{"id":6140,"date":"2024-03-26T17:52:38","date_gmt":"2024-03-26T16:52:38","guid":{"rendered":"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/?p=6140"},"modified":"2024-03-26T17:52:39","modified_gmt":"2024-03-26T16:52:39","slug":"ist-schoenheit-subjektiv-eine-einbildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/2024\/03\/26\/ist-schoenheit-subjektiv-eine-einbildung\/","title":{"rendered":"Ist Sch\u00f6nheit subjektiv:  eine Einbildung?"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Abri\u00dfbirne der Moderne geht um. Sie tilgte alle Vorstellungen einer substanzhaften Identit\u00e4t aus dem Denken ihrer typischen Vertreter: der Massenmenschen. Ihr j\u00fcngstes und bekanntestes Opfer sind die M\u00e4nnlichkeit und die Weiblichkeit. Es gebe nichts substanzhaft M\u00e4nnliches und Weibliches, das sei nur von der subjektiven Meinung des Subjekts von sich selbst abh\u00e4ngig.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines der fr\u00fchen, noch vormodernen Opfer der Dekonstruktion war die Sch\u00f6nheit. Sie sei gar nicht real und objektiv vorhanden. Modern erzogene Leute glauben sie &#8222;im Auge des Betrachters&#8220;. Sie bestreiten ihre Existenz rundweg. <\/p>\n\n\n\n<p>Indessen waren Philosophen, K\u00fcnstler und Publikum seit der Antike \u00fcber das genaue Gegenteil einig. Die Sch\u00f6nheit fand sogar ihre g\u00f6ttliche Verk\u00f6rperung in der Idee von &#8222;Aphrodite&#8220;. In der griechischen Mythologie fragten die drei G\u00f6ttinnen den Prinzen Paris nicht danach, welche er am sch\u00f6nsten f\u00e4nde, sondern welche die sch\u00f6nste sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie die altgriechischen K\u00fcnstler sehr wohl wu\u00dften und beachteten, h\u00e4ngt Sch\u00f6nheit des menschlichen K\u00f6rpers ebenso mit &#8222;richtigen&#8220; Proportionen zusammen wie Sch\u00f6nheit eines Bauwerks. Die alten Tempel folgten ebenso ausgekl\u00fcgelten Zahlenproportionen wie unsere gotischen Dome. Beachtet man sie, entsteht vollendete Harmonie. Eine Mi\u00dfachtung der richtigen Proportionen kann ebensowenig zu Sch\u00f6nheit f\u00fchren, wie 1 + 1 = 2 keineswegs Ansichtssache ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Natur ist sch\u00f6n<\/h2>\n\n\n\n<p>Dem ber\u00fchmten Verhaltensforscher Konrad Lorenz war aufgefallen, Natur sei immer sch\u00f6n. Sie &#8222;schafft&#8220; nichts H\u00e4\u00dfliches. Einer der Gr\u00fcnde liegt in der arterhaltenden Funktionst\u00fcchtigkeit eines K\u00f6rpers, dessen Teile miteinander harmonieren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"966\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2016-05-21-Mai-066-1024x966.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6143\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2016-05-21-Mai-066-1024x966.jpg 1024w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2016-05-21-Mai-066-300x283.jpg 300w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2016-05-21-Mai-066-768x725.jpg 768w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2016-05-21-Mai-066-1536x1450.jpg 1536w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2016-05-21-Mai-066-2048x1933.jpg 2048w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2016-05-21-Mai-066-900x849.jpg 900w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2016-05-21-Mai-066-1280x1208.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Bl\u00e4uling (Polyommatus icarus) 21.5.2019: vollendete Harmonie und Sch\u00f6nheit<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wie alle Schmetterlinge ist der Bl\u00e4uling sch\u00f6n. Seine \u00e4sthetische Sch\u00f6nheit ist ebenso wirklich, wie es wirklich gerade und ungerade Zahlen, liebevolle Blicke oder das Strahlen der Sonne gibt. Alles das entsteht nicht erst, wenn es jemand wahrnimmt. Schmetterlinge waren bereits sch\u00f6n, als unsere haarigen Vorfahren sich noch von Ast zu Ast schwangen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Sch\u00f6nheit entsteht aus passender Proportion der einzelnen Bestandteile zueinander, aus