scheiterhaufen f\u00fcr jede \u201eKetzerei\u201c. Es ist h\u00f6chst lehrreich und f\u00fcr unsere Zeitverh\u00e4ltnisse relevant, wie sich der hochgebildete Montaigne in dieser Lage verhielt. Gut konservativ hielt er eine festgef\u00fcgte sittliche Ordnung und Institutionen f\u00fcr notwendig, die unberechenbaren Kr\u00e4fte der menschlichen Natur einzud\u00e4mmen.<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Die katholische Kirche war f\u00fcr ihn ein solcher Garant einer m\u00f6glichen Ordnung, weshalb er \u00e4u\u00dferlich treu an ihr festhielt. \u201eEr war ein praktischer Konservativer, kein erkl\u00e4rter, k\u00e4mpferischer, ideologischer\u201c<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, sondern blieb jeder Lehre gegen\u00fcber skeptisch.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zwischen Skylla und Charbydis<\/h2>\n\n\n\n<p>Als Jurist und guter Rhetoriker wu\u00dfte Montaigne immer, seine wahre Meinung durchblicken zu lassen, ohne da\u00df die Inquisition ihn festnageln konnte. In einem und demselben Essai (Buch I, 23) bringt er es fertig, einander widersprechende Behauptungen in einer Weise aufzustellen, da\u00df die eine ihn vor Verfolgung sch\u00fctzt, die andere aber die Kritik enth\u00e4lt. Montaigne beteuert die \u201eunmi\u00dfverst\u00e4ndliche Ermahnung, der Obrigkeit zu gehorchen und die jeweilige Regierungsform nicht anzutasten\u201c, deren \u201eNeuerungen\u201c er unmittelbar zuvor in Grund und Boden verw\u00fcnscht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Widerspr\u00fcchlichkeiten l\u00f6sen sich sofort auf, wenn man das eine als seine tats\u00e4chliche Meinung, das andere als rhetorisches Feigenblatt zu seinem Selbstschutz betrachtet. In einem anderen Essai gibt er das offen zu:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&nbsp;\u201eEs ist n\u00e4mlich nicht so, da\u00df diese Geschichten oder die Zitate mir immer nur zum Beispiel, zur Beglaubigung oder zur Ausschm\u00fcckung dienten: Ich betrachte sie keineswegs blo\u00df unter dem Blickwinkel des Gebrauchs, den ich davon mache. Oft tragen sie \u00fcber ihre Beziehung zu meinem Thema hinaus den Keim zu vielschichtigen und gewagteren \u00dcberlegungen in sich und lassen sowohl f\u00fcr mich, der ich mich nicht weiter hier\u00fcber \u00e4u\u00dfern will, als auch f\u00fcr jene, die sich auf meine Denkweise einzustimmen verm\u00f6gen, einen feinen Unterton mitschwingen.\u201c<\/p><cite>Montaigne, Essais, 1580, Buch I, 40, S.130.<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die gewagteren \u00dcberlegungen l\u00e4\u00dft Montaigne wohlweislich unausgesprochen. Er bel\u00e4\u00dft es beim Unterton des Unglaubens: &#8222;Ich zweifele an mir wie an allem sonst&#8220; (II 17 S.314). Diese Argumentationstechnik ist typisch f\u00fcr Epochen, in denen Gesinnungspolizei mit Folterkammer, Scheiterhaufen oder Lagerhaft nur auf ein falsches Wort wartet. Vor\u00adsicht ist dabei umso rat\u00adsa\u00admer, je um\u00adfas\u00adsen\u00adder eine bek\u00e4mpfte Herr\u00ad\u00adschaft die Ge\u00adsell\u00adschaft regiert. Ren\u00e9 Des\u00adcar\u00adtes (1596-1650) riet einmal einem Freund: &#8222;Ich m\u00f6chte auf alle F\u00e4lle, da\u00df Du Deine neu\u00adartigen Ge\u00addan\u00adken nicht offen vor\u00adtr\u00e4gst, sondern Dich \u00e4u\u00ad\u00dferlich an die alten Prin\u00adzi\u00adpien h\u00e4ltst. Du sollst Dich damit be\u00adgn\u00fc\u00adgen, zu den al\u00adten neue Ar\u00adgu\u00admente hin\u00adzu\u00adzu\u00adf\u00fcgen. Dies kann Dir nie\u00admand \u00fcbel\u00adneh\u00admen; und die\u00adjenigen, die Deine Ar\u00adgu\u00admen\u00adte ver\u00adste\u00adhen, wer\u00adden von sich aus darauf schlie\u00dfen k\u00f6n\u00adnen, was Du ihnen klarmachen woll\u00adtest.