{"id":5231,"date":"2022-11-30T14:07:14","date_gmt":"2022-11-30T13:07:14","guid":{"rendered":"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/?p=5231"},"modified":"2023-01-07T11:47:19","modified_gmt":"2023-01-07T10:47:19","slug":"das-vermaechtnis-apollons","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/2022\/11\/30\/das-vermaechtnis-apollons\/","title":{"rendered":"Das Verm\u00e4chtnis Apollons"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Erkenne dich selbst!<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Gelegentlich sollten wir kurz innehalten. Lassen wir einmal  unsere Gedanken fliegen und betrachten den eigenen Standpunkt und Weg aus der Vogelperspektive.<\/p>\n\n\n\n<p>Erkenne dich selbst &#8211; \u0393\u03bd\u1ff6\u03b8\u03b9 \u03c3\u03b5\u03b1\u03c5\u03c4\u03cc\u03bd &#8211; stand auf dem Tempel des Apollon zu Delphi. Ein solches Ich bedient sich vieler Denkwerkzeuge und -modelle, um sich den Durchblick durch das verwirrende Get\u00fcmmel der Ereignisse und das Angebot an Werkzeugen zu verschaffen, sie zu verstehen. Nicht jedes Denkmodell funktioniert, und nicht jedes Werkzeug pa\u00dft. Wir bezeichnen Deutungsmodelle herk\u00f6mmlich als \u2026ismen wie Sozialismus oder Liberalismus, und jedes m\u00f6chte die Welt in seiner Weise erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Menschen suchen nach \u201eder Wahrheit\u201c und \u201eder Wirklichkeit\u201c, aber mit sehr verschiedenen Werkzeugkoffern. Magisches Denken hatte die Welt v\u00f6llig anders gedeutet als ein Mormone, der den Schl\u00fcssel zur Wahrheit im Buch Mormon gefunden zu haben meint.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Innere Logik und Koh\u00e4sion <\/h3>\n\n\n\n<p>Wer konsequent alle Aspekte der Welt von einer Grundannahme her deutet, kann sich nat\u00fcrlich schrecklich irren, wenn diese in einer blo\u00dfen Wunschvorstellung besteht. Die Folgerichtigkeit seines Denkens steht dabei nicht in Frage. Hingegen gibt es auch Wirrk\u00f6pfe, die einander widersprechende Denkmodelle gleichzeitig verwenden m\u00f6chten. Sie brauchen f\u00fcr Spott nicht zu sorgen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Zuschneiden-1024x788.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5233\" width=\"610\" height=\"469\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Zuschneiden-1024x788.jpg 1024w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Zuschneiden-300x231.jpg 300w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Zuschneiden-768x591.jpg 768w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Zuschneiden-900x692.jpg 900w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Zuschneiden.jpg 1105w\" sizes=\"auto, (max-width: 610px) 100vw, 610px\" \/><figcaption>Tempel des Apollon in Delphi mit der Inschrift \u0393\u03bd\u1ff6\u03b8\u03b9 \u03c3\u03b5\u03b1\u03c5\u03c4\u03cc\u03bd<br>(Holzschnitt von Barth\u00e9lemy Aneau, in: Picta poiesis, Lyon 1552<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich stehen die brauchbaren Denkmodelle je nach der Frage, die sie beantworten sollen, in einem logischen, geradezu urs\u00e4chlichen Zusammenhang. Wie die Zacken einer Krone erg\u00e4nzen sie sich. Es folgt eine ziemlich zwangsl\u00e4ufig auf die andere. Wer von Beginn an von falschen Voraussetzungen ausgeht, mu\u00df am Ende zum Unsinn gelangen statt zum Sinn. Wir wollen heute den richtigen Weg abschreiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die Grundannahmen zueinander passen und zu einem koh\u00e4renten Gesamtbild konvergieren, wissen wir uns auf dem richtigen Weg.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Rationalit\u00e4t gegen Irrationalismus<\/h3>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist es erlaubt, allein von einem t\u00f6dlichen Autounfall schon auf das geheime Wirken eines Geheimdienstes oder des Teufels zu schlie\u00dfen. Wer an dieser Abzweigung des Denkens bereits falsch abbiegt, braucht hier nicht weiterzulesen. Die rationale Vern\u00fcnftigkeit unseres Denkens bildet eine Grundvoraussetzung jedes gedanklichen Schrittes. Die Denkgesetze der Logik bilden den Schl\u00fcssel zu unserem geistigen Werkzeugkoffer, ohne den wir ihn noch nicht einmal \u00f6ffnen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verwenden diesen Rationalismus als formale Denkmethode und vergessen nicht, da\u00df der neuzeitliche Rationalismusbegriff sich historisch lange auch mit normativen Denkinhalten verbunden hatte, die wir nicht \u00fcbernehmen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Empirismus<\/h3>\n\n\n\n<p>Die rationale Verarbeitung unserer Erfahrungen verf\u00e4llt auch nicht in den Fehler jener alten Rationalisten, die w\u00e4hnten, sie k\u00f6nnten sich eine Weltdeutung quasi mit verbundenen Augen aus dem Nichts ausdenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Der nette Begriff Intelligibilit\u00e4tswahn trifft Leute, die sich f\u00fcr die handgreifliche Wirklichkeit gar nicht interessieren. Sie suchen in ihrer Studierstube nach dem \u201eDing an sich\u201c und gehen einsam ihren Spekulationen nach. Sie denken, also sind sie. Sch\u00f6n und gut. In ihrem Intellektualismus erfanden sich solche Leute viele Kampfbegriffe f\u00fcr Dinge (&#8222;Entia&#8220;), die es gar nicht gibt, um sie mit ernster Miene zu verk\u00fcnden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00f6chten dagegen erst wissen, welche Dinge es tats\u00e4chlich gibt und wie sich diese realen Dinge nachpr\u00fcfbar verhalten. Gegen\u00fcber jedem abstrakten Oberbegriff und jeder Sinndeutung verhalten wir uns erst einmal skeptisch und akzepieren angebliche Fakten oder gar Schlu\u00dffolgerungen nie ohne den Vorbehalt jederzeitiger Nachpr\u00fcfung.<\/p>\n\n\n\n<p>Skeptische Pr\u00fcfung ergibt zum Beispiel, da\u00df Gegensatzpaare wie hei\u00df und kalt, rechts und links oder gut und b\u00f6se nur Ma\u00dfst\u00e4be sind, die unser Denken erzeugt und die unsere Orientierung erleichtern. Sie sind intellektuelle Begriffssch\u00f6pfungen und Denkkr\u00fccken. Wie den <em>\u00c4quator <\/em>schaffen wir sie uns als geistige Hilfslinien zu unserem besseren Verst\u00e4ndnis, aber nur vorhanden in unseren K\u00f6pfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Skeptizismus und Empirismus bilden darum Grundvoraussetzungen f\u00fcr jeden weiteren Schritt und f\u00fchren folgerichtig zum<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">naturwissenschaftlichen Weltbild.<\/h3>\n\n\n\n<p>Der unbestreitbare Vorteil der empirisch vorgehenden Wissenschaft und ihre letzte Rechtfertigung besteht darin, da\u00df sie funktioniert &#8211; Zaubern oder Gesundbeten gew\u00f6hnlich aber nicht. Ein naturwissenschaftliches Weltbild will prim\u00e4r wissen, was real existiert und wie es funktioniert. Es hat Vorrang vor jeder menschlichen Bewertung wie <em>gut<\/em>, <em>sch\u00f6n<\/em>, <em>n\u00fctzlich <\/em>oder <em>moralisch<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg zu jeder Erkenntnis f\u00fchrt von der empirischen Pr\u00fcfung des Realen \u00fcber die Hypothese einer Erkl\u00e4rung bis zur umfassenden Theoriebildung, die jederzeit widerlegbar bleibt. Glauben ist dagegen niemals ein Weg zur Erkenntnis der uns umgebenden Welt, sondern weist nur in die Innenwelt unserer Vorstellungen, W\u00fcnsche oder \u00c4ngste. Glauben gerinnt zum Vorurteil und l\u00e4hmt nur den Wissensdrang. Er sucht Erkenntnis nicht, sondern meint sie schon zu haben. Wer glaubt, h\u00f6rt auf, nach Erkenntnis zu suchen. Glauben ist ein Irrweg.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei empirischer Betrachtung des Naturgeschehens und nach seiner rationalen Verarbeitung ergibt sich der zwingende Schlu\u00df: Der Kosmos ist von einem B\u00fcndel in sich widerspruchsfrei wirkender Naturgesetze erf\u00fcllt. \u201eDie Natur\u201c verletzt nie ihre eigenen, objektivierbaren Regeln, auch wenn wir noch lange nicht alle kennen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"970\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/PR218a-970x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5237\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/PR218a-970x1024.jpg 970w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/PR218a-284x300.jpg 284w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/PR218a-768x811.jpg 768w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/PR218a-1454x1536.jpg 1454w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/PR218a-1939x2048.jpg 1939w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/PR218a-900x951.jpg 900w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/PR218a-1280x1352.