Symmetrie, Ausgewogenheit und anderen Faktoren, um welche schon die alten Meister der Antike wu\u00dften. Sie lehrten sie ihre Sch\u00fcler, und bis heute verm\u00f6gen\u00a0 wir Menschen Sch\u00f6nheit zu erkennen, wenn wir sie mit unseren Augen erblicken. Diese Sch\u00f6nheit umgibt uns vor unseren Augen. Sie liegt aber nicht etwa im Auge des Betrachters. Im Auge liegt \u00fcberhaupt nichts: Unser Sehnerv leitet Impulse weiter, und unser Gehirn setzt ein Abbild des Gesehenen zusammen. Die Sch\u00f6nheit, oft auch H\u00e4\u00dflichkeit, spiegelt sich in unserem Gehirn nur spiegelbildlich ab. Unsere Vorstellung erzeugt die Sch\u00f6nheit nicht erst. Sie ist bereits vorhanden, ebenso wie ein aufgemaltes Quadrat nicht erst zum Quadrat wird, wenn wir es wahrnehmen.<\/p><cite>Klaus Kunze, <a href=\"http:\/\/klauskunze.com\/heikun\/fa\/index.htm\">Faltertr\u00e4ume, Uslar 2013<\/a>. <a href=\"http:\/\/klauskunze.com\/heikun\/fa\/index.htm\">ISBN 978-3-933334-24-4.<\/a><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6nheit liege im Auge des Betrachters, und alles sei Geschmackssache ist die Lieblingsausrede derer, die kein Sch\u00f6nheitsempfinden oder keinen Geschmack haben. Es gibt Bedauernswerte, die blo\u00df viele Buchstaben sehen, aber das Wort nicht lesen k\u00f6nnen, und Gem\u00fctsathleten, die Freude und Leid nicht empathisch mitempfinden. So ist es auch mit der Sch\u00f6nheit:<\/p>\n\n\n\n<p>Der glei\u00dfende Sternenhimmel und das Fl\u00fcgelschlagen des Falters waren bereits vor Jahrmillionen sch\u00f6n, und der David Michelangelos wird selbst noch von menschlicher Sch\u00f6nheit k\u00fcnden, wenn die ausgestorbene Art Homo sapiens die Natursch\u00f6nheiten unseres Planeten&nbsp; vernichtet und diesen in eine h\u00e4\u00dfliche M\u00fcllkippe verwandelt haben wird.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Nur Menschen fabrizieren H\u00e4\u00dfliches<\/h2>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Sch\u00f6nheit idealer Kunstwerke sind Menschen verantwortlich, aber ebenso f\u00fcr alle Ausw\u00fcchse des H\u00e4\u00dflichen. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die allgemeine und rasch um sich greifende Entfremdung von der lebenden Natur tr\u00e4gt einen gro\u00dfen Teil der Schuld an der \u00e4sthetischen und ethischen Verrohung der Zivilisationsmenschen. Woher soll dem heranwachsenden Menschen Ehrfurcht vor irgend etwas kommen, wenn alles, was er sieht, Menschenwerk , und zwar sehr billiges und h\u00e4\u00dfliches Menschenwerk ist?<\/p><p>Konrad Lorenz, Die acht Tods\u00fcnden der zivilisierten Menschheit, 9.Aufl. 1978, S.28.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Betrachten wir nur einmal die seit Jahrzehnten staatlich errichteten Betonk\u00e4sten, die die unsere Kinder als &#8222;Schulen&#8220; gehen m\u00fcssen, und vergleichen sie mit den k\u00fcnstlerisch geschm\u00fcckten architektonischen Meisterwerken fr\u00fcherer Zeit.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"658\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/1908-Hansa-Hymnasium-1024x658.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6144\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/1908-Hansa-Hymnasium-1024x658.jpg 1024w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/1908-Hansa-Hymnasium-300x193.jpg 300w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/1908-Hansa-Hymnasium-768x493.jpg 768w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/1908-Hansa-Hymnasium-1536x986.jpg 1536w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/1908-Hansa-Hymnasium-900x578.jpg 900w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/1908-Hansa-Hymnasium-1280x822.jpg 1280w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/1908-Hansa-Hymnasium.jpg 1587w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Hansa-Gymnasium in K\u00f6ln, erbaut 1901-1907, hier um 1908.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein junger Mensch sollte die Chance haben, die objektiv vorhandenen Sch\u00f6nheitsma\u00dfst\u00e4be in seinem Alltag zu sehen, zu erleben und zu verinnerlichen. Andernfalls l\u00e4uft er Gefahr, eine Betonwand in seiner Gesamtschule f\u00fcr sch\u00f6n zu halten. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"809\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2014-07-15.Juli-45-809x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6151\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2014-07-15.Juli-45-809x1024.jpg 809w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2014-07-15.Juli-45-237x300.jpg 237w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2014-07-15.Juli-45-768x972.jpg 768w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2014-07-15.Juli-45-1214x1536.jpg 1214w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2014-07-15.Juli-45-1619x2048.jpg 1619w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2014-07-15.Juli-45-900x1139.jpg 900w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2014-07-15.Juli-45-1280x1620.jpg 1280w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2014-07-15.Juli-45-scaled.jpg 2023w\" sizes=\"auto, (max-width: 809px) 100vw, 809px\" \/><figcaption>Atemberaubend sch\u00f6n: Mittlerer Weinschw\u00e4rmer (Deilephila elpenor) 15.7.2014<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>So nimmt es denn kaum Wunder, wenn das Vordringen der Zivilisation mit einer so bedauernswerten Verh\u00e4\u00dflichung von Stadt und Land einhergeht. Man vergleiche sehenden Auges das alte Zentrum irgendeiner deutschen Stadt mit ihrer modernen Peripherie oder auch diese sich schnell ins umgebende Land hineinfressende Kulturschande mit den von ihr noch nicht angegriffenen Ortschaften.<\/p><cite>Konrad Lorenz, am angegebenen Ort.<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der Nobelpreistr\u00e4ger weist darauf hin, wie schon zu seiner Zeit vor 50 Jahren nicht nur die kommerzielle Erw\u00e4gung, da\u00df massenhaft herstellbare Bauteile billiger kommen, sondern auch die nivellierende Mode dazu f\u00fchren, da\u00df an allen Stadtr\u00e4ndern aller zivilisierten L\u00e4nder Massenbehausungen zu Hunderttausenden entstehen, die nur an ihren Nummern voneinander unterscheidbar sind. Sie seien bestenfalls wie &#8222;Batterien von St\u00e4llen f\u00fcr Nutzmenschen&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u00c4sthetisches und ethisches Empfinden sind offenbar sehr eng miteinander verkn\u00fcpft, und Menschen, die unter den eben besprochenen Bedingungen leben m\u00fcssen, erleiden ganz offensichtlich eine Atrophie beider. Sch\u00f6nheit der Natur und Sch\u00f6nheit der menschengeschaffenen kulturellen Umgebung sind offensichtlich beide n\u00f6tig, um den Menschen geistig und seelisch gesund zu erhalten. Die totale Seelenblindheit f\u00fcr alles Sch\u00f6ne, die heute so rapide um sich greift, ist eine Geisteskrankheit, die schon deshalb ernst genommen werden mu\u00df, weil sie mit einer Unempfindlichkeit gegen das ethisch Verwerfliche einhergeht.<\/p><cite>Konrad Lorenz, ebenda, S.30.<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Es spricht vieles daf\u00fcr, da\u00df wir in Deutschland inzwischen von einer Generation regiert werden und sich weitere herausbilden, die alle Merkmale dieser Geisteskrankheit tragen. Die Generation der heute regierenden 1968er Pflastersteinwerfer erkl\u00e4rte damals eine &#8222;Fettecke&#8220; eines sogenannten K\u00fcnstlers f\u00fcr Kunst und installierte sie in einem Museum, und ihre Kinder und Enkel leiden unter psychiatrischer Behandlungsbed\u00fcrftigkeit wie noch keine andere Generation zuvor. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Liebe statt Ha\u00df<\/h2>\n\n\n\n<p>Selbstha\u00df und Depressionen greifen um sich. Sie haben nicht zu lieben gelernt und wissen nichts von Sch\u00f6nheit. So empfinden sie nur tief in ihrer Seele ein tiefes, schwarzes Loch, einen st\u00e4ndigen Phantomschmerz nach dem Sch\u00f6nen, nach etwas, das sie lieben k\u00f6nnen und das ihr Herz erhebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher hatten viele junge Menschen noch die reale Natur im Auge. Sie liebten sie und wollten sie sch\u00fctzen. Aus dem Schutz der realen Natur ist ein sektenhafter Klimawahn geworden, der in seiner Raserei selbst vor dem Abholzen alter W\u00e4lder nicht halt macht. Hier, in der realen, konkret vorhandenen Natur k\u00f6nnten jene Klimakleber und andere Verfechter eines modernen Bevormundungsstaates noch die wirkliche Natur in ihrer Sch\u00f6nheit lieben lernen. Sie lieben aber nur ihre wenig handgreiflichen Ideen und sind von Zukunftsvisionen und Endzeit\u00e4ngsten gepeingt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"417\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2007-06-30-11-a.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6146\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2007-06-30-11-a.jpg 640w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2007-06-30-11-a-300x195.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption>Achat-Eulenspinner (Habrosyne pyritoides) 30.6.2007 &#8211; perfekte Sch\u00f6nheit im Kleinen<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wer Sch\u00f6nheit sucht, mu\u00df nicht in die Tropen zu den Glanzlichtern der Falterwelt fliegen. Sch\u00f6nheit k\u00f6nnen wir in unserer Natur \u00fcberall finden, zum Beispiel im Achat-Eulenspinner. F\u00fcr mich ist dieser kleine Falter in seiner Weise perfekt sch\u00f6n. Um die Symmetrieachse des K\u00f6rpers verlaufen feine Maserungslinien. Das optische Ebenma\u00df h\u00e4tte von einem K\u00fcnstler oder Modesch\u00f6pfer entworfen sein k\u00f6nnen. Nichts st\u00f6rt die Harmonie der zarten Erscheinung. Die Sch\u00f6nheit dient der Sicherheit des Tierchens. Wie die Flecken eines Tigers l\u00f6sen auch die Fl\u00fcgelzeichnungen des Falters seinen K\u00f6rper vor einem Holzhintergrund optisch auf. Er verschmilzt mit dem Hintergrund, macht sich vor Fre\u00dffeinden unsichtbar. Dieser \u00dcberlebensvorteil wurde ihm von niemandem gegeben, er dient keinem vorher wohl\u00fcberlegten Zweck und hat keinen ihm gegebenen Sinn. Die Zeichnung taugt aber zum \u00dcberleben besser als andere, und darum haben Mutation und Selektion sie geformt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ad fontes<\/h2>\n\n\n\n<p>Kehren wir zu unserem Ausgangspunkt zur\u00fcck: der Liebe zur Sch\u00f6nheit. <\/p>\n\n\n\n<p>Warum empfinden wir gew\u00f6hnlich das Harmonische, Ebenm\u00e4\u00dfige als das Sch\u00f6ne? Alle Tiere und Pflanzen haben eine nat\u00fcrliche Sch\u00f6nheit. Warum formen die Gesetze der Evolution Sch\u00f6nes und nichts H\u00e4\u00dfliches? Auch H\u00e4\u00dfliches zu schaffen, blieb uns Menschen vorbehalten. Wir k\u00f6nnen das Sch\u00f6ne aber vom H\u00e4\u00dflichen unterscheiden. Die antiken K\u00fcnstler, allen voran die Griechen, strebten nach dem Ideal der Sch\u00f6nheit. In ihren Skulpturen und den ebenb\u00fcrtigen Sch\u00f6pfungen Leonardo da Vincis und Michelangelos erlangte dieses Sch\u00f6nheitsideal unsterbliche Geltung. Die K\u00fcnstler suchten geradezu nach den Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, die das Sch\u00f6ne sch\u00f6n und das H\u00e4\u00dfliche h\u00e4\u00dflich erscheinen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Sch\u00f6nheitssinn hat sich mit unserer eigenen Evolution entwickelt und bezieht sich auf unser eigenes Selbst. Wir k\u00f6nnen nicht anders, als &#8222;Sch\u00f6nes&#8220; sch\u00f6n zu finden, weil unser sensibeler Sch\u00f6nheitssinn selbst ein Teil jener gemeinsamen Entwicklung des Lebendigen aus kleinsten Anf\u00e4ngen ist. \u2013 Was wir sch\u00f6n und h\u00e4\u00dflich finden, messen wir unbewu\u00dft an unserem innersten Selbst. Goethe formulierte: &#8222;W\u00e4r nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne k\u00f6nnt&#8216; es nicht erblicken.&#8220; So tragen wir den Sinn f\u00fcr Sch\u00f6nheit in uns, sonst k\u00f6nnten wir au\u00dferhalb unserer selbst keine Sch\u00f6nheit finden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Verzaubert f\u00fcr immer<\/h2>\n\n\n\n<p>Schmetterlinge k\u00f6nnen zaubern.