{"id":2842,"date":"2021-01-01T12:12:17","date_gmt":"2021-01-01T11:12:17","guid":{"rendered":"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/?p=2842"},"modified":"2021-01-04T17:29:06","modified_gmt":"2021-01-04T16:29:06","slug":"zwischen-metaphysischem-silvesterrausch-und-ernuechtertem-neujahrskater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/2021\/01\/01\/zwischen-metaphysischem-silvesterrausch-und-ernuechtertem-neujahrskater\/","title":{"rendered":"Zwischen metaphysischem Silvesterrausch und  ern\u00fcchtertem Neujahrskater"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Wiederkehr der Metaphysik<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Aufkl\u00e4rung hat alle Metaphysik philosophisch zertr\u00fcmmert. Von der fixen Idee eines Jenseits, in dem G\u00f6tter und D\u00e4monen wohnen und das Gute oder B\u00f6se erfinden, blieben nur erlosche Opferkerzen und ein paar verstreute Oblatenkr\u00fcmel. Das Naturrecht verlegte sp\u00e4ter die Quelle des Gut und B\u00f6se in den Menschen hinein: unmenschlich, wer B\u00f6ses tut!<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sp\u00e4testens seit Nietzsche leben aufgekl\u00e4rte Menschen weit jenseits von gut und b\u00f6se. Sie wissen: Menschen sind zu allem f\u00e4hig, sogar dazu, mit bestem Gewissen zu begehen, was andere f\u00fcr b\u00f6se halten. Leben wir im postmetaphysischen Zeitalter? Haben Naturwissenschaften und Rationalit\u00e4t die Gespenster aus dem religi\u00f6sen \u201eJenseits\u201c gebannt, die unserer Natur als \u201enormative Eigenschaften\u201c angeblich immanent sind?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aufgekl\u00e4rt zu sein gelingt immer nur kleinen intellektuellen Minderheiten. Wir erleben mit dem gesellschaftlich dominanten Moralismus eine wirkm\u00e4chtige Wiederkehr der Metaphysik. Er beurteilt alle gesellschaftlichen Fragen aus dem Blickwinkel metaphysisch grundierten Ideologien. Sie besagen: Wer sich uns nicht beugt, ist b\u00f6se. Was er vertritt, ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Es geht um \u201eVerbrechen\u201c an nur metaphysisch erkl\u00e4rbaren Glaubenss\u00e4tzen.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Dilemma des aufgekl\u00e4rten Politikers<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Aufkl\u00e4rung ist eine Defensivwaffe. Sie vermag es, die aufgeblasenen Popanze angriffslustiger Ideologen zu zerpulvern. Methodisch dem Dekonstruktivismus verwandt entlarvt sie selbst heiligste Werte und G\u00fcter als blo\u00dfe Produkte menschlichen Scharfsinns: G\u00f6ttliche Gebote erledigt sie durch den Hinweis, da\u00df wir uns kraft unserer Vorstellungskraft G\u00f6tter erschufen und nicht umgekehrt. Die moralische Natur des Menschen, eine Idee der fr\u00fchen Neuzeit, bel\u00e4chelt die Aufkl\u00e4rung: Wie man Menschen auch dreht und wendet: eine universell wirksame, absolut geltende Moral steckt nicht drin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcbrig l\u00e4\u00dft sie einen metaphysischen Nihilismus mit der fr\u00f6hlichen Aussicht: Ihr sucht nach dem Sinn eurer Existenz, m\u00f6chtet Sinnstiftung, einen Leitstern in dunkler Zeit? Dann stiftet euch euren Sinn doch selbst! Z\u00fcndet euch euren Hoffnungsstern selbst an! Jeder kann das. Genau darin liegt ja unsere Freiheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Begnadete Metaphysiker haben uns melancholische Lieder hinterlassen, die von unserem Heiligen Deutschland singen. Herder hielt V\u00f6lker f\u00fcr Gedanken Gottes. Ach, unsere guten, alten Dichter und Denker! Ihre Liebe zum Vaterland mu\u00dfte sich in etwas \u00dcbermenschlichem verdichten, einer gleichsam g\u00f6ttlichen Wesenheit, die leben soll, auch wenn wir sterben