{"id":7568,"date":"2026-03-28T15:14:22","date_gmt":"2026-03-28T14:14:22","guid":{"rendered":"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/?p=7568"},"modified":"2026-03-29T16:47:59","modified_gmt":"2026-03-29T14:47:59","slug":"wider-die-toxische-moral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/2026\/03\/28\/wider-die-toxische-moral\/","title":{"rendered":"Wider die toxische Moral!"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Im W\u00fcrgegriff der Gutmenschen [1]<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie k\u00f6nnen das Wort \u201emoralisch verpflichtet\u201c nicht mehr h\u00f6ren? Ich auch nicht mehr. Gerade darum sollten Sie aber weiterlesen. Es geht Ihnen n\u00e4mlich wie dem Hund, der die Worte Maulkorb und Leine nicht mehr h\u00f6ren mag. Eine durchgesetzte Moral ist ein Mittel sozialer Disziplinierung. Zwangsl\u00e4ufig m\u00fcssen wir uns mit den uns angelegten Leinen und moralischen Nasenringen auseinandersetzen, mit denen man uns durch die Manege f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[Text: 11 200 Worte)<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\"><a id=\"_Toc37701509\">Inhaltsverzeichnis<\/a><\/h1>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_Toc37701510\">Am moralischen G\u00e4ngelband<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_Toc37701511\">Der Machtanspruch des Moralisten<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_Toc37701512\">Der moralische Extremismus<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_Toc37701513\">Im moralischen Kettenhemd<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_Toc37701514\">Was ist Moral?<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_Toc37701515\">Die Religion der universellen Moral<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_Toc37701516\">Der S\u00fcnder wird selbst zum Tribunal<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_Toc37701517\">Vom Marxismus zum Moralismus<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_Toc37701518\">Moral tobt sich an den Universit\u00e4ten aus<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_Toc37701519\">Die Strategie der moralischen Machtergreifung<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_Toc37701520\">Eine ehrenwerte Gesellschaft<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_Toc37701521\">Die paninterventionistische Weltmoral<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_Toc37701522\">Moral als denaturierte Ideologie<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_Toc37701523\">Weltherrschaft des Guten mit Pferdefu\u00df<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_Toc37701524\">Literaturverzeichnis<\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a id=\"_Toc37701510\">Am moralischen G\u00e4ngelband<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man paralysiert uns mit toxischer Moral. Moral wirkt toxisch, wenn sie uns befiehlt, selbstzerst\u00f6rerisch  gegen unsere eigenen Interessen zu handeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Wort &#8222;unmoralisch&#8220; ist zur Killerphrase geworden. Gutmenschen tragen sie als Waffe vor sich her wie einen Spie\u00df, mit dem ein schlichter Landsknecht selbst den sch\u00f6nsten Ritter vom Pferd holen konnte. Solche Killerphrasen haben keinen greifbaren Inhalt. Sie sind leere Worth\u00fclsen. \u00dcber alles und jeden gie\u00dfen Spie\u00dfb\u00fcrger die Einheitssauce ihrer Moral aus. Es w\u00e4re gef\u00e4hrlich, die guten Leute einfach ihrem moralischen Delirium zu \u00fcberlassen. Zu dessen Symptomen geh\u00f6rt n\u00e4mlich oft eine besserwisserische Arroganz gegen\u00fcber allen, die n\u00fcchtern geblieben sind. Wir sollen uns einreihen in die Triumphz\u00fcge der professionellen Betroffenen, sollen einstimmen ins Aufheulen der immer Emp\u00f6rten, doch schweigen, wo sie bu\u00dffertige Stille ansagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schweigend sollen wir bis zu Kind und Kindeskind&nbsp; daf\u00fcr zahlen, da\u00df sie ein gutes Gewissen haben. Schon 1667 glaubte Pufendorf, da\u00df selbst \u201edas Fege\u00adfeuer nur zu dem Zweck angez\u00fcndet ist, um die\u00adjenigen mit einer Abgabe belegen zu k\u00f6nnen, die der Tod sonst von allen mensch\u00adlichen Dingen be\u00adfreit.&#8220;<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Wir werden erst frei von solchen Ab\u00adga\u00adben sein, wenn alle morali\u00adschen Fegefeuer ge\u00adl\u00f6scht sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Linksextreme Taktik hat sich unterdessen des Moralismus bem\u00e4chtigt und benutzt ihn, um ihre strategischen Ziele zu erreichen. Wer nicht durchschaut, mit welchen Mechanismen sie funktioniert, bleibt dagegen wehr- und hilflos. Wenn endlich ganze Nationen ihre \u00f6konomischen Eigeninteressen durchboxen, indem sie ihre Moral wie ein klebriges Spinnennetz um den ganzen Globus h\u00fcllen, wird es f\u00fcr uns alle gef\u00e4hrlich &#8211; auch f\u00fcr unsere eingeborenen Moralisten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a id=\"_Toc37701511\">Der Machtanspruch des Moralisten<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Moral kann man unter verschiedenen Aspekten betrachten: unter religi\u00f6sem Aspekt etwa, dann kristallisiert sich z.B. aus katholischer Sicht heraus, da\u00df eine g\u00fcltige Moral aus Christentum plus katholischer Lehre bestehen mu\u00df, wohingegen sie doch, Luther zufolge, eher eine Frage der individuellen Gewissensentscheidung w\u00e4re. Man kann sie auch rational zu konstruieren suchen. Viele haben das unternommen. Allerdings h\u00e4lt die Vernunft der meisten Menschen genau das f\u00fcr moralisch, was ihnen pers\u00f6nlich n\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viel spannender ist darum die Frage nach der sozialen Funktion von Moral. Da lautet die soziologische Antwort ganz schlicht: Moral kann ein Herrschaftsinstrument sein, indem man zum Beispiel ein Volk dazu bestimmt, eine konkrete &#8222;Erinnerungskultur&#8220; zu verinnerlichen, die Machtstrukturen stabilisiert. Es kann dann moralisch geboten sein, an der richtigen Stelle moralische Zerknirschung zu zeigen und den politischen Fingerzeig korrekt zu beherzigen, so wie es im Wilhelm Tell aus h\u00f6flicher Moral geboten war, den Ge\u00dflerhut zu gr\u00fc\u00dfen. Dann fungiert Moral als Fremdbestimmung. Es herrschen diejenigen, die die Auslegungsmacht dar\u00fcber f\u00fcr sich in Anspruch nehmen, was aus dem moralisch Gebotenen heute politisch konkret folgt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Moralismus ist eine Angriffswaffe, sich selbst mittels der eigenen Weltanschauung durchzusetzen, und damit eine Methode, Macht zu erringen und zu bewahren. Jeder kann sie benutzen. Man h\u00e4lt dann jemandem vor: \u201eSo etwas macht man nicht, das ist b\u00f6se!\u201c &#8211; unmoralisch!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jeder Mensch bildet sich in jungen Jahren ein pers\u00f6nliches Weltbild. In seiner Sicht der Dinge bewertet er alle Ph\u00e4nomene, Personen und Erfahrungen in Bezug auf sich selbst. Die Summe aller dieser Bewertungen begr\u00fcndet ein komplexes, m\u00f6glichst in sich stimmiges Weltbild, eine auf das eigene selbst und seine Bed\u00fcrfnisse abgestimmte Ideologie. Diese h\u00e4lt er freilich nicht f\u00fcr eine subjektive, nur f\u00fcr ihn selbst geltende, sondern f\u00fcr eine objektiv \u201ewahre\u201c Bewertung des sozialen Lebens. Da\u00df sich alle Menschen durch solche Lebens-Ideologien leiten lassen, f\u00e4llt ihm erst bei anderen Menschen mit \u201efalscher Ideologie\u201c auf. Es gibt nicht eine Moral, sondern viele.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst nach hinreichender Analyse des eigenen Denkens und Handelns bemerken viele ihre eigenen, im Alltag nicht mehr hinterfragten weltanschaulichen Grundannahmen, also ihre eigene Ideologie. Hat man aber erkannt, da\u00df es keineswegs nur die eigene, scheinbar nicht ideologische \u201erichtige\u201c oder \u201ewahre\u201c Sicht der Welt gibt entgegen vielen anderen, ideologisch getr\u00fcbten Perspektiven anderer Leute, wird man sofort \u201etoleranter\u201c. Man erkennt dann, da\u00df es viele relativ g\u00fcltige und relativ richtige Perspektiven auf das menschliche Zusammenleben gibt. Man vermag dann auch, in Gedanken die Perspektive eines Fremden zu \u00fcbernehmen, sich in ihn hineinzuversetzen und ihn zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man zahlt f\u00fcr diese F\u00e4higkeit den geringen Preis, sich selbst und seine Sicht der Welt nicht mehr absolut zu setzen. Das bringt den endg\u00fcltigen Abschied von der egozentrischen Vorstellung mit sich, der eigenen Weltsicht so etwas wie Objektivit\u00e4t oder Wahrheit beizumessen. Wer nie gelernt hat, seine empathischen F\u00fchler auszustrecken und sein Gegen\u00fcber im Innersten zu verstehen, mu\u00df dabei noch einiges an Anstrengung aufbringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Lohn ist gro\u00df und besteht in einem umfassenderen Verst\u00e4ndnis der Beweggr\u00fcnde anderer Menschen. Als Nebeneffekt d\u00e4mpft er die zwischenmenschliche Aggression ganz erheblich. Alles zu verstehen, hei\u00dft zwar nicht, alles zu verzeihen. Ein Konflikt nur zur Austragung ideologischer Zwistigkeiten lohnt dann aber den Aufwand nicht. Die Welt wird ein St\u00fcckchen friedlicher.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer aber die Moral seiner Ideologie, &#8222;sein Gut und B\u00f6se&#8220;, verabsolutiert und als &#8222;das Gut und B\u00f6se&#8220; schlechthin ausgibt, erhebt damit den Machtanspruch, an die Wertsetzungen seiner Weltanschauung habe sich alle Welt gef\u00e4lligst zu halten. Es bietet sich <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;kein besserer Weg zur Durchsetzung eines Machtanspruchs an als der Kampf um den Sieg einer Norm, deren Vertretung und Interpretation sich der darum K\u00e4mpfende vorbeh\u00e4lt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Panajotis Kondylis<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a id=\"_Toc37701512\">Der moralische Extremismus<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Moralisten kann man nicht diskutieren. Ebensogut k\u00f6nnte man mit Zeugen Jehovas \u00fcber ihre Sch\u00f6pfungsgeschichte und ihre Propheten streiten. Wie alle Extremisten sind beide im K\u00e4fig ihres Glaubens vernagelt, nur sind Moralisten aggressiver. Der Gott der Christen kennt noch die Barmherzigkeit und die Vergebung. Ein echter Moralist vergibt und verzeiht nie, auch sich selbst nicht.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"852\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Grant_DeVolson_Wood_-_American_Gothic-852x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7573\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Grant_DeVolson_Wood_-_American_Gothic-852x1024.jpg 852w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Grant_DeVolson_Wood_-_American_Gothic-250x300.jpg 250w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Grant_DeVolson_Wood_-_American_Gothic-768x923.jpg 768w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Grant_DeVolson_Wood_-_American_Gothic-1278x1536.jpg 1278w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Grant_DeVolson_Wood_-_American_Gothic-1704x2048.jpg 1704w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Grant_DeVolson_Wood_-_American_Gothic-900x1082.jpg 900w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Grant_DeVolson_Wood_-_American_Gothic-1280x1538.jpg 1280w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Grant_DeVolson_Wood_-_American_Gothic.jpg 1872w\" sizes=\"auto, (max-width: 852px) 100vw, 852px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Der moralistische Spie\u00dfer, wie er im Buche steht, mit seiner Dinkeld\u00f6rte (Grant Wood, American Gothic, Von Grant Wood &#8211; <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=13268536\">From The Art Institute of Chicago Museum, Gemeinfrei<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gegen Ende des 19. Jahrhunderts galt der Moralismus unter gebildeten Leuten&nbsp; als tot, als mumifiziertes Fossil des finsteren Mittelalters. Mit dem 30j\u00e4hrigen Krieg um Religion, Konfession und wahre Moral sollte er abgetan sein, zermalmt unter den Argumenten franz\u00f6sischer Aufkl\u00e4rer, gevierteilt und der L\u00e4cherlichkeit preisgegeben durch Friedrich Nietzsches Werk \u201eJenseits von Gut und B\u00f6se\u201c und schlie\u00dflich zur Karikatur des r\u00fcckst\u00e4ndigen moralischen Spie\u00dfers geronnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er ist wieder auferstanden. Als Wiederg\u00e4nger sucht er in sozialen Foren nach Dominanz. Geistige Gartenzwerge ohne erkennbare Sachkenntnis spielen sich auf wie Riesen der moralischen Inquisition. Sachbezogene Argumente knipsen sie aus wie einen Lichtschalter. Es wird sofort dunkel, sobald einer mit gerunzelter Stirn anhebt: \u201eDas ist aber unmoralisch!