{"id":3551,"date":"2021-04-20T08:03:00","date_gmt":"2021-04-20T06:03:00","guid":{"rendered":"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/?p=3551"},"modified":"2021-04-26T08:51:10","modified_gmt":"2021-04-26T06:51:10","slug":"mein-gedenktag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/2021\/04\/20\/mein-gedenktag\/","title":{"rendered":"Mein Gedenktag"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sch\u00e4ubles Geschichtsmetaphysik<\/h3>\n\n\n\n<p>Unser Staat wurde am 18. Januar 150 Jahre alt: Seit Wilhelms Kaiserkr\u00f6nung 1871 leben wir in ungebrochener staatsrechtlicher Kontinuit\u00e4t. Am 21.3.1871 trat der erste Reichstag zusammen. Der derzeitige Bundestagspr\u00e4sident Wolfgang Sch\u00e4uble blickt zur\u00fcck. Er schreibt,<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>da\u00df die nationalsozialistische Diktatur Dreh- und Angelpunkt unseres nationalen Selbstverst\u00e4ndnisses bleibt.<\/p><cite>Wolfgang Sch\u00e4uble, Wir haben die Freiheit, DIE ZEIT 18.3.2021.<a href=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-admin\/post-new.php#_ftn1\">[1]<\/a><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Worum sich in Wolfgang Sch\u00e4ubles Kopf alles dreht, besagt alles \u00fcber seine Perspektive, aber nichts \u00fcber tats\u00e4chliche Kausalit\u00e4ten. Bestimmte die Reichsgr\u00fcndung 1871 das 1933 voraus? Die Drehpunktmetapher legt das nahe. Sie l\u00e4\u00dft auch daran denken, die Politik von 2021 als kausal determiniert zu betrachten: Was immer Politiker wie Sch\u00e4uble denken und tun, sie handeln in Hinblick auf das Jahr 1933. Dieses und 1945 bilden den Nukleus ihres politischen Machtanspruches.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser besagt, die Zukunft sei zwar offen, aber wegen 1933 m\u00fcsse sie so gestaltet werden, wie Politiker wie Sch\u00e4uble sich das so vorstellen. Wozu ihre Vorstellungen f\u00fchren, sehen wir bei einem Blick aus dem Fenster. Er aber sieht die Gegenwart wie durch ein Periskop, dessen Linse uns immer erst 1933 zeigt und erst weit hinten unsere Gegenwart. Sch\u00e4uble zufolge d\u00fcrfen wir uns<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>nicht der erkenntnisleitenden Frage nach Kausalit\u00e4ten entziehen, also danach, was aus der offenen Zukunft wurde. Denn wo in Deutungen der Zusammenh\u00e4nge zwischen Ursache und Wirkung aufgek\u00fcndigt ist, gibt es keine Verantwortlichkeit mehr.<\/p><cite>Wolfgang Sch\u00e4uble, Wir haben die Freiheit, DIE ZEIT 18.3.2021.<a href=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-admin\/post.php?post=3551&amp;action=edit#_ftn2\">[2]<\/a><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Geschichtswissenschaft endet, wo der Geschichte verborgene Wirkkr\u00e4fte transzendenter Art zugeschrieben werden. Hier geginnt das Reich des Glaubens. In den Sph\u00e4ren der Geschichtsmetaphysik herrscht nicht die banale Multikausalit\u00e4t vieler ineinander verschlungener Ursachen und Wirkungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Lichte der Metaphysik durchwebt ein geheimnisvolles Wirken die Geschichte und stellt sie dem Betrachter als zielgerichtete Entwicklung dar: Vom Goldenen Zeitalter \u00fcber das Silberne zum Eisernen, vom Paradies \u00fcber den S\u00fcndenfall zum J\u00fcngsten Gericht, von der gl\u00fccklichen kommunistischen Urgesellschaft \u00fcber den S\u00fcndenfall des Privateigentums an Produktionsmitteln gesetzm\u00e4\u00dfig zur Verarmung der Massen, ihrer Revolution und dem Weg \u00fcber den Sozialismus in einen gl\u00fccklichen Endzeitkommunismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der deutschen Geschichte einen Dreh- und Angelpunkt anzudichten, in dessen Lichte erst die Vergangenheit verstanden werden k\u00f6nne und in Bezug auf den die Zukunft auszurichten sei, ist ein klassischer Anwendungsfall solcher Geschichtsmetaphysik. Sie liegt einer konkreten Herrschaftsideologie zugrunde und unterf\u00fcttert diese mit dem Nimbus einer