{"id":572,"date":"2019-11-20T17:54:14","date_gmt":"2019-11-20T16:54:14","guid":{"rendered":"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/?p=572"},"modified":"2019-11-20T17:54:15","modified_gmt":"2019-11-20T16:54:15","slug":"die-hexe-die-keine-war","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/2019\/11\/20\/die-hexe-die-keine-war\/","title":{"rendered":"Die Hexe, die keine war"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><\/h3>\n\n\n\n<p>Historiker sch\u00e4tzen heute, da\u00df in der fr\u00fchen Neuzeit 40000 bis\n60000 Menschen als Hexen oder Hexer umgebracht wurden, weit \u00fcberwiegend Frauen.\nNimmt man die Hexenprozesse hinzu, die nicht mit dem Tod der Angeklagten\nendeten, gelangen wir europaweit zu 3 Millionen Opfern, davon die H\u00e4lfte in\nDeutschland. Wir reden also von einem Massenph\u00e4nomen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das h\u00f6rt sich auch in Kenntnis der psychologischen und\ntheologischen Gr\u00fcnde f\u00fcr diesen Wahn noch ziemlich abstrakt an. Darum wollen\nwir einmal einen typischen Fall n\u00e4her betrachten und uns dann ein Urteil\ndar\u00fcber bilden, ob und worin wir spezifisch weibliches Verhalten oder m\u00e4nnliche\nAnsichten speziell \u00fcber Frauen darin finden. Wir gehen daf\u00fcr nach Ahlsdorf bei\nEisleben ins Jahr 1652. Das Dorf hatte 1626 unter der Pest zu leiden gehabt.\nSie w\u00fctete so arg, da\u00df manchen Tag elf Personen star\u00adben. Die Bev\u00f6l\u00adkerung\nschmolz bedeutend zu\u00adsam\u00admen\u00ad<a href=\"#_edn1\">[i]<\/a>.\nSie setzte sich aus Bergleu\u00adten und Bauern zusam\u00admen: einem rauh\u00adbei\u00adnigen Men\u00adschenschlag.\nDie Verw\u00fcstungen des 30j\u00e4hrigen\nKrieges forderten viele weitere Menschenleben.<\/p>\n\n\n\n<p>1646 wurde das gesamte Dorf durch die sich hierhin w\u00e4lzenden\nKriegsgreuel so v\u00f6llig zerst\u00f6rt, da\u00df fast niemand im Dorfe bleiben konnte. Auch\ndas Pfarrhaus wurde vollst\u00e4ndig ver\u00adw\u00fcstet, so da\u00df der Pfarrer fl\u00fcchten mu\u00dfte\nund die Gemeinde bis 1648 keinen Seel\u00adsorger hatte. Die Ge\u00admeinde bestand nur\nnoch aus einer \u00fcbriggebliebenen Fa\u00admilie, deren an der n\u00f6rd\u00adlichsten Stelle\ngelegenes Haus unzerst\u00f6rt geblieben war. Dem fl\u00fcchtenden Pfarrer versprach\ndiese letzte Familie ihr ganzes Besitztum, wenn er nur bleibe und &#8211; falls n\u00f6tig\n&#8211; f\u00fcr ihre christliche Beerdigung sorgen wolle. Gleichwohl resignierte der\nPfarrer und kehrte erst 1648 zur\u00fcck, mit ihm wohl \u00dcberleben\u00adde der Ge\u00admeinde,\ndie in Eisleben\nSchutz gefunden haben mochten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihm folgte 1652 <a href=\"http:\/\/klauskunze.com\/familienforschung\/as\/engelhardt.htm\">Johann Christoph Engelhard<\/a> (1606-1671) als neuer Pfarrer. Im selben Jahr wurde am 5. Mai die gefangene Zauberin Anna Moll in Sangerhausen wegen Hexerei verbrannt<a href=\"#_edn2\">[ii]<\/a>. Auf der Folter hatte sie, den Sangerh\u00e4user Inqui\u00adsitions\u00ad\u00adakten zufolge, den Hexen\u00adrichtern gestanden, die Anna Kluge zu Ahlsdorf k\u00f6nne auch hexen. Anna Kluge war Witwe eines 1630 gestorbenen Pfar\u00adrers Johann Kluge, mu\u00df bereits in fortgeschrittenem Alter und h\u00e4\u00dflich gewe\u00adsen sein. Sie hatte ent\u00adz\u00fcndete rote Augen, und beim Abendmahl wei\u00adger\u00adten sich die nach ihr Kom\u00admenden, aus dem\u00adselben Kelch zu trin\u00adken, weil sie sich ekelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie h\u00e4tte sie um ihr Auge gebracht, auch den K\u00fchen des\nSuperintendenten in Eisleben die Milch entzogen, so da\u00df sie lauter Blut gaben.