m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"751\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/DSC_0001-751x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2843\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/DSC_0001-751x1024.jpg 751w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/DSC_0001-220x300.jpg 220w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/DSC_0001-768x1047.jpg 768w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/DSC_0001-1126x1536.jpg 1126w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/DSC_0001-1502x2048.jpg 1502w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/DSC_0001-900x1227.jpg 900w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/DSC_0001-1280x1745.jpg 1280w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/DSC_0001-scaled.jpg 1877w\" sizes=\"auto, (max-width: 751px) 100vw, 751px\" \/><figcaption>Nationale Metaphysik: Glauben und Geist (Oskar Pank, Herz und Hand f\u00fcrs Vaterland, 1925, S.143)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir seufzen mit Schiller: \u201eEr ist dahin, der s\u00fc\u00dfe Glaube | An Wesen, die mein Traum gebar, &nbsp;Der rauhen Wirklichkeit zum Raube | Was einst so sch\u00f6n, so g\u00f6ttlich war.\u201c Mein Deutschland, das ich liebe, will und mir vorstelle, lebt so nur in meinem Kopf. Es geh\u00f6rt g\u00e4nzlich mir. Manchmal fl\u00fcstern wir uns still z\u00e4rtliche Worte zu. Ich profaniere meine heiligsten Gef\u00fchle nicht dadurch, da\u00df ich solche stummen Zwiegespr\u00e4che ausplaudere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Darin liegt mein Abschied von der Metaphysik: Er hat nicht nur die heiligen K\u00fche meiner Gegner geschlachtet, sondern meine eigenen gleich mit aufgezehrt, denn auf den kalten Gipfeln des Verstandes finden metaphysische Wesenheiten nichts zu fressen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch was soll ich der neuen Metaphysik all der Deutschlandhasser, der Globalisten, der Genderisten, Anarchisten und wie sie alle hei\u00dfen entgegensetzen? Hinter einer Fahne, auf der nichts zu sehen ist au\u00dfer der eisigen Strenge aufgekl\u00e4rten Denkens, kann ich keine Gefolgschaft erwarten. Aus diesem Dilemma hatte einst vor fast hundert Jahren ein gl\u00fchender Nationalist einen Weg gewiesen: Ernst Niekisch.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"815\" height=\"867\" src=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Zuschneiden.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2845\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Zuschneiden.jpg 815w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Zuschneiden-282x300.jpg 282w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Zuschneiden-768x817.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 815px) 100vw, 815px\" \/><figcaption>Alternative Metaphysik: Flaggenappell in der Hauptstadt der bunten Bewegung: Die <a href=\"https:\/\/www.berliner-woche.de\/tag\/regenbogenfahne\">Berliner Woche berichtete am 22.7.2020 <\/a>dar\u00fcber. \u00dcberall, wo unsre Fahne uns voran flattert, lauert Metaphysik.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Handele so, als ob<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niekisch war aufgekl\u00e4rt durch und durch. Genau wu\u00dfte er Bescheid, wie man Menschen mobilisiert, Massen beeinflu\u00dft und Organisationen lenkt. Als Mitglied eines Arbeiter- und Soldatenrates hatte er sich 1918 an der Revolution in Bayern beteiligt. 1929 stellte er seinen \u201eGedanken \u00fcber deutsche Politik\u201c ein Zitat von Niccol\u00f3 Machiavelli voran.