{"id":2314,"date":"2020-07-02T12:24:19","date_gmt":"2020-07-02T10:24:19","guid":{"rendered":"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/?p=2314"},"modified":"2021-10-05T15:58:56","modified_gmt":"2021-10-05T13:58:56","slug":"die-machtergreifung-der-minderheiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/2020\/07\/02\/die-machtergreifung-der-minderheiten\/","title":{"rendered":"Die Machtergreifung der Minderheiten"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\">Neue Sehnsucht nach der Identit\u00e4t<\/h3>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich sehnen sich alle nach Identit\u00e4t. F\u00fcr Rechte ist das ein Heimspiel. Unter Losungen wie \u201eIdentit\u00e4t gegen Entfremdung\u201c ziehen sie seit Jahrzehnten gegen Tendenzen zu Felde, uns unsere nationale Identit\u00e4t madig zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe dieses Jahr erst unter dem Buchtitel \u201eIdentit\u00e4t oder Egalit\u00e4t\u201c nachdr\u00fccklich auf das Menschenrecht auf Ungleichheit hingewiesen. Ohne Selbstbestimmung der pers\u00f6nlichen und kollektiven Identit\u00e4t gibt es keine Freiheit. Eine globale One World ohne das Recht auf Differenz zum Anderen, ein multinationaler, amorpher Einheitsbrei von Konsumenten, ist eine Albtraumvorstellung.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder m\u00f6chte eine Identit\u00e4t haben. Wo massenhaft dieselben G\u00fcter konsumiert und dieselben stereotypen Serien geguckt werden, ist das f\u00fcr manchen schwierig. Auf Sinnsuche findet er nichts, bei der Selbstverwirklichung ist nicht genug Selbstsubstanz zum Verwirklichen vorhanden, und auf der Suche nach \u201eihrer Mitte\u201c findet manch eine kriselnde Pers\u00f6nlichkeit keine vor. Da ist jedes Sinnangebot willkommen, das dem schw\u00e4chelnden Ich neuen Halt bietet, ein neues Zentrum, an das es sich lehnen kann. So vielf\u00e4ltig die Angebote sind, so divers sind die neuen Minderheiten mit jeweils eigener, geliehener Scheinidentit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt reiben sich manche Rechte verwundert die Augen: Haben Linke Ihnen das Stichwort geklaut? Diese diskutieren hei\u00df \u00fcber \u201eIdentit\u00e4tspolitik\u201c, seit diverse \u201eMinderheiten\u201c genau auf dasjenige Recht pochen, von dem Rechte sich die Rettung ihrer deutschen Identit\u00e4t erhoffen. Diese Minderheiten haben f\u00fcr sich entdeckt, was Linke fr\u00fcher nie wahrhaben wollten: Jeder Mensch besitzt eine pers\u00f6nliche Identit\u00e4t, die auch auf der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Gruppe beruht. Greift jemand diese Gruppenidentit\u00e4t an, verletzt er jeden Einzelnen, der sich der Gruppe zurechnet.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Deutschen hatte sich im vorigen Jahrhundert keine Identit\u00e4tsfrage gestellt. Ob man sie gerade amtlich zu Herrenmenschen erkl\u00e4rte oder ab 1945 wie den letzten Dreck behandelte, ob man ihnen vor 1918 erz\u00e4hlte, am deutschen Wesen werde einmal die Welt genesen, oder ob man ihnen gegen Ende das Jahrhunderts einredete, sie seien ein verbrecherisches T\u00e4tervolk, war doch immer klar: Die Identit\u00e4t lautete: deutsch.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\">Identit\u00e4tenpolitik in der Massengesellschaft<\/h2>\n\n\n\n<p>Damit ist es vorbei. Auf deutschem Boden haben sich Parallelgesellschaften gebildet, die nicht deutsch sind und es auch gar nicht sein wollen. In gro\u00dfen St\u00e4dten sind wir bereits in der Minderheit. Das Jahrhundert der Minderheiten ohne Mehrheit ist angebrochen. Sie dr\u00e4ngen an die Macht. Ihnen im Weg steht die Mehrheitsgesellschaft mit ihren \u00fcberlieferten Vorstellungen von einem guten und friedlichen Zusammenleben. Die f\u00fcr die Mehrheit normale Ideenwelt wird darum erbittert attackiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer geht es um die Zersetzung und Beseitigung der bestehenden Normen und Institutionen. Zu den Normen geh\u00f6rt die Erfahrung, da\u00df ein Mann und eine Frau als Eheleute und als Eltern zwar keine Garantie, aber die bestm\u00f6gliche Chance haben, miteinander gl\u00fccklich zu sein und in ihren Kindern fortzuleben. Leidvolle Erfahrungen zeigen, da\u00df dieses Gl\u00fcck des umfassenden Schutzes durch staatliche Institutionen vor krimineller Gewalt und anderen Nachteilen bedarf. Gute Erfahrung haben wir mit der Idee des freiheitlichen Rechtsstaates, der das gleiche Recht f\u00fcr alle gew\u00e4hrleistet und die Schwachen notfalls vor den Starken sch\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Solange anderen nicht geschadet wird, l\u00e4\u00dft er selbst den perversesten Neigungen ihren Freiraum. Das gen\u00fcgt &#8222;Minderheiten&#8220; aber nicht. Die <em>taz<\/em> beschwert sich:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn die Gesellschaft so weit w\u00e4re, dass \u00fcberall alle sie selbst sein d\u00fcrften. Ist sie aber leider nicht. Darauf zu reagieren ist ein Akt der Selbstverteidigung, der Selbstbehauptung, der Selbsterm\u00e4chtigung. Uns gibt es. Wir sind es wert, da\u00df wir von der Norm abweichen d\u00fcrfen und nicht im normierten Mainstream untergehen.<\/p><p>Kommentar der &#8222;Autorin&#8220; <a href=\"https:\/\/taz.de\/Minderheiten-und-Diskriminierung\/!5658559\/\">Malte G\u00f6bel, Das Unbehagen der Identit\u00e4ten, taz 22.1.2020<\/a><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Es geht aber schon lange nicht mehr darum, jemandem f\u00fcr sich zu verbieten, von der Norm abzuweichen. Malte G\u00f6bel: &#8222;Das Problem ist, da\u00df die gesellschaftliche Realit\u00e4t anders aussieht. Die Normen in dieser Gesellschaft sind real und auch die daraus resultierenden Machtstrukturen.&#8220; Wer von der Norm abweicht und an die Macht gelangen will, mu\u00df die geltende Norm zerst\u00f6ren und seine eigene Befindlichkeit als neue Norm durchsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit &#8222;Minderheiten&#8220; die Macht ergreifen k\u00f6nnen, m\u00fcssen sie also zun\u00e4chst die bestehenden gesellschaftlichen Normen und Institutionen abr\u00e4umen. Diesem Ziel dient ihre &#8222;Identit\u00e4tspolitik&#8220;. Sie wurde schnell von Kommunisten als Instrument erkannt, das ihnen verha\u00dfte demokratische System zu zerst\u00f6ren. Der englische Publizist Douglas Murray fand den Nukleus des marxistischen Paradigmenwechsels in den Arbeiten der &#8222;Postmarxisten&#8220; Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. Diese wandten sich vom \u201etraditionellen Diskurs des Marxismus\u201c ab, der sich auf den Klassenkampf und die \u00f6konomischen Widerspr\u00fcchlichkeiten des Kapitalismus konzentriert habe. \u201eDoch jetzt\u201c, schreibt Murray, \u201em\u00fcsse das Konzept des Klassenkampfes neu geschrieben werden, weshalb sie die Frage aufwerfen:\u201c \u201eIn welchem Umfang ist es notwendig geworden, das Konzept des Klassenkampfes zu modifizieren, um mit neuen politischen Themen \u2013 Frauen, nationale, ethnische und sexuelle Minderheiten, Anti-Atomkraft- und institutionskritischen Bewegungen \u2013 von eindeutig anti-kapitalistischem Charakter umgehen zu k\u00f6nnen, deren Identit\u00e4t jedoch nicht auf bestimmte Klasseninteressen ausgerichtet ist.\u201c <a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"910\" height=\"513\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Zuschneiden_11.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2316\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Zuschneiden_11.jpg 910w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Zuschneiden_11-300x169.jpg 300w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Zuschneiden_11-768x433.jpg 768w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Zuschneiden_11-900x507.