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da\u00df sein Leser ver\u00adste\u00adhend mitdenkt und zu\u00ad Ende \u00addenkt, mu\u00df ein Schrei\u00ad\u00ad\u00adbender vor allem unter to\u00adtalit\u00e4ren Herrschaften hoffen. Sp\u00e4\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00adtere Ge\u00adne\u00adra\u00adtio\u00adnen er\u00adken\u00adnen die gei\u00adsti\u00adge Handschrift solcher Zei\u00adten daran, da\u00df zwi\u00adschen Zei\u00adlen mehr steht als in ihnen.<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tabubruch<\/h2>\n\n\n\n<p>Gottesstaaten wie im Islam und andere Gesinnungsstaaten stellen ihr jeweiliges Allerheiligstes unter Tabu. Ein Witz \u00fcber Mohammed kann der letzte sein, den sich jemand erlaubt. Auch heute darf man in Deutschland nicht \u00fcber alles Witze machen. Denken Sie verstehend mit? <\/p>\n\n\n\n<p>Im Abendland waren die Existenz Gottes und die Wahrheit der christlichen Offenbarung sakrosankt, heute ist es ein quasireligi\u00f6ses Verst\u00e4ndnis der W\u00fcrde eines Abstraktums <em>Mensch an sich<\/em>. Montaigne wu\u00dfte genau, wie er seine Kritik verpacken mu\u00dfte, ohne ein Tabu zu brechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich ge\u00adzwun\u00ad\u00ad\u00adgenerma\u00dfen der Spra\u00adche des Geg\u00adners be\u00addienen mu\u00df, l\u00e4uft allerdings Ge\u00adfahr, dessen &#8222;Denk\u00adin\u00adhalte wenigstens zum un\u00adum\u00adg\u00e4ng\u00adli\u00adchen Be\u00adzugs\u00adpunkt eines auf soziale Wirksam\u00adkeit ge\u00adrich\u00ad\u00adteten Den\u00adkens&#8220; zu machen und sich so die Bedin\u00adgungen des Ge\u00adspr\u00e4chs dik\u00adtie\u00adren zu lassen.<a id=\"_ftnref5\" href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> Montaigne umschiffte diese Klippe meisterhaft. Der Bezugspunkt allen inquisitorischen Denkens war Gott, und zwar in seiner Interpretation durch die katholischen Theologen. Montaigne preist diesen Gott hymnisch und l\u00e4\u00dft es nicht an Bekenntnissen zu ihm fehlen. Zugleich beteuert er seine Demut vor den zur Auslegung Gottes Wortes berufenen Theologen. Nein, von Theologie habe er keine Ahnung und keinen Ehrgeiz.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach diesen stereotypen salvatorischen Klauseln gibt er es der scholastischen Theologie seiner Zeit kn\u00fcppeldick. Er zieht ihr durch kluge Argumentation buchst\u00e4blich die Teppiche unter den F\u00fc\u00dfen weg. Sie hatte wesentlich auch auf Vernunftschl\u00fcssen basiert. Durch syllogistische Schlu\u00dffolgerungen und \u00fcberzeugende Argumentation hatten die mittelalterlichen Scholastiker die Existenz Gottes beweisen wollen. Montaigne hat daf\u00fcr nur Hohn und Spott \u00fcbrig und entwaffnet seine Kritiker zugleich mit dem scheinheiligen Argument: Gottes Ratschl\u00fcsse seien so unerforschlich, da\u00df man ihn mit menschlicher Vernunft schlechterdings nicht beweisen k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Montaigne-Dumonstier.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4847\" width=\"524\" height=\"675\" srcset=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Montaigne-Dumonstier.jpg 698w, http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Montaigne-Dumonstier-233x300.jpg 233w\" sizes=\"auto, (max-width: 524px) 100vw, 524px\" \/><figcaption>Michel de Montaigne, um 1578 (<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Montaigne-Dumonstier.jpg?uselang=de\">Wikipedia<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Da\u00df hier der Rubikon zu den \u201egewagteren \u00dcberlegungen\u201c erreicht ist, verstehen wir sofort. In Montaignes Weltbild besitzt Gott keine Funktion.