\nFerner h\u00e4tte sie das Kind Hans Buchners, der nach Quedlinburg verzogen, um\nbeide Augen gebracht, da\u00df es blind geworden sei. Ebenso habe sie einem Schnei\u00adder\nin Kloster\u00admansfeld ein Kind tot gezau\u00adbert. Wenn es Paul M\u00fcller in der Leuters\u00adgasse\nzu Eisleben nicht verhindert h\u00e4tte, h\u00e4tte der Schneider die Klugin totgehauen. <\/p>\n\n\n\n<p>Diese Anschuldigungen bil\u00addeten die Grundlage eines ersten Pro\u00adzesses,\nder gegen die Kluge als vermeint\u00adliche Hexe angestrengt wurde. Sie wurde am 10.\nMai 1652 gefangen\u00adgesetzt. Letztlich war ihr aber nichts als Verleum\u00addungen\nvorzuwerfen, die der gerichtlichen \u00dcberpr\u00fc\u00adfung nicht stand\u00adhielten. Auch Nach\u00adbarn\naus Ahlsdorf beteiligten sich an den Anschuldigungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach monatelanger Proze\u00df\u00addauer, Gef\u00e4ngnis\u00adhaft und einer Reihe\nharter Verh\u00f6re wurde die Kluge schlie\u00dflich freige\u00adsprochen. Drei Jahre durfte\nsie sich ihrer Freiheit erfreuen. In der Fr\u00fche des 31.Mai 1655 aber erschien\nPfarrer Johann Christoph Engelhardt im Kramladen des Ge\u00adrichts\u00adverwalters\nAugust Seyffardt in Ahls\u00addorf und berichtete in Gegenwart des Johann Georg\nHoffmann, da\u00df wieder wunderbare Reden \u00fcber die alte Klugen umgingen. Sie h\u00e4tte\nToffel Luthers etwa sieben Jahre altem Kinde einen Platz\u00adkuchen gegeben,\nwelches ihr Bier aus der Sch\u00e4nke geholt hatte. Diesen Kuchen habe die Mutter,\nals sie erfuhr, da\u00df er von der Klugen stammte, dem Hund vorgeworfen. Dieser\nhabe sich bald hierhin, bald dorthin geworfen, gewinselt und gemurret und weder\nleben noch sterben k\u00f6nnen. H\u00e4tte das Kind den Kuchen gegessen, h\u00e4tte man\nwahrlich ein Spektakel an ihm sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag fand sich Rebekka, Toffel Luthers Frau, ebenfalls\nbeim Ge\u00adrichtsverwalter ein. Sie best\u00e4tigte des Pfarrer Engelhardts Bericht und\nf\u00fcgte noch einiges hinzu. Toffel Luther bekr\u00e4ftigte am 2. Juni die Aussage\nseiner Frau.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kluge be\u00adschwerte sich bei Seyffardt \u00fcber die grundlosen\nVerleum\u00addungen. Am 6.Juni for\u00adderte dieser die Parteien vor. Die Luthern sagte\nder Klugen ihre Anschul\u00addigungen ins Gesicht, wor\u00adauf diese erwi\u00adderte, im\nKuchen sei nichts B\u00f6ses gewesen als Wasser und Mehl. Am 19. Juni lie\u00df Seyffardt\ndie Anklage\u00adpunk\u00adte an die gr\u00e4f\u00adliche Kanz\u00adlei nach Eisleben abge\u00adben.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 26. fand in Klostermansfeld\nauf dem Amte in Gegenwart von Richter und Sch\u00f6ffen die f\u00f6rmliche Vernehmung\nstatt. Die Kluge gab an, das Kind gegr\u00fc\u00dft und gesagt zu haben: &#8222;Willst du\nmir ein N\u00f6sel Bier holen?