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 910px) 100vw, 910px\" \/><figcaption>Die Machtergreifung der Minderheiten: <br>Nach mehreren Morden wurde das Chaos der &#8222;antonomen Zone&#8220; in Seattle beendet.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die postkommunisten Zerst\u00f6rer unserer demokratischen Normen und Institutionen fahren gern auf dem Trittbrett der &#8222;Minderheiten&#8220;. Doch was bewegt diese selbst?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\">Die sozialpsychologische Antwort<\/h3>\n\n\n\n<p>In der Neuen Z\u00fcrcher Zeitung vom 20.6.2020 hat Alexander Grau eine brillante sozialpsychologische Analyse vorgelegt. Ihr Ausgangspunkt ist die historische Einordnung unserer Zeit als fortgeschrittene Massengesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend jeder Mensch Identit\u00e4t(en) ben\u00f6tigt und sucht, gibt es keine sie stiftenden Sinnangebote mehr. Insbesondere pr\u00e4gt nicht mehr die fr\u00fchere Vorstellung einer durch einen g\u00f6ttlichen Vater geschaffenen und geordneten Welt die Gesellschaft. Hier hatte jeder seine vorgegebene Identit\u00e4t: als Mensch, als S\u00fcnder, als Frommer oder, den Geboten folgend, jeweils in seiner Rolle als Kind, Gatte oder Eltern. Die Aufkl\u00e4rung lie\u00df Gott abtreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im 16. Jahrhundert bildete sich die Idee der menschlichen W\u00fcrde heraus.Udo Di Fabio, 1999 bis 2011 Richter am Bundesverfassungsgericht, identifizierte als materiellen Kern der Idee und Sinn des Begriffs &#8222;W\u00fcrde des Menschen&#8220; die s\u00e4kularisierte christliche Vorstellung von der Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDer moderne Ursprung dieser radikalen Idee liegt auf der Hand. Der Humanismus, repr\u00e4sentativ verewigt durch die kleine Schrift <em>Pico della Mirandolas<\/em> \u00fcber die W\u00fcrde des Menschen, beginnt die Konstruktion seines Ideengeb\u00e4udes mit einer im Grunde nur notd\u00fcrftig kaschierten Gottesl\u00e4sterung. Die biblische Offenbarung, wonach jeder einzelne Mensch ein Ebenbild Gottes sei, wird von seinen transzendenten theologischen Wurzeln und den praktischen Demutsermahnungen getrennt. Die jeweils einzelne Gottesebenbildlichkeit wird zur Identit\u00e4t des Menschseins schlechthin gemacht, wenn jeder Mensch auf Erden in den Rang eines gottgleichen Sch\u00f6pfers erhoben wird und jeder als Sch\u00f6pfer seines Schicksals, im Range gleich.\u201c<\/p><cite>Di Fabio, Udo, Die Kultur der Freiheit, 2005, S.98.<a href=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-admin\/post-new.php#_ftn3\">[3]<\/a><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Gott wurde von seinem Thron gesto\u00dfen und der Mensch verg\u00f6ttlicht. W\u00e4hrend die Mehrheit mit ihrer Identit\u00e4t zufrieden ist, sehen von deren Normen Abweichende ihre gro\u00dfe Chance, die Mehrheitsnormen zu zerst\u00f6ren und &#8211; gottgleich &#8211; ihre eigenen Normen und ihren pers\u00f6nlichen Lebensstil zu schaffen und durchzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Denn jede Frage des Lebensstils, jeder Lebensentwurf will nun genau bedacht sein. Es entsteht das, was der Soziologe Ulrich Beck die postreligi\u00f6se Theologisierung des Alltags genannt hat: \u00abDie Entscheidungen der Lebensf\u00fchrung werden \u2039vergottet\u203a. Fragen, die mit Gott untergegangen sind, tauchen nun im Zentrum des Lebens neu wieder auf.\u00bb<\/p><p>Es gibt keine belanglosen Entscheidungen mehr. Alles wird wichtig und bekommt Bedeutung. Jede Lebenshandlung hat nun symbolischen Gehalt. Jeder Einkauf, jeder Jobwechsel, jeder Sexualpartner wird zu einem Bekenntnis f\u00fcr einen bestimmten Lebensentwurf. Das Ich ist sein eigener Erl\u00f6sergott geworden.