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fettfleckartig breiten sich moralisierende Deutungsmuster in allen Bereichen aus, oft auch, wo sie gar nicht hingeh\u00f6ren. Zur Frage, ob der Arzt heilen kann, tritt die Vorfrage, ob er es in bestm\u00f6glicher Weise darf oder ob seine Technik b\u00f6se Gentechnik ist. Darf ein Biologe noch m\u00e4nnlich von weiblich unterscheiden, oder ist er dann &#8211; genderistisch gesehen &#8211; b\u00f6se? Moralisiert ist die P\u00e4dagogik. Unser Staatsfernsehen moralisiert von fr\u00fch bis sp\u00e4t. Der Physik warf man schon lange die Erfindung der Atomkraft vor. Gentechnik wird kurzerhand unter \u201eunmoralisch\u201c rubriziert. Alles mu\u00df vor Moral triefen. Es soll auch keine wertfreie wissenschaftliche Erkenntnis mehr geben. In der Geschichtsforschung ist es in manchen Bereichen unmoralisch, \u00fcber andere als die schon lange &#8222;historisch feststehenden&#8220; Deutungen auch nur nachzudenken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Internet wird \u00fcberschwemmt von moralischen, hypermoralischen und pseudomoralischen Schweigegeboten, Phrasen der Beschw\u00f6rung des <em>Guten<\/em> und Beschimpfungen des <em>B\u00f6sen<\/em>. Wer in der Sache kein Argument hat, verlegt sich aufs Moralisieren. Und er findet Geh\u00f6r &#8211; die Gemeinde w\u00e4chst. Sie stachelt sich selbst zu immer gr\u00f6\u00dferer Aggressivit\u00e4t auf und sucht \u201edie Unmoral\u201c auszurotten. Arnold Gehlen hatte Recht, da\u00df die Radikalisierung jeder Ethosform Aggression freisetzt.<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Rigoros f\u00e4hrt man Ungl\u00e4ubigen \u00fcber den Mund. Soziales Mobbing tritt heute gew\u00f6hnlich in Form d\u00fcmmlicher Moralisierung auf. Es bedarf keiner inhaltlichen Argumente. Man kann mit ihm nicht diskutieren. Das erwartet der Moralist auch nicht. Man soll sich ihm beugen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Extremisten erkennt man daran, da\u00df sie mit absolutem Wahrheitsanspruch auftreten, die Welt aus einem einzigen Prinzip heraus erkl\u00e4ren, dieses absolut setzen und daneben nichts gelten lassen. Dem Politologen Harald Bergsdorf zufolge erhebt der Extremist erstens den Wahrheitsanspruch, mit seiner Doktrin die einzig wahre Weltsicht gefunden zu haben. Darum k\u00e4mpft er zweitens mit besonderem Rigorismus gegen andere Interessen, Lebensformen und Wertvorstellungen. Weil Freund-Feind-Denken und Ha\u00df die Hauptantriebskr\u00e4fte extremistischer Politik seien, seien sie heterophob und wollten demokratischen Pluralismus nicht akzeptieren.<a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Moralisten d\u00fcrfen also auf dem schmalen Grat zwischen Fanatismus und Extremismus keinen falschen Schritt tun. Ein Pluralismus verschiedener Moralen ist ihnen fremd.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie alle Prinzipien kann man auch moralische Prinzipien verabsolutieren. Dann glaubt man an die reale Existenz eines konkreten, universellen Gut und B\u00f6se und schwingt sich zum Propheten, Ankl\u00e4ger, Richter und Vollstrecker auf &#8211; des Guten, versteht sich. Neben seiner Moral duldet der Moralist nichts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andere Menschen erkl\u00e4ren die Welt aus Sicht anderer Sachgebiete: der Naturwissenschaftler zum Beispiel auf Grundlage der Chemie und Physik. F\u00fcr ihn ist eine Aussage richtig oder falsch. Der \u00c4sthet betrachtet die Welt, und was er sieht, findet er sch\u00f6n oder h\u00e4\u00dflich. Der \u00d6konom unterscheidet das N\u00fctzliche vom Unn\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;Der Naturwissenschaftler wei\u00df: Die Realit\u00e4t &#8222;drau\u00dfen&#8220; ist immer dieselbe. Sie sieht nur in unseren K\u00f6pfen aus den verschiedenen Blickwinkeln und Besonderheiten anders aus, unter denen man eine Frage betrachten kann. Jeder kann sich ein eigenes Modell der Realit\u00e4t drau\u00dfen in seinem Kopf drinnen zusammensetzen. Bei jeder Entscheidung kann man abw\u00e4gen, ob sie zugunsten der \u00c4sthetik, der Moral, der N\u00fctzlichkeit oder eines anderen Gesichtspunktes ausf\u00e4llt. Jeder kann danach handeln, was seine Moral ihm sagt, wenn er das m\u00f6chte und gegen andere Optionen abgewogen hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob ein Handeln moralisch ist, kann immer nur ein Kriterium bei der Abw\u00e4gung verschiedener m\u00f6glicher Handlungsoptionen anhand unterschiedlicher Handlungsmaximen sein. Der Moralist aber glaubt nicht nur daran, immer m\u00fcsse die Moral das letzte Wort haben. Er w\u00e4hnt sich auch in Besitz einer h\u00f6heren Erkenntnis, welche konkrete Moral das sein soll und was sie gerade fordert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer dagegen jede Moral auf ihren Urheber zur\u00fcckf\u00fchrt und eine allgemeinverbindliche Moral verneint, ist in moralischer Beziehung Nihilist. Ein und dasselbe moralische Gesetz f\u00fcr alle? \u201e<em>Nihil<\/em>!\u201c Nichts, antwortet er, so etwas gibt es nicht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a id=\"_Toc37701513\">Im moralischen Kettenhemd<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer einen realen Interessenkonflikt nicht zus\u00e4tzlich mit moralischen Imperativen befrachtet, gl\u00e4ttet die Wogen und ist eher zu einer friedlichen Verst\u00e4ndigung bereit. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist dagegen \u201eeine einfache, historisch unbestreitbare Tatsache, da\u00df das gr\u00f6\u00dfte Leiden in der bisherigen Geschichte nicht aus der Zerst\u00f6rungslust von Nihilisten, sondern aus den K\u00e4mpfen um Durchsetzung der jeweils \u201aeinzig wahren\u2018 Moral oder Religion entstand.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Panajotis Kondylis<a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;Doch der Moralist sieht nichts au\u00dfer moralisch Relevantem. Wegen einer unverh\u00fcllten Schamgegend oder nackten Br\u00fcsten will er ein Gem\u00e4lde im Museum abh\u00e4ngen. Mohrenapotheken sollen ihren Namen aufgeben. Er fordert, seiner Moral zuliebe solle der Staat Geld ausgeben, das er gar nicht hat, und wenn sich jemand \u00fcber seine Moral lustig macht: \u201eNieder mit ihm!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die potentielle Aggressivit\u00e4t moralischer Verbote ist un\u00fcbertroffen. Wer ohnehin aggressiv ist, kann erst recht auftrumpfen, wenn er sich zuvor moralisch bewaffnet. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas moralische Urteilen und Verurteilen ist die Lieblings-Rache der geistig Beschr\u00e4nkten an denen, die es weniger sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Friedrich Nietzsche<a href=\"#_ftn7\" id=\"_ftnref7\">[7]<\/a> <\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Emp\u00f6rung ist der typische Gestus des Moralisten. Unsere vom Internet und sozialen Medien dominierte Diskussion wird von einer Emp\u00f6rungswelle nach der anderen heimgesucht. Moralische Schiet-St\u00fcrme fegen durchs Land und brechen sich im Internet oft erst an den Innenw\u00e4nden der jeweiligen Echokammern.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"747\" src=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Moralist-1024x747.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7571\" srcset=\"https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Moralist-1024x747.jpg 1024w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Moralist-300x219.jpg 300w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Moralist-768x560.jpg 768w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Moralist-900x657.jpg 900w, https:\/\/klauskunze.com\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Moralist.jpg 1184w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">F\u00fcr moralisierende Spie\u00dfer ist oberste Pflicht, das freie Denken gut einzusperren.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit moralischem Mobbing versucht man, Argumente anderer zu unterdr\u00fccken. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs gibt im Leben den Rigorismus der einzelnen Werte. Er kann sich bis zum Fanatismus steigern. Jeder Wert hat &#8211; wenn er einmal Macht gewonnen hat \u00fcber eine Person &#8211; die Tendenz, sich zum alleinigen Tyrannen des ganzen menschlichen Ethos aufzuwerfen, und zwar auf Kosten anderer Werte, auch solcher, die ihm nicht material entgegengesetzt sind. [\u2026] Solche Tyrannei der Werte zeigt sich schon deutlich in den einseitigen Typen der geltenden Moral, in der bekannten Unduldsamkeit des Menschen gegen fremdartige Moral; noch mehr im individuellen Erfa\u00dftsein einer Person von einem einzigen Wert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicolai Hartmann <a href=\"#_ftn8\" id=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer an eine alleinseligmachende Moral glaubt, sieht den Un\u00adgl\u00e4u\u00adbi\u00adgen als, b\u00f6\u00adse, un\u00ad\u00ad\u00admo\u00adra\u00adlisch und schlechthin ver\u00adwerf\u00adlich an. Wie der Kirchenvater Au\u00adgustin stellt er seine Mo\u00adral \u00fcber Freiheit und Le\u00adbens\u00adrecht An\u00adders\u00adden\u00adkender: &#8222;\u00bb<em>Es kommt nicht darauf an, ob jemand ge\u00adzwungen wird, son\u00addern allein darauf, wozu er gezwungen wird, ob es n\u00e4mlich etwas Gutes oder etwas B\u00f6ses ist.<\/em>\u00ab<a href=\"#_ftn9\" id=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Dieser Satz, der wie bei Platon die sou\u00adver\u00e4ne Nicht\u00adachtung der in\u00addividuellen Freiheit und subjektiven Mo\u00ad\u00adralit\u00e4t durch den, der sich im Besitze der abso\u00adluten Wahr\u00adheit glaubt, zum Ausdruck bringt, hat historisch zur Rechtfertigung der Ket\u00adzerverfol\u00adgungen gedient.&#8220;<a href=\"#_ftn10\" id=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Aus die\u00adser Geisteshaltung folgten die Gre\u00aduel der Re\u00adligions\u00adkriege, die Ro\u00ad\u00adbespier\u00adre&#8217;sche Guillo\u00adtinenmoral, der Tugendterror und die Schrecken des Archi\u00adpels GULAG.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Moralisten kommen &#8211; rette sich, wer kann! Sie sind brandgef\u00e4hrlich. Henning Hahn konstatiert dem \u201epathologischen Moralismus\u201c eine Tendenz zum \u201emoralischen Terrorismus\u201c: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWer seine moralische Autonomie verabsolutiert und sie als vollst\u00e4ndige Wirklichkeit seiner Freiheit mi\u00dfversteht, entwickelt wiederum pathologische Verhaltensmuster. Er wird entweder zum Moralapostel oder zum moralischen Terroristen. Der Moralist krankt daran, da\u00df er in seinen sittlich vorgegebenen Verantwortungsverh\u00e4ltnissen keinen Sinn mehr erkennt. Er kann sich nicht mit der konventionalisierten Wirklichkeit vers\u00f6hnen, weil er der Fiktion eines \u201averbundenen Subjekts\u2018 anh\u00e4ngt, \u201awelches all seine Grunds\u00e4tze aus der Perspektive einer allgemeinen Menschheit gewinnen mu\u00df. So sucht der Moralist den moralischen Standpunkt&nbsp; nicht nur dann auf, wenn ihm eine bestimmte Rollenanforderung zum Problem geworden ist, sondern f\u00fchrt sich permanent als unvoreingenommener Weltenrichter auf.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Henning Hahn <a href=\"#_ftn11\" id=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIm moralischen Terrorismus\u201c, zieht der Philosoph Hahn Bilanz, &#8222;m\u00fcndet diese Verabsolutierung des moralischen Standpunkts dann in Gewalt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heutige Moralisten denken beschr\u00e4nkt in einem engen Gut-B\u00f6se-Korsett. Sie kennen nur die moralische Guillotine, manchmal auch die eiserne. Eine Freiheit, nach seiner pers\u00f6nlichen Moral zu leben, gew\u00e4hrt sie nicht. F\u00fcr eine Wert-Philosophie der Freiheit hingegen ist \u201enicht nur Freiheit der h\u00f6chste Wert, sondern auch die Wert-Freiheit die h\u00f6chste Freiheit.