&#8220; Darauf habe sie dem Kind den Platzkuchen\ngegeben. Wie sich der Hund nach dem Fressen des Kuchens angestellt habe, wisse\nsie nicht. Es sei ein alter Hund gewesen, der weder h\u00f6ren noch sehen konnte, er\nhabe auch ein b\u00f6ses Bein gehabt. &#8222;Gott beh\u00fcte mich, da\u00df ich dem Kinde die\nb\u00f6sen Dinger durch den Kuchen h\u00e4tte beibringen und es bezaubern wollen und\ndarum eine Hexe sein m\u00fcsse. Aus gutem Willen und Barmherzigkeit habe ich dem\nKinde den Kuchen gegeben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"898\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/23-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-579\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/23-1.jpg 600w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/23-1-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption>Folterung durch Beinschraube und Aufzeichnung des Gest\u00e4ndnisses (Millaeus, Praxis criminalis, Paris, Colinaeus, 1541), hier entnommen: <a href=\"http:\/\/klauskunze.com\/hf\/art\/1983\/Gerechtigkeit.html\">K. Kunze,  Der reformierte Strafproze\u00df in den bildlichen Darstellungen des 16. Jahrhunderts , 1983, S.23<\/a>. <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach dem Verh\u00f6r wurde die Kluge wieder in Haft genommen und Tag und\nNacht bewacht. Am 27. \u00f6ffnete man den Hund und fand am Magen zwei Knoten von\nder Gr\u00f6\u00dfe einer welschen Nu\u00df. Sie wur\u00adden auf\u00adge\u00adschnitten, und man fand darin\nviele W\u00fcrm\u00ad\u00adlein, r\u00f6t\u00adlich und d\u00fcnn wie Zwirns\u00adf\u00e4\u00adden.<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Anklage hatte man noch nicht genug. Pfarrer En\u00adgelhardt\nreichte am 9.7.1655 dem Ge\u00adrichte ein: &#8222;<em>Ich war vom General\u00ad\u00adsuperintendenten er\u00ad\u00admahnt, ihr im Beichtstuhl die\nerschreckli\u00adchen Gerichte Gottes an\u00adzu\u00adzeigen, denen nie\u00admand ent\u00adlau\u00adfen wird,\nwenn er solches \u00dcbeles tue. Dagegen hat sie sich im Beichstuhl heftig geweh\u00adret,\nund als sie dann am Sonntag, 18. nach Trini\u00adtatis, kommu\u00adniziert, habe ich ihr\nzwar die Hostie wohl wissent\u00adlich beige\u00adbracht, aber mein Beicht\u00advater, Herr\nWolf\u00adgang Kluge, Pfarrer zu Hergisdorf, der administrieren half, hat ihr das\nwenige, so noch im Kelch war &#8211; sie war die letzte von 26 Personen &#8211; nicht\nbeibringen k\u00f6nnen, sondern hat einer anderen Weibs\u00adper\u00adson, so vom Altar die\nn\u00e4chste ge\u00adwe\u00adsen, das wenige voll\u00adends bei\u00adbringen m\u00fcs\u00adsen. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Am 27.Juni war ich in Anna\u00adrode\nbei meinem gewe\u00adsenen Pfarr\u00adkinde Barthol Rie\u00adbe\u00ad\u00adsamen, Gr\u00e4f\u00adlich Mans\u00adfel\u00addi\u00adschem\nWild\u00adsch\u00fctzen, der mir wegen Schulden etwas von der Gr\u00e4\u00adserei aus\u00adwei\u00adsen\nwollte. Der erz\u00e4hlte mir, sein T\u00f6chterchen, das ich am 20. Fe\u00adbru\u00adar begra\u00adben\nhatte, sei von der Kluge bis in den Tod ver\u00adhext, denn sie habe auch im Leibe\nsol\u00adche W\u00fcrmer gehabt wie der Hund.