<\/p><p>Doch G\u00f6tter reagieren empfindlich auf Kritik. Jeder Tadel, jede Mi\u00dfbilligung ist f\u00fcr sie H\u00e4resie. G\u00f6tter wollen angebetet werden. Das gilt f\u00fcr die G\u00f6tter archaischer Zeiten, aber auch f\u00fcr die vielen kleinen Millionen G\u00f6tter der Moderne: Der emanzipierte Individualist unserer Gegenwart will sein Leben radikal autonom f\u00fchren \u2013 und seine Sicht auf sich selbst ist die einzig wahre. Also bitte sch\u00f6n: Die Gesellschaft hat dabei Applaus zu spenden, besser noch Verehrung.<\/p><p>Alexander Grau, <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/liberalismus-ade-oder-ueber-das-krux-der-minderheiten-ld.1561505\">Liberalismus ade: Wie der moderne Hyperindividualismus zum Hyperetatismus f\u00fchrt, NZZ 20.6.2020.<\/a><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>So schnell der Vorhang der Aufkl\u00e4rung sich \u00f6ffnete und Menschen erkannten, da\u00df wir nur &#8222;Zigeuner am Rande des Universums&#8220; (Jacques Monod) sind, so schnell schlo\u00df er sich wieder. Anstelle der Gott zugewandten Religion trat eine Theologie der Verg\u00f6ttlichung des Menschen. Grau schreibt treffend:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Das Individuum der emanzipatorischen Moderne m\u00f6chte nicht nur den Applaus der Masse. Als kleiner Selbsterl\u00f6sungsgott verlangt es nach einer Echokammer, in der den eigenen Idealen im Kreis Gleichgesinnter gehuldigt wird. Es bildet sich eine soziale Gruppe, deren Mitglieder G\u00f6tter und Klerus in Personalunion sind: die Minderheit. Hier zelebriert man nicht nur die eigenen Lebensideale als Kult, sondern erhebt sich als Gemeinschaft der Inkarnierten \u00fcber die Masse. Und das mit Erfolg. Denn in einer Gesellschaft, in der jeder anders sein will, wird die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Minderheit zum Beleg authentischen Selbstseins: Ich bin Minderheit, also bin ich.<\/p><p>Entsprechend wird die Minderheit auch moralisch aufgewertet. Als Produkt des modernen Individualismus \u00fcbernimmt die Minorit\u00e4t auch dessen moralisches \u00dcberlegenheitsbewu\u00dftsein. In den Minorit\u00e4ten und Subkulturen sammeln sich die Unangepa\u00dften und Nonkonformisten und damit die Vork\u00e4mpfer eines auch aus ethischer Sicht \u00fcberlegenen Lebensstils.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<h2 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\">Von der Postdemokratie zu ihrer Zersetzung<\/h2>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend sich die neue Minderheitent\u00fcmelei sozialpsychologisch aus dem religi\u00f6sen Bed\u00fcrfnis erkl\u00e4ren l\u00e4\u00dft, bildet sie gef\u00e4hrlichen Sprengstoff f\u00fcr unsere Demokratie. Die Normen, Institutionen und Spielregeln werden von der Mehrheit bestimmt. Die unter ihrem rechtlichen Schutz stehenden neuen Minderheiten akzeptieren das aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Demokratietheoretisch w\u00e4re das kein das System gef\u00e4hrdendes Problem. Das Dilemma wird der Demokratie von einer politologischen Konstruktion namens Pluralismus eingebrockt. Dieser z\u00e4hlt nicht zu den Wesensmerkmalen der Demokratie, sondern flie\u00dft aus anderen ideologischen Quellen. Er besagt, alle Lebensentw\u00fcrfe m\u00fc\u00dften gleichberechtigt sein. Das w\u00e4re sch\u00f6n und gut, w\u00fcrden sich alle damit bescheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele der &#8222;Lebensentw\u00fcrfe&#8220; und neuen Minderheiten-Identit\u00e4ten gen\u00fcgt das aber nicht. Sie wollen das System sprengen und an die Macht. Das Dilemma des Pluralismus besteht darin, da\u00df er diejenigen sch\u00fctzt, die ihn beseitigen wollen. Sie dr\u00e4ngen die Mehrheit zur\u00fcck. Grau zufolge weicht der Staat vor ihnen zur\u00fcck und f\u00e4llt ihnen zum Opfer:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>War dieser bis Ende des 20. Jahrhunderts Garant allgemeiner liberaler Grundrechte, so verwandelt er sich in der tribalisierten Minderheitengesellschaft zum Sachwalter des Schutzes von Minorit\u00e4ten und Partialinteressen. Diese werden umgesetzt, indem der Staat allgemeine B\u00fcrgerrechte zur\u00fcckschraubt: Er verordnet Quoten, greift so in das Eigentumsrecht oder das Wahlrecht ein und versucht, die Sprache zu reglementieren.