{"id":675,"date":"2019-11-29T18:08:29","date_gmt":"2019-11-29T17:08:29","guid":{"rendered":"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/?p=675"},"modified":"2019-11-30T09:42:52","modified_gmt":"2019-11-30T08:42:52","slug":"die-uhr-tickt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/2019\/11\/29\/die-uhr-tickt\/","title":{"rendered":"Die Uhr tickt"},"content":{"rendered":"\n<p>Konservativ sein hei\u00dft: immer zu wissen, da\u00df die Lebensuhr tickt. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es hingegen ein Merkmal des modernen Menschen schlechthin gibt: Er lebt in einer immerw\u00e4hrenden Gegenwart. F\u00fcr ihn gilt allenfalls die Anzeige seiner Armbanduhr. Sie treibt und hetzt ihn von Ort zu Ort. Er lebt f\u00fcr den Augenblick. Er mu\u00df nicht unbedingt wissen, woher er kommt. Und wohin er einst gehen wird, schert ihn nicht. Wird er verbrannt oder in einem &#8222;Friedwald&#8220; anonym verbuddelt? Egal.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-video alignright\"><video autoplay controls loop src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/20191129_155705.mp4\"><\/video><figcaption>Hora volat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die moderne Industriegesellschaft zwingt die ihre menschlichen Bestandteile zu st\u00e4ndigen r\u00e4umlichen Rochaden: morgens nach hier, nachmittags nach dort. Der Ortswechsel wird zum Dauerzustand. Alle Konzentration gilt dem Jetzt und Hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Konservative Menschen dagegen leben nicht prim\u00e4r im Raum, die leben in der Zeit. Gerade sie wissen: Hora volat &#8211; die Stunde verfliegt. Das wirft viele Fragen auf. Das Morgen und das \u00dcbermorgen begrenzt ihren Horizont nicht. Sie denken viel weiter in die Zukunft, wissen sie doch: Irgendwann ist es aus mit mir &#8211; und was dann? Was werde ich hinterlassen? Werden die Spuren meines Daseins hinter mir verwehen wie eine F\u00e4hrte im W\u00fcstensand?<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann allerdings nur f\u00fcr den Augenblick und nur in der Gegenwart leben, zeitlos gewisserma\u00dfen, wie eine Eintagsfliege, die keine Vergangenheit hat und keine Zukunft kennt. In der Zeit gr\u00f6\u00dfter menschlicher Not und Verg\u00e4nglichkeit, am 15.6.163o, mitten im drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg, hie\u00df es in einer Leichenpredigt, die blinden Klosterleute h\u00e4tten vor Zeiten diesen Reim gef\u00fchrt:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"891\" height=\"313\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Zuschneiden_2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-684\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Zuschneiden_2.jpg 891w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Zuschneiden_2-300x105.jpg 300w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Zuschneiden_2-768x270.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 891px) 100vw, 891px\" \/><figcaption><em>Ich lebe und wei\u00df nicht wie lange,<br>Ich sterbe und wei\u00df nicht wanne,<br>Ich fahre und wei\u00df nicht wohin,<br>Mich wundert, da\u00df ich fr\u00f6lich bin.