{"id":7427,"date":"2026-02-06T19:30:27","date_gmt":"2026-02-06T18:30:27","guid":{"rendered":"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/?p=7427"},"modified":"2026-02-11T18:10:41","modified_gmt":"2026-02-11T17:10:41","slug":"die-affen-die-woken-und-wir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/2026\/02\/06\/die-affen-die-woken-und-wir\/","title":{"rendered":"Die Affen, die Woken und wir"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Fiktionales Denken vom Affen bis zur Politik: Vaihingers &#8218;Als-ob&#8216; als Schl\u00fcssel zur Ideologiekritik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>So haben sie mit dem Kopf und dem Mund<br>Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.<br>Doch davon mal abgesehen und<br>bei Lichte betrachtet sind sie im Grund<br>noch immer die alten Affen.<br><a href=\"https:\/\/www.deutschelyrik.de\/die-entwicklung-der-menschheit.html\">Erich K\u00e4stner<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Einst haben die Kerls auf den B\u00e4umen gehockt \u2026<\/h3>\n\n\n\n<p>Mit unseren haarigen Verwandten teilen wir eine bemerkenswerte geistige F\u00e4higkeit. Wie gestern im Magazin <em><a href=\"https:\/\/www.science.org\/doi\/10.1126\/science.adz0743\">Science<\/a><\/em> nachzulesen war, k\u00f6nnen Bonobos fiktional denken: Sie durchschauen das \u201eSo-tun-als-ob-Spiel\u201c mit einer fiktiven, also blo\u00df ausgedachten \u201eRealit\u00e4t\u201c. Die Forscher der Johns- Hopkins-University kommen zu dem Ergebnis, da\u00df Bonobos sich Dinge vorstellen k\u00f6nnen, die nicht real sind:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Sekund\u00e4re Repr\u00e4sentationen erm\u00f6glichen es unserem Geist, sich vom Hier und Jetzt zu l\u00f6sen und imagin\u00e4re, hypothetische oder alternative M\u00f6glichkeiten zu generieren, die von der Realit\u00e4t entkoppelt sind. Dies unterst\u00fctzt viele unserer komplexesten kognitiven F\u00e4higkeiten, wie die Zuschreibung mentaler Zust\u00e4nde, die Simulation m\u00f6glicher Zuk\u00fcnfte und das Rollenspiel. [\u2026] Unsere Ergebnisse legen nahe, da\u00df die F\u00e4higkeit zur Bildung sekund\u00e4rer Repr\u00e4sentationen imagin\u00e4rer Objekte <strong>zumindest bei einem kulturell gepr\u00e4gten Affen zum kognitiven Potenzial geh\u00f6rt und wahrscheinlich 6 bis 9 Millionen Jahre zur\u00fcckreicht, zu unseren gemeinsamen evolution\u00e4ren Vorfahren <\/strong>(\u00fcbersetzt und gek\u00fcrzt, ungek\u00fcrzt siehe in Fu\u00dfnote <a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. <br><br><a href=\"https:\/\/www.science.org\/doi\/10.1126\/science.adz0743\">Amalia Bastos, Christopher Krupenye, Evidence for representation of pretend objects by Kanzi, a language-trained bonobo, Science 5.2.2026<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der Affe Kanzi konnte sich in einem Experiment ausgezeichnet vorstellen, in einem geleerten Becher bef\u00e4nde sich Saft, und durchschaute die Fiktion. Er w\u00e4hlte den leeren, durchsichtigen Saftbecher im Spiel, als ob der Becher voll w\u00e4re, im vollen Bewu\u00dftsein, da\u00df der Saft nur eine Fiktion war.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1005\" height=\"854\" src=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/generated-image-17.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7429\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/generated-image-17.jpg 1005w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/generated-image-17-300x255.jpg 300w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/generated-image-17-768x653.jpg 768w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/generated-image-17-900x765.