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"656\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/04HexenWEB.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-577\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/04HexenWEB.jpg 1000w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/04HexenWEB-300x197.jpg 300w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/04HexenWEB-768x504.jpg 768w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/04HexenWEB-900x590.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Bei einem Gest\u00e4ndnis drohte einer als Hexe Beschuldigten die Verbrennung. <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die Kluge habe sich in einem\nGe\u00adz\u00e4nk h\u00f6ren lassen, es solle sie gereu\u00aden, dieweil alles vom Kind aufgezeh\u00adret\nund es des Todes sein m\u00fc\u00dfte. Ferner sagte sein Weib in Ge\u00adgenwart des Schafmeisters\nValten Storch, sie w\u00e4re mit der Kluge zum Abendmahl ge\u00adgangen. Dabei lie\u00dfe\ndiese allezeit die j\u00fcngsten Weiber vorgehen, weil manche einen Ekel gehabt. Als\nsie den Leib Christi von mir empfangen, habe sie die Schaube<\/em><a href=\"#_edn3\">[iii]<\/a><em> vor den Mund getan und das Maul hart\ngewischet, wollte gar b\u00f6se Gedanken haben. Was sie aber danach getan hat, habe\nich nicht gesehen, wei\u00df auch nicht.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In der gerichtlichen Hauptver\u00adhand\u00adlung am 1. Au\u00adgust 1655 wurden\nAngeklagte und Zeugen einander gegen\u00ad\u00fcbergestellt und im einzel\u00adnen vernommen.\nAlle Seiten bleiben bei ihren vorherigen Aussagen. Die Eheleute Luther\nbehaupteten, die Kluge sei eine Hexe, was diese nat\u00fcrlich bestritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Riebesamen schilderte, wie seine Frau und die Klugen sich gezankt\nh\u00e4tten. Diese habe gesagt, das solle seine Frau noch gereuen. Daraufhin sei\nsein Kind krank und ganz welk geworden und, wie er bitterlich weinend ausf\u00fchrt,\nim zweiten Lebensjahr gestorben. Das Kind habe zuvor immer bei der Klugen\ngesteckt, die ihm gebratene \u00c4pfel und Birnen gegeben habe, auch Kuchen. Es sei\n\u00fcber das ganze K\u00f6r\u00adper\u00adchen blau und braun ge\u00adwor\u00adden und habe stets \u00fcber sein\nBeinchen ge\u00adschrien.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kluge leugnete, sich mit der Riebe\u00adsamen gezankt und das Kind\nbezaubert zu haben. Die\u00adses habe in des Nachbarn Scheune zuviel Zwiebel\u00adbeeren\ngegessen und darauf erbrochen. Die Eltern h\u00e4tten in der Apo\u00adtheke ein\nP\u00fclverchen f\u00fcr das Kind machen lassen. Es sei immer un\u00adp\u00e4\u00df\u00ad\u00adlich gewesen und\naus dem Bett gefallen, davon sei es immer schlimmer ge\u00adworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter wollte Riebesam von seiner Frau, die sich daran aber nicht\nerinnerte, geh\u00f6rt haben, da\u00df die Kluge sich weigere, beim Abendmahl den Wein zu\ntrinken. Die Kluge leugnet auch das. Nach beende\u00adtem Verh\u00f6r wird ihr er\u00f6ffnet,\nin Haft ge\u00adnommen zu werden. Dem wider\u00adspricht sie heftig: Das Gef\u00e4ngnis sei so\nunleidlich, da\u00df sie alte Frau es wegen des Ungezie\u00adfers dort