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jener Renaissance-Denker hat sich eingehend mit der Frage besch\u00e4ftigt, ob ein Politiker sich von Moral leiten lassen sollte. Er gelangte nach seiner Lebenserfahrung und reiflichem Nachdenken zu dem Schlu\u00df: Ein F\u00fcrst m\u00fcsse immer den Anschein erwecken, moralisch gut zu sein. Besitzt er diese Eigenschaft aber wirklich, k\u00f6nne sie sein Verderben sein.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> Niekisch schlie\u00dft an: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eEs gibt zwar eine politisierende Moral, die aber f\u00fcr jedes Volk, dessen Geschick davon bestimmt wird, ein Ungl\u00fcck ist.\u201c Eine Situation k\u00f6nne erfordern, da\u00df ein Politiker die Ehrfurcht der Menschen vor dem Moralischen st\u00e4rke und er selbst als moralisch gelte, da\u00df er \u201eaber amoralisch &#8211; nicht unmoralisch &#8211; handle\u201c.<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a><\/p><cite>Ernst Niekisch<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niekisch erkennt, wie wichtig f\u00fcr die politisch zu f\u00fchrenden Menschen die gl\u00e4ubige Gewi\u00dfheit ist, da\u00df die Ziele ihrer F\u00fchrung mit den immer geltenden Gesetzlichkeiten des menschlichen Zusammenlebens in Einklang stehen. Wenn solche normativen Gesetzlichkeiten absolute und universelle Geltung beanspruchen, wenn sie nur noch geglaubt und wie ein Heiligtum verehrt werden, geh\u00f6ren sie aber in den Bereich der Metaphysik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Darum sieht Niekisch den erfolgreichen Politiker gezwungen, eine Metaphysik zu predigen, von der er selbst genau wei\u00df, da\u00df sie lediglich seinem pers\u00f6nlichen Wollen entspringt. Weil er sie sich in seinem eigenen Kopf zurechtgelegt hat, glaubt er nicht an sie, wie seine J\u00fcnger, die gl\u00e4ubig an seinen Lippen h\u00e4ngen. Er mu\u00df die Botschaften, die seinen politischen Zielen dienen, verk\u00fcnden wie ein Missionar. Er f\u00fchlt sich aber an die Kinder seines eigenen Geistes nicht gebunden, sondern benutzt sie nur.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eZur Erhaltung des gesellschaftlichen Lebens bedarf es der unbeeintr\u00e4chtigten Herrschaft des Moralischen; niemand wei\u00df das besser als der politische Mensch. Er mu\u00df aus seiner Kenntnis des Menschlichen heraus dazu beitragen, da\u00df die Herrschaft der Moral gefestigt werde. Aber er selbst darf nicht, indem er an seinem politischen Werk baut, unter dem Gesetz des Moralischen stehen; \u201amoralische Politik\u2018 ist ein Widerspruch in sich.&#8220;<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a><\/p><cite>Ernst Niekisch<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der erfolgreiche Politiker erhebt seinen Machtanspruch, indem er die ihm nutzbringenden gesellschaftlichen Normen verk\u00fcndet, als entspr\u00e4ngen sie ganz unmittelbar dem Willen Gottes oder st\u00fcnden doch in Einklang mit obwaltenden universellen Prinzipien. Ihnen mu\u00df er ideell dienen, wenn er real herrschen will. Vor ihm als Person w\u00fcrde niemand niederknieen oder ihm gehorchen; f\u00fcr die hohen und hehren Gebilde seiner Metaphysik aber sind Menschen zu leben und notfalls zu sterben bereit.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Benutzung des Wortes<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der echte Philosoph und der wahre Wissenschaftler meinen, was sie sagen. Sie f\u00fchlen sich einem Ethos der Erkenntnis verpflichtet: Worte, die nicht nachpr\u00fcfbar richtig sind, gelten ihnen als unbrauchbar und wertlos. Doch Niekisch wu\u00dfte: \u201eNun gibt es allerdings noch eine grunds\u00e4tzlich andere Einstellung zum Wort. Sie fragt nicht nach dessen Wahrheit, sondern allein nach seiner Wirkung. Nicht Ausdruck und Zeugnis vorhandener Tatbest\u00e4nde soll es da sein, sondern Mittel und Werkzeug, um beabsichtigte Tatbest\u00e4nde hervorzurufen.