\u201c<a href=\"#_ftn12\" id=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Wertfreiheit f\u00fchrt unmittelbar zur Moralfreiheit, nicht zur Unmoral, sondern zur Amoral.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es wird vielfach bemerkt und beklagt, da\u00df in den fr\u00fcher \u201ewestlich\u201c genannten L\u00e4ndern ein Kulturkampf stattfindet, ein innerer B\u00fcrgerkrieg zweier Lager, die sich nicht mehr miteinander verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen. Zwischen ihnen steht eine unsichtbare and schallschluckende Wand, die keine Argumente mehr durchl\u00e4\u00dft. Diese Wand besteht aus Moral.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es wird Zeit, sie niederzurei\u00dfen, die moralischen Kettenhemden auszuziehen, den Gegnern in die Augen zu sehen und sich zu erinnern, da\u00df sie auch Menschen sind und keine Inkarnation des B\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a id=\"_Toc37701514\">Was ist Moral?<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vergew\u00e4rtigen wir uns, was Moral eigentlich ist. Ihre spezifischen Unterscheidungsmerkmale lauten <em>gut<\/em> und <em>b\u00f6se<\/em>. Das h\u00f6rt sich schlicht an und ist es auch. Es sind zun\u00e4chst Wort-Seifenblasen ohne konkreten Inhalt. Wenn jemand n\u00e4mlich auffordert, das Gute zu tun und das B\u00f6se sein zu lassen, wei\u00df noch niemand, was im einzelnen gemeint ist. Dar\u00fcber kann man auch lange streiten. Es h\u00e4ngt immer vom pers\u00f6nlichen Weltbild ab. Dieses besagt, was einer f\u00fcr wertvoll, wertlos oder belanglos h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Unterschied zur Moral nimmt die Ethik f\u00fcr sich in Anspruch, wissenschaftlich zu reflektieren, was Moral ist, auch ob konkreten Tugenden wie Treue oder Pflichterf\u00fcllung inhaltlich richtig sind und beachtet werden sollten. Die Ethik stellt gern mit Inhalt gef\u00fcllte Wertbegriffe auf leitet Tugenden aus ihnen ab. Sie sucht diese in ein System zu bringen. Die Moral hingegen beschr\u00e4nkt sich auf die leeren Wortgef\u00e4\u00dfe <em>gut<\/em> und <em>b\u00f6se<\/em>.<a href=\"#_ftn13\" id=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Man spricht manchmal von materialer Wertethik<a href=\"#_ftn14\" id=\"_ftnref14\">[14]<\/a>, wohingegen die Moral formal ist und erst mit dem konkreten Inhalt einer Weltanschauung gef\u00fcllt werden mu\u00df, wenn man sie auf das praktische Handeln anwenden will.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Moral<a href=\"#_ftn15\" id=\"_ftnref15\">[15]<\/a> beinhaltet f\u00fcr sich noch keinen g\u00fcltigen Wert oder Inhalt. Sie bildet kein eigenst\u00e4ndiges Normensystem aus. Ihr Gut und B\u00f6se besteht aus den jeweils antithetischen Bestandteilen verschiedener Weltbilder und k\u00f6nnen nur aus deren jeweiliger Perspektive als solche angesehen werden.<a href=\"#_ftn16\" id=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Jedes Weltbild hat sein eigenes Gut und B\u00f6se. Das Bild, da\u00df jemand sich von der Welt und seiner Rolle in ihr macht, kann religi\u00f6s begr\u00fcndet oder politisch-ideologisch sein. Selbst ein egozentrisches Exemplar unter den Nihilisten, das an nichts glaubt, hat ein konkretes Weltbild. In dessen Mitte steht der Egoist selbst. Max Stirner formulierte das pr\u00e4gnant: \u201eMir geht nichts \u00fcber mich.\u201c<a href=\"#_ftn17\" id=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Auch was f\u00fcr ihn daraus folgt, ist in seiner Weise seine Moral.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Weltsicht jedes Menschen besteht aus seinem Ego, aus dem heraus er die Welt betrachtet und bewertet, und seiner pers\u00f6nlichen Identit\u00e4t in Auseinandersetzung mit der Welt. Im sozialen Leben bem\u00fcht er sich um Selbsterhalt und sozialen Einflu\u00df. Er sucht&nbsp; Spielregeln durchzusetzen, die ihn beg\u00fcnstigen. Diese bilden seine Moral. Sie sagt ihm, was <em>gut<\/em> f\u00fcr ihn ist. Der <em>b\u00f6se<\/em> <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eFeind ist der, gegen den es gilt, das eigene Weltbild und somit auch die eigene Identit\u00e4t zu verteidigen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Panajotis Kondylis<a href=\"#_ftn18\" id=\"_ftnref18\">[18]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weil verschiedene Personen ihre jeweilige Perspektive auf die Welt ganz unterschiedlich bilden, gibt es zwar <em>gut<\/em> und <em>b\u00f6se<\/em> als abstrakte Begriffe. Es gibt aber je nach Weltsicht jedes Individuums inhaltlich nicht eine Moral f\u00fcr alle, sondern viele Moralen. Diese verschiedenen Sichtweisen h\u00e4ngen von den Gef\u00fchlen ab, mit denen jemand die Dinge betrachtet. So konnte Nietzsche formulieren: \u201eDie Moralen sind auch nur eine Zeichensprache der Affekte.\u201c<a href=\"#_ftn19\" id=\"_ftnref19\">[19]<\/a> Sie heben das Bauchgef\u00fchl auf ein abstrahierendes Sprachniveau.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei wissenschaftlicher, also wertfreier Betrachtung geh\u00f6ren die geistige Erfassung der Lebenswelt und ihre Teilung in ein f\u00fcr das Individuum Gutes oder B\u00f6ses zu den grundlegenden geistigen Funktionen. Gut und b\u00f6se sind Denkkategorien des Betrachters und nicht Merkmale des betrachteten Objekts oder einer beobachteten Handlung. Sie beschreiben lediglich komplement\u00e4re Aspekte und Seiten derselben, objektiv zusammengeh\u00f6renden Wirklichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was jeweils inhaltlich als gut oder b\u00f6se gilt, hat sich historisch so entwickelt. Mythen, Religionen und Ideologien beinhalten auch kollektive weltanschauliche Entscheidungen.<a href=\"#_ftn20\" id=\"_ftnref20\">[20]<\/a> Das Gute und das B\u00f6se eines Christen ist darum inhaltlich etwas anderes als das Gut und B\u00f6se eines Linksextremisten, das eines narzistischen Egomanen oder das eines Sadisten wie des Marquis de Sade. Selbst dieser hatte ein philosophisch sehr ausgefeiltes Weltbild.<a href=\"#_ftn21\" id=\"_ftnref21\">[21]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Theoretisch mu\u00df nicht jedes Weltbild antithetisch konzipiert sein. Die sozial erfolgreichen sind es aber, weil sie Menschen Orientierung vermitteln. Schon das Kleinkind unterscheidet, was seine Bed\u00fcrfnisse befriedigt und darum n\u00fctzlich ist, davon, was ihm widerstrebt und schadet. So teilt das Kind seine kleine Welt in sein Gutes und sein B\u00f6ses, lange bevor es das Wort kennt. Die Germanen unterschieden zwischen sch\u00e4digenden Naturgewalten und der dem Menschen zutr\u00e4glichen Ordnung der Dinge. Chaos und Ordnung sahen sie in den zerst\u00f6rerischen Frostriesen bzw. den menschenfreundlichen G\u00f6ttern verk\u00f6rpert. Monotheistische Religionen reduzierten die sch\u00f6pfende, ordnungstiftende Kraft auf eine Gottesperson gegen\u00fcber dem Diabolos, w\u00f6rtlich: dem Durcheinanderbringer. Daraus ging das Christentum hervor und identifizierte seinen Gott mit dem Guten an sich und urspr\u00fcnglich mit dem B\u00f6sen an sich den Teufel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die begriffliche Erfindung von Gut und B\u00f6se stellte eine hohe Abstraktionsleistung dar. Sie war den Urgesellschaften wohl noch fremd. Man schob alles auf Naturgewalten, die man sp\u00e4ter als mehr oder weniger freundliche G\u00f6tter personifizierte und am Ende auf einen Erzb\u00f6sewicht verringerte, dem man einen guten Gott gegen\u00fcberstellte. Die mittelalterliche Scholastik stritt noch erbittert darum, ob dieser Gott in seiner Allmacht das Gute geschaffen habe oder ob er mit dem Guten identisch sei und es verk\u00f6rpere. War er allm\u00e4chtig, h\u00e4tte er auch das Gute b\u00f6se und das B\u00f6se als gut erschaffen k\u00f6nnen. H\u00e4tte er dies aber nicht gekonnt, eben weil er mit dem Guten identisch ist und schlechterdings nichts B\u00f6ses h\u00e4tte schaffen k\u00f6nnen: Wie sollte er dann allm\u00e4chtig sein?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch solche Disputationen l\u00f6sten sich Gott und das Gute begrifflich voneinander. Im christlichen Abendland lebten das Gute und das B\u00f6se als Ph\u00e4nomene fort, auch als die Aufkl\u00e4rung bei vielen Gelehrten die Vorstellung einer Person namens Gott obsolet machte und der Teufel zur abergl\u00e4ubischen Spukgestalt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gut und b\u00f6se erkannte man jetzt als abstrakte Begriffe, die nur in menschlicher Vorstellung existieren und uns helfen, das Handeln anderer Menschen uns gegen\u00fcber zu bewerten. Auch gebildete Aufkl\u00e4rer konnten es sich in ihrer Epoche nicht erlauben, Gott und das g\u00f6ttliche&nbsp; Gut und B\u00f6se rundweg zu leugnen. Sie machten es aber argumentationslogisch irrelevant: Sie unterschieden scharf zwischen dem im praktischen Leben ethisch Gebotenen und rein innerseelischem Gut und B\u00f6se. Die Ethik f\u00fcr die Lebenspraxis sch\u00f6pften sie aus den Resultaten vern\u00fcnftigen menschlichen Nachdenkens. Das innere Gut und B\u00f6se \u00fcberlie\u00dfen sie der Moraltheologie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So schob Samuel von Pufendorf die praktische Bedeutung der Moral beiseite, indem er ihren Wert scheinbar lobte. Offen angreifen durfte er sie nicht. Er machte sie aber praktisch irrelevant: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas Naturrecht lehrt also die Menschen, wie sie dieses Leben in rechter Gemeinschaft mit anderen Menschen zu verbringen haben. Demgegen\u00fcber wendet sich die Moraltheologie an den Menschen. soweit er Christ ist und demgem\u00e4\u00df den Vorsatz haben mu\u00df, nicht allein dieses Leben mit Anstand zu verbringen, sondern die Frucht seiner Fr\u00f6mmigkeit vor allem nach dem Ende des Lebens zu erwarten. [\u2026] Daher geh\u00f6ren die Lehrs\u00e4tze des Naturrechts nur zur weltlichen Gerichtsbarkeit, deren Wirkung nicht \u00fcber dieses Leben hinausreicht. Und es w\u00e4re bei vielen Dingen ganz verkehrt, sie auf die Gerichtsbarkeit Gottes anzuwenden, um die sich vielmehr die Theologie zu k\u00fcmmern hat. Daraus folgt, da\u00df das Naturrecht sich zum gro\u00dfen Teil auf die Ordnung der \u00e4u\u00dferen Handlungen des Menschen bezieht. [\u2026] Aber f\u00fcr die Moraltheologie gen\u00fcgt es nicht, das \u00e4u\u00dfere Verhalten des Menschen in einer den Sitten entsprechenden Form zu ordnen. Sie bem\u00fcht sich vielmehr in erster Linie darum, da\u00df der Geist des Menschen und seine innere Haltung gem\u00e4\u00df dem Ratschlu\u00df Gottes geformt werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Samuel von Pufendorf <a href=\"#_ftn22\" id=\"_ftnref22\">[22]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So befreite sich die Aufkl\u00e4rung von einer Moral vor dem Hintergrund g\u00f6ttlicher Gebote und erfand ein Naturrecht nach Ma\u00dfgabe menschlicher Vernunft, der Ratio. Damit machten die aufkl\u00e4rerischen Rationalisten unmi\u00dfverst\u00e4ndlich klar, da\u00df die letzte Deutungshoheit dar\u00fcber, was wir tun sollen und lassen m\u00fcssen, von den Theologen auf eben diese aufgek\u00e4rten Gelehrten selbst \u00fcbergegangen war.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a id=\"_Toc37701515\">Die Religion der universellen Moral<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem die Deutungshoheit \u00fcber das zwischenmenschlich Gute und B\u00f6se sich v\u00f6llig von der Religion getrennt und auf die Moralisten \u00fcbergegangen war, hinderte nichts mehr die Moral daran, auf eigene Hand selbst Religion zu werden.<a href=\"#_ftn23\" id=\"_ftnref23\">[23]<\/a> Man mu\u00df sie nicht mehr begr\u00fcnden, sondern glauben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Hypertrophie der Moral hat sakrale Formen ange\u00adnommen. &#8222;Es gibt heu\u00adte&#8220;, sagte Pareto, <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;eine humani\u00adt\u00e4\u00adre Religion, die den Ge\u00addan\u00adken\u00adaus\u00ad\u00addruck der Menschen reguliert, und wenn sich zuf\u00e4llig einer dem ent\u00ad\u00adzieht, dann erscheint er als Ungeheuer, wie je\u00admand im Mittelalter als Un\u00adgeheuer erschie\u00adnen w\u00e4re, der die G\u00f6tt\u00adlichkeit Je\u00adsu geleugnet h\u00e4tte.