nicht aushalten\nk\u00f6nne. Auf ihre Bitten wird sie verschont und auf ihre eigenen Kosten unter\ndauern\u00adder Be\u00adwachung in einer Scheune einquartiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Abendmahlsangelegenheit be\u00adsch\u00e4f\u00adtig\u00adte auch das\nGr\u00e4flich-Mansfeldische Kon\u00adsi\u00adstorium in Eisleben als zust\u00e4ndige Be\u00adh\u00f6rde. Der\nTermin fand in Eisleben am 28. Juli 1655 statt. Pfar\u00adrer Wolfgang Klu\u00adge sagte\nunter Eid aus, er habe bei Aus\u00adtei\u00adlung des Sakra\u00adments geholfen und der Klugen\nden Kelch gereicht, Sie habe tat\u00ads\u00e4chlich nur ganz wenig genossen, obwohl sie\nvon 24 Per\u00adsonen die letzte gewe\u00adsen sei und h\u00e4tte aus\u00adtrin\u00adken k\u00f6nnen. Als er\nfr\u00fcher Orts\u00ad\u00adpfarrer gewe\u00adsen sei, habe sie auch im\u00admer nur ganz wenig\ngenossen. Der fr\u00fchere Su\u00adper\u00adintendent M. Aeschard habe ihn auch oft ge\u00adwarnt,\ner solle sich vor der Klugen h\u00fcten, mit der sei es nicht richtig.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u00e4mtliche Akten gingen am 4. August 1655 an den Leipziger\nSch\u00f6ffenstuhl, der antwortete, nach dem Inhalt der Akten erscheine die\nAngeklagte schuldig. Man solle sie peinlich befragen. Vor diesem pein\u00adlichen\nVerh\u00f6r wurde sie noch einmal auf der Amtsstube in Gegenwart des Scharf\u00adrichters\ngefragt und die Tortur angedroht, wenn sie nicht endlich gestehen wolle. Als\nsie wieder standhaft leugnete, folgte sofort das peinliche Verh\u00f6r. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Protokoll der ihr zugef\u00fcgten Qualen f\u00fcllt Seiten. Zuerst legte\nman ihr Daumen\u00adschrauben an, dann in\u00adwendig mit Spitzen versehene\n&#8222;spanische Stiefel&#8220;, die der Scharf\u00ad\u00adrichter immer enger zusam\u00admen\u00adschn\u00fcrte.\nIhr wurde ein Instrument in den Mund gesteckt, das Schreien zu ver\u00adhindern.\nImmer wieder hielt man ihr vor, doch endlich zu gestehen, mit dem B\u00f6sen ein\nB\u00fcndnis zu haben. Sie aber blieb bei aller Pein standhaft, es geschehe ihr\nGewalt und Un\u00adrecht, gebe es denn keine Barmher\u00adzigkeit?<\/p>\n\n\n\n<p>Nunmehr brannte man ihr s\u00e4mtliche K\u00f6rperhaare ab, schn\u00fcrte die\nStiefel besonders eng und die Arme r\u00fcckw\u00e4rts in die H\u00f6he. Sie schrie: Gott\nhelfe ihr, diese Pein auszuhalten, sie k\u00f6nne doch nichts gestehen, das sie\nnicht getan h\u00e4tte. &#8211; Nach weiteren Foltern fragte sie, ob es S\u00fcnde sei, wenn\nsie jetzt bekennte, den Teufel zu haben, obwohl das gar nicht stimme. Man\nantwortete ihr, nur die Wahrheit solle sie sagen. Jetzt lie\u00df der Scharfrichter\nauf die angezogenen Stiefel und ihren Leib mit einem Federwische Feuer fallen.