&nbsp; Man k\u00f6nnte ihn wegdenken, ohne da\u00df es sich \u00e4ndert. Montaigne f\u00fchrt seine Leser von Argument zu Argument bis zu dem Punkt, wo sie vern\u00fcnftigerweise nur noch schlu\u00dffolgern k\u00f6nnen: Es gibt Gott \u00fcberhaupt nicht oder ist zumindest irrelevant. Montaigne rettet sich l\u00e4chelnd ans sichere Ufer mit der Ausrede: Man k\u00f6nne nur feste an ihn glauben, was er, Montaigne, selbstverst\u00e4ndlich t\u00e4te. Ich sehe ihn dabei vor meinem inneren Auge in seinem Turm herzlich lachen und erg\u00f6tze mich daran, wie genial mein lange verstorbener Juristenkollege zu argumentieren wu\u00dfte. Man darf bei ihm nie am Vordergr\u00fcndigen kleben, sondern mu\u00df verstehen, was er uns hinter seinen Worten eigentlich sagen will.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Argumente sind vielschichtig und hintergr\u00fcndig. Was sie zu sagen vorgeben, entspricht nicht unbedingt ihrer argumentativen Funktion. Um seine unausgesprochenen \u201eGedanken\u201c brauche sich \u201edie \u00d6ffentlichkeit nicht zu scheren\u201c (I, 23), gibt er zu.<a id=\"_ftnref6\" href=\"#_ftn6\">[6]<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gott &#8211; ausman\u00f6vriert<\/h2>\n\n\n\n<p>Zutiefst skeptisch h\u00e4lt Montaigne vielerlei Philosophenansichten, was Gott und eine Seele seien, nebeneinander und verwirft sie allesamt als l\u00e4cherlich: \u201eEs ist erstaunlich, da\u00df sogar die verbohrtesten Anh\u00e4nger des Glaubens an die Unsterblichkit der Seele sich unf\u00e4hig und au\u00dferstande sahen, sie, die sie derart einleuchtend und \u00fcberzeugend fanden, kraft ihres menschlichen Verm\u00f6gens zu beweisen. Das sind Tr\u00e4ume von W\u00fcnschenden, nicht von Wissenden, sagten die Alten.\u201c (II, 12).<a id=\"_ftnref7\" href=\"#_ftn7\">[7]<\/a> Das h\u00f6rt sich sehr modern und agnostisch an: Wir wissen nichts \u00fcber \u201eSeelen\u201c. Vier Abs\u00e4tze weiter reiben wir uns erstaunt die Augen: \u201eEs war in der Tat recht und billig, uns mit der Dankesschuld f\u00fcr die Wahrheit eines so hehren Glaubens allein an Gott und die Wohltat seiner Gnade zu verweisen, die allein aus seiner freigebigen Hand wir die Frucht der Unsterblichkeit empfangen, die im Genu\u00df der ewigen Seligkeit besteht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Montaigne gen\u00fc\u00dflich die Grundlagen des Kirchenglaubens unterw\u00fchlt, b\u00fcgelt er jede m\u00f6gliche theologische Gegenwehr ab: Wir k\u00f6nnen keine Gewi\u00dfheit \u00fcber Gott haben au\u00dfer durch Glauben. Darum k\u00f6nnen uns die Theologen weismachen, was sie wollen. Wie man einst mit einem Bannspruch einen D\u00e4mon zu vertreiben meinte, katapultiert er \u201eGott\u201c ins argumentative Aus: irrelevant, Glaubenssache, dar\u00fcber wissen wir gar nichts. Montaigne widerspricht keinem einzigen theologischen Dogma. Sie interessieren ihn nicht mehr, weil er einen entscheidenden Schritt von der mittelalterlichen Scholastik in die aufkl\u00e4rerische Neuzeit geht:<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hinwendung zur Natur<\/h2>\n\n\n\n<p>Statt sich mit scholastischen Spitzfindigkeiten und Scheinbeweisen \u00fcber &#8222;Gottes Natur&#8220; und den &#8222;Menschen an sich&#8220; aufzuhalten, wendet Montaigne sich konsequent der realen Natur zu, der f\u00fcr uns sinnlich erfahrbaren Welt, der Mannigfaltigkeit der Tiere, der V\u00f6lker, der Br\u00e4uche und Religionen. Diese Hinwendung wies den Weg f\u00fcr die sp\u00e4tere Empirie und f\u00fcr Naturwissenschaften. Jenseits aller Spekulationen \u00fcber platonische \u201eDinge an sich\u201c verglich er die Kulturen der Menschen und fand sie in ihrer Verschiedenheit alle gleich geeignet, durch irgendwelche Gesetze Ruhe und Frieden zu sichern.