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 1005px) 100vw, 1005px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Der Bonobo w\u00e4hlt den fiktiv gef\u00fcllten Becher <br>(Bild: ChatGPT 5.1, basierend auf der Studie)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Was offenbar die gemeinsamen Urahnen von Menschen und Affen schon ansatzweise beherrschten, haben wir Menschen zur Vollendung getrieben. Wir verm\u00f6gen uns Dinge und Ereignisse vorstellen, die gar nicht oder noch nicht oder nicht mehr existent sind. Das ist eine Voraussetzung f\u00fcr planvolles, zielgerichtetes Handeln.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">D\u00fcmmer als die Affen?<\/h2>\n\n\n\n<p>Doch wir Menschen scheitern oft genau daran, wenn wir unsere Vorstellungswelt f\u00fcr real halten. Die reale Welt ist drau\u00dfen. In sich konstruiert jeder mehr schlecht als recht eine Vorstellung von ihr: Die Welt sei schlecht, meint der eine, sie sei wunderbar, der andere, sie sei zum Irrenhaus geworden, seufzt der Dritte. Unsere Vorstellung ist ein realer Teil der Welt, befindet sich aber in uns.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Seit Kant betrachten auch wir die ganze Vorstellungswelt nicht mehr mit naiv-bl\u00f6dem Staunen, sondern ganz k\u00fchl und n\u00fcchtern als ein theoretisches Vorstellungsgebilde, welches zur Vermittlung von Empfindungsreihen dient.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Vaihinger, Die Philosophie des Als-Ob, 1911, 3.Aufl.1918, S.181.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>In der Kritik der reinen Vernunft hatte Kant gezeigt, da\u00df metaphysische Ideen wie Gott, Freiheit und Unsterblichkeit theoretisch weder beweisbar noch widerlegbar sind. Sie d\u00fcrfen nur als regulative Prinzipien dienen, indem man sie anwendet, <strong>als ob<\/strong> sie existierten. In der Kritik der praktischen Vernunft postuliert er sie darum als notwendige Bedingungen des &#8222;h\u00f6chsten Gutes&#8220; und nimmt sie praktisch als real an, um die Moral zu retten. So warf Kants Verstand &#8222;Gott&#8220; durch die Vordert\u00fcr hinaus, schmuggelte ihn aber als Fiktion durch die Hintert\u00fcr wieder hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht jeder Mensch durchschaut eine Fiktion in jedem Fall. Da\u00df James Bond und Winnetou fiktional sind, wei\u00df noch jeder Erwachsene. Wir k\u00f6nnen uns aber auch so komplexe Fiktionen ausdenken, da\u00df schlichte Gem\u00fcter sie mit der Realit\u00e4t verwechseln und zum Beispiel an die Realexistenz einer <em>Arbeiterklasse<\/em>\u00a0oder einer <em>arischen Rasse<\/em> glauben. Manche Fiktionen sind dabei so geschichtsm\u00e4chtig, da\u00df sie ganze Zivilisationen wie Lemminge in ihr Verderben st\u00fcrzen lassen k\u00f6nnen, so, je nach Kontext, die Fiktion von den Weisen von Zion und der \u201ej\u00fcdischen Weltverschw\u00f6rung\u201c, die der \u201emenschengemachten Klimakatastrophe\u201c oder die der 63 oder mehr verschiedenen sexuellen Geschlechter.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Oswald Spengler enttarnt die Wissenschaft als \u201edurchscheinendes Gewebe\u201c \u2013 eine Fiktion der \u201efaustischen Seele\u201c. Doch was er darunter findet, \u201edas Fr\u00fcheste und Tiefste, der Mythos, das unmittelbare Werden, das Leben selbst\u201c, ist wiederum auch eine m\u00e4chtige Fiktion. \u201eDas Leben\u201c als absoluter Grund aller Kulturen und Schicksale ist keine empirische Tatsache, sondern die letzte, unbewu\u00dfte Als-ob-Annahme Spenglers \u2013 eine Metaphysik, die sich als Anti-Metaphysik tarnt.