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls k\u00f6nnen sie Herzen verzaubern und auf ewig binden. Es gab da einst 1962 einen blassen, achtj\u00e4hrigen Gro\u00dfstadt-Jungen. Ja, Sie ahnen zu Recht, wen ich meine. &#8211; Seine Spielwelt waren die Tr\u00fcmmergrundst\u00fccke rund um die stehengebliebene halbe H\u00e4userzeile zwischen Bahndamm und Moltkestra\u00dfe mitten in K\u00f6ln. J\u00e4hrlich wurde er vom Gesundheitsamt auf sechs Wochen zur Kur geschickt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Bombenhagel waren die H\u00e4user bis auf die Grundmauern vernichtet, die Grundst\u00fccke aber schon enttr\u00fcmmert. Es roch nach Kellerluft, feuchtem Kohlenstaub und T\u00fcmmern. Asseln waren in Hochstimmung. Aber wer klein und pfiffig war, fand zwischen Maschendrahtz\u00e4unen und Reklametafeln Schlupfl\u00f6cher. Abgebrochenen Zahnst\u00fcmpfen gleich ragten dort die Kellermauern \u00fcbermannshoch, deckenlos, haltlos. War man schwindelfrei, konnte man aber gut auf ihnen balancieren, zwei Steinbreiten Platz gen\u00fcgen kleinen F\u00fc\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben mu\u00df man wandeln, denn unten wuchert das Dickicht. Sechzehn Jahre nach dem Bombentod erbl\u00fchte dort pflanzliches Leben, Gestr\u00fcpp &#8211; Brennesseln &#8211; und: Buddleja! Ungest\u00f6rt breiteten sie sich dschungelhaft aus. Mochte es in dem fr\u00fcheren Kellerloch auch nach nassem Ziegelschutt stinken, mochten dort Asseln kriechen und Spinnen lauern, hier oben reckte sich der Sommerflieder \u00fcppig der Sonne entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und auf ihm sa\u00dfen: Schmetterlinge!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"869\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2019-07-28-54-a-1024x869.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6147\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2019-07-28-54-a-1024x869.jpg 1024w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2019-07-28-54-a-300x255.jpg 300w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2019-07-28-54-a-768x652.jpg 768w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2019-07-28-54-a-1536x1304.jpg 1536w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2019-07-28-54-a-2048x1739.jpg 2048w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2019-07-28-54-a-900x764.jpg 900w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/2019-07-28-54-a-1280x1087.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Kindertraum \u00fcber Tr\u00fcmmern: Distelfalter trinkt an Buddleja, hier 28.7.2019.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Admirale! Zitronenfalter! F\u00fcchse! Tagpfauenaugen! Dem Achtj\u00e4hrigen gingen die Augen \u00fcber. Der Duft! &#8211; Sommer, Sonne, Buddleja und Schmetterlinge lie\u00dfen Schutt, Tr\u00fcmmer und brandenden Autokrach vergessen. Hier war der Himmel. Der Kleine-Jungen-Himmel. Jedenfalls so \u00e4hnlich m\u00fc\u00dfte er sein. Der Jagdtrieb kitzelt alle M\u00e4nner, auch wenn sie noch klein sind. Zwischen hohlen H\u00e4nden brachte er den ersten, noch zappelnden Falter mit nach Hause. Liebevoller Vaterblick, aber ernste Mahnung: So geht das nicht! N\u00e4chste Woche lag zuf\u00e4llig ein erstes, kleines Schmetterlingsbuch auf dem Tisch.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Lesen Sie gern mehr zum Thema in:<\/h2>\n\n\n\n<h1 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\"><a href=\"http:\/\/klauskunze.com\/heikun\/fa\/index.htm\">Faltertr\u00e4ume<\/a><\/h1>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><td><\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><td><\/td><td class=\"has-text-align-center\" data-align=\"center\">\u00a0 2013, broschierte Ausgabe, 226 S., 30 \u20ac, ISBN 978-3-933334-24-4<br>zuz\u00fcglich Versandkosten. <br>Bestellung: Heikun-Verlag@KlausKunze.com.<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Abri\u00dfbirne der Moderne geht um. Sie tilgte alle Vorstellungen einer substanzhaften Identit\u00e4t aus dem Denken ihrer typischen Vertreter: der Massenmenschen. 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