\u201c<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Politiker, dekliniert Niekisch aber seinen Machiavelli durch, wei\u00df: F\u00fcr den Erfolg ist es unwichtig, ob die Absichten moralisch sind, wenn nur die Worte moralisch klingen. \u201eDiese Einstellung liegt jenseits von gut und b\u00f6se\u201c, l\u00e4\u00dft er Nietzsche aufblitzen, \u201eund ist ihrem inneren Wesen nach durchaus amoralisch\u201c<a href=\"#_ftn7\">[7]<\/a> &#8211; nicht unmoralisch!<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eEs geh\u00f6rt zu den merkw\u00fcrdigsten Eigent\u00fcmlichkeiten der Massenseele, da\u00df sie die Worte autoritativer Pers\u00f6nlichkeiten um so lieber als wirklichen und glaubw\u00fcrdigen Ausdruck vorhandener Gesinnungen hinnimmt, je erhabener, edler und vornehmer die Gesinnung zu sein scheint, die sich in diesen Worten andeutet.\u201c<a href=\"#_ftn8\">[8]<\/a> <\/p><cite>Ernst Niekisch<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niekisch nimmt den Menschen \u201eals eine naturwissenschaftliche Gegebenheit\u201c und stellt fest, \u201ewie er bewegt und beeinflu\u00dft werden mu\u00df.\u201c<a href=\"#_ftn9\">[9]<\/a> Seine \u201eEntz\u00fcndlichkeit durch Ideale\u201c sei ein \u201eHebel, mittels dessen, wenn man sich seiner geschickt bedient, der Mensch am leichtesten und sichersten zu lenken und in klug erwogene Bahnen zu dr\u00e4ngen ist.\u201c<a href=\"#_ftn10\">[10]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht die F\u00f6rderung sittlicher Verwirklichung sei der Zweck, sondern die Erregung seiner sittlichen Kr\u00e4fte und Antriebe. Nur seltene und besonders begabte Pers\u00f6nlichkeiten br\u00e4chten die Voraussetzungen f\u00fcr diese politische Denk- und Anschauungsweise mit. <a href=\"#_ftn11\">[11]<\/a> Metaphysik zu glauben ist etwas f\u00fcr die zu lenkenden Massen; sie zu benutzen ist eine Herrschaftstechnik der politischen F\u00fchrer. Ihre Ideen und normativen Werte sind, wie der Philosoph Kondylis 1984 formulierte, \u201eFunktionen, ja Funktionsweisen der um Selbsterhaltung und Machterweiterung k\u00e4mpfenden sozialen Existenz.\u201c<a href=\"#_ftn12\">[12]<\/a> Das hat Niekisch 1929 bereits genauso gesehen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Immer ist die Idee f\u00fcr den Willen zur Macht sowohl Zielpunkt, der seine Richtung verr\u00e4t, wie Verschleierung, hinter der er sich versteckt, und je st\u00e4rker er ist, dest gl\u00fchender, bennender, lebensfrischer wirkt die Idee, die er vorantr\u00e4gt.<\/p><cite>Ernst Niekisch, 1929, S.200.<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignfull size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"790\" src=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/DSC_0004b-1-1024x790.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2855\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/DSC_0004b-1-1024x790.jpg 1024w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/DSC_0004b-1-300x231.jpg 300w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/DSC_0004b-1-768x593.jpg 768w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/DSC_0004b-1-1536x1185.jpg 1536w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/DSC_0004b-1-2048x1580.jpg 2048w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/DSC_0004b-1-900x694.jpg 900w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/DSC_0004b-1-1280x988.