<\/p><p>Das erkl\u00e4rt, wie der amerikanische Politologe Patrick J. Deneen betont, \u00abwarum heutige liberale Staaten \u2013 ob in Amerika oder Europa \u2013 gleichzeitig dirigistischer und individualistischer geworden sind\u00bb. Emanzipation und Individualismus erzeugen \u00abeinen sich selbst verst\u00e4rkenden Kreislauf, in dem das zunehmend entwurzelte Individuum den Staat st\u00e4rkt, der es hervorgebracht hat\u00bb.<\/p><p>Diese Tendenz wird noch dadurch verst\u00e4rkt, da\u00df in einer tribalisierten Gesellschaft unterschiedlichste Minderheiten aufeinandertreffen, die in Konkurrenz um die materiellen und ideellen Ressourcen treten. Dabei ergeben sich zwangsl\u00e4ufig Konflikte zwischen einander widerstreitenden Minderheitsidentit\u00e4ten.<\/p><cite>Alexander Grau<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Viele B\u00fcrger wundern sich seit Jahren, warum unser Staat in immer mehr Lebensbereiche regelnd, fordernd und verbietend eingreift. W\u00e4hrend unser Staat nicht mehr in der Lage ist, eine funktionierende Armee aufrechtzuerhalten und die innere Sicherheit zu garantieren, versickern Millionen um Millionen in dubiosen &#8222;bunten&#8220; Kan\u00e4len, werden Geb\u00fchrenverweigerer h\u00e4rter verfolgt als Randalierer immer mehr Menschen zu staatlich ausgehaltenen Kostg\u00e4ngern und Sozialstaatsuntertanen. Unser Staat wird zunehmend machtloser und zugleich autorit\u00e4rer. Als schwacher Staat zeigt er sich bei der Verteidigung seiner grundlegenden Werte, Normen und Institutionen, als starker Staat f\u00fchrt er sich auf, seine B\u00fcrger administrativ zu g\u00e4ngeln, was sie tun sollen und lassen m\u00fcssen, ja selbst wen sie lieben m\u00fcssen und nicht hassen sollen. Grau beobachtet, wie er sich zum autorit\u00e4ren Regelungsstaat mausert:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die daraus entstehenden Konflikte zwischen verschiedenen Minorit\u00e4ten sind in einer pluralistischen Gesellschaft jedoch nur durch einen allm\u00e4chtigen Regelungsstaat aufl\u00f6sbar. Dessen autorit\u00e4rer Gestus wird noch dadurch gest\u00e4rkt, da\u00df er nicht im Namen schlichter Macht agiert, sondern als H\u00fcter der \u00fcberlegenen Minorit\u00e4tenmoral.<\/p><p>Der Liberalismus erstickt an seinen eigenen Idealen.<\/p><cite>Alexander Grau<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die neuen Ideale werden uns bereits t\u00e4glich im Staatsfernsehen eingetrichtert. Sie sind allerdings gar nicht mehr liberal.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Laclau \/ Mouffe, Socialist Strategy: Where next, in: Marxism today, Januar 1981, zit.nach Douglas Murray, Wahnsinn der Massen, 2019. S.79<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Di Fabio Die Kultur der Freiheit, 2005, S.114, ebenso Herdegen (2005) in Maunz-D\u00fcrig-Herzog, Grundgesetz-Kommentar, Art. 1 I GG Rdn.7.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Di Fabio a.a.O., S.98.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neue Sehnsucht nach der Identit\u00e4t Pl\u00f6tzlich sehnen sich alle nach Identit\u00e4t. F\u00fcr Rechte ist das ein Heimspiel. Unter Losungen wie \u201eIdentit\u00e4t gegen Entfremdung\u201c ziehen sie seit Jahrzehnten gegen Tendenzen zu Felde, uns unsere nationale Identit\u00e4t madig zu machen. 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