irdischen Eschatologie, einer Geschichte des Heiligen und des Unheiligen. Leute wie Sch\u00e4uble schwimmen auf ihren Wellen oben und predigen uns, wie das Gute wie das B\u00f6se in der Geschichte in Erscheinung getreten sind und da\u00df nur bei ihnen selbst unsere Rettung winkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Herrscher bedienten sich einer Herrschaftsideologie. Auch die Sch\u00e4ubles unserer Zeit ben\u00f6tigen ihre Gedenktage: Am 6. Januar feierten Oberhirten der christlichen Herden den Dreik\u00f6nigstag, am, 18. Januar war Kaisers Geburtstag. Solche Tage bilden im Positiven wie im Negativen die Triumphs\u00e4ulen errichteter Herrschaftsmacht. Sie werden aufs H\u00f6chste symbolisch aufgeladen wie derzeit der 8. Mai und andere Tage der Selbstrechtfertigung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der heutige 20. April<\/h3>\n\n\n\n<p>ist mein Gedenktag, weil Frankreich uns am 20. April 1792 den Krieg erkl\u00e4rt hatte. Deutschland wurde scheibchenweise erobert, bis es sich 1813-1815 wieder befreien konnte. An diesem 20. April begannen f\u00fcr Deutschland Kausalit\u00e4tsketten, die bis in die Gegenwart fortwirken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne die \u00dcberw\u00e4ltigung und Dem\u00fctigung Deutschlands durch die Franzosen ab 1792 mit seiner sp\u00e4teren Aufteilung und Auspl\u00fcnderung unter Napoleon w\u00e4re der deutsche Nationalismus des gesamten 19. Jahrhunderts v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich. Vorher waren die Deutschen n\u00e4mlich Kosmopoliten und f\u00fchlten sich allenfalls ihrem Landesherrn verpflichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne die sich regelm\u00e4\u00dfig wiederholenden Kriegserkl\u00e4rungen Frankreichs gegen Deutschland wie 1792 und 1870 mu\u00df auch der Militarismus unverst\u00e4ndlich bleiben, der bei uns nach 1871 zur Hochbl\u00fcte kam und erst 1945 endete. Er war immer reaktion\u00e4r: Reaktion n\u00e4mlich auf reale Bedrohungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Jahr 1792 bildet zwar keinen metaphysischen Angelpunkt unserer Geschichte, aber einen vergessenen blinden Fleck unserer Geschichtswahrnehmung. Von ihm ausgehend haben sich Kausalketten gebildet, die bis heute fortwirken. Die Reichsgr\u00fcndung 1871 geh\u00f6rt dazu. Die Zerschlagung des Heiligen R\u00f6mischen Reiches Deutscher Nation durch die Franzosen bildete f\u00fcr die Deutschen ein lange nachwirkendes Trauma.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses alte Reich hatte an seinem Ende nur noch einen lockeren Verbund deutscher Staaten gebildet, der aber nicht nur seinen Gliedern, sondern auch den B\u00fcrgern viel Freiheiten lie\u00df. In seiner Machtlosigkeit gediehen Partikularismus und Kirchturmspolitik. Anfangs mit Wohlwollen, bald aber mit Abscheu sah man nach Frankreich, wo unter den Fahnen vorgeblicher Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit abscheuliche Massaker stattfanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz nachdem am 1.3.1792 der deutsche Kaiser Leopold II. gestorben war, lie\u00dfen die Pariser Girondisten ihren Noch-K\u00f6nig Ludwig XVI. am 20.4.1792 \u00d6sterreich den Krieg erkl\u00e4ren, in den die anderen deutschen Staaten ihrer Reichspflicht gem\u00e4\u00df eintraten. Das territorial zersplitterte Reich war aus vielerlei Gr\u00fcnden nicht f\u00e4hig, den Angriffen des zentral regierten Frankreich standzuhalten, und endete 1806. Die Deutschen zogen die Lehre aus der Geschichte und w\u00fcnschten sich auch solch ein m\u00e4chtiges, einheitliches Reich mit einer so m\u00e4chtigen Armee wie die Franzosen. Der Traum lebte in ihnen fort, bis Bismarck ihn 1871 verwirklichte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Neue Epoche der Weltgeschichte<\/h2>\n\n\n\n<p>Goethe nahm als Beobachter am deutschen Feldzug in Frankreich teil. Als Dichter erfa\u00dfte er intuitiv die Zeitenwende. Die erfolglose Kanonade von Valmy<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> markierte den Beginn des R\u00fcckzugs.