&#8220;<a href=\"#_ftn24\" id=\"_ftnref24\">[24]<\/a> <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Politi\u00adsche Reden werden &#8222;wie ein mo\u00adra\u00adlisch-rhetori\u00adsches Hochamt began\u00adgen&#8220;, in dem &#8222;die Li\u00adtur\u00ad\u00ad\u00adgie vom gu\u00adten Menschen ze\u00adlebriert wird.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vilfredo Pareto<a href=\"#_ftn25\" id=\"_ftnref25\">[25]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Religi\u00f6ser mu\u00df nicht zwingend zu im Jenseits wohnenden G\u00f6ttern beten. Auch der Buddhismus kennt keinen Gott. Es gen\u00fcgt f\u00fcr eine Religion, da\u00df Menschen an ein nicht hinterfragbares Heiliges glauben, dieses verehren und, wie h\u00e4ufig, Ungl\u00e4ubige diskriminieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der neulinke Hypermoralismus besitzt eine klare Vorstellung von Gut und B\u00f6se. Gut ist es, sich zwischenmenschlich \u201ehuman\u201c zu verhalten. B\u00f6se ist, was er f\u00fcr \u201einhuman\u201c h\u00e4lt. Dabei hat er eine sehr spezielle, einseitige Vorstellung davon, was human sei. Human hei\u00dft menschlich, und er versteht \u201eMitmenschlichkeit\u201c unter \u201eHumanit\u00e4t.\u201c Er vergi\u00dft dabei, da\u00df Aggression ebenso menschlich ist wie Zuneigung. Menschen sind zum freundlichen Miteinander ebenso f\u00e4hig wie zu Abgrenzung und Krieg. Das \u201eB\u00f6se\u201c ist genauso \u201emenschlich\u201c wie das \u201eGute.\u201c Jeder ist zu beidem f\u00e4hig. Die Ideologie vom guten Menschen\u201c leugnet und verharmlost<a href=\"#_ftn26\" id=\"_ftnref26\">[26]<\/a> diese menschliche F\u00e4higkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ideologischer Kern des moralisierenden Gutmenschentums ist der Glaube, nur das Gute sei menschlich. Wer \u201eB\u00f6ses\u201c tut, wird per definitionem aus diesem Humanum ausgegrenzt, ist nicht mehr \u201emenschlich.\u201c&nbsp; Jeder, der seine Interessen ohne R\u00fccksicht auf die neulinken Glaubenss\u00e4tze vom guten Menschen durchsetzt, gilt als \u201eb\u00f6se\u201c. Sein Handeln wird als unmoralisch abqualifiziert &#8211; unmoralisch aus Sicht der linken Moral, versteht sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir k\u00f6nnen historisch gut einordnen, wann und mit welchen Folgen diese Idee literarisch in die Weltgeschichte eintrat: 1486. Christlicher Vorstellung zufolge verk\u00f6rperte sich ja das Gute in Gott, wohingegen die Menschen S\u00fcnder seien. Nur ihm kam eine &#8211; g\u00f6ttliche &#8211; W\u00fcrde zu. Dem Menschen gottgleiche W\u00fcrde zuzuschreiben, w\u00e4re Blasphemie gewesen. Udo Di Fabio, 1999 bis 2011 Richter am Bundesverfassungsgericht, identifizierte als materiellen Kern dieser Idee und als Sinn des Begriffs &#8222;W\u00fcrde des Menschen&#8220; die s\u00e4kularisierte christliche Vorstellung von der Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen:<a href=\"#_ftn27\" id=\"_ftnref27\">[27]<\/a><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDer moderne Ursprung dieser radikalen Idee liegt auf der Hand. Der Humanismus, repr\u00e4sentativ verewigt durch die kleine Schrift Pico della Mirandolas<a href=\"#_ftn28\" id=\"_ftnref28\">[28]<\/a> \u00fcber die W\u00fcrde des Menschen, beginnt die Konstruktion seines Ideengeb\u00e4udes mit einer im Grunde nur notd\u00fcrftig kaschierten Gottesl\u00e4sterung. Die biblische Offenbarung, wonach jeder einzelne Mensch ein Ebenbild Gottes sei, wird von seinen transzendenten theologischen Wurzeln und den praktischen Demutsermahnungen getrennt. Die jeweils einzelne Gottesebenbildlichkeit wird zur Identit\u00e4t des Menschseins schlechthin gemacht, wenn jeder Mensch auf Erden in den Rang eines gottgleichen Sch\u00f6pfers erhoben wird und jeder als Sch\u00f6pfer seines Schicksals, im Range gleich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Udo Di Fabio<a href=\"#_ftn29\" id=\"_ftnref29\">[29]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Max Stirner grauste schon 1844 die Vorstellung einer Religion, die statt Gott eine be\u00ad\u00adstimm\u00adte Idee vom Menschen in den Rang religi\u00f6ser Verehrung erhob. Sie schreibt der Na\u00adtur des Menschen bisher Gott vorbehal\u00adtene Pr\u00e4dikate zu wie die Sitt\u00adlich\u00ad\u00adkeit, die Freiheit und die Humanit\u00e4t. Sittlichkeit hei\u00dft, das Gute zu tun und das B\u00f6se zu meiden. Freiheit als g\u00f6ttlicher Attribut bedeutet das vollst\u00e4ndige Freisein von irgendwelchen Bindungen und Einschr\u00e4nkungen bei unbegrenzter Verstehens- und Willenskraft.<a href=\"#_ftn30\" id=\"_ftnref30\">[30]<\/a> Auf den Menschen gem\u00fcnzt hei\u00dft sie Emanzipation, Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Je\u00addem erlegte diese neue Religion, erkannte Stirner, die moralische Bestimmung auf: &#8222;Du sollst ein ganzer, ein freier Mensch sein.&#8220; So h\u00e4tten sie \u201eeine neue Religion proklamiert, ein neues Absolutes, ein Ideal, n\u00e4mlich die Frei\u00adheit.\u201c Wie die Christen Missionare ausgesandt h\u00e4tten, weil die Men\u00adschen Christen werden sollten, so seien jetzt Missionare der Frei\u00adheit entstanden. Diese k\u00f6nnte dereinst, sah Stirner 1844 voraus, &#8222;wie bisher der Glau\u00ad\u00adbe als Kirche, die Sittlichkeit als Staat, so als eine neue Ge\u00admein\u00adde sich konstituie\u00adren und von ihr aus eine gleiche &#8218;Propaganda&#8216; be\u00adtrei\u00adben.&#8220; K\u00f6nne man das neue Ideal finden, g\u00e4be es eine neue Religion, &#8222;ein neues Sehnen, ein neues Abqu\u00e4len, eine neue Andacht, eine neue Gott\u00adheit, eine neue Zerknirschung.&#8220;<a href=\"#_ftn31\" id=\"_ftnref31\">[31]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei Jahre sp\u00e4ter kritisierte Pierre-Joseph Proudhon, da\u00df der \u201eSozialismus, unterst\u00fctzt von der \u00e4u\u00dfersten Demokratie, den Menschen verg\u00f6ttlicht, indem er das Dogma vom S\u00fcndenfall verwirft, und somit Gott, der hinfort zur Vervollkommnung seiner Kreatur \u00fcberfl\u00fcssig ist, entfernt.\u201c<a href=\"#_ftn32\" id=\"_ftnref32\">[32]<\/a> Die neue Religion des Humanitarismus hat Gott vom Thron gest\u00fcrzt und den Menschen daraufgesetzt. Ihn betet sie jetzt an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr einen Christen mu\u00df es sich als Gottesl\u00e4sterung darstellen, da\u00df sich der Mensch jetzt selbst anbetet. Gegenstand des neuen Glaubens und religions\u00e4hnlicher Verehrung war ein nur in der Vorstellung existierendes Abstraktum: der Mensch an sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seitdem Menschenrechte fast weltweit gesetzlich fixiert sind, suchen gl\u00e4ubige Humanitaristen neue Bet\u00e4tigungsfelder. Sie finden sie in immer neuen Minderheiten, denen angeblich ihr Mitgef\u00fchl gilt. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eLeider ist es nicht mehr nur ein Zeichen der Empathie, wenn auf die Not von Frauen, Homosexuellen, Menschen mit unterschiedlichem ethnischen Hintergrund und Transmenschen aufmerksam gemacht wird, sondern eine Demonstration von moralischen Anspr\u00fcchen und \u00dcberzeugungen &#8211; einer neuen Religion, wenn Sie so wollen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Douglas Murray <a href=\"#_ftn33\" id=\"_ftnref33\">[33]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den letzten Jahren feierte die Selbstverg\u00f6tzung des Menschen in den USA und Europa ihren Siegeszug. Ihre Monstranzen sind Regenbogenfahnen. Die Inquisition lauert in Talk-Schauen, und auf ihren Alt\u00e4ren werden Ungl\u00e4ubige der sozialen Verachtung geopfert. Sicherlich haben Sie schon einmal die neomoralistische Phrase gelesen: \u201eFaschismus ist keine Meinung, Faschismus ist ein Verbrechen!\u201c &#8211; Es ist typisch f\u00fcr Religionen und totalit\u00e4re weltliche Ideologien, da\u00df Ungl\u00e4ubige zu Verbrechern erkl\u00e4rt und entrechtet werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Katholik und grandiose Rhetoriker Juan Donoso Cort\u00e9s verdammte den religi\u00f6sen Irrtum und lobte die Kirche, denn <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;die Freiheit in der Wahrheit ist ihr heilig, die im Irrtum ist ihr ebenso ver\u00adab\u00adscheuungsw\u00fcrdig wie der Irr\u00adtum selbst; in ihren Augen ist der Irr\u00adtum ohne Rechte ge\u00adboren und lebt ohne Rechte, und dies ist der Grund, weshalb sie ihm nach\u00adsp\u00fcrt, ihn verfolgt bis in die geheim\u00adsten Schlupf\u00adwinkel des menschlichen Gei\u00adstes; wes\u00adhalb sie ihn auszu\u00adrotten sucht. Und diese ewige Illegitimit\u00e4t, diese ewige Nackt\u00adheit und Bl\u00f6\u00dfe des Irrtums ist sowohl ein religi\u00f6ses als auch ein po\u00adli\u00adti\u00adsches Dogma. Zu allen Zeiten haben es alle irdischen Gewalten ver\u00adk\u00fcn\u00addet: Alle ir\u00addi\u00adschen Gewal\u00adten haben das Prinzip, auf dem sie be\u00adru\u00adhen, der Dis\u00adkus\u00adsion entzogen; alle haben das diesem Prinzip ent\u00adge\u00adgen\u00adste\u00adhende Prin\u00adzip Irrtum genannt und haben es jeder Legi\u00adtimit\u00e4t und jeden Rechtes ent\u00adklei\u00addet.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Juan Donoso Cort\u00e9s <a href=\"#_ftn34\" id=\"_ftnref34\">[34]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Indem der neulinke Moralismus seine \u201ehumanitaristischen\u201c Prinzipien jeder Diskussion entzieht, zeigt er seine tief religi\u00f6se Natur.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a id=\"_Toc37701516\">Der S\u00fcnder wird selbst zum Tribunal<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Deutschen der ersten Nachkriegsjahre hatten kein besonders ausgepr\u00e4gtes schlechtes Gewissen. T\u00e4ter von Verbrechen waren \u201edie Nazis\u201c gewesen, wovon man sich bald gern selbst ausnahm. Aber selbst die ehemaligen Parteigenossen fanden mehrheitlich, da\u00df sie pers\u00f6nlich nichts B\u00f6ses angestellt hatten. Wer sein nacktes Leben gerade aus einem Luftschutzbunker gerettet, durch Vertreibung seine Heimat verloren hat oder vergewaltigt worden ist, hat andere Sorgen als ein schlechtes Gewissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Jahrzehnten danach liefen die Turbinen der Vergangenheitsbew\u00e4ltigung erst schleppend an und drehen sich bis heute von Jahr zu Jahr schneller. Das ist f\u00fcr Deutschland massenpsychologisch ein wesentlicher Erkl\u00e4rungsgrund daf\u00fcr, da\u00df der Moralinpegel von Jahrzehnt zu Jahrzehnt steigt. Hinzu kommt, da\u00df sich alle Modetrends und geistigen Zivilisationskrankheiten aus den USA mit ein paar Jahren Versp\u00e4tung auch in Deutschland breit machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der aggressive Moralismus speist sich aus einem gewissen Gef\u00fchl, moralisch versagt zu haben. Dieses entwickelt sich nicht von selbst, es lie\u00df sich aber vom Nukleus der Hochschulen verbreiten und \u00fcber Massenmedien langsam induzieren. In den USA bestand der Kernvorwurf moralischen Versagens darin, da\u00df die Vorfahren der heutigen Amerikaner Sklaven gehalten hatten. Gegen\u00fcber den Deutschen lautet der Vorwurf, ihre Vorfahren seien Nazis gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist bezeichnend f\u00fcr die Massenpsychologie solcher Vorw\u00fcrfe, da\u00df die Erlebnisgenerationen mehrheitlich \u00fcberhaupt kein schlechtes Gewissen hatten. Dagegen w\u00e4chst die moralische Dimension schuldhaften Versagens in den Augen nachfolgender Besserwisser von Generation zu Generation ins Unerme\u00dfliche. Das S\u00fchnebed\u00fcrfnis stieg in dem Ma\u00dfe, in dem junge Leute die zu s\u00fchnende Zeit gar nicht selbst erlebt hatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fluchtpunkt und Rettungsanker des S\u00fcnders ist die Moral oder was er daf\u00fcr h\u00e4lt. Die Flucht ins Moralische bietet sich als letzter Ausweg bei ausgepr\u00e4gtem Schuldbewu\u00dftsein. Wo mo\u00adrali\u00adsche Hypotheken und Schuld\u00advorw\u00fcrfe das Ge\u00adwis\u00adsen \u00fcber\u00ad\u00adlasten, <em>werden<\/em> die Menschen das Gewissen, um Gewissen nicht mehr <em>haben<\/em> zu m\u00fcssen; man entkommt dem Tribunal, indem man es wird.