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u201eAm Ziele angelangt, enth\u00fcllt sich endlich das ungeheure, immer unsinnlicher, immer durchscheinender gewordene Gewebe, das die gesamte Naturwissenschaft umspinnt: es ist nichts andres als die innere Struktur des wortgebundenen Verstehens, das den Augenschein zu \u00fcberwinden, von ihm die \u201aWahrheit\u2018 abzul\u00f6sen glaubte. Darunter aber erscheint wieder das Fr\u00fcheste und Tiefste, der Mythos, das unmittelbare werden, das Leben selbst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, Nachdruck nach der Ausgabe des Beck-Verlags von 1923, Anaconda-Verlag o. J., S.681, am Schlu\u00df des Kapitels \u201eFaustische und apollinische Naturerkenntnis\u201c.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Auch gro\u00dfe Denker r\u00e4umten gew\u00f6hnlich die ihnen gegnerischen Fiktionen nur weg, um ihre eigenen an deren Stelle zu setzen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fiktionen sind ambivalent<\/h2>\n\n\n\n<p>Fiktionen k\u00f6nnen uns, metaphorisch, in den Himmel oder in die H\u00f6lle f\u00fchren. Als <a href=\"https:\/\/www.ub.uni-heidelberg.de\/wir\/geschichte\/schiller.html\">der Poet in Friedrich Schillers genialem Gedicht<\/a> vor Zeus tritt, ist \u201edie Welt schon weggegeben\u201c: \u201eDer Herbst, der Wald, die Jagd sind nicht mehr mein.\u201c Doch \u201ewillst Du in meinem Himmel mit mir lieber, sooft Du kommst, er soll Dir offen sein!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur in der Kunst ist die Fiktion unverzichtbar, auch beim technischen Fortschritt. Irgendwann vor mehr als 6000 Jahren hatte einer unserer Ahnen, der keine Steine und St\u00e4mme mehr schleppen oder schleifen wollte, den fiktionalen Einfall eines Karrens auf R\u00e4dern. Die ersten Wagen hinterlie\u00dfen arch\u00e4ologische Spurrinnen im Gestein. Heute teilt Elon Musk, bekennender Science-Fiction(!)-Fan, mit vielen Menschen die Fiktion einer k\u00fcnftigen Weltraumzivilisation. Er m\u00f6chte in den Himmel fliegen.<\/p>\n\n\n\n<p>In die tiefsten <em>H\u00f6llen<\/em> f\u00fchrt uns dagegen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/G%C3%B6ttliche_Kom%C3%B6die\">Dante in seiner <em>Comedia<\/em><\/a>: den Schreckensvisionen der, von Hieronymus Bosch kongenial gemalten Fiktion, in der <em>S\u00fcnder<\/em> &#8211; wieder eine Fiktion &#8211; gequ\u00e4lt werden. Je offener wir die Augen halten, desto mehr Fiktionen erkennen wir in Politik und im Geistesleben, wie in der Mathematik die fiktive Unendlichkeit (\u221e) und allgemein in jeder normativen Ideologie. Diese beruhen immer auf Fiktionen. In der Fiktion wird etwas als real angenommen, obwohl ihr Benutzer wei\u00df oder wissen m\u00fc\u00dfte, da\u00df es gerade nicht real ist. Die Fiktion ist nur ein Gedankenkonstrukt in seinem Kopf, eine Hilfslinie des Denkens so wie ein Breitengrad, den man nirgends im Gel\u00e4nde real auffinden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil alle Oberbegriffe, Sammelbegriffe, Denkkategorien, Ethiken, Morallehren, Mythen und Ideologeme auf Fiktionen beruhen oder mit ihnen arbeiten, kann man sie nicht qualitativ negieren oder falsifizieren. Alle entspringen m\u00f6glichen Denkstilen und d\u00fcrfen nicht absolut gesetzt werden.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Es ist ein Irrtum, zu meinen, da\u00df eine absolute Wahrheit zu finden sei, oder ein absoluter Ma\u00dfstab von Wissen und Handeln: das h\u00f6here Leben beruht auf edele<a><\/a>n T\u00e4uschungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Vaihinger, Die Philosophie des Als-Ob, 1911, 3.Aufl.1918, S.143.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_Vaihinger\">Hans Vaihinger <\/a>(1852-1933) hat in seinem dickleibigen Lebenswerk \u201eDie Philosophie des Als-Ob\u201c von 1911 eine umfassende Analyse des Fiktionalen geliefert.