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wir hatten, eben als es Nacht werden wollte, zuf\u00e4llig einen Kreis geschlossen, in dessen Mitte nicht einmal wie gew\u00f6hnlich ein Feuer konnte angez\u00fcndet werden, die meisten schwiegen, einige sprachen, und es fehlte doch eigentlich einem jeden Besinnung und Urteil. Endlich rief man mich auf, was ich dazu denke, denn ich hatte die Schar gew\u00f6hnlich mit kurzen Spr\u00fcchen erheitert und erquickt; diesmal sagte ich: \u00bbVon hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr k\u00f6nnt sagen, ihr seid dabei gewesen.\u00ab<\/p><cite>Johann Wolfgang von Goethe, Campagne in Frankreich, 19.9.1792.<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"737\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/gal74_vernet_01f-1024x737.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3565\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/gal74_vernet_01f-1024x737.jpg 1024w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/gal74_vernet_01f-300x216.jpg 300w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/gal74_vernet_01f-768x552.jpg 768w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/gal74_vernet_01f-900x647.jpg 900w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/gal74_vernet_01f.jpg 1051w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Franz\u00f6sische Stellung an der M\u00fchle von Valmy am 19.9.1792 (Gem\u00e4lde von Horaz Verne)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Seitdem zog sich eine Spur der Verw\u00fcstung von Frankreich ausgehend bis &#8211; 1812 &#8211; Moskau. Die alten Gesetze des Anstandes verloren ihre Kraft, als die Franzosen vordrangen. Die nachmalige preu\u00dfische K\u00f6nigin Luise schrieb in Darmstadt ver\u00e4ngstigt ihrer Schwester:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Seit vorgestern Abend ersterbe ich vor Furcht, als die Nachricht kam, die Franzosen, so etwa 15 bis 20 Tausend, st\u00fcnden vor Speyer. Gestern am Morgen hat sich diese Nachricht best\u00e4tigt, und gestern Nachmittag kam ein Kurier nach dem anderen mit den traurigsten Nachrichten: Speyer eingenommen und niedergebrannt, 1500 Mainzer und 1500 \u00d6sterreicher gefallen oder gefangen genommen. Nach dem Kampf haben sie alle Soldaten mit den Offizieren \u00fcber die Klinge springen lassen.<\/p><cite>Luise von Mecklenburg-Strelitz am 2.10.1792, in: K\u00f6nigin Luise von Preu\u00dfen, Briefe und Aufzeichnungen 1786-1810, M\u00fcnchen 1985, S.10.<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Den zentral aus Paris gesteuerten Heeren ihres genialen Anf\u00fchrers hatten die deutschen Territorialf\u00fcrsten nicht genug entgegenzusetzen. Nachdem die Macht von dem Gremium einer diktatorisch herrschenden Nationalversammlung auf den Einzeldiktator Napoleon \u00fcbergangen war, versch\u00e4rfte sich das Problem. Er spielte die deutschen F\u00fcrsten gegeneinander aus und machte sie als seine Vasallen zu \u201eZaunk\u00f6nigen\u201c, wie Luise als K\u00f6nigin in einem Brief vom 8.2.1806 sp\u00f6ttisch die von Napoleon frischgebackenen K\u00f6nige von Bayern und W\u00fcrttemberg nannte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis in die h\u00f6chsten \u00c4mter suchte fast jeder nur zuzusehen, wie er selbst am besten wegkam. Napoleon \u00fcberrannte Niedersachsen, das damalige Kurf\u00fcrstentum Hannover. Der Zustand der hannoverschen Armee war vielfach beklagenswert. Der junge August Friedrich Schaumann schildert seinen Abschied vom Dienst und illustriert ihn mit einem bezeichnenden Bild seines Generalmajors, der gewi\u00df auch in unserem Staate zu h\u00f6chsten Staats\u00e4mtern aufgestiegen w\u00e4re:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Ich lief nun nach Springe, um meinem dicken Generalmajor<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a>, den sein Adel, sein Bauch, der Gamaschendienst seines Regiments und seine Haush\u00e4lterin nur allein, sonst weiter aber nichts in der Welt interessierte, Valet zu sagen.