<\/em><br><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>F\u00fcr blinde Klosterleute bildete jeder Augenblick ihre pers\u00f6nliche Ewigkeit. So gen\u00fcgsam wie die blinden Klosterleute damals und moderne Augenblicksmenschen sind Konservative nicht. Konservatives Denken umfa\u00dft notwendig Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich. Es m\u00f6chte etwas in der Vergangenheit lieb Gewonnenes heute bewahren, damit es k\u00fcnftig noch zur Verf\u00fcgung steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der wehm\u00fctige R\u00fcckblick, der besorgte Rundumblick und der sorgende Ausblick sind dem Konservativen in die Wiege gelegt. Da sieht er viel Wertvolles, das er erhalten m\u00f6chte, sein Leben lang behalten und hegen, weitergeben an seine Nachkommen. Er denkt n\u00e4mlich nicht nur an sich wie ein nur im Jetzt Lebender. Der Konservative wei\u00df: Er ist nur ein Glied in einer endlos zur\u00fcckreichenden Folge von Generationen, denen er sein Leben verdankt. Das m\u00f6chte er in die Zukunft weitergeben. <\/p>\n\n\n\n<p>Er lebt bewu\u00dft in der Zeit, in allen Zeitr\u00e4umen gleichzeitig. Stellen Sie sich eine Zeitrafferaufnahme einer Bl\u00fcte vor, die vor ihren Augen aufbl\u00fcht, bl\u00fcht und verbl\u00fcht. Ihre Identit\u00e4t bleibt davon unber\u00fchrt. Was wir uns im zeitgerafften Film sofort deutlich wird, spielt sich im menschlichen Leben in Jahrzehnten ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die k\u00f6rperlichen Augen des Konservativen sehen nur die Gegenwart. Mit den inneren Augen seiner Vorstellungskraft aber ruft er aus seiner Erinnerung das Vergangene ins Bewu\u00dftsein zur\u00fcck und stellt es sich, wie in einem Zeitrafferfilm, gleichzeitig vor. Er vermag sein Gegen\u00fcber nicht nur in der Eindimensionalit\u00e4t des Jetzt zu sehen. Was seine Augen dann s\u00e4hen, w\u00e4re wie eine Momentaufnahme nur ein jetziges Gesicht. Wer in Zeitabl\u00e4ufen denkt, vermag Menschen aber wie in einem sich bewegenden Film zu sehen: das Gesicht eines Kindes, es wandelt sich zum Antlitz des Erwachsenen, altert, runzelt sich. Die gesamte Person erschlie\u00dft sich nicht aus einer Momentaufnahme, sondern erst aus der Abfolge verschiedener Zust\u00e4nde in der Dimension der Zeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein sehr alter Mensch &#8222;ist&#8220;, in dieser Weise gesehen, nicht nur, was der Verfall ihm noch gelassen hat. Er &#8222;ist&#8220; eine geschichtlich gewordene Gesamtpers\u00f6nlichkeit in ihrem steten Werden, Wachsen und Vergehen. Darum ist der Konservative ein geschichtlicher Mensch. In seiner Vorstellung sieht er nicht nur Individuen sich als Gesamtpers\u00f6nlichkeiten in ihrer vollst\u00e4ndigen Lebenszeit entfalten und vergehen. Kulturen, V\u00f6lker, Staaten erfa\u00dft er ebenso in ihrer gesamten, geschichtlich gewordenen Gestalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist schon endlos dar\u00fcber ger\u00e4tselt und gestritten worden, was Konservatismus ist. Als Konservative bezeichnete das fr\u00fche 19. Jahrhundert eine konkrete soziale Schicht mit spezifischen Standesinteressen: Sie suchten als adlige Vertreter und Abk\u00f6mmlinge der vormodernen St\u00e4ndegesellschaft ihren Status und gewisse Vorrechte zu konservieren. Diese sind lange vergangen. Der einpr\u00e4gsame Begriff konservativ wandert seitdem, Jahrzehnt um Jahrzehnt, von Hand zu Hand. Mal wird er dieser Gruppierung, mal jener geistigen Str\u00f6mung angeheftet. Die offiziellen &#8222;Konservativen&#8220; von heute h\u00e4tten vor 150 Jahren als progressive Extremisten gegolten. Als konservativ gilt, wer jeweils irgend etwas bewahren oder wiederherstellen m\u00f6chte. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man Konservatismus im urspr\u00fcnglichen Sinne verwendet, ist jener alte Standes-Konservatismus l\u00e4ngst mit seinen Tr\u00e4gern weggestorben. Und nennt man jeden konservativ, der an irgend etwas Bestehendem festh\u00e4lt, dann war auch ein Politb\u00fcro-Mitglied der SED konservativ, wenn es an der &#8222;Arbeiter- und Bauernmacht&#8220; festhalten wollte. Es f\u00fchrt aber zu keinem Verst\u00e4ndnis des Konservativen, den Begriff jeweils nur relativ zu einer konkreten historischen Lage zu verwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Da pa\u00dft schon eher die Formulierung: &#8222;Konservativ sein, hei\u00dft nicht, aus dem zu leben, was momentan besteht, sondern aus dem, was immer gilt.&#8220; In dem W\u00f6rtchen &#8222;immer&#8220; steckt bereits eine Kampfansage an ein geschichtsvergessenes Augenblicksdenken. Dieses kennt nichts immer Geltendes. Sein neuester Schrei besagt, alle gesellschaftlichen Ph\u00e4nomene seien nur geistige Konstruktionen, geboren aus der verg\u00e4nglichen Laune des aktuellen Augenblicks.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch was konkret ist es denn, &#8222;was immer gilt&#8220;? Das ist eine Frage des jeweiligen pers\u00f6nlichen Standpunkts und Geschmacks, verschieden je nach historischer Verortung des jeweiligen Konservativen in Raum und Zeit. Ob ein Bastr\u00f6ckchen und ein Brauttanz im Kral etwas ist, das immer gilt, oder eine wei\u00dfgekleidete Braut unter den Kl\u00e4ngen von &#8222;Treulich gef\u00fchrt &#8230;&#8220;, solche kulturellen Traditionen k\u00f6nnen nicht &#8222;f\u00fcr immer gelten&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine g\u00fcltige Antwort auf die Frage, was einen Konservativen ausmacht, l\u00e4\u00dft sich auf solchen Wegen nicht finden. Wir finden sie nur in der Pers\u00f6nlichkeit des einzelnen Konservativen, seinem emotionalen Pers\u00f6nlichkeitskern, dem Blickwinkel, aus dem er die Welt betrachtet. Konservativ zu sein ist eine emotionale und geistige Grundhaltung. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie wird erm\u00f6glicht und gef\u00f6rdert durch bestimme emotionale Voraussetzungen: Konservativ zu sein, setzt ein Mindestma\u00df an Grundzufriedenheit voraus. Wer mit sich und seinen Lebensverh\u00e4ltnissen v\u00f6llig unzufrieden ist, weil er vielleicht meint, er sei im Leben zu kurz gekommen, kann gar nicht konservativ werden. Was wollte er bewahren?<\/p>\n\n\n\n<p>Konservative sind zufriedene, meistens sogar gl\u00fcckliche Menschen. Sie haben oder hatten, was sie zum Leben und zu ihrem Gl\u00fcck brauchen. Sie haben etwas geschaffen oder ererbt, das ihnen wert ist. Das m\u00f6chten sie behalten und konservieren. Ein H\u00e4uschen k\u00f6nnte das sein, eine gelernte F\u00e4higkeit wie sch\u00f6ne Lieder zu singen, geliebte Menschen oder die Anerkennung im Verein oder der Gemeinde. F\u00fcr die emotionale Verfassung und die darauf sich gr\u00fcndende Denkstruktur ist ganz gleichg\u00fcltig, was im einzelnen einer liebt und bewahren m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gegenpers\u00f6nlichkeit zum Konservativen w\u00fcrde dann der potentielle Umst\u00fcrzler bilden: unzufrieden, zerfressen vor Neid und Mi\u00dfgunst gegen seine beg\u00fcnstigten Mitmenschen, m\u00f6chte er am liebsten deren ganzes Lebensgl\u00fcck, alles, was sie lieben &#8211; er selbst aber nicht hat &#8211; in die Luft jagen. Um diese Grundhaltung herum lassen sich sehr leicht Ideologien oder Religionen bauen, die seinen Ha\u00df auf das Bestehende fokussieren und ihm das Gef\u00fchl schenken, ein Akt der Vernichtung des Alt\u00fcberkommenen sei ein fortschrittlicher oder frommer Akt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gesellschaftliche Stabilit\u00e4t bew\u00e4hrt sich an der