\nZuerst zuckte und schrie sie, dann erlitt sie die Qualen schweigend. Das ganze\nGericht wunderte sich dar\u00fcber, wie sie diese Schmerzen aushielt und dabei keine\nTr\u00e4ne vergo\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt herrschte man gar den Schar\u00adf\u00adrichter an, ob er nicht das\nSeinige tue wie ihm der Sch\u00f6f\u00adfenstuhl gehei\u00dfen. Die\u00adsem aber war es gesetzlich\nverwehrt, das Blut der Angeklagten zu vergie\u00dfen, bevor sie verur\u00adteilt war. Die\npeinliche Befragung mu\u00dfte sich auf Mittel beschr\u00e4nken, bei denen kein Blut\nflo\u00df. Er gab daher zur\u00fcck, da\u00df er der An\u00adgeklagten kraft des Sch\u00f6f\u00adfen\u00adspruches\ndiesmal nicht mehr an\u00adtun d\u00fcrfe. Daher l\u00f6ste er sie befehls\u00ad\u00adgem\u00e4\u00df wieder von\nder Leiter ab, an die sie gebunden war, zog ihr die Stiefel wieder aus,\nbefreite ihre H\u00e4nde und setzte ihr die ausgerenkten Arme wieder zurecht. Nach\nzweist\u00fcndiger Folter brachte er die Kluge wieder ins Gef\u00e4ng\u00adnis, ohne da\u00df sie\nauch nur eine Silbe eingestanden h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mangels Gest\u00e4ndnis entschied der Leipziger Sch\u00f6ffenstuhl, die\nBeweise reichten nicht aus. Die Ange\u00adklagte mu\u00dfte Urfehde\nschw\u00f6ren, das hei\u00dft, sie mu\u00dfte geloben, den Richtern, Sch\u00f6ffen und dem\nScharfrichter nichts nach\u00adzutragen und keine Rache zu \u00fcben. Nach ihrer Frei\u00adlas\u00adsung\nver\u00adlangte man von ihr jedoch, \u00adob\u00adwohl sie freigesprochen war &#8211; Gerichts\u00ad\u00adkosten.\nAus Ahlsdorf scheint sie weg\u00adgezo\u00adgen zu sein, denn im Ahlsdorfer Kirchenb\u00aduch\nverlautet nichts \u00fcber ihr weiteres Schicksal. &#8211;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"644\" height=\"836\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/25.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-580\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/25.jpg 644w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/25-231x300.jpg 231w\" sizes=\"auto, (max-width: 644px) 100vw, 644px\" \/><figcaption>Richter und Sch\u00f6ffen vereidigen zwei Zeugen (Bambergische Halsgerichtsordnung, 1507)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der \u00f6rtliche Pfarrer Johann Chri\u00adstoph Engelhardt wurde sp\u00e4ter\nwegen Ehe\u00ad\u00adbruchs ver\u00adtrieben. Er verlie\u00df seine Frau und seine vier Kinder,\nwand\u00adte sich gen S\u00fc\u00adden und sie\u00addelte sich in Schna\u00adbel\u00adwaid an, einer kleinen\nOrt\u00adschaft knapp 20 km s\u00fcdlich von Bay\u00adreuth. Hier erhielt er am 16. April 1657\neine Pfarrstelle und heiratete am 26. Januar 1658 Ursula Geb\u00adhardt, eine\nGastwirtswitwe aus Bern\u00adeck. Bald wurde aber ruchbar, da\u00df Engelhardt daheim in\nAhlsdorf schon Frau und Kind hatte, und er wurde 1667 wegen Dop\u00adpelehe seines\nAmtes enthoben. Schlie\u00dflich starb er in Wunsiedel am 20. Februar 1671 in Armut.<a href=\"#_edn4\">[iv]<\/a>\n&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Begebenheit finden wir alle Gegens\u00e4tzlichkeiten vereint:\nDie boshafte, denunzierende Nachbarin ebenso wie die standhafte alte Witwe,\naber auch den bigotten Pfarrer ebenso wie den n\u00fcchtern urteilenden weltlichen\nRichter. Nicht die ganze Gesellschaft war der Wahndoktrin verfallen. Es gen\u00fcgte\naber ein kleiner Ansto\u00df, um ein vielleicht t\u00f6dliches R\u00e4derwerk in Gang zu\nsetzen. Der Hexenwahn und die Verfolgung waren kein rein m\u00e4nnliches Spezifikum.