<\/p><cite>August Friedrich Schaumann<a href=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-admin\/post.php?post=3551&amp;action=edit#_ftn5\">[5]<\/a>, \u201eKreutz und Quer Z\u00fcge\u201c, erschienen posthum Leipzig 1922, band 1, S.165<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"583\" height=\"758\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Zuschneiden.jpg\" alt=\"\" data-id=\"3555\" data-link=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/?attachment_id=3555\" class=\"wp-image-3555\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Zuschneiden.jpg 583w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Zuschneiden-231x300.jpg 231w\" sizes=\"auto, (max-width: 583px) 100vw, 583px\" \/><figcaption class=\"blocks-gallery-item__caption\">Bernhard von Scheither<\/figcaption><\/figure><\/li><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"832\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/20210419_181339-832x1024.jpg\" alt=\"\" data-id=\"3556\" data-full-url=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/20210419_181339-scaled.jpg\" data-link=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/?attachment_id=3556\" class=\"wp-image-3556\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/20210419_181339-832x1024.jpg 832w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/20210419_181339-244x300.jpg 244w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/20210419_181339-768x946.jpg 768w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/20210419_181339-1248x1536.jpg 1248w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/20210419_181339-1663x2048.jpg 1663w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/20210419_181339-900x1108.jpg 900w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/20210419_181339-1280x1576.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 832px) 100vw, 832px\" \/><figcaption class=\"blocks-gallery-item__caption\">August Ludolf Friedrich Schaumann<\/figcaption><\/figure><\/li><\/ul><\/figure>\n\n\n\n<p>So war gegen einen modern organisierten Zentralstaat nichts zu gewinnen. Nach verlustreichen Schlachten 1794 und 1795 h\u00e4uften sich in der hannoverschen Armee die Desertionen, vor allem von \u201eAusl\u00e4ndern\u201c aus deutschen Nachbarterritorien. Auch alle \u00c4ngste der jungen K\u00f6nigin Luise wurden wahr. Napoleon eroberte Preu\u00dfen, das sich hatte neutral halten wollen. Das K\u00f6nigspaar fl\u00fcchtete nach Memel. Napoleon verlangte halb Preu\u00dfen f\u00fcr sich und seine Familie sowie die Entlassung des preu\u00dfischen Ministers Karl August von Hardenberg. Luise widerriet, dem Druck nachzugeben:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Hardenberg darf nicht geopfert werden, auf keinen Fall, wenn Du nicht den ersten Schritt zur Sklaverei tun und Dir die Verachtung der ganzen Welt zuziehen willst. [\u2026] Was ist ein Opfer an Land im Vergleich mit dem Opfer an Freiheit des Geistes, der Freiheit zu ehrenhafter Haltung, mit einem Wort, der Unabh\u00e4ngigkeit?<\/p><cite>K\u00f6nigin Luise am 27.6.1807 an ihren Mann Friedrich Wilhelm&nbsp; III.<a href=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-admin\/post.php?post=3551&amp;action=edit#_ftn6\">[6]<\/a><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"783\" height=\"549\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/bild_001.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3558\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/bild_001.jpg 783w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/bild_001-300x210.jpg 300w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/bild_001-768x538.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 783px) 100vw, 783px\" \/><figcaption>Als die Deutschen 1813 freiwillig ihr <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gold_gab_ich_f%C3%BCr_Eisen\">Gold f\u00fcr Eisen <\/a>spendeten, wurde ein Band der Solidarit\u00e4t zwschen allen St\u00e4nden und St\u00e4mmen gekn\u00fcpft, das die deutsche Geschichte bis heute nachhaltig gepr\u00e4gt hat.