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Urzeit-Metaphysik der Sittlichkeit: Am eigenen Herd war der Germane vor Verfolgung sicher &#8211; jedenfalls aus Sicht der Geschichtsmetaphysik des 19. Jahrhunderts <br>(Alfred B\u00e4r, Bildersaal deutscher Geschichte, 1895, S.9)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Glaube der Massen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Nationalsozialisten hatten das bereits klar erkannt. Ihre Botschaften glichen metyaphysischen Verk\u00fcndigungen h\u00f6herer Wahrheiten. Ihr Instrument war der Rundfunk. Wer nichts anderes im Sinn hat, als die Massen zu manipulieren, f\u00fcr den ist die Verbreitung von Nachrichten und Fakten Nebensache. F\u00fcr Haltungsjournalisten besteht die zentrale Aufgabe in der Verk\u00fcndung der eigenen ideologischen Haltung, Wertentscheidungen und pers\u00f6nlichen Anschauungen. So betonte 1934 der Leiter des gesamten deutschen Rundfunks, Ministerialrat im Reichsministerium f\u00fcr Volksaufkl\u00e4rung und Propaganda Horst Dressler-Andress: \u201eVerk\u00fcndungsmittel dieser Zeit ist der Rundfunk. Es ist l\u00e4ngst noch nicht in der deutschen \u00d6ffentlichkeit gen\u00fcgend erkannt, da\u00df Nationalsozialismus und Rundfunk als dessen Verk\u00fcndungsmittel eine unl\u00f6sliche Einheit sind und da\u00df, historisch betrachtet, die neue Weltanschauung des Nationalsozialismus sich mit dem modernsten technischen Instrument das ihm eigent\u00fcmliche Ausdrucksmittel schaffen mu\u00dfte.\u201c<a href=\"#_ftn13\">[13]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unser \u00f6ffentlich-.rechtlichen Medien haben davon gelernt. Ihr Haltungsjournalismus begn\u00fcgt sich nicht mit puren Nachrichten, sondern verk\u00fcndet Wahrheiten, Glaubenss\u00e4tze und moralische Postulate. Die beabsichtigten Vorstellungsbilder sollen mit den Fakten gleich mitgeliefert werden. Elisabeth Wehling hat f\u00fcr die ARD einen internen Ratgeber geschrieben und wandelt ganz in Dressler-Andress\u2018 Fu\u00dfstapfen mit den Worten: \u201eDenken und sprechen Sie nicht prim\u00e4r in Form von Faktenlisten und einzelnen Details. Denken und sprechen Sie zun\u00e4chst immer \u00fcber die moralischen Pr\u00e4missen.\u201c<a href=\"#_ftn14\">[14]<\/a> Damit bekr\u00e4ftigt sie den Primat der Metaphysik.<a href=\"#_ftn15\">[15]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Politische Lenkung l\u00e4uft immer darauf hinaus, Menschen zu einer gemeinschaftlichen Weltanschauung zu bewegen. \u201eMythen, Religionen und Ideologien sind im Grunde kollektive weltanschauliche Entscheidungen. Solche sind m\u00f6g\u00ad\u00ad\u00adlich, weil be\u00adstimmte kon\u00adkre\u00adte Lagen dazu geeignet sind, mehrere In\u00ad\u00addi\u00advi\u00adduen gleichzeitig in eine mehr oder weniger einheitliche Per\u00adspek\u00ad\u00adtive gleich\u00adsam hinein\u00adzuzwin\u00adgen\u201c<a href=\"#_ftn16\">[16]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie gr\u00fcnden auf dem h\u00f6chstpers\u00f6nlichen Glauben der Individuen an metaphysische Wahrheiten. Sobald ein solcher Glaube von vielen Personen angenommen und geteilt wird, wird er zur Grundlage ihrer kollektiven Existenz: Sie wissen sich einig in ihren emotionalen und moralischen \u00dcberzeugungen. Diese Einm\u00fctigkeit ist die Kraftquelle kollektven Handelns.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der metaphysische Inhalt ihrer jeweiligen Weltsicht ist immer nur eine spezifische Vorstellung von der Welt und der Gesellschaft. Er existiert nicht als objektive, unser Handeln regierendes Wesen oder uns bindende Norm. Wenn der Glaube an solche Normen aber viele Menschen erf\u00fcllt und zu gleichartigem Handeln veranla\u00dft, ist das eine soziale Tatsache.