\nEine &#8211; warum auch immer &#8211; denunzierende Nachbarin gab den Ansto\u00df. Und unser\nlutherischer Seelenhirte entpuppte sich am Ende auch noch als Ehebrecher,\nverlie\u00df seine Frau und f\u00fchrte eine Zweitehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Mitte des 17. Jahrhunderts ebbte die Hexenverfolgung\nlangsam ab. Zwar w\u00e4ren sie ohne christliche Doktrinen gar nicht erst in Gang\ngekommen. Aber nicht die Kirche war die treibende Kraft. H\u00e4ufig verbanden sich\nrein weltliche Denunziationslust, Rachsucht und Bosheit zu einem Ursachenb\u00fcndel\nf\u00fcr sich steigernde regionale Verfolgungswellen. Dabei waren es immer wieder\ngerade f\u00fchrende Theologen, die aufgrund ihrer Bildung und aufkl\u00e4rerischer\nLekt\u00fcren erkannten, welche grausamen Verbrechen hier im Namen Gottes und der\nMenschen begangen wurden. <\/p>\n\n\n\n<p>Einer der bekanntesten ist der Jesuit und Dichter <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Friedrich_Spee\">Friedrich Spee von Langenfeld<\/a> (1591-1635). Es gebe zwar unbestreitbar wirklich Hexen, aber lange nicht so viele, wie als Hexen angeklagt und verbrannt w\u00fcrden. Was allgemein Hexen zur Last gelegt werde, geschehe nach Meinung von Naturkundigen nach &#8222;dem gemeinen Lauf der Natur&#8220; wie Wolkenbr\u00fcche, unverhoffte Hagelst\u00fcrme, Donnerschlag bei heiterem Himmel und so weiter. \u00c4rzte spr\u00e4chen von vielen in der Natur verborgenen Dingen, die t\u00e4glich sich mit Verwunderung den Leuten er\u00f6ffnen, die der nat\u00fcrlichen Reicht\u00fcmer unerfahren seien: Es h\u00e4tten die gelehrtesten Leute von vielen hundert Jahren her solche Dinge nicht genug ergr\u00fcnden k\u00f6nnen. Geschehe aber ein Ungl\u00fcck oder etwas Ungewohntes, kommen wir sogleich unbedachtsam, abergl\u00e4ubisch und unwissend hergeplumpt und klagen \u00fcber Hexen und Zauberei.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Hier ist abermals der P\u00f6bel wegen seines Neides und Bosheit schuldig. Keine Nation leugnet, da\u00df nicht allezeit Leut seien, welche Gott vor anderen in zeitlichen G\u00fctern mehr als gesegnet. [\u2026] H\u00f6re hier unseren deutschen P\u00f6bel! Flugs kommt ein Nachbar, der zur\u00fcckbleibt. Der steckt den Kopf mit seinesgleichen zu Hauf. Man fanget an munkeln, es gehe mit Hexerei zu. Erstlich entstehet ein Argwohn, dieser w\u00e4chst, so man einen in der Kirchen and\u00e4chtiger beten sieht.&#8220;<a href=\"#_edn5\">[v]<\/a> <\/p><cite> Friedrich Spee von Langenfeld, Gewissens-Buch: Von Processen Gegen die Hexen. Bremen, 1647 <\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Spee gei\u00dfelte das kleinb\u00fcrgerliche Denunziantentum des ewig guten moralischen Gewissens. Gnadenlos deckte er den ganzen Hexenaberglauben mit seinen psychologischen Hintergr\u00fcnden auf. Er argumentiert so modern und bezieht naturwissenschaftliche Erkl\u00e4rungen ein, da\u00df man bei einem im Jahr 1635 verstorbenen kirchlichen Autor nur staunen kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Damit waren die Tage des Hexenglaubens gez\u00e4hlt. Nur noch Spott hatte der Jurist Johann Siegfried Cleffel in seiner &#8211; vorsichtshalber unter Pseudonym gedruckten &#8211; Schrift von 1703 f\u00fcr ihn \u00fcbrig: Aberglauben sei eine &#8222;so sch\u00e4dliche Gem\u00fctskrankheit, da\u00df er die Atheisterei an Torheit bei weitem \u00fcbertrifft&#8220;<a href=\"#_edn6\">[vi]<\/a>. Er argumentiert ganz prozessual mit der Beweislast und denkt empirisch: Da\u00df der Teufel wie ein Kalendermacher auf die Elemente und die Witterung Acht habe und den Hexen zu sieden und zu braten eingebe, sei unglaubhaft, bis es erwiesen sei.