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Dauerhafte Mentalit\u00e4ts\u00e4nderung<\/h2>\n\n\n\n<p>Der von Frankreich 1792 bis 1815 gef\u00fchrte Dauerkrieg hat unser Land mental dauerhaft ver\u00e4ndert. Wo man zuvor seinem Landesherrn alleruntert\u00e4nigst die Stiefel geleckt hatte, richtete sich der Blick jetzt auf das Gro\u00dfe und Ganze. Das ganze Volk hatte Schulter an Schulter gestanden und gemeinsam gefochten. Die Perspektive beh\u00e4biger Kirchturmspolitik wich einer oft bereits vordemokratischen, stark v\u00f6lkisch grundierten und wehrbereiten Stimmung. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Stunde tiefster Erniedrigung Deutschlands rief der Preu\u00dfenk\u00f6nig am 20. M\u00e4rz 1813 sein Volk zu den Waffen. Da\u00df ein Monarch an das Volk appellierte, war ein unerh\u00f6rter Vorgang von geschichtlicher Tragweite. Er schuf einen Mythos: &#8222;Der K\u00f6nig rief, und alle, alle kamen.&#8220; Dieser Mythos wirkte bis ins 20. Jahrhundert. Das Volk kam, es opferte und k\u00e4mpfte f\u00fcr seine Freiheit, und das hat es sp\u00e4ter nicht vergessen. Die deutsche Nationalbewegung des Vorm\u00e4rz, die Abgeordneten in der Paulskirche 1848 und immer gr\u00f6\u00dfere Teile des B\u00fcrgertums forderten Beteiligung des Volkes an der Macht.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/20210419_195407-763x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3560\" width=\"572\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/20210419_195407-763x1024.jpg 763w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/20210419_195407-224x300.jpg 224w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/20210419_195407-768x1030.jpg 768w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/20210419_195407-1145x1536.jpg 1145w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/20210419_195407-1526x2048.jpg 1526w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/20210419_195407-900x1208.jpg 900w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/20210419_195407-1280x1717.jpg 1280w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/20210419_195407-scaled.jpg 1908w\" sizes=\"auto, (max-width: 572px) 100vw, 572px\" \/><figcaption>Der Aufruf &#8222;An mein Volk&#8220; schuf einen Mythos.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Demokratischer Aufbruch, Nationalismus, Ruf nach einem einheitlichen Deutschland, f\u00fcrstliche Reaktion, Pressezensur, Militarismus &#8211; alles waren Folgen und Folgesfolgen der Erfahrungen von 1792 bis 1815. Als die Franzosen uns 1870 schon wieder angriffen und als sie 1923 ins Ruhrgebiet einmarschierten, erinnerte man sich an die Geschichte noch sehr gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Folgerungen dieser erneuten Dem\u00fctigung vor allem der Jahre 1918 bis 1924 sch\u00f6pften sich aus der historischen Erinnerung. Gemeinsam waren wir stark, nur gemeinsam hatten die Franzosen so m\u00e4chtig werden k\u00f6nnen. Ein einzelner Mann war es, der Diktator Napoleon, der sie zu solcher Machtentfaltung bef\u00e4higt hatte. War das ein Rezept f\u00fcr Deutschland?<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts scheint erfolgreicher zu sein, als der Erfolg. Zentralisierung, Republik, Diktatur, Lev\u00e9e en masse und eine egalit\u00e4re Nationalideologie, symbolisiert in einer gemeinsamen Fahne, hatten das napoleonische Frankreich m\u00e4chtig gemacht. F\u00fcr das alte Deutschland in seiner beh\u00e4bigen Mentalit\u00e4t von 1792 w\u00e4ren solche Attribute uns\u00e4glich gewesen. Jetzt wurden sie denkbar, sie wurden auch gedacht, und vieles wurde nachgeahmt. Zwischen 1918 und 1933 mutierte Deutschland vom Land der Dichter und Denker zu einer milit\u00e4rischen Kampfmaschine.