<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Er leitet ihre Berechtigung und Notwendigkeit daraus ab, da\u00df Fiktionen f\u00fcr unsere Orientierung in der Welt unentbehrlich sind. Wir d\u00fcrfen darum guten Gewissens aus allen m\u00f6glichen Fiktionen auf die zur\u00fcckgreifen, die uns praktisch n\u00fctzen, und die verwerfen, die unsere Existenz in Frage stellen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der politische Kampf der Fiktionen<\/h2>\n\n\n\n<p>In der politischen Auseinandersetzung benutzen alle Seiten solche Fiktionen. Auf ihnen beruhen dann komplexe Ideologien. Sie leiten aus fingierten Annahmen die \u201eWerte\u201c als Du-sollst-Forderungen ab. Es setzt sich gesellschaftlich durch, wer im metapolitischen Raum seinen eigenen Fiktionen Anerkennung verschafft, die gegnerischen dekonstruiert und ihre Verfechter delegitimiert.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Alte Fiktionen sterben allm\u00e4hlich aus, neue treten an ihre Stelle: es ist ein best\u00e4ndiges Wogen, ein Kampf.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Vaihinger, Die Philosophie des Als-Ob, 1911, 3.Aufl.1918, S.135.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Jede Fiktion l\u00e4\u00dft sich dekonstruieren. Das liegt in der Natur der Sache. Es l\u00e4\u00dft sich schon an einem kleinen Beispiel leicht zeigen: der <em>Menschheit<\/em>. Menschheit gibt es nur im Kopf, in der Vorstellung. In der Realit\u00e4t verm\u00f6chte niemand zu sagen, wie viele Menschen in irgendeinem gedachten Augenblick dazugeh\u00f6ren. Geh\u00f6ren Ungeborene dazu? Seit wann g\u00e4be es eine solche \u201eMenschheit\u201c? K\u00f6nnen wir schon zu Zeiten des <em>Homo habilis<\/em> von ihr sprechen, war dieser als Art wom\u00f6glich auch eine Fiktion, oder gar seit dem Australopithecus? Sind nicht alle Bezeichnungen wie Art, Unterart oder Rasse fiktiv und beliebig?<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"329\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/generated-image-16-329x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7432\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/generated-image-16-329x1024.jpg 329w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/generated-image-16-96x300.jpg 96w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/generated-image-16-494x1536.jpg 494w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/generated-image-16.jpg 576w\" sizes=\"auto, (max-width: 329px) 100vw, 329px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Auch <em>Menschheit <\/em>ist eine Fiktion und ein Ideologem f\u00fcr polemische Diskutanten, die vorgeblich im Namen dieser Menschheit zu sprechen vorgeben. Alle Sammelbegriffe sind Fiktionen: <em>die<\/em> Hunde, <em>die <\/em>Reichen, <em>die<\/em> Kinder. Wir kommen im praktischen Leben nicht ohne solche Fiktionen aus. Aber im erkenntnistheoretischen Sinn sind sie niemals real, sondern immer nur Vorstellungen, die wir uns von der Realit\u00e4t machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der politische Kampf entbrennt, weil alle Seiten ihre jeweiligen Fiktionen als real ausgeben, als <em>die Wahrheit<\/em> &#8211; <em>ihre<\/em> Wahrheit. Je h\u00f6her wir in der Begriffspyramide steigen, desto weniger Realit\u00e4t steckt in den Ober-Oberbegriffen. Waldi ist real. <em>Dackel<\/em> ist weniger real, weil abstrakter, losgel\u00f6st von den individuellen Eigenschaften Waldis. Hund enth\u00e4lt noch weniger Realit\u00e4t, Canide wieder weniger und so fort bis zum blassen <em>Wesen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Darum sind die Spitzen der Fiktions- oder Ideologieproduktion inhaltsleer: Die -ismen sind nur Klebeetiketten auf Schubladen mit einem Sammelsurium von Vorstellungen. Darum kann auch niemand verbindlich definieren, was Sozialismus oder Demokratie eigentlich sind. Es gibt sie nicht real, und jeder kann sich darunter vorstellen, was er will.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist auch eine Frage politischer Macht, welche Fiktionen unseren Kindern an Schulen und Universit\u00e4ten als angebliche Realit\u00e4ten eingebleut und welche ihnen ausgetrieben werden: Es gibt keine V\u00e4ter und M\u00fctter mehr, nur noch Elter 1 und Elter 2, keine Neger, kein deutsches Volk, keine Germanen. Aber es gibt <em>Queere<\/em>, <em>Gerechtigkeit<\/em>, <em>Gleichheit aller Menschen<\/em>, <em>Wertegemeinschaft, Menschenw\u00fcrde<\/em>, <em>Gesellschaft, Patriarchat<\/em>, <em>Diskriminierung<\/em>, <em>Arbeiterklasse<\/em>, <em>Privilegierung<\/em>. Moderne linke und \u201ewoke\u201c Diskurse sind extrem begriffsintensiv \u2013 sie operieren mit vielen hoch abstrakten Konstruktionen. Alle sind verbale Seifenblasen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite benutzen Rechte ihre eigenen Fiktionen. Selbst die Begriffe <em>Rechte<\/em> und <em>Linke<\/em> enthalten bereits Fiktionen. Die meisten Akteure beider Lager halten ihre eigenen Fiktionen f\u00fcr Abbilder der Realit\u00e4t. Auf der Rechten neigen metaphysisch \u00fcbereifrige Akteure dazu, den Begriff <em>Volk<\/em> so zu verstehen, als sei das Volk eine Person mit pers\u00f6nlichen Interessen, einem <em>Volkswillen<\/em>, <em>Volksgemeinschaft<\/em>, <em>W\u00e4hlerwillen<\/em>, einer <em>Volksseele<\/em>, einer Vergangenheit und &#8211; wohl zweifelhaft &#8211; einer Zukunft. Strukturell ist das ebenso eine Fiktion wie <em>Menschheit<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Rechten dominieren nicht fiktionale Abstrakta wie bei Linken, sondern fiktionale Erz\u00e4hlungen, Mythen, narrative Muster sozusagen: die Siegfriedsage, das Nibelungenlied, der Gotenzug, der schlafende Kaiser im Kyffh\u00e4user, der R\u00fctlischwur, das e<em>wige Deutschland<\/em> und vieles mehr, was in der Romantik verkl\u00e4rt zum Ausdruck kam. Ohne solche nationalen Erz\u00e4hlungen kann keine Nation bestehen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Zu ihrem Ungl\u00fcck sind die Deutschen mit Eliten geschlagen, die ihnen auch noch ihre identit\u00e4tsstiftenden Erz\u00e4hlungen rauben. [&#8230;]<br>Die nationale Identit\u00e4tskrise zu \u00fcberwinden, ist deshalb eine existenzielle Frage. Doch das ist leichter gesagt als getan.<br><a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/der-andere-blick\/vom-musterschueler-zum-kranken-mann-die-identitaetskrise-der-deutschen-seele-betrifft-mehr-als-nur-politik-und-wirtschaft-ld.1910622?utm_placement=mix&amp;utm_id=120237737866080200\">Oliver Maksan, Vom Mustersch\u00fcler zum kranken Mann: Die Identit\u00e4tskrise der deutschen Seele betrifft mehr als nur Politik und Wirtschaft<\/a>,<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/der-andere-blick\/vom-musterschueler-zum-kranken-mann-die-identitaetskrise-der-deutschen-seele-betrifft-mehr-als-nur-politik-und-wirtschaft-ld.1910622?utm_placement=mix&amp;utm_id=120237737866080200\"> NZZ 7.11.2025<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Politische Dekonstruktion<\/h2>\n\n\n\n<p>Das gesellschaftliche allgemein als sagbar Akzeptierte wird als Overton-Fenster bezeichnet<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. Davon abweichende Fiktionen und Ideologeme zu unterdr\u00fccken beginnt heute bei der Lehrer- und Journalistenausbildung und setzt sich an den Universit\u00e4ten fort.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Laut <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Curtis_Yarvin\">Curtis Yarvin<\/a> (\u201eDie Kathedrale\u201c) sind Wahlen nur die Fassade einer tieferliegenden Herrschaftsstruktur. W\u00e4hrend Regierungschefs und Koalitionen wechseln, bleibt das ideologische Fundament der Institutionen des Landes unangetastet. Tats\u00e4chlich bestimmt ein Netzwerk aus Journalisten, Akademikern und \u201eThinktanks\u201c, welche politischen Positionen im Rahmen des \u201eVern\u00fcnftigen und politisch Akzeptablen\u201c liegen und welche bek\u00e4mpft werden m\u00fcssen.&nbsp; Dieses Netzwerk bestimmt durch \u201eDiskurskontrolle\u201c, Promotionen und Sanktionen den politischen Fahrplan und gibt so die&nbsp; Agenda vor, deren Punkte dann Politiker, NGOs und Angestellte im \u00f6ffentlichen Dienst abarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/x.com\/KaiserBenKaiser\/status\/2019709980899774620\">Benjamin Kaiser, Twitter (x) 6.2.2026.<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wenn wir nicht den fiktionalistischen Fehler machen, diese tieferliegende Herrschaftsstruktur als gesteuerte Einheit anzusehen, trifft die Diagnose Yarvins zu. Wir erkennen das praktisch zum Beispiel, wenn an einer Universit\u00e4t eine Arbeit schlechter benotet wird, wo jemand die fiktionalen Gendersternchen verschm\u00e4ht oder etwas nicht botm\u00e4\u00dfig Wokes schreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie in der DDR und zuvor im 3.Reich wei\u00df jeder, welche Fiktionen er zu bedienen hat. Es ist die metapolitische Aufgabe unserer Tage und unsere <em>Pflicht<\/em> &#8211; welch\u2018 eine sch\u00f6ne Fiktion! -, unsere Ideen, unsere Mythen, unsere Fiktionen zu befestigen, die gegnerischen zu dekonstruieren und unsere eigene, die uns n\u00fctzende Gedankenwelt an die n\u00e4chste Generation weiterzugeben.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Der Nachweis der Fiktivit\u00e4t hindert doch die praktische Anwendung nicht; so z.B. bei dem Freiheitsbegriff, dem Pflichtbegriff usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Vaihinger, Die Philosophie des Als-Ob, 1911, 3.Aufl.1918, S.143.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"250\" height=\"296\" src=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Vaihinger.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7430\" style=\"width:427px;height:auto\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Hans Vaihinger 1852-1933 (Foto: Wikipedia)<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne die befreiende Tat der v\u00f6lligen Zerst\u00f6rung aller fremdbestimmenden Fiktionen k\u00f6nnen wir keinen neuen Anfang machen. F\u00fcr einen Augenblick \u00f6ffnet sich uns so der Vorhang der Erkenntnis, da\u00df alle Ideen eben nur Menschenwerk und Sache freier, interessenbedingter Entscheidung sind. Paradoxerweise m\u00fcssen wir ihn leider schnell wieder schlie\u00dfen: Auch die freie Entscheidung f\u00fcr die uns n\u00fctzlichen Fiktionen ist keine Sache f\u00fcr Mehrheiten. Die Masse mu\u00df an die gemeinschaftsbildenden Tugendfiktionen glauben, als seien diese im metaphysischen Sinne real. Skepsis ist nicht die Vorhalle der Resignation, sondern der Vorbote des Kampfes und somit einer neuen siegreichen Gewi\u00dfheit. Gewi\u00df k\u00f6nnen wir uns aber nur unserer selbst sein.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Lesen Sie gern weiter in<\/h2>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/klauskunze.com\/heikun\/mut\/Mut%20zur%20Freiheit.pdf\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"250\" height=\"355\" src=\"http:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/1995k.