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es mu\u00df darum nicht wirklich G\u00f6tter geben, um die real existierenden Kirchen zu erkl\u00e4ren, nur genug Gl\u00e4ubige und Klingelbeutel. Es bedarf nicht der Existenz von Rassen, um Rassismus als sozial wirkungsm\u00e4chtige Erscheinung zu erkl\u00e4ren. Es bedarf auch keines real existierenden Faschismus, um die innere Haltung des Antifaschismus zu erkl\u00e4ren. Sobald Menschen kollektiv so handeln, als ob es den Gegenstand ihrer kollektiven Verehrung oder Ablehnung real g\u00e4be, gibt es ihn &#8211; allerdings nur ideell in den K\u00f6pfen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Kampf um die K\u00f6pfe und Herzen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was auch immer Menschen gemeinsam glauben, eignet sich potentiell, sie zu lenken und zu beherrschen. Mit der Legitimierung politischer Herrschaft hat sich immer das Bem\u00fchen und oft der Zwang zu einem bestimmten Glauben und Kultus verbunden. Eine Macht kann sich nur auf Dauer behaupten, wenn die B\u00fcrger sie auch f\u00fcr legitim halten. Legalit\u00e4t ist die \u00dcbereinstimmung mit dem jeweils geltenden Recht, Legitimit\u00e4t aber die \u00dcbereinstimmung dieses Rechts mit dem vorherrschenden Glauben der Menschen, in welcher Weise soziales Leben sich gestalten sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Glaube orientiert sich immer an irgendwelchen \u201eh\u00f6heren\u201c, also metaphysischen Wertvorstellungen: der rechtm\u00e4\u00dfigen Herrschaft des Monarchen von Gottes Gnaden, des F\u00fchrers durch einheitlichen Volkswillen, des Parlaments kraft durch freie Wahlen vermittelten Volkswillen oder des Politb\u00fcros kraft objektiver Gesetzlichkeiten der Geschichte. In anderen Kulturen \u00fcbernehmen diese Funktion zum Beispiel die Allmacht von G\u00f6ttern wie Allah oder in unserem Mittelalter Gott, Jesus und ihr heiliges Geist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jede dieser m\u00f6glichen Legitimit\u00e4tsquellen beruht auf einem in sich mehr oder weniger geschlossen Gedankengeb\u00e4ude, einer Ideologie, zu der im funktionalen Sinne die Religionen genauso geh\u00f6ren wie weltliche Glaubenslehren. Es ist eine \u00dcberlebensfrage jedes politischen Systems, die metaphysische Weltanschauung zu festigen, auf der es beruht. Wer sich am Spiel des sozialen Machtkampfes beteiligen will, mu\u00df bereit sein, aus der seinem Geschmack entsprechenden Weltanschauung eine umfassende Theorie von der Welt und dem Menschen zu machen:<a href=\"#_ftn17\">[17]<\/a> eine Ideologie. Diese mu\u00df mit dem universalistischen Anspruch auftreten, \u00fcberzeitlich und absolut geltende Prinzipien zu verk\u00f6rpern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Will ein Politiker Erfolg haben, mu\u00df er so tun, als ob seine Ideen und Prinzipien objektive Wahrheiten verk\u00f6rperten. N\u00fcchtern betrachtet weisen Ideen aber keine reale Eigenexistenz auf, wie Platon irrte. Sie sind lediglich Produkte eines Menschen, der sie denkt. Sein Denken ist eine T\u00e4tigkeit. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eEs gibt nur menschliche Existenzen in konkreten Lagen, die auf jeweils spezifische Weise agieren und reagieren; eine dieser spezfischen Aktonen und Reaktionen besteht nach der \u00fcblichen Terminologie darin, sich Ideen zu erdenken und anzueignen. Nicht Ideen kommen in Ber\u00fchrung miteinander, sondern nur menschliche Existenzen, die innerhalb von organisierten Gemeinschaften im Namen von Ideen handeln m\u00fcssen:\u201c<a href=\"#_ftn18\">[18]<\/a><\/p><cite>Panajotis Kondylis<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine solche organisierte Gemeinschaft bedarf geradezu einer gemeinschaftlichen Metaphysik. Ohne den gemeinsamen Glauben an die objektive G\u00fcltigkeit der sittlichen Prinzipien, auf denen diese Gemeinsamkeit beruht, mu\u00df sie zerfallen. Jedes Zusammenleben erfordert auch eine gewisse Opferbereitschaft zugunsten scheinbar exstierender \u201eh\u00f6herer\u201c Prinzipien, und sei dies auch nur ein ethischer Minimalsatz wie \u201eSchade niemandem!