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 970px) 100vw, 970px\" \/><figcaption>Der Kosmos ist von einem Satz in sich widerspruchsfreier Naturgesetze erf\u00fcllt. <br>(Maler: Johnny Bruck (1921-95), Titelbild Perry Rhodan Heft 217, 1965, Foto: K.Kunze)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Diese Regeln m\u00f6gen nicht vollst\u00e4ndig menschlicher Erforschung zug\u00e4nglich sein. Gleichwohl schlie\u00dfen sie alle akausalen, nicht naturwissenschaftlichen Erkl\u00e4rungen wie Magie oder das Wirken einer &#8222;unsichtbaren Hand&#8220; prinzipiell aus. Das l\u00e4\u00dft durchaus die M\u00f6glichkeit akausalen Teilchenfluges und damit des Zufalles als Erkl\u00e4rung zu, schlie\u00dft aber Zauberei als Ursache aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Jede Schlu\u00dffolgerung steht auf t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfen, die mit empirisch gewonnenen Fakten etwa der Chemie, der Physik oder der Biologie unvereinbar ist. Wir verbieten uns darum alle Spekulationen, mit denen man vor Zeiten seine Wissensl\u00fccken f\u00fcllte: Es ist nicht Donar, wenn es donnert, nicht Pharao, der die Sonne aufgehen l\u00e4\u00dft, kein Poltergeist, wenn es im Geb\u00e4lk mal knackt, und wer tot ist, bleibt tot, kommt in keinen \u201eHimmel\u201c und kein Nirwana.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Realismus<\/h3>\n\n\n\n<p>Vielleicht gibt es noch unerforschbare Phanomene, aber es gibt keine Hinweise, ein himmlisches Paradies in einem \u201eJenseits\u201c habe jemals woanders existiert als in menschlichen K\u00f6pfen. Jede der Physik widersprechende \u201emetaphysische Weltdeutung\u201c beruht auf Illusionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt kein Jenseits, au\u00dfer in unseren K\u00f6pfen. G\u00e4be es eines in einer \u201eanderen Dimension\u201c, dann w\u00e4re es mitsamt dieser Dimension Teil der per definitionem alles umfassenden Realit\u00e4t und prinzipiell der Erforschung zug\u00e4nglich. Versuche, einem \u201eJenseits\u201c empirisch auf die Spur zu kommen, hat es durchaus gegeben: Mesmerismus und Scharlatanerie mit \u201eEktoplasma\u201c waren ihre Begleiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Denken hatte schon vor Jahrhunderten eine entscheidende H\u00fcrde genommen und die Vorstellung widerlegt, Ideen seien realer als die empirischen Dinge. Wir sind aus dem geistigen Zwielicht von Platons H\u00f6hle ins Licht getreten: Es gibt Ideen durchaus: aber nur in unseren K\u00f6pfen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Dezisionismus<\/h3>\n\n\n\n<p>Dort f\u00fchren sie zuweilen ein idealistisches Eigenleben: Scheinbar qu\u00e4len sie uns mit Geboten und Verboten, piesacken uns mit Gewissensbissen und fordern unseren Gehorsam. Sie geben sich gern als universell und absolut geltende moralische Pflichten aus: \u201eDu sollst!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Doch mu\u00df ich wirklich? Jedes \u201eDu sollst\u201c erfordert jemanden, der es mir befiehlt. Die Stimme erschallt nur scheinbar aus dem Jenseits, tats\u00e4chlich entspingt sie unserem pers\u00f6nlichen Denkproze\u00df. Es gibt kein Gesetz ohne Gesetzgeber, keine Norm ohne Normengeber, keinen Befehl ohne Befehlsperson. Im Diesseits haben wir menschliche Gesetzgeber; ein Jenseits als Quelle \u00fcbersinnlicher Normen gibt es nicht. Jeder selbst bildet sich seine innersten \u00dcberzeugungen davon, was man &#8222;soll&#8220; und was nicht. Mein Gewissen und meine Moral geh\u00f6ren mir allein, und ich kann mit ihnen machen, was immer mir beliebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau das ist die Grundvoraussetzung f\u00fcr unsere pers\u00f6nliche Freiheit, uns selbst zu entscheiden, welche geistigen Leitplanken unser Handeln bestimmen sollen. Uns ist kein \u201eSinn gestiftet\u201c, das kann nur jeder selbst. Befehle aus dem Jenseits bilden wir uns vielleicht ein oder verk\u00fcnden sie unseren J\u00fcngern. Tats\u00e4chlich sind das Denken und das Sinnstiften menschliche T\u00e4tigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Freilich taugen alle Ideen auch als Waffen des um seine soziale Selbsterhaltung k\u00e4mpfenden Individuums. Dazu sind sie ja da. Solche Funktionsmechanismen zu verstehen ist Anliegen der Sozialwissenschaften. Wer als Sklave die Idee durchsetzt, alle Menschen seien gottgewollt gleich und m\u00fc\u00dften in &#8222;Freiheit&#8220; leben und gleich viel zu essen haben, hat das wohl verstanden. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kultureller Relativismus<\/h3>\n\n\n\n<p>Von dieser geistigen Freiheit haben Menschen schon immer gern Gebrauch gemacht und sich passende G\u00f6tter und ihre angeblichen Gebote oder ein \u201eNaturrecht\u201c ausgedacht, um innergesellschaftliche Anspr\u00fcche auf Gehorsam wirksamer durchzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Darum gab und gibt es ja so viele ganz unterschiedliche Kulturen mit g\u00e4nzlich verschiedenen Normen, die f\u00fcr sich aber meistens absolute Geltung beansprucht haben. Rituelle Menschenopfer, Kannibalismus, Kreuzigungen und Verbrennungen f\u00fcr einen einzig wahren Gott geh\u00f6rten ebenso zum Repertoire menschlicher Ideenvielfalt wie die fixe Idee \u201emenschlicher Gleichheit\u201c: Gegen sie vers\u00fcndigt man sich, wenn man ihr die empirische Ungleichheit entgegenh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil die Welt aber nun einmal so ist und die Menschen sind, wie sie immer waren, kann man das nur fasziniert oder gelegentlich auch gruselnd zur Kenntnis nehmen. Verschiedene Ideen, Werte und Normen geh\u00f6ren zum Menschen, weil wir von Natur aus Kulturwesen sind uns uns immer wieder aufs neue gern ideologisch aufmunitionieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zuschauerrolle in diesem ewigen Schauspiel sozialer Interaktion kann h\u00f6chst am\u00fcsant sein. Den Schiedsrichter spielen zu wollen, ist dagegen m\u00fc\u00dfig.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Historismus<\/h3>\n\n\n\n<p>Soziale Ph\u00e4nomene und kulturelle Sch\u00f6pfungen wie Religionen und Weltanschauungen zu beobachten und zu beschreiben, ist eine empirische Methode. Man kann die \u00fcberlegene Warte des Beobachters umso leichter einnehmen, wenn man nicht pers\u00f6nlich auf dem Scheiterhaufen steht und nicht die eigenen B\u00fccher mit verbrannt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kann man gelassen die Epochen der Geschichte vor dem inneren Auge Revue passieren lassen und fordern, jedes Volk und jede Epoche ohne Vorurteile aus sich selbst heraus zu verstehen. Man fragt dann, wie es damals eigentlich gewesen ist. Historisches Denken verweigert sich der Froschperspektive des Augenblicks, ohne der Versuchung einer Geschichtsmetaphysik zu erliegen:\u00a0 Die Weltgeschichte ist kein Tribunal. Utopien erforscht der Historiker, glaubt aber nicht selbst an sie.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kein Zacken darf aus der Krone fallen<\/h3>\n\n\n\n<p>Alle aufgezeigten Denkmodelle zur Erkl\u00e4rung bestimmter Ph\u00e4nomene greifen harmonisch ineinander. Man gelangt folgerichtig zum Historismus, wenn man an absolute Geltungsanspr\u00fcche irgendwelcher kulturellen Werte und Normen nicht glaubt, und wer umgekehrt einen werterelativistischen Standpunkt vertritt, wird unweigerlich den Historismus bejahen, wenn er konsequent denkt.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Str%C3%B6hl-Rangkronen-Fig._53.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Stroehl-Rangkronen-Fig._53.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5235\" width=\"384\" height=\"206\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Stroehl-Rangkronen-Fig._53.png 512w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Stroehl-Rangkronen-Fig._53-300x161.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 384px) 100vw, 384px\" \/><\/a><figcaption>Krone mit Zacken, deren Anzahl den Rang kennzeichnet (Wikimedia).<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Die Indifferenz gegen\u00fcber angeblich h\u00f6heren Werten ist wiederum die notwendige Folge, wenn man aus der verzwickten Gleichung des sozialen Lebens alle metaphysischen, spiritistischen oder esoterischen Faktoren l\u00f6scht. Das liegt umso n\u00e4her, wenn man auch f\u00fcr die Erkl\u00e4rung der physischen Welt keine Urriesen, Heilsbringer, Sch\u00f6pfer oder Uhrmacher bem\u00fcht, die das Ganze &#8211; nur f\u00fcr uns nat\u00fcrlich &#8211; so fein gef\u00fcgt haben sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Grund f\u00fcr diese Stimmigkeit liegt in eine bestimmten Denkstruktur, die ich hier aufgezeigt habe. Sie entspricht dem Bed\u00fcrfnis des abendl\u00e4ndischen, forschenden, skeptischen Menschen, wie er in Europa seit Menschengedenken in Erscheinung tritt. Alte, weise M\u00e4nner haben die Nebelschwaden von Unwissenheit und Mystizismus, Spiritualismus und Irrationalismus, Glauben und Aberglauben gelichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben guten Grund, stolz auf die alten, wei\u00dfen M\u00e4nner zu sein und ihnen nachzueifern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erkenne dich selbst! Gelegentlich sollten wir kurz innehalten. 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