Aufgabe, den B\u00fcrgern zu erm\u00f6glichen, etwas ihr Eigen zu nennen, das sie lieben k\u00f6nnen und bewahren wollen. Je mehr wurzellose Habenichtse aber im Lande herumstreunen, desto gr\u00f6\u00dfer wird das Potential derer, die &#8222;nichts zu verlieren haben &#8230;&#8220;, wie schon Karlchen Marx erkannte und mit dem Zusatz schm\u00fcckte: &#8222;au\u00dfer ihren Ketten&#8220;. Angekettet und festgehalten wird in unserem Lande niemand mehr, aber eine Einsicht war richtig: Der Habenichts ist der geborene Feind alles Konservativen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser denkt nicht nur in Kategorien des Raumes, sondern auch in solchen der Zeit und der Zeitlichkeit. Betrachtet er seine alte Pendeluhr, liegt der Gedanke in der Luft, wem diese einst vor 100 Jahren einmal geh\u00f6rt haben mag und in noch einmal 100 Jahren geh\u00f6ren wird. Die Zeitdimension ist die geborene Hebamme des Besitzdenkens.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur geliebte oder gesch\u00e4tzte Gegenst\u00e4nde m\u00f6chte der Konservative nach seinem Tod in guten H\u00e4nden wissen. Seinen emotionalen Schatz bilden seine Erinnerungen, die Erz\u00e4hlungen seiner Eltern und Gro\u00dfeltern, ihre alten Fotos, Lieder und Gedichte. F\u00fcr ihn ist es eine schreckliche Vorstellung, da\u00df alle Liebe, die er damit verbindet, nach seinem Tod einfach so verschwindet. Er sucht diese Liebe wie einen Keim in seine Kinder und Enkel zu pflanzen, damit diese dereinst auch einmal an ihn und an alles das denken, wovon sein Herz \u00fcberquillt.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn er vergi\u00dft nie:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"926\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/MORS1-926x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-686\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/MORS1-926x1024.jpg 926w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/MORS1-271x300.jpg 271w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/MORS1-768x849.jpg 768w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/MORS1-900x995.jpg 900w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/MORS1.jpg 1216w\" sizes=\"auto, (max-width: 926px) 100vw, 926px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Konservativ empfindet, wer sich mit seiner Verg\u00e4nglichkeit nicht abfindet. &#8212;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Quelle des Reimes \"Ich lebe und wei\u00df nicht ...\": Leichenpredigt auf  auf Agnes G\u00f6tz von Olenhusen, aus: Ludolphus WALTERUS, Lehrreicher MenschenSpiegel: Das ist: Christlicher LeichSermon\/ Von Gebrechligkeit und Hinfl\u00fcchtigkeit Menschliches Leben\/ das f\u00fcrgestellet an den verdorrenden Gra\u00dfspeyerlein und Verwelckenden FeldBlumlein im 103. Psalm Davids, Zell 1635, gehalten Hannover 15.6.1630, SUB G\u00f6ttingen Katalognr. 537280286, S.393: Zwar die blinden Klosterleute haben vor Zeiten diesen Reim gef\u00fchrtet [folgt Text w.o.]. WALTERUS vertritt in seiner Predigt dann mit Luther die Ansicht, der Sinn m\u00fcsse aus theologischer Sicht genau umgekehrt werden.<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konservativ sein hei\u00dft: immer zu wissen, da\u00df die Lebensuhr tickt. Wenn es hingegen ein Merkmal des modernen Menschen schlechthin gibt: Er lebt in einer immerw\u00e4hrenden Gegenwart. F\u00fcr ihn gilt allenfalls die Anzeige seiner Armbanduhr. Sie treibt und hetzt ihn von Ort zu Ort. Er lebt f\u00fcr den Augenblick. 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