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir beschritten den Weg Napoleons, und so endeten wir auch geographisch da, wo Napoleons Macht sich gebrochen hatte: vor Moskau.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Gegenbild<\/h3>\n\n\n\n<p>Einer verbreiteten Metapher zufolge bildet die Bundesrepublik unseres Grundgesetzes &#8222;das Gegenbild&#8220; zu 1933. Sie ben\u00f6tigt den Rekurs auf 1933 als Dreh- und Angelpunkt der deutschen Geschichte. Auf solchen Dreh- und Angelpunkten ruht alle Last. Die deutschen F\u00fcrsten des Vorm\u00e4rz hatten jahrzehntelang versucht, die demokratische Freiheitsbewegung in Deutschland einzud\u00e4mmen. Auch sie fand einen Dreh- und Angelpunkt ihrer f\u00fcrstlichen Legitimit\u00e4t. Von Gottes Gnaden war nur noch eine hohle Phrase. Belastbar war aber der st\u00e4ndige R\u00fcckbezug auf 1792: &#8222;Wir herrschen legitim, weil wir ein neues 1792 verhindern!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nigsmorde? Blutn\u00e4chte? Massaker? Nein, das wollten die ruhigen deutschen B\u00fcrger nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit lag auf der Hand: Nur die legitimen Landesf\u00fcrsten verhinderten ein &#8222;neues 1792&#8220;! Sie bildeten das Gegenbild zum revolution\u00e4ren Frankreich: &#8222;Ihr wi\u00dft doch, wohin das gef\u00fchrt hat! Wehret den Anf\u00e4ngen!&#8220; Das Ausma\u00df f\u00fcrstlicher Unterdr\u00fcckung der Meinungs- und Pressefreiheit nach dem Befreiungskrieg w\u00e4re unerkl\u00e4rlich ohne die traumatisierenden Erinnerungen der F\u00fcrsten an die franz\u00f6sische K\u00f6nigsfamilie auf dem Schafott und die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Septembermassaker\">bestialischen Massaker der Revolution<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Geschichte lie\u00dfen sich die Deutschen noch 100 Jahre lang willig erz\u00e4hlen. Und w\u00e4ren sie nicht irgendwann gestorben, dann glaubten sie wohl heute noch an sie.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Mitarbeit: Hilmar Sack, Historiker und Leiter des B\u00fcros des Bundestagspr\u00e4sidenten.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> So steht es in der ZEIT tats\u00e4chlich.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Der franz\u00f6sische General Kellermann hatte bei der M\u00fchle von Valmy eine Stellung, die beschossen wurde. In dieser M\u00fchle wurde am 9.1.1776 der M\u00fcllersohn Nicolas Blot geboren. Als Fuhrmann der Artillerie zog er in Koblenz ein und heiratete dort in der Liebfrauenkirche am 26.1.1796 die Deutsche Anna Catharina Spies. <a href=\"http:\/\/klauskunze.com\/familienforschung\/as\/blott.htm\">Das Ehepaar wurde zu Urururgro\u00dfeltern meiner \u00e4ltesten T\u00f6chter<\/a>. <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Bernhard Friedrich Rudolf von Scheither, *Hannoversch-M\u00fcnden 1740. \u2020 vor dem 21.11.1812<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> August Ludolf Friedrich Schaumann *Hannover 19.5.1778, \u2020ebd. 14.10.1840, begann seine Laufbahn im hannoverschen 13. Inf.-Rgt. \u2013 Nach der Aufl\u00f6sung der hann. Armee 1803 Gro\u00dfbrit. Deputy-Assistant, Commissary General, General-Kriegs-Commissair in der Kings German Legion, Autor der Autobiographie \u201eKreutz und Quer Z\u00fcge\u201c, erschienen posthum Leipzig 1922.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> K\u00f6nigin Luise von Preu\u00dfen, Briefe und Aufzeichnungen 1786-1810, M\u00fcnchen 1985, Memel den 27. Juni 1907, S.360.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sch\u00e4ubles Geschichtsmetaphysik Unser Staat wurde am 18. Januar 150 Jahre alt: Seit Wilhelms Kaiserkr\u00f6nung 1871 leben wir in ungebrochener staatsrechtlicher Kontinuit\u00e4t. Am 21.3.1871 trat der erste Reichstag zusammen. Der derzeitige Bundestagspr\u00e4sident Wolfgang Sch\u00e4uble blickt zur\u00fcck. Er schreibt, da\u00df die nationalsozialistische Diktatur Dreh- und Angelpunkt unseres nationalen Selbstverst\u00e4ndnisses bleibt. 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