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6531\" style=\"width:379px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/1995k.jpg 250w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/1995k-211x300.jpg 211w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Mut zur Freiheit, 1995, <a href=\"https:\/\/klauskunze.com\/heikun\/mut\/m22w.htm\">Link zum Thema dieses Blogartikels: S.199 ff.<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\"><strong>[1]<\/strong><\/a> Sekund\u00e4re Repr\u00e4sentationen erm\u00f6glichen es unserem Geist, sich vom Hier und Jetzt zu l\u00f6sen und imagin\u00e4re, hypothetische oder alternative M\u00f6glichkeiten zu generieren, die von der Realit\u00e4t entkoppelt sind. Dies unterst\u00fctzt viele unserer komplexesten kognitiven F\u00e4higkeiten, wie die Zuschreibung mentaler Zust\u00e4nde, die Simulation m\u00f6glicher Zuk\u00fcnfte und das Rollenspiel. Wir pr\u00e4sentieren experimentelle Belege daf\u00fcr, da\u00df ein nicht-menschlicher Primat imagin\u00e4re Objekte repr\u00e4sentieren kann. Kanzi, ein mit Lexigrammen trainierter Bonobo, identifizierte in angeleiteten Rollenspielinteraktionen korrekt den Ort imagin\u00e4rer Objekte (z. B. \u201eSaft\u201c, der zwischen leere Beh\u00e4lter gegossen wurde), nachdem ihm verbale Anweisungen gegeben wurden. In drei Experimenten konnten wir diesen Befund konzeptionell replizieren und wichtige alternative Erkl\u00e4rungen ausschlie\u00dfen. Unsere Ergebnisse legen nahe, da\u00df die F\u00e4higkeit zur Bildung sekund\u00e4rer Repr\u00e4sentationen imagin\u00e4rer Objekte <strong>zumindest bei einem kulturell gepr\u00e4gten Affen zum kognitiven Potenzial geh\u00f6rt und wahrscheinlich 6 bis 9 Millionen Jahre zur\u00fcckreicht, zu unseren gemeinsamen evolution\u00e4ren Vorfahren.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.science.org\/doi\/10.1126\/science.adz0743\">Amalia Bastos, Christopher Krupenye, Evidence for representation of pretend objects by Kanzi, a language-trained bonobo, Science 5.2.2026.<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Weil das Werk heute kaum zitiert wird, kenne ich es leider erst seit einer Woche. Vaihinger teilt meine Positionen, die ich in \u201eMut zur Freiheit\u201c, Kapitel \u201eDie Geistesfreiheit\u201c, 1995 publiziert habe, indem ich genau das gleiche Als-Ob als einzigen Ausweg aus der Erkenntnis gesehen habe, da\u00df alle Metaphysik nur Hirngespienst ist..<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. im einzelnen <a href=\"https:\/\/klauskunze.com\/pub\/sanftegehirnwaesche.htm\">Klaus Kunze, Die sanfte Gehirnw\u00e4sche, 2020<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fiktionales Denken vom Affen bis zur Politik: Vaihingers &#8218;Als-ob&#8216; als Schl\u00fcssel zur Ideologiekritik So haben sie mit dem Kopf und dem MundDen Fortschritt der Menschheit geschaffen.Doch davon mal abgesehen undbei Lichte betrachtet sind sie im Grundnoch immer die alten Affen.Erich K\u00e4stner Einst haben die Kerls auf den B\u00e4umen gehockt \u2026 Mit unseren haarigen Verwandten teilen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":7429,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"h5ap_radio_sources":[],"twitterCardType":"","cardImageID":0,"cardImage":"","cardTitle":"","cardDesc":"","cardImageAlt":"","cardPlayer":"","cardPlayerWidth":0,"cardPlayerHeight":0,"cardPlayerStream":"","cardPlayerCodec":"","footnotes":""},"categories":[20,17],"tags":[],"class_list":["post-7427","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-philosophie","category-politik"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.5 - 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