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><a href=\"https:\/\/www.lindenbaum-verlag.de\/contents\/de\/d41.html#p226\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"359\" height=\"499\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/51BfSxYUBFL._SX357_BO1204203200_.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-214\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/51BfSxYUBFL._SX357_BO1204203200_.jpg 359w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/51BfSxYUBFL._SX357_BO1204203200_-216x300.jpg 216w\" sizes=\"auto, (max-width: 359px) 100vw, 359px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Lesen Sie weiter im Buch &#8222;<a href=\"https:\/\/www.lindenbaum-verlag.de\/contents\/de\/d41.html#p226\">Das ewig Weibliche<\/a>&#8222;, dem der vorstehende Textauszug entnommen ist.<br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref1\">[i]<\/a> F.G. Tauer, Die evangelischen Geistlichen an\nder S.Martinikirche zu Ahlsdorf, Mansfelder Bl\u00e4tter 1891 S.164 f. (165).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref2\">[ii]<\/a> Mit weiteren Einzelheiten siehe Klaus Kunze, Geschichte des reichsadligen Geschlechts der Engelhardte von Haselbach, Teil 2, in: D\u00fcsseldorfer Familienkunde, Hrg. D\u00fcsseldorfer Verein f\u00fcr Familienkunde e.V., 23.Jahrgang, Heft 2\/1987, S.41 ff. <a href=\"http:\/\/klauskunze.com\/familienforschung\/as\/engelhardt.htm\">Christoph Engelhard<\/a> ist direkter Vorfahre des Verfassers in der 12.Ahnengeneration. Siehe ferner Max K\u00f6nnecke, Zwei Hexenprozesse aus der Graftschaft Mansfeld, Mansfelder Bl\u00e4tter 1896, S.2 ff. (34 ff.)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref3\">[iii]<\/a> Schaube: Kleidungsst\u00fcck,\ndessen Oberkante sie von unten nach oben bis \u00fcber den Mund gezogen haben soll.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref4\">[iv]<\/a> Matthias Simon, Bayreutisches Pfarrer\u00adbuch, Die\nEvgl. \u00adluth. Geistlichkeit des F\u00fcr\u00adsten\u00ad\u00adtums Kulmbach-Bayreuth (1528\/29\u00ad-1810),\n1930, S.59,<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref5\">[v]<\/a> Friedrich Spee von Langenfeld, Gewissens-Buch: Von\nProcessen Gegen die Hexen. Bremen, 1647<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref6\">[vi]<\/a> &#8222;Hieronymus a sancta\nfide&#8220;, Gr\u00fcndliche Abfertigung der Unpartheyischen Gedancken eines\nungenannten Auctoris, die er von der Lehre De Crimine Magiae des hochber\u00fchmten\nHerrn D. Christiani Thomasii, Frankfurt 1703, Vorrede und \u00a7 21. Zur Autorschaft\ndes Johann Siegfrid CLEFFEL siehe Heinrich Laehr,\nDie Literatur der Psychiatrie im XVIII. Jahrhundert, 2.Aufl., Berlin 1895, S.5.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Historiker sch\u00e4tzen heute, da\u00df in der fr\u00fchen Neuzeit 40000 bis 60000 Menschen als Hexen oder Hexer umgebracht wurden, weit \u00fcberwiegend Frauen. 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