<a href=\"#_ftn35\" id=\"_ftnref35\">[35]<\/a> Aus dem moralisch Angeklagten wird der neue Apostel der Moral. So kam es in Deutschland zu dem von Marquard als \u00dcber\u00adtri\u00adbu\u00adna\u00adli\u00adsie\u00adrung be\u00adzeich\u00adne\u00adten Ph\u00e4\u00adno\u00admen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend der s\u00fcndige Christ noch auf g\u00f6tt\u00adliche Gna\u00adde hof\u00adfen dur\u00adfte, wird der s\u00e4kularisierte S\u00fcnder zum &#8222;ab\u00adsoluten An\u00adge\u00adklag\u00ad\u00adten&#8220; vor ei\u00adnem moralischen &#8222;Dauertribunal, des\u00adsen An\u00adkl\u00e4\u00adger und Rich\u00adter der Mensch selber ist&#8220; und &#8222;unter ab\u00adsoluten Recht\u00ad\u00adfer\u00adti\u00adgungs\u00addruck, unter abso\u00adluten Le\u00adgitimationszwang ger\u00e4t.&#8220; Die ab\u00adso\u00adlute Moral l\u00e4\u00dft nicht mit sich verhandeln und an\u00adtichambrieren. Der &#8222;totale Rechtferti\u00adgungs\u00addruck&#8220; ist nach Marquard &#8222;menschlich un\u00adaushaltbar und unlebbar.&#8220;<a href=\"#_ftn36\" id=\"_ftnref36\">[36]<\/a> Das h\u00e4lt nur ein Ge\u00adm\u00fctsathlet oder Zy\u00adniker auf Dauer durch. Die anderen gehen in die Knie oder werfen mit Ekel und Abscheu den Mo\u00adral\u00adkom\u00adplex ins\u00adgesamt \u00fcber Bord.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie Technik einer missionierenden Massenbewegung legt es darauf an, in ihrer Gefolgschaft die Stimmung und die Geistesverfassung eines reuigen S\u00fcnders wachzurufen.\u201c Sie infiziert das Volk und bietet sich dann selbst als Heilmittel an.<a href=\"#_ftn37\" id=\"_ftnref37\">[37]<\/a> Schuldbewu\u00dftsein kann man erst erzeugen und dann politisch ausbeuten. Es begr\u00fcndet und stabilisiert die Macht derer, die sich als verbindliche Interpreten und H\u00fcter des Moralischen ausgeben. Wer sich ihnen unterwirft, dem winkt Vergebung. Die geforderte Unterwerfung unter die Moral und die pers\u00f6nliche Selbstaufgabe ist ein Akt der S\u00fchne. Die Selbstaufgabe beginnt mit der Aufgabe der selbstbestimmten eigenen Moral und endet mit rituellen Aktionen als S\u00fchnezeichen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a id=\"_Toc37701517\">Vom Marxismus zum Moralismus<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Linke ist mutiert. Als ich 1968 Sch\u00fcler war, klopfte sie gern den Spruch: \u201eWer zweimal mit derselben pennt, geh\u00f6rt schon zum Establishment.\u201c Das Establishment waren die B\u00f6sen: alte, repressive, reaktion\u00e4re Spie\u00dfer, Fossilien des klerikal-faschistischen Syndroms der BRD. Und dieses geh\u00f6rte nat\u00fcrlich wegger\u00e4umt, um alle Unterdr\u00fcckten ins kommunistische Paradies zu f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute sind die linken Revolution\u00e4re von einst selbst die Spie\u00dfer. Schon Robert Michels hatte 1911 festgestellt: Im Besitze der Macht geht in dem Revolution\u00e4r eine Umwandlung vor, an deren Endpunkt er, wenn nicht der weltanschaulichen Legitimation, so doch der Substanz nach, den Entthronten so \u00e4hnlich wird wie ein Haar dem anderen.<a href=\"#_ftn38\" id=\"_ftnref38\">[38]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In meiner Kindheit konnte ein nackter Busen in einer Illustrierten noch den Staatsanwalt auf den Plan rufen. Spie\u00dfer r\u00fcmpften \u00fcber unmoralische Nacktheit die Nase. Bald ist es wieder soweit. Nackte Busen gelten als \u201esexistische Werbung\u201c. Wer im Betrieb mit einer anziehenden Kollegin anb\u00e4ndeln m\u00f6chte, l\u00e4uft Gefahr, wegen sexueller Anmache gefeuert zu werden. Sind diese Linken alle frustrierte, verklemmte Typen, feministisch verunsichert in ihrer Geschlechtsrolle, oder sind sie blo\u00df feige und trauen sich einfach nicht mehr? Angetreten war die antiautorit\u00e4re Linke 1968 mit dem Versprechen fr\u00f6hlicher sexueller Selbstverwirklichung. Was hat viele Linke zu Spie\u00dfern mutieren lassen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie moderne Linke, jedenfalls in ihrem akademischen Teil, scheint vor allem mit der Frage besch\u00e4ftigt, wie sie daf\u00fcr sorgen kann, da\u00df niemand vom rechten, also linken Weg abkommt. Ihre ganze Energie ist darauf gerichtet, da\u00df die Menschen nicht das Falsche sagen. Oder die falschen Witze rei\u00dfen. Oder die falschen Kost\u00fcme zu Halloween tragen.\u201c<a href=\"#_ftn39\" id=\"_ftnref39\">[39]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Parolen zur sexuellen Befreiung hatten 1968 unter linkem Vorzeichen gestanden. Immerhin galt sexuelle Verklemmtheit als Zeichen einer autorit\u00e4ren, latent faschistoiden Pers\u00f6nlichkeit. \u201eDie Linke, mit der ich aufgewachsen bin, war stolz auf ihre Aufm\u00fcpfigkeit und ihren Widerspruchsgeist. Bei den sogenannten K-Gruppen gab es schon damals nichts zu lachen. Wer gl\u00e4ubiger Marxist ist, h\u00e4lt Ironie f\u00fcr ein Zeichen von Dekadenz.<a href=\"#_ftn40\" id=\"_ftnref40\">[40]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch schon bald erhoben sich die ersten mahnenden Stimmen im linken Lager selbst. Nach dem SPIEGEL vom 17.2.1965 soll eine amerikanische Studentin zugegeben haben: \u201eIch finde die Idee, Sex ausschlie\u00dflich zum Vergn\u00fcgen zu betreiben, au\u00dferordentlich attraktiv.\u201c Der \u2013 damals \u2013 linke Frank B\u00f6ckelmann r\u00fcmpfte dar\u00fcber 1971 die Nase: \u201eDie Mehrheit der Amerikaner ist bereits zu einem eindeutigen moralischen Urteil nicht mehr f\u00e4hig.\u201c<a href=\"#_ftn41\" id=\"_ftnref41\">[41]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die heutige Entwicklung wurde bef\u00f6rdert durch den \u00f6konomischen und dann ideologischen Zusammenbruch des Marxismus um 1989. Seine Klassenkampftheorien hatten besagt, die unterdr\u00fcckte Arbeiterklasse werde sich dereinst erheben und das kapitalistische System beseitigen. Diese Prophezeiung trat nicht ein. Statt dessen l\u00f6ste sich, soziologisch betrachtet, die Arbeiterklasse auf: f\u00fcr einen strammen Kommunisten h\u00f6chste Zeit f\u00fcr einen Paradigmenwechsel.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der englische Publizist Douglas Murray fand den Nukleus dieses Paradigmenwechsels in den Arbeiten der Postmarxisten Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. Diese wandten sich vom \u201etraditionellen Diskurs des Marxismus\u201c ab, der sich auf den Klassenkampf und wie \u00f6konomischen Widerspr\u00fcchlichkeiten des Kapitalismus konzentriert habe. \u201eDoch jetzt\u201c, schreibt Murray, \u201em\u00fcsse das Konzept des Klassenkampfes neu geschrieben werden, weshalb sie die Frage aufwerfen:\u201c \u201eIn welchem Umfang ist es notwendig geworden, das Konzept des Klassenkampfes zu modifizieren, um mit neuen politischen Themen \u2013 Frauen, nationale, ethnische und sexuelle Minderheiten, Anti-Atomkraft- und institutionskritischen Bewegungen \u2013 von eindeutig anti-kapitalistischem Charakter umgehen zu k\u00f6nnen, deren Identit\u00e4t jedoch nicht auf bestimmte Klasseninteressen ausgerichtet ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ernesto Laclau \/ Chantal Mouffe <a href=\"#_ftn42\" id=\"_ftnref42\">[42]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Zitat bildet einen Schl\u00fcssel, die Mutation der Linken von fr\u00f6hlichen Antiautorit\u00e4ren zu verbissenen Spie\u00dfern zu erkl\u00e4ren. Ging es bisher darum, die armen, unterdr\u00fcckten und ausgebeuteten Arbeiter zu befreien und gl\u00fccklich zu machen, mu\u00dften jetzt andere herhalten: Diverse Minderheiten traten an die leer gewordene Stelle derer, die es zu befreien galt. Das marxistische Heilsversprechen gilt fort, nur wurden seine Adressaten ausgetauscht: \u201eDiese Gesellschaft ist zwar eine kapitalistische, aber das ist nicht ihr einziges und entscheidendes Merkmal; sie ist sexistisch und patriarchalisch, ganz zu schweigen von rassistisch.\u201c<a href=\"#_ftn43\" id=\"_ftnref43\">[43]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit war der Schwenk vollzogen. Sex wurde zu etwas Rechtfertigungsbed\u00fcrftigem. Da verstehen die neuen Spie\u00dfer keinen Spa\u00df. \u201eWeil theoretisch alles verst\u00f6rend sein kann, was sich auf dem Terrain zwischen Mann und Frau abspielt, gehen Museen dazu \u00fcber, vor R\u00e4umen mit anst\u00f6\u00dfigen Bildern Warntafeln anzubringen. Studenten erhalten vor der Lekt\u00fcre von Textpassagen, die sie belasten k\u00f6nnten, sogenannte Trigger-Warnungen. Die Rechte habe ein Problem mit freier, selbstbestimmter Sexualit\u00e4t, hat die Feministin Margarete Stokowski dieser Tage geschrieben. Mag sein, lie\u00dfe sich einwenden, aber zumindest mu\u00df man als Rechter vor dem Beischlaf nicht lange Vertr\u00e4ge unterschreiben, um m\u00f6gliche Klagen abzuwenden, wenn einer oder eine anschlie\u00dfend entt\u00e4uscht ist.\u201c<a href=\"#_ftn44\" id=\"_ftnref44\">[44]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vordergr\u00fcndig schwingen sich die neulinken Tugendbolde zu Besch\u00fctzern angeblich Unterprivilegierter auf. Dahinter steht die alte Strategie, die derzeitigen Herrschaftsstrukturen zu zerst\u00f6ren. Diese bezeichneten sie fr\u00fcher als Schweinesystem und sehen sie heute noch so. Ganz fr\u00fcher war der Zigarren rauchende Kapitalist das Feindbild, 1968 der pr\u00e4faschistoide Reaktion\u00e4r, heute der \u201ealte wei\u00dfe Mann\u201c. Die Protagonisten dieser Ideologie findet man inzwischen auf Lehrst\u00fchlen und in Seminaren der Universit\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei genauerer Betrachtung ihrer Person sind es in der Wolle gef\u00e4rbte Linksextremisten. Wie alle Fanatiker haben sie h\u00e4ufig ein schwaches Selbstbewu\u00dftsein, f\u00fchlen sich aber wertvoll und gro\u00dfartig, wenn sie einer gro\u00dfen Sache dienen d\u00fcrfen. Die neue, gro\u00dfartige Sache ist aus ihrer Sicht die F\u00f6rderung \u201eder Diversit\u00e4t\u201c durch Privilegierung von Minderheiten. Sie sind die geborenen Feinde der Freiheit, weil die Privilegierung bestimmter Gruppen immer die Freiheit derer einschr\u00e4nkt, die keiner Minderheit angeh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWir reden viel \u00fcber den Wert der Freiheit, aber in Wahrheit ist Freiheit f\u00fcr \u00e4ngstliche Naturen eher Drohung denn Verhei\u00dfung. Der Nachteil des Gl\u00fccksversprechens der siebziger Jahre war, da\u00df es jedem Einzelnen die Verantwortung aufb\u00fcrdete, sein Gl\u00fcck zu finden. Wer einsam zu Hause sa\u00df, weil er keinen Anschlu\u00df fand, mu\u00dfte es sich selbst zuschreiben, wenn das wilde Leben an ihm vorbeizog. Von dieser Last ist die nachfolgende Generation befreit. Die Freuden der Selbstkasteiung stehen jedem offen. Wer sich bei den linken Flagellanten einschreibt, mu\u00df nie f\u00fcrchten, da\u00df andernorts die bessere Party stattfindet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jan Fleischhauer <a href=\"#_ftn45\" id=\"_ftnref45\">[45]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die neulinken Moralisten gilt die Faustregel: Was Spa\u00df macht, ist verboten. Falls sie sich durchsetzen, k\u00f6nnte das zum Ende der Spa\u00dfgesellschaft f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei m\u00fcssen diese Fanatiker keineswegs selbst Angeh\u00f6rige einer Minderheit sein. Auch eine wei\u00dfe, sexuell normale Frau kann ihr Leben dem Kampf gegen Kapitalismus, Rassismus, Sexismus und den anderen Teufeln weihen, die angeblich in der aus b\u00fcrgerlichen Vorurteilen bestehenden H\u00f6lle ihr Unwesen treiben. Der Philosoph Eric Hoffer hatte in seinem 1951 erschienenen Buch \u201eDer Fanatiker\u201c aus seiner Epoche noch besonders im Auge, wie Hitler in seiner Anfangszeit besonders von Frauen gef\u00f6rdert worden war: \u201eDie Ehe bietet der Frau, was sie ebenso im Anschlu\u00df an eine Massenbewegung finden w\u00fcrde. [\u2026] Die Langeweile alter Jungfern und der Frauen, die in der Ehe keine Freude und Erf\u00fcllung mehr finden, entspringt dem Bewu\u00dftsein eines unfruchtbaren und verpfuschten Lebens. Indem sie sich an eine heilige Sache klammern und alle ihre Energien und ihre Substanz dieser Sache widmen, finden sie ein neues Leben, bedeutungsvoll und zweckbestimmt.