\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum soll ich das eigentlich nicht? Eine Antwort jenseits egoistischen Kalk\u00fcls gibt nur die Metaphysik. Gemeinschaft funktioniert, solange Menschen von denselben Ideen beseelt sind. Wenn sie erwachen und der beseligende Traum vorbei ist, f\u00fchlt sich der eine oder andere allerdings wie nach einer zu rauschhaften Silvesterfeier.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Prosit Neujahr!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"786\" height=\"541\" src=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/VIG9.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2859\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/VIG9.jpg 786w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/VIG9-300x206.jpg 300w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/VIG9-768x529.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 786px) 100vw, 786px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Zur umfassenden Demontage aller Metaphysik vgl. Klaus Kunze, Mut zur Freiheit 1995, Panajotis Kondylis, Die neuzeitliche Metaphysikkritik, 1990, derselbe: Die Aufkl\u00e4rung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus, 1986.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Vgl. zum aktuellen Moralismus: Klaus Kunze, Die m\u00f6rderische Macht der Moralisten, Hrg. Die Deutschen Konservativen, Hamburg 2020.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Niccolo Machiavelli, Der F\u00fcrst, XVIII, Reclam-Ausgabe, 1986 \/ 1993, S.139.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Ernst Niekisch, Gedanken \u00fcber deutsche Politik, 1929, S.60.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Ernst Niekisch, Gedanken \u00fcber deutsche Politik, 1929, S.60.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Ernst Niekisch, Gedanken \u00fcber deutsche Politik, 1929, S.58.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Ernst Niekisch 1929 a.a.O. S.58.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a> Ernst Niekisch, 1929, S. 57.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref9\">[9]<\/a> Niekisch 1929 a.a.O. S.59.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref10\">[10]<\/a> Niekisch 1929 a.a.O. S.59.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref11\">[11]<\/a> Niekisch 1929 a.a.O. S.60.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref12\">[12]<\/a> Panajotis Kondylis, Macht und Entscheidung, S.119.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref13\">[13]<\/a> Horst Dressler-Andress, in: Deutsche Kultur im Neuen Reich, Hrg. Ernst Adolf Dreyer, Berlin 1934, S.101-103, zit nach Poliakov \/ Wulf S.441 (442).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref14\">[14]<\/a> Elisabeth Wehling, Framing Manual (Gutachten f\u00fcr die ARD), 89 Seiten, 2017, S.3.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref15\">[15]<\/a> Klaus Kunze, Die sanfte Gehirnw\u00e4sche, 2020, S.43 f..<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref16\">[16]<\/a> Panajotis Kondylis, Macht und Entscheidung, 1984, S.43.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref17\">[17]<\/a> Panajotis Kondylis, Macht und Entscheidung, S.128.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref18\">[18]<\/a> Panajotis Kondylis, Macht und Entscheidung, S.85.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wiederkehr der Metaphysik Die Aufkl\u00e4rung hat alle Metaphysik philosophisch zertr\u00fcmmert. 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