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwelche! Montaigne h\u00e4lt alle kulturbedingten Religionen, Sitten, Br\u00e4uche und Gesetze f\u00fcr gleichwertig. Damit relativierte er den Alleingeltungsanspruch des Christentums und stufte es in den Rang von \u201ecoustume\u201c zur\u00fcck, Sitte, Brauch, Herkommen und Mode. Gesetze, Religionen und Br\u00e4uche h\u00e4lt Montaigne f\u00fcr situationsbedingt. Das mu\u00dfte auf jeden Intellektualismus und jeden Normativismus t\u00f6dlich wirken.<a href=\"#_ftn8\" id=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/20220827_115548-724x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4852\" width=\"362\" height=\"512\" srcset=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/20220827_115548-724x1024.jpg 724w, http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/20220827_115548-212x300.jpg 212w, http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/20220827_115548-768x1087.jpg 768w, http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/20220827_115548-1086x1536.jpg 1086w, http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/20220827_115548-1448x2048.jpg 1448w, http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/20220827_115548-900x1273.jpg 900w, http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/20220827_115548-1280x1811.jpg 1280w, http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/20220827_115548-scaled.jpg 1810w\" sizes=\"auto, (max-width: 362px) 100vw, 362px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Intellektualismen sind rationalistisch ausgekl\u00fcgelte Denkgebilde, die von Postulaten ausgehen und von ihnen durch Deduktion immer weitere Schlu\u00dffolgerungen ableiten, ohne sich zun\u00e4chst in der empirischen Realit\u00e4t umzusehen. Normativismus ist jede Dogmatik, die von einem \u201emoralischen\u201c Postulat ausgeht, also einer Sollensforderung. Montaigne zerst\u00f6rt die Absolutheitsanspr\u00fcche aller solcher Lehren. Seine relativierende Denkmethode bedeutetete einen grunds\u00e4tzlichen \u201e<a href=\"https:\/\/www.deutsche-digitale-bibliothek.de\/item\/4BNXRN26KLG6SCQAZBZOJXORLIEFQTR3\">Abschied vom Prinzipiellen<\/a>\u201c, wie er dieser Tage von einem modischen Philosophen wieder aufgegriffen worden ist. Montaignes \u201eSkepsis zersetzt die Idealit\u00e4t der geltenden Normen, festigt aber ihre faktische Geltung.\u201c<a id=\"_ftnref9\" href=\"#_ftn9\">[9]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Im skeptischen Abschied vom Prinzipiellen liegt Montaignes bleibende Relevanz. W\u00e4hrend die Theologen der Inquisition jede Druckschrift auf Ketzereien durchlasen, m\u00fcssen heute wieder Verlage B\u00fccher \u201ezur\u00fcckziehen\u201c, die den Glaubensha\u00df von Fanatikern auf sich gezogen haben. \u00d6ffentlich Bedienstete werden entlassen, weil sie angeblich das Grundpostulat unserer Verfassung \u201erelativiert\u201c haben sollen: Die \u201eW\u00fcrde\u201c des Menschen. Damit ist heute nicht mehr nur die zivilisatorische Grundregel gemeint, da\u00df der Staat keinen Menschen entw\u00fcrdigen darf. Heute gilt bereits als Feind der Menschenw\u00fcrde, dem der ethnische Fortbestand seines Volkes wichtig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein metaphysisch verstandener Glaube an einen abstrakten \u201eMenschen an sich\u201c und seine \u201eunverlierbare W\u00fcrde\u201c wurde zum ideologischen Grundprinzip, aus dem fr\u00f6hlich deduziert und von einem Einwanderungsrecht nach Deutschland, einer multikulturellen Gesellschaft, einem staatlichen Mindesteinkommen f\u00fcr alle bis zur Anerkennung real existierender 63 sexueller Geschlechter alles abgeleitet werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Staat kraft positiven, also gesetzten Rechts zu verbieten, Menschen entw\u00fcrdigend zu behandeln, war eine notwendige Verfassungsentscheidung. Die Menschenw\u00fcrde aber zu einem \u201evorstaatlichen\u201c (!), also metaphysischen Prinzip zu machen, aus dem jeder beliebige ideologische Inhalt deduziert werden kann, h\u00e4tte Montaigne nur bitter lachen lassen: \u201cWer immer unseren Glauben an seine Postulate zu gewinnen wei\u00df, ist unser Herr und Gott.\u201c (II, 12).<a id=\"_ftnref10\" href=\"#_ftn10\">[10]<\/a> So haben wir Heutigen auch unsere Herren Gesinnungsw\u00e4chter. Das Gros der Menschen kuscht vor ihnen, wenn es \u00fcberhaupt dar\u00fcber nachdenkt. Die Menschen, seufzt Montaigne, folgen \u201ein ihren Meinungen auf Treu und Glauben\u201c der \u201evorherrschenden Auffassung, und \u201eman \u00fcbernimmt sie mit allem Drum und Dran von Argumenten und Beweisen als Wahrheit, als festes und geschlo\u00dfnes Lehrgeb\u00e4ude, an dem man nicht mehr r\u00fcttelt und \u00fcber das man sich kein Urteil mehr erlaubt.\u201c (II, 12).<a id=\"_ftnref11\" href=\"#_ftn11\">[11]<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wie lange drehen wir Zirkus\u00e4ffchen noch Pirouetten?<\/h2>\n\n\n\n<p>Es sei sehr leicht, auf gesetzten \u201ePostulaten Gedankengeb\u00e4ude jedweder Art zu errichten, denn kraft einer solchen, die Regeln festlegenden Vorgabe lassen sich die \u00fcbrigen Teile widerspruchsfrei zusammenf\u00fcgen.\u201c Unser \u201eZustimmen und Guthei\u00dfen gibt ihnen freie Hand, uns bald links-, bald rechtshin zu ziehen, bis wir nach ihrer Pfeife Pirouetten drehn.\u201c (II 12)<a href=\"#_ftn12\" id=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Solange wir heute im vorpolitischen Raum und der politischen Diskussion nicht die Glaubenspostulate unserer ideologischen Zwingherrn au\u00dfer Acht lassen, werden wir auf dem Weg der v\u00f6lligen Aufgabe unserer nationalen Interessen und unseres Volkes auch nur solche Pirouetten drehen wie fr\u00fcher ein angekettetes Zirkus\u00e4ffchen eines Leierkastenmannes. Dagegen wei\u00df Montaigne Rat:<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.wikiwand.com\/de\/Drehorgelspieler\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Organ_grinder_with_monkey.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4854\" width=\"450\" height=\"689\" srcset=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Organ_grinder_with_monkey.jpg 600w, http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Organ_grinder_with_monkey-196x300.jpg 196w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><figcaption>Leierkastenmann mit \u00c4ffchen (<a href=\"https:\/\/www.wikiwand.com\/de\/Drehorgelspieler\">Wikipedia<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eJede Wissenschaft hat ihre vorgegebenen Prinzipien, die das menschliche Urteil rundum einengen. Falls ihr gegen diese Schranke, diesen Irrtum des Prinzipiellen einmal anrennt, ert\u00f6nt aus dem Mund der Prinzipienreiter sogleich der Spruch entgegen, mit Leuten, die keine Prinzipien ritten, debattiere man nicht. Dabei kann es f\u00fcr die Menschen gar keine Prinzipien geben, es sei denn, die Gottheit habe sie ihnen offenbart. Alles andre, Anfang, Mitte und Ende, ist Traum und Schaum. Jenen, die mit Postulaten in den Kampf ziehen, mu\u00df man deren jeweilige Umkehrung ins Gescht postulieren.\u201c <a id=\"_ftnref13\" href=\"#_ftn13\">[13]<\/a><\/p><cite>Montaigne, Essais, 1580, Buch II, 12, S. 270.<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Darum sollen wir, res\u00fcmiert Montaigne, alle Postulate \u201esamt und sonders auf die Waage legen, vornehmlich die allgemeinen und solche, die uns tyrannisieren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Uns nicht von willk\u00fcrlich gesetzten Prinzipien und Postulaten tyrannisieren lassen &#8211; das ist das bleibende Verm\u00e4chtnis des skeptischen Konservativen Michel de Montaigne.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Michel de Montaigne, Essais, 1580, Hrg. Hans Magnus Enzensberger, \u00dcbersetzer Hans Stilett, Frankfurt 1998, Buch I, 31, S.113.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Panajotis Kondylis, Die Aufkl\u00e4rung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus, 1981, S.143.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Klaus J\u00fcrgen Grundner, Michel de Montaigne, in: Critic\u00f3n 1981, 160 ff. (161 r.Sp.).<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn4\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Klaus Kunze, Mut zur Freiheit, 1995, S.212.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a> Kondylis, Die Aufkl\u00e4rung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus, S.236.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">[6]<\/a> Montaigne, I 23, S.65.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[7]<\/a> Montaigne, Buch II, 12, S.276.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\" id=\"_ftn8\">[8]<\/a> Kondylis, Die Aufkl\u00e4rung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus, S.139.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\" id=\"_ftn9\">[9]<\/a> Hugo Friedrich, Montaigne, 2.Aufl. 1967, hier zit. nach Grundner a.a.O. S.163.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref10\" id=\"_ftn10\">[10]<\/a> Montaigne, Buch II, 12, S.270.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn11\" href=\"#_ftnref11\">[11]<\/a> Montaigne, Buch II, 12, S.269.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref12\" id=\"_ftn12\">[12]<\/a> Montaigne, Buch II, 12, S.269 f., 270.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref13\" id=\"_ftn13\">[13]<\/a> Montaigne, Buch II, 12, S. 270.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Sie finden diesen Beitrag auch hier:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><td><a href=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/2022\/08\/27\/der-erste-konservative\/\">Blogbeitrag 27.8.2022<\/a><br><a href=\"https:\/\/wir-selbst.com\/2022\/08\/27\/michel-de-montaigne-ein-konservativer\/\">wir selbst 27.8.2022<\/a><br><a href=\"https:\/\/beischneider.net\/2022\/08\/31\/der-erste-konservative\/\">beiSchneider 31.8.2022<\/a><br><a href=\"https:\/\/synergon-info.blogspot.com\/2022\/09\/michel-de-montaigne-de-eerste.html?spref=fb&amp;fbclid=IwAR2T9iz3xI9GXCO9r11dH_ByZr65pUbb2kJunhv_aF-5mMp3hniCnXa9O9k\">Synergon 5.9.2022<\/a><br><a href=\"http:\/\/euro-synergies.hautetfort.com\/archive\/2022\/09\/05\/michel-de-montaigne-le-premier-conservateur.html?fbclid=IwAR34MgVh0A5ksSGEEC_Vv5jytRd5c2xLnK4ev5gmPXwgiXDpBh2JETZongQ#.YxZJLJhLFlY.facebook\">Euro-Synergies 5.9.2022<\/a><\/td><td>Der erste Konservative <br><br><br>Michel de Montaigne: De eerste conservatief<br>Michel de Montaigne : le premier conservateur<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch verabscheue Neuerungen\u201c Konservativ empfindet, wer die Welt liebt, wie sie ist. Warum sollte er alles umst\u00fcrzen? Michel de Montaigne (1533-1592) z\u00e4hlte noch keine vierzig Jahre, da setzte sich der gewesene Richter zur Ruhe. In seinem 16 Schritt durchmessenden Turm zog er sich zu seinen etwa 1000 B\u00fcchern zur\u00fcck: zumeist lateinische Ausgaben antiker Klassiker. 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Warum sollte er alles umst\u00fcrzen? Michel de Montaigne (1533-1592) z\u00e4hlte noch keine vierzig Jahre, da setzte sich der gewesene Richter zur Ruhe. In seinem 16 Schritt durchmessenden Turm zog er sich zu seinen etwa 1000 B\u00fcchern zur\u00fcck: zumeist lateinische Ausgaben antiker Klassiker. 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