\u201c<a href=\"#_ftn46\" id=\"_ftnref46\">[46]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Hoffer dies schrieb, gab es noch keine verbl\u00fchenden, kinderlosen Feministinnen, die in ihrem verpfuschten Leben allenfalls noch Genderbeauftragte werden k\u00f6nnen. Die pr\u00e4gende seelische Lage solcher Frauen verf\u00fchrte aber damals wie heute zu besonderem Fanatismus: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie Langeweile ist verantwortlich daf\u00fcr, da\u00df bei der Geburt von Massenbewegungen alte Jungfern und Frauen in vorger\u00fcckten Jahren immer und immer wieder Hebammendienste leisteten. [\u2026] Die gl\u00fchende \u00dcberzeugung, da\u00df sie\u201c Minderheiten gegen\u00fcber \u201eeine heilige Verpflichtung h\u00e4tten, ist h\u00e4ufig nur der rettende Strohhalm f\u00fcr das versinkende Ich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eric Hoffer <a href=\"#_ftn47\" id=\"_ftnref47\">[47]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie sind nicht nur in kleinen, radikalen Gruppen organisiert, sondern bilden einen personellen Schwerpunkt der Partei \u201edie Gr\u00fcnen\u201c. Ihr Sinnen und Trachten strebt immer wieder danach, die Mehrheitsgesellschaft moralisch zu bevormunden.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJeder kleine Spie\u00dfer macht<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Leben mir zur Qual,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn er spricht nur immer von Moral.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und was er auch denkt und tut,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man merkt ihm leider an,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da\u00df er niemand gl\u00fccklich sehen kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Zarah Leander 1938)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ein normaler Mann heute einer normalen Frau am Arbeitsplatz Avancen macht, gilt er schnell als sexistischer Flegel. Gleichzeitig stehen aber unter moralischem Naturschutz diejenigen M\u00e4nner und Frauen, die einer \u201esexuellen Minderheit\u201c angeh\u00f6ren und darum ideologisch ben\u00f6tigt werden. Sie d\u00fcrfen sich \u00f6ffentlich alles erlauben, ohne als \u201esexistisch\u201c zu gelten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a id=\"_Toc37701518\">Moral tobt sich an den Universit\u00e4ten aus<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie sehr sich postmarxistische Deutungsmuster an vielen Hochschulen durchgesetzt haben, zeigt die verbissene Intoleranz, mit der dort diejenigen Normen verteidigt werden, auf die der derzeitige Linksextremismus sich st\u00fctzt. Diese Normen selbst bilden eine komplexe Ideologie, deren Versatzst\u00fccke in einem bestimmten Geschichtsbild, einer spezifischen Auffassung von der Gleichheit aller Menschen und \u00e4hnlichem bestehen. Wer die sich daraus ergebenden Normsetzungen mi\u00dfachtet, gilt als <em>b\u00f6se<\/em>, wer sie verinnerlicht hat, als <em>gut<\/em>. B\u00f6sen mu\u00df man aus dieser Perspektive nicht mit Toleranz begegnen, denn sie sind ja b\u00f6se.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf der einen Seite stehen Vertreter des kritischen Rationalismus. Dieser ist davon \u00fcberzeugt, da\u00df es feststehende Wahrheiten nicht gibt. Darum soll jeder Gesichtspunkt in eine freie Diskussion eingebracht werden d\u00fcrfen. Jede \u00dcberzeugung mu\u00df sich st\u00e4ndig gefallen lassen, anhand neuer Fakten und Gesichtspunkte \u00fcberpr\u00fcft zu werden. Darum ist wissenschaftliche Erkenntnis ohne Freiheit von Forschung und Lehre nicht m\u00f6glich. Fragestellungen sind Sachfragen, und um Sachfragen zu beantworten, haben Wissenschaftler die beste Kompetenz. Schlie\u00dflich geht es um Glaubensfragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jeder J\u00fcngling, dem beim Anblick eines M\u00e4dchens noch vor Aufregung die Eiterpickel platzen, darf sich als berufener Hohepriester des Humanitarismus f\u00fchlen. Dann geht es, mit den Worten Zara Rifflers, so zu: &#8222;Die gef\u00fchlte Bedrohung in Kombination mit der \u00fcbertriebenen Political Correctness l\u00e4\u00dft die Moral in universit\u00e4ren linken Kreisen zu einer Hypermoral wuchern. Es wird moralisch entschieden, was \u201erichtig\u201c sei. Eine solche moralisch \u201erichtige\u201c Meinung wird absolut gesetzt, abweichende Meinungen hingegen als obsolet ausgesondert. Diese Hypermoral hat die Oberhand gewonnen und l\u00e4\u00dft kaum einen Diskurs zu, da andere politische Auffassungen unmittelbar verurteilt werden \u2013 denn diese entsprechen nicht den eigenen moralischen Prinzipien, daher gef\u00e4hrden sie den Kampf gegen die gef\u00fcrchteten -ismen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Hypermoral ersetzt das Bewu\u00dftsein von der Relevanz der Meinungsfreiheit und blockiert jede Toleranz. Linke Gruppierungen ma\u00dfen sich an Universit\u00e4ten die Definitions- und Entscheidungsgewalt dar\u00fcber an, welche Personen die Universit\u00e4t betreten, welche innerhalb der R\u00e4umlichkeiten reden d\u00fcrfen und welche Inhalte noch erlaubt sind. Da sich die Hypermoral durch das Ausbleiben eines Diskurses mit Andersdenkenden verfestigt, wird der offene Diskurs unm\u00f6glich. Damit sind die Universit\u00e4ten in eine politisch linke Wohlf\u00fchlzone geraten und im eigenen moralisierenden Wortgeklingel gefangen. Realit\u00e4t st\u00f6rt.&#8220;<a href=\"#_ftn48\" id=\"_ftnref48\">[48]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dem kritischen Rationalismus und der Wissenschaftsfreiheit gegen\u00fcber stehen die Vertreter geschlossener Weltbilder, die absolute Wahrheiten schon gefunden glauben. Wer ihnen widerspricht, ist b\u00f6se &#8211; unmoralisch! Er mu\u00df darum am Forschen, Lehren und Reden gehindert werden, notfalls handgreiflich. Moralische Fragen zu beantworten, f\u00fchlen sich bereits Erstsemester v\u00f6llig kompetent.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer scharfsinnigen Analyse hat die Historikerin Sandra Kostner erkannt, da\u00df hier ein Kampf um Macht stattfindet. Der Linksextremismus ist dabei, an den Universit\u00e4ten &#8222;wissensbasierte Machtasymmetrien durch moralbasierte&#8220; zu ersetzen.<a href=\"#_ftn49\" id=\"_ftnref49\">[49]<\/a> In ihnen steht der wissende Professor wie ein dummer Junge hilflos neben dem krakeelenden Erstsemester, der f\u00fcr sich moralische Kompetenz und den Vorrang seiner Moral vor jeder wissenschaftlichen Kompetenz beansprucht.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Moralbasierte Machtasymmetrien bilden die ideale Voraussetzung f\u00fcr Studenten, die das agendawissenschaftliche Programm radikalisieren oder einfach nur Macht \u00fcber andere aus\u00fcben m\u00f6chten. So haben es sich manche zur Aufgabe gemacht, Disziplinarma\u00dfnahmen f\u00fcr Dozenten einzufordern, deren Lehrinhalte oder deren Sprachgebrauch von der \u00abrichtigen\u00bb Gesinnung abweichen. Die Anklage lautet stets: rassistisch, sexistisch, anschlu\u00dff\u00e4hig an rechte Diskurse, femo-\/homonationalistisch oder islamophob. Vorgebracht werden die Anschuldigungen \u00fcber Social-Media-Accounts oder \u00fcber Beschwerdebriefe an Leitungsebenen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sandra Kostner <a href=\"#_ftn50\" id=\"_ftnref50\">[50]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Machtergreifung des Linksextremismus hat gerade in vielen geisteswissenschaftlichen Fakult\u00e4ten bereits stattgefunden. Eine Freiheit der Wissenschaft kennt er nicht mehr, nicht mehr als normatives Ziel und bereits nicht in der wissenschaftlichen Methodik. Von Wissenschaft kann keine Rede mehr sein, wo die Resultate angeblich wissenschaftlicher Forschung von vornherein feststehen. Als wahre Resultate gelten dann nur noch diejenigen Hypothesen, die mit der dominanten Ideologie \u00fcbereinstimmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um diese in der gesamten Gesellschaft durchzusetzen, haben Linksextremisten quasi eine Agenda geschaffen, einen Plan schrittweiser Machtergreifung: den Marsch durch die Institutionen: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Urspr\u00fcnglich strebten Agendawissenschafter die soziale Revolution an. Aber schon in den 1970er Jahren verlagerten sie ihr Ziel: weg vom Empowerment der angeblich vom Kapital unterdr\u00fcckten sozialen Klassen, hin zum Empowerment von Gruppen, die aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe, ihrer au\u00dfereurop\u00e4ischen Herkunft, ihres nichtchristlichen Glaubens oder ihrer sexuellen Orientierung pauschal zu Opfern der von wei\u00df-christlich-heterosexuellen M\u00e4nnern geschaffenen Machtverh\u00e4ltnisse erkl\u00e4rt wurden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sandra Kostner <a href=\"#_ftn51\" id=\"_ftnref51\">[51]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie sind in der Wolle gef\u00e4rbte Feinde unserer Verfassung, denn, so Art. 5 Grundgesetz: &#8222;(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu \u00e4u\u00dfern und zu verbreiten und sich aus allgemein zug\u00e4nglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. [..]&nbsp; (3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer Vorlesungen sprengt und Wissenschaftler niederbr\u00fcllt, hat an einer Universit\u00e4t nichts zu suchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Moralismus ist eine Methode, ideologischen Machtanspr\u00fcchen die Weihe scheinbar h\u00f6herer Moral zu verleihen. Diese Moral mitsamt ihrer Weihe zu analysieren, sie auf ihren ideologischen und methodologischen Kern und ihre soziale Funktion zur\u00fcckzuf\u00fchren, ist auch eine Methode. Sie entlarvt solche Art Moral als ein \u201eideologisches Konstrukt\u201c, wie eine linke Lieblingsphrase lautet. Man nennt diese Methode: Dekonstruktivismus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Soll doch mal einer sagen, man k\u00f6nne von seinen Gegnern nichts lernen &#8211; und sei es nur etwas Methodisches! Die Einfalt der ideologischen Moralisten besteht darin, da\u00df sie ihren Gegnern nicht zuh\u00f6ren, sondern sie niederbr\u00fcllen. So k\u00f6nnen sie auch nichts von ihnen lernen. W\u00e4ren sie lernwillig, w\u00e4ren sie allerdings keine Moralisten mehr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit einer dekonstruktivistischen Lanze kann man einen Ritter der Moral vom hohen Ro\u00df holen. Sie sind n\u00e4mlich gar nicht \u201emoralischer\u201c als andere Leute. Sie bilden sich lediglich ein, ihre Moral sei die einzig wahre und g\u00fcltige. \u201eIndem Moralisten glauben (machen wollen), sie w\u00e4ren eo ipso moralischer als andere Menschen, die keine Moralisten sind, r\u00e4umen sie dem Symbolischen und Bekenntnishaften den Vorrang ein.\u201c<a href=\"#_ftn52\" id=\"_ftnref52\">[52]<\/a> \u201eBekennen\u201c kann man sich allerdings nur zu einem Glauben oder einer Religion.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a id=\"_Toc37701519\">Die Strategie der moralischen Machtergreifung<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer Macht erringen und behalten will, mu\u00df diese Macht legitimieren. Sie ist n\u00e4mlich Macht \u00fcber seine Mitmenschen. Sie bricht irgendwann zusammen, wenn die Mitmenschen nicht mehr an ihre Berechtigung glauben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Menschen m\u00f6gen keine Herrscher aus eigener Machtvollkommenheit. Darum herrschten fr\u00fchere K\u00f6nige von Gottes Gnaden. Das verlieh ihrer Macht die h\u00f6here Weihe und Legitimation. Wer anderen Befehle geben will, mu\u00df darum vorgeben, seine Herrschaft stehe in unbedingtem Einklang mit universalen&nbsp; Gesetzen des Seins. Wer herrschen will, mu\u00df einer h\u00f6heren Sache zu dienen vorgeben. Den erweckten Glauben daran nennt man eine Herrschaftsideologie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als die Linke der Nachkriegszeit an die Macht strebte, propagierte sie ein komplexes ideologisches Konstrukt. Friedrich Engels hatte behauptet, historisch f\u00fchre gesetzm\u00e4\u00dfig ein Weg von der kommunistischen Urgesellschaft \u00fcber die Erfindung des Privateigentums, die Ausbeutung der Menschen und die Verarmung der Arbeiterklasse \u201enaturnotwendig\u201c zur Revolution und schlie\u00dflich zur klassenlosen Gesellschaft. In der DDR bildete das die offizielle Herrschaftsideologie. In den Augen der meisten Opfer wurde sie sp\u00e4testens durch den Zusammenbruch des Ostblocks seit 1989 widerlegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vor Schreck eine Zeitlang sprachlos gewordene Linke mutierte. Sie ersetzte ihre Ideologie der Machtgewinnung und ihres Machterhalts durch eine andere. Diese neue Herrschaftsideologie besteht in einem rigiden Moralismus, der ein und dieselben inhaltlichen Ziele anstrebt wie zuvor der Marxismus. Gewechselt hat lediglich die metaphysische Letztbegr\u00fcndung. An die Stelle des historischen Materialismus trat der Glaube an einen spezifischen Moralismus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bereits der Marxismus war angetreten mit dem \u201ehumanistischen\u201c Versprechen, die Menschen durch Aufhebung ihrer \u201eEntfremdung\u201c durch die Produktionsverh\u00e4ltnisse frei und gl\u00fccklich zu machen. Dieses Gl\u00fccksversprechen h\u00e4lt der postmarxistische linke Moralismus aufrecht. Standen der Verhei\u00dfung aus marxistischer Sicht noch die Widerspr\u00fcche von Kapital und Arbeit mitsamt ihrer Entfremdung des Menschen von seinen eigenen Werken entgegen, hei\u00dfen die Erzschurken des neuen Moralismus: Kapitalismus, wei\u00dfer Rassismus, Frauenunterdr\u00fcckung oder Sexismus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie gilt es zu zerst\u00f6ren. Die geistige Zersetzung bedient sich der Waffe des Moralischen: Die Erzschurken werden moralisch angeprangert. Es folgt ihre geistige Dekonstruktion, indem ihre Grundannahmen und Wertbegriffe als blo\u00dfe Konstruktion dargestellt werden. Begriffe wie Ehe, Familie oder Demokratie werden uminterpretiert, bis sie das Gegenteil besagen. Seien sie erst einmal \u00fcberwunden, werde sich gewi\u00df ein Zeitalter der Harmonie, des Friedens und der Mitmenschlichkeit ganz von selbst einstellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr den Linksextremismus bis zur Wende um 1989 stand der angeblich faschistoide Staat BRD f\u00fcr die Aufrechterhaltung kapitalistischer Unterdr\u00fcckung. Der neue linke Hypermoralismus schwenkte den Fokus, je nach Erfolg seines eigenen Marsches durch die Institutionen und seiner Eroberung des Staates, auf \u201eRechtsradikalismus aus der Mitte der Gesellschaft\u201c. Geblieben ist als Feindbild die verschwommene Idee, die Linke sich von \u201erechten\u201c Vorstellungswelten macht. Die linke Schreckensvision besteht in der jeweils antithetischen Umkehr linker Positionen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir haben Moral als eine ausf\u00fcllungsbed\u00fcrftige Worth\u00fclse erkannt, die erst mit konkreter Ideologie gef\u00fcllt werden mu\u00df, bevor ein <em>Gut und B\u00f6se<\/em> aus ihr herausspringt. Diese Ideologie ist heute derselbe Linksextremismus, den wir hier seit Jahrzehnten kennen. Der Philosoph Alexander Grau hat auf den Erfolg postkommunistischer Ideologeme hingewiesen, die bereits das gesamte linke Spektrum bis hin zum Linksliberalismus infiziert haben: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDer Hypermoralismus ist ja nicht politisch neutral, sondern wir kennen ihn vor allem eigentlich aus dem linken oder linksliberalen Lager. Er ist der Versuch, die Gesellschaft anhand linker Ordnungsvorstellungen und eines weitestgehend links konnotierten Menschenbildes auszurichten und hat seine Wurzeln in der 68er-Bewegung und in der kulturellen Hegemonie, die in einigen Teilen der Gesellschaft zumindest dieser Linksliberalismus inzwischen erlangt hat.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alexander Grau <a href=\"#_ftn53\" id=\"_ftnref53\">[53]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der englische Publizist Douglas Murray sieht die Infizierung des Linksliberalismus mit dieser Bewegung als so gef\u00e4hrlich an, weil \u201edie marxistische Unterkonstruktion eines Gro\u00dfteils dieser Bewegung nicht gew\u00fcrdigt wird.\u201c<a href=\"#_ftn54\" id=\"_ftnref54\">[54]<\/a> Sie greift als \u201eBefreiungsbewegung\u201c nach der gesellschaftlichen Alleinherrschaft. Nach einer &nbsp;Machtergreifung w\u00fcrde sie sich funktional als moralisch rigide Herrschaftsideologie entpuppen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a id=\"_Toc37701520\">Eine ehrenwerte Gesellschaft<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ironie der Geschichte besteht darin, da\u00df sich die humanitaristisch auftretende Linke teilweise einig in manchen \u00dcberzeugungen und in ihrem Feindbild ist mit Str\u00f6mungen, die sie sonst sch\u00e4rftens ablehnt. Geistige Auseinandersetzungen haben eben ihre eigenen Gesetze. So kann ich mit Vergn\u00fcgen den katholischen Autor Donoso Cort\u00e9s zitieren, wenn er den Liberalismus und den Sozialismus analysiert, und mit demselben Vergn\u00fcgen bei einem Liberalen die saftigsten Formulierungen gegen kirchliche Machtanspr\u00fcche entlehnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der moralisierende Humanitarismus ist in sich so schwammig und uneinheitlich, da\u00df sich sehr unterschiedliche Str\u00f6mungen seiner bedienen. Alle Menschen frei und gl\u00fccklich zu machen und f\u00fcr \u201edas Humane\u201c zu k\u00e4mpfen, versprachen die Marxisten, behaupten die Linksliberalen und beanspruchen selbst in der Wolle gef\u00e4rbte Marktliberale f\u00fcr sich. Sie haben ja auch alle scheinbar denselben Gegner: Jene moralischen Schurken, die kein verordnetes Gut und B\u00f6se f\u00fcr sich gelten lassen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die beharren auf ihrer eigenen M\u00fcndigkeit, ihrer moralischen Selbstbestimmung und ihrer Identit\u00e4t. Diese Identit\u00e4t legt sich jeder global geltenden Moral quer in den Weg. Die ehrenwerte Gesellschaft der Moralisierer hingegen findet ihre tiefste strukturelle Gemeinsamkeit in ihrem universalistischen Anspruch, global f\u00fcr alle Menschen zu gelten. Sie suchen nach einer globalisierbaren Moral.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nationen, die ihre Interessen dadurch gef\u00e4hrdet sehen und sich verweigern, gelten als b\u00f6se. Die USA nennen diese Gegner &#8222;Schurkenstaaten&#8220;, weil sich ihr globaler Machtanspruch noch an ihnen bricht. F\u00fcr linksextreme Antifaschisten sind die Erzschurken nat\u00fcrlich Rassisten, Sexisten und Faschisten, womit sie ihr Vokabular weitgehend ausgesch\u00f6pft haben. F\u00fcr Linksliberale hei\u00dfen die B\u00f6sewichter Populisten oder Rechtsextremisten, die das Dogma der \u201efundamentalen Menschengleichheit\u201c anzweifeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abgerundet wird die ehrenwerte Gesellschaft der moralisch Gleichgesinnten durch die Spitzen der evangelischen und katholischen Kirche. Sie werden nicht m\u00fcde, ihr Gut und B\u00f6se aus ihrer Bibel herauszulesen, vor allem durch ihre Auslegung der N\u00e4chstenliebe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie alle bilden heute ein Kartell der Guten und h\u00e4ufig eine Koalition der moralisch Willigen, das sich in wesentlichen Grundlagen ebenso einig wei\u00df wie h\u00e4ufig im Ergebnis. Sie kennen zum Beispiel keine Meinungsverschiedenheiten, da\u00df es alles Fl\u00fcchtlinge seien, die da in kleinen Booten von Afrika aus zu \u201eFl\u00fcchtlingsrettern\u201c tuckern, die sie am Horizont schon sehen k\u00f6nnen. Sie alle nach Deutschland zu holen, schallt es von allen Seiten, sei <em>gut<\/em>, sie zur\u00fcckzuschicken aber <em>b\u00f6se<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da freuen sich selbst die erzliberalen Kapitaleigner und Finanzjongleure in den USA und ihrer deutschen moralischen Kolonie, f\u00fcr die Menschen nur als \u201eHumankapital\u201c einen Stellenwert haben. F\u00fcr Aktieninhaber ist wahrhaftig jeder Einwanderer eine potentielle \u201eBereicherung\u201c, weil er allein schon durch seinen Konsum die Nachfrage steigert und das Bruttosozialprodukt f\u00f6rdert.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a id=\"_Toc37701521\">Die paninterventionistische Weltmoral<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Ideologie vemag nur dann die Herzen der Menschen f\u00fcr sich einzunehmen, wenn sie vorgibt, sie besitze den Schl\u00fcssel f\u00fcr die Antworten auf die gro\u00dfen Menschheitsfragen. Sie mu\u00df darum global, ja universell geltende Antworten anbieten. Diese m\u00fcssen scheinbar absolut gelten, weil sie sonst unverbindlich w\u00e4ren. Und sie m\u00fcssen die Sehnsucht nach Sinnsuche befriedigen. Die wenigsten Menschen haben n\u00e4mlich verstanden, da\u00df es keinen f\u00fcr alle vorgegebenen \u201eSinn des Lebens\u201c gibt, sondern da\u00df jedermann frei zur Sinnstiftung ist.<a href=\"#_ftn55\" id=\"_ftnref55\">[55]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur universalistische Ideologien mit absolutem Geltungsanspruch und einem hinreichenden Sinnangebot k\u00f6nnen sich im Konkurrenzkampf der Ideologien behaupten. Solange sie oppositionell sind, treten sie als Befreiungsideologie auf und mutieren nach der Machtergreifung ihrer Verfechter zur Herrschaftsideologie. Der sozialontologische Imperativ lautet: Um sich sozial durchzusetzen, mu\u00df eine Ideologie jede geistig-moralische Konkurrenz bek\u00e4mpfen. Ihre Handlungsmaximen m\u00fcssen tendenziell weltweit dominieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der gel\u00e4ufigen Taktik entspricht es, die eigene&nbsp; Welt-An\u00adschauung zu ver\u00adabsolu\u00adtieren und so den Normgel\u00adtungsan\u00adspruch: &#8222;Alles h\u00f6rt auf mein moralisches Komman\u00addo!&#8220;, auf die ganze Welt auszudehnen. Wer das unternimmt, ist Universalist. Indem er moralisch-ethische Normen aufstellt, verst\u00e4rkt und verab\u00adso\u00adlutiert er sei\u00adnen Geltungsanspruch. Dieser richtet sich jetzt universal an die ganze Welt. In seiner Norm verk\u00f6rpert sich sein Macht\u00ad\u00adanspruch gegen\u00fcber dem Rest der Welt: eine moralisierende Allmachtsphantasie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Religionen ist das der Regelfall: Jeder Un\u00adge\u00adhor\u00adsame werde si\u00adcher \u00c4r\u00adger be\u00adkommen, wenn er sich nicht nach den Geboten ihres jeweiligen Gottes richtet. Derar\u00adtige aus dem Jenseits begr\u00fcndete, also transzen\u00addierte Gel\u00adtungs\u00adan\u00adspr\u00fc\u00adche<a href=\"#_ftn56\" id=\"_ftnref56\">[56]<\/a> waren lange der Regelfall gesell\u00adschaft\u00ad\u00adli\u00adcher Herr\u00adschafts\u00adlegiti\u00admati\u00adon. Religion diente als Kitt des Gemein\u00adschaft\u00adlichen schlechthin und spie\u00adlte bei der Auf\u00adrecht\u00aderhal\u00adtung aller so\u00adzialen Sy\u00adsteme eine ausschlagge\u00adbende Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viel ak\u00adtueller ist es aber, eine den eigenen Interessen folgende weltliche Moral zu universalisieren: &#8222;In der gegen\u00adw\u00e4rtigen planetari\u00adschen Konstellation gibt es ge\u00adwichtige Kr\u00e4fte und M\u00e4chte, die an der Universal\u00adsie\u00adrung bestimmter Werte und somit an der Universalsierung des (ih\u00adres) Ethi\u00adschen interessiert sind&#8220;<a href=\"#_ftn57\" id=\"_ftnref57\">[57]<\/a> Es spielt f\u00fcr das Funk\u00adtionieren solcher universa\u00adlisti\u00adscher Morallehren keine ausschlag\u00adgeben\u00adde Rolle, ob sie durch friedliche Missio\u00adnare, durch Kanonen\u00adboote oder durch Han\u00addelsboykotte verbreitet werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die historische Blaupause des moralischen Humanitarismus finden wir in der sp\u00e4ten Antike. Damals \u00e4hnelte die Lage mental stark der modernen. Je st\u00e4rker der Strom von Menschen, Waren und Informationen in\u00adnerhalb eines Kulturraumes wurde, desto mehr Menschen wurden ihrer engeren Heimat entfremdet und entwurzelt. Gro\u00dfreiche und Ein\u00adflu\u00df\u00adhe\u00admisph\u00e4ren brachten schon immer Men\u00adschenmas\u00adsen ver\u00adschiedener Her\u00adkunft und Glaubens unter ihre Kontrolle und ver\u00adwan\u00addelten sie in lenk\u00adbare Massenmenschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Je umfas\u00adsender eine Herrschaft sich geo\u00adgraphisch aus\u00addehnt, desto dringlicher wird ihr Be\u00add\u00fcrfnis nach einer univer\u00adsalen Herr\u00adschaftsideologie. Diese dient dazu, den Machtbereich zusammenzuhalten und heterogenen Un\u00adterworfenen ihre Stammes\u00adg\u00f6tter madig zu ma\u00adchen. Im Innen\u00adleben ei\u00adnes Gro\u00dfreiches sind Tugen\u00adden wie Ei\u00adgenst\u00e4ndigkeit, Freiheit und Selbst\u00adbestimmung nicht gefragt. Das Be\u00add\u00fcrfnis nach einer uni\u00adversa\u00adli\u00adsti\u00adschen Moral ist aber ein wechselseitiges: Wer als Ent\u00adwurzelter fern der Heimat un\u00adter frem\u00adden Anschauungen lebt, mu\u00df sich tr\u00f6sten und eine Moral der Heimat\u00adlosen annehmen, eine \u00fcberall brauch\u00adbare Nomandenethik der Bindungslosen, der Zer\u00adstreuten, der Entorteten. In dieser Lage be\u00ad\u00adfanden sich die Menschen im ersten historischen multi\u00adeth\u00adnischen Gro\u00df\u00ad\u00ad\u00adreich: dem Alexanders und der folgenden Diadochen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Arnold Gehlen hat den unmittelbaren Zusam\u00admenhang zwi\u00adschen der allum\u00adfas\u00adsenden Kosmopolis des Hel\u00adlenismus und der Aus\u00adbil\u00addung eines universa\u00adlisti\u00adschen Humanitarismus auf\u00adgewiesen. Der in Athen woh\u00adnen\u00adde Ph\u00f6nizier Zenon, ein schwer\u00adreicher H\u00e4ndler, fand die passende Ideo\u00adlogie f\u00fcr den moralisierenden Handels\u00adstaat: eine universali\u00adsti\u00adsche Welt\u00adsicht, nach der alle Verwandt\u00adschaftsverbindun\u00adgen und Stam\u00admes\u00adpflich\u00adten vor der <em>Tugend<\/em> zur\u00fcckzutreten h\u00e4tten.<a href=\"#_ftn58\" id=\"_ftnref58\">[58]<\/a> Was diese Tugend im einzelnen forder\u00adte, erl\u00e4u\u00adterten gern die Phi\u00adlo\u00adsophen, und so hatte je\u00adder seinen Vorteil. Hier entstand der Ge\u00addanke eines mensch\u00adheits\u00adum\u00adspannenden Naturrechts mit einheitlicher Moral.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine analoge Entwick\u00adlung hat sich w\u00e4h\u00adrend des 20. Jahrhunderts abgespielt: Wieder gewinnen in den Quasi-Viel\u00adv\u00f6l\u00adkergebilden USA und Europa universalistische Vor\u00adstellungen an Bo\u00adden, so da\u00df Wirtschaftsnomaden, Kos\u00admopoliten und Globetrotter sich \u00fcber\u00ad\u00adall hei\u00admisch f\u00fchlen d\u00fcr\u00adfen. Der geistige An\u00adspruch einer Mensch\u00adheits\u00admoral hat aber auch immer ei\u00adne polemische Spitze. Sie rich\u00adtete sich zu\u00adn\u00e4chst gegen diejenigen Staaten, die sich der Zumutung wider\u00adsetzten, sich die amerika\u00adnischen Ansichten von Mo\u00adral, Demokratie und Frei\u00adheit zu eigen zu ma\u00adchen. Heute richten diese sich vor allem ge\u00adgen Staa\u00adten Asiens mit g\u00e4nzlich anderen Ideen vom Ver\u00adh\u00e4ltnis von Frei\u00adheit, Bin\u00addung und Religion, aber auch gegen europ\u00e4ische Neubesinnung auf nationale Interessen und Besonderheiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie unterschiedlich die Moralen verschiedener Menschengruppen sein k\u00f6nnen, war dem Liberalen John Stuart Mill noch v\u00f6llig klar: \u201eWo es eine herrschende Klasse gibt, r\u00fchrt ein gro\u00dfer Teil der moralischen Begriffe eines Landes von ihren Klasseninteressen, von ihrem Gef\u00fchl der \u00dcberlegenheit her. Das moralische Verh\u00e4ltnis zwischen Spartiaten und Heloten, zwischen Pflanzern und Negern, zwischen F\u00fcrsten und Untertanen, Adel und B\u00fcrgerschaft, M\u00e4nnern und Frauen ist zum gr\u00f6\u00dften Teil das Ergebnis dieser Klasseninteressen.\u201c<a href=\"#_ftn59\" id=\"_ftnref59\">[59]<\/a> Heute reden uns die Vertreter der meist in den USA ans\u00e4ssigen globalen finanziellen Eliten, einer&nbsp; \u201eKlasse\u201c im Verst\u00e4ndnis Mills, ein, es gebe weltweit nur eine, n\u00e4mlich die ihnen n\u00fctzliche Moral. Ihre Interessen an freiem Kapitalflu\u00df haben sie zur Staatsideologie der USA gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ebenso wie das Individuum seinen Geltungsanspruch am wirk\u00adsam\u00adsten vor\u00adtr\u00e4gt, indem es ihn in die \u00e4u\u00dfe\u00adre Form genereller Normen h\u00fcllt, pflegen auch Staaten &#8211; gleichsam wie Indi\u00advi\u00adduen &#8211; &#8222;ihre An\u00adlie\u00adgen im Vokabular uni\u00adversaler Ziel\u00adsetzungen und weltum\u00adspannender So\u00adzialentw\u00fcrfe zu formulie\u00adren.&#8220;<a href=\"#_ftn60\" id=\"_ftnref60\">[60]<\/a> Wenn wir den Blick einmal von unseren deutschen Verh\u00e4ltnisse auf eine globale Ebene heben, sehen wir den Herkunftsraum des moralisierenden Humanitarismus. Dieser ist in den USA entstanden und hat sich \u00fcber die Hochschulen und Massenmedien in die westeurop\u00e4ischen L\u00e4nder ausgebreitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht zuf\u00e4llig entspricht all sein Gut und B\u00f6se der \u00f6konomischen Interessenlage der in den USA herrschenden Finanzkreise. Deren Wohlstand ist auf stetiges \u00f6konomisches Wachstum angelegt, und wenn sie im Inland nicht mehr wachsen k\u00f6nnen, m\u00fcssen sie expandieren und den Rest der Welt ideologisch nach ihren Interessen umgestalten. Sie verwandeln die \u00fcbrige Menschheit entweder in Kunden oder in Zulieferer. Als entscheidende Voraussetzung galt lange der global m\u00f6glichst \u201efreie Flu\u00df von Menschen, Informationen, Waren und Dienstleistungen.\u201c Am Ende verwandelt sich der Mensch selbst zur austauschbaren Ware. Der &#8222;neoliberale Anspruch, den Menschen als Ganzes zu einer Ware zu machen und ihn marktf\u00f6rmig zu gestalten und damit gleichsam einen neuen Menschen zu schaffen, kommt einem totalit\u00e4ren Anspruch gleich.&#8220;<a href=\"#_ftn61\" id=\"_ftnref61\">[61]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch der Neoliberalismus gibt sich moralisch: Das Gl\u00fccksstreben der Menschen und ihr Eigennutz w\u00fcrden wie von unsichtbarer Hand Gl\u00fcck und gemeinsamen Wohlstand hervorbringen. Unmoralisch erscheint in diesem Lichte, wer sich dem freien Walten der Marktkr\u00e4fte und des Kapitalverkehrs und seinen Regeln des modernen Nomadismus entgegenstelle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weil dies nicht unbedingt im Interesse aller anderen Staaten liegen mu\u00df, galt es, diese mental anpassungsbereit zu machen. Diese Bereitschaft suchen die USA traditionell durch verschiedenartige Methoden ideologischer \u00dcbernahme zu erzeugen. Sie treten im Namen der Moral und der Men\u00adschen\u00adrech\u00adte auf, was nach Niklas Luh\u00admanns Beobachtung eine &#8222;inter\u00adna\u00adtio\u00adnale In\u00adter\u00adven\u00adtions\u00adethik&#8220; be\u00adgr\u00fcndet. Die Menschenrechte sind aus seiner Sicht als Soziologe nichts als &#8222;eine inter\u00ades\u00adsante Denk\u00ad\u00ad\u00adfi\u00adgur&#8220;,<a href=\"#_ftn62\" id=\"_ftnref62\">[62]<\/a> die auf eine Ver\u00ad\u00e4n\u00adde\u00adrung des Rechtsbe\u00adwu\u00dftseins hin\u00ad\u00addeu\u00adte:&#8220; Sie be\u00adgr\u00fcnden den uni\u00adver\u00ad\u00adsa\u00adlen Geltungsan\u00adspruch einer konkreten Welt\u00admacht, unter Beru\u00adfung auf das, was sie als Men\u00adschenrecht definiert, not\u00adfalls global mili\u00adt\u00e4\u00adrisch ein\u00ad\u00adzu\u00ad\u00adgreifen. Damit folgt Luhmann Carl Schmitt: Die\u00adser hatte auf das &#8222;uni\u00ad\u00ad\u00ad\u00adver\u00ad\u00adsali\u00adstisch-imperialistische, raum\u00ad\u00adauf\u00adhe\u00adbende Welt\u00adrecht&#8220; hin\u00adge\u00adwie\u00ad\u00adsen, von dem aus \u201eun\u00adab\u00adseh\u00adbare &#8218;hu\u00ad\u00adma\u00adni\u00adt\u00e4re&#8216; In\u00adter\u00adventionen v\u00f6l\u00adker\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00adrechtlich zul\u00e4ssig sind.<a href=\"#_ftn63\" id=\"_ftnref63\">[63]<\/a> &#8222;Universalistische, weltum\u00adfas\u00adsende All\u00adge\u00ad\u00ad\u00admein\u00ad\u00ad\u00adbegriffe&#8220; seien &#8222;im V\u00f6l\u00adker\u00ad\u00ad\u00adrecht die typischen Waffen des Inter\u00ad\u00ad\u00adven\u00adtio\u00adnismus&#8220;: eine &#8222;imperialistische, un\u00adter humanit\u00e4\u00adren Vor\u00adw\u00e4n\u00ad\u00adden in alles sich einmischende, sozusagen pan-in\u00adter\u00adven\u00adtionistische Welt\u00ad\u00ad\u00adideo\u00adlo\u00adgie&#8220;.<a href=\"#_ftn64\" id=\"_ftnref64\">[64]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie predigt eine Mensch\u00ad\u00adheitsmoral, auf deren Fu\u00df die Welt\u00adbank folgt. Jede Philo\u00adso\u00adphie mit universa\u00adlem Anspruch ist eine ob\u00adjektive Bedro\u00adhung f\u00fcr jedes Volk, das geistig eigenst\u00e4ndig bleiben will. Im le\u00adbens\u00adwich\u00adtigen Punkt sei\u00adnes Glaubens, seiner Moral, seiner Werte gleich\u00adge\u00adschal\u00adtet und fremd\u00ad\u00adbe\u00adstimmt, treibt das Volk &#8222;der Aufl\u00f6sung ent\u00adge\u00adgen: zur Gegen\u00adwehr nicht nur unf\u00e4hig, sondern auch unwillig.&#8220;<a href=\"#_ftn65\" id=\"_ftnref65\">[65]<\/a> Es wei\u00df nicht mehr, da\u00df es die Moral seiner eigenen Selbstbehauptung eingetauscht hat gegen die Moral einer Konkurrenz, f\u00fcr die \u201eAmerica first!\u201c gilt und kein nationaler Imperativ, der unserem Volk n\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a id=\"_Toc37701522\">Moral als denaturierte Ideologie<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Moral eines Weltbildes kann dessen Bl\u00fctezeit \u00fcberdauern. Weltbilder werden nicht widerlegt. Es sterben nur irgendwann ihre Verfechter, ohne Nachfolger zu hinterlassen. Eine \u00fcberlebte Moral ohne lebendige Hintergrund-Ideologie empfinden wir als Spie\u00dfertum. Der moralisierende Spie\u00dfer ist ein sicherer Hinweis, da\u00df sich ein Weltbild \u00fcberlebt hat und nicht mehr allgemein einleuchtet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Bl\u00fctezeit einer Ideologie bildet die sich aus ihr ergebende Moral eine allgemein respektierte Faustregel, welches Verhalten gesellschaftlich anerkannt ist und welches als tabu gilt, als b\u00f6se. Diese Moral bildet den griffigsten Teil der jeweiligen Herrschaftsideologie, ein Ideologiesubstrat selbst f\u00fcr Analphabeten gewisserma\u00dfen. Nur wenige Menschen denken sich in die herrschende Anschauung ihrer Zeit tiefer hinein, manche aber doch. Eine in sich konfuse Ideologie wird jedenfalls auf Ablehnung sto\u00dfen. Merkmal der erfolgreichen Religionen und Ideologien der Geschichte war darum ihre relative ideologische Koh\u00e4renz: Eine Ideologie sollte die Welt in sich widerspruchslos deuten und erkl\u00e4ren und ihren Anh\u00e4ngern ein in sich widerspruchsfreies Sollen anbieten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie kommt in Schwierigkeiten, wenn sich die realen Gegebenheiten stark ver\u00e4ndert haben. Dann pa\u00dft ihre Deutung des Weltgeschehens nicht mehr mit der Gegenwart zusammen. So erging es dem Marxismus mit f\u00fcr ihn katastrophalem Ausgang: Die von Marx im 19. Jahrhundert als historische Akteurin vorausgesetzte Arbeiterklasse gab es in Europa im Ausgang des 20. Jahrhunderts nicht mehr. Die Arbeiter sanken zu Konsumenten herab. Entsprechend verfiel der Zuspruch der Menschen zu den marxistischen Handlungsanweisungen, mit denen Marx und Engels&nbsp; die Menschen in eine gl\u00fcckliche, klassenlose Gesellschaft hatten f\u00fchren wollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Restbestand des Marxismus denaturierte zu etwas Neuem, anderen. Seine ideologischen Fragmente fielen in sich zusammen und bildeten den N\u00e4hrboden f\u00fcr das neulinke, moralisch auftrumpfende Weltbild der Postmarxisten: Antikapitalisten, Antisexisten, Antirassisten und andere Antis, die statt einer in sich koh\u00e4renten Ideologie nur dumpfe moralisierende Vorurteile und Abneigungen aufboten. Von einer gemeinsamen, in sich widerspruchsfreien Ideologie sind sie noch weit entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Reklame mit einer freiz\u00fcgigen Sch\u00f6nheit ist als sexistisch verp\u00f6nt, fast nackte M\u00e4nner mit rosa Schleifchen auf einer Art Karnevalswagen hingegen nicht. Frauenrechte sollen gesch\u00fctzt werden, und gleichzeitig setzt man sich f\u00fcr radikale Moslems ein. Bezeichnenderweise hat diese neulinke, \u201ewoke\u201c Bewegung noch keinen pr\u00e4gnanten Eigennamen f\u00fcr sich und keine \u00fcbergreifende Bezeichnung f\u00fcr ihre Ideologie gefunden. Weil das n\u00e4chste Ziel dieser Postmarxisten in der Zerst\u00f6rung der geltenden gesellschaftlichen Normen und Werte besteht, k\u00f6nnte man sie als Destruktionisten bezeichnen. Sie zersetzen die vorhandene Werteordnung, um die Gesellschaft f\u00fcr system\u00fcberwindende Reformen\u201c sturmreif zu machen. Wenn man unseren Staat und seine Ordnung sinnbildlich als ein Geb\u00e4ude begreifen kann, kratzen sie den M\u00f6rtel aus den Fugen, um es zum Einsturz zu bringen. Ein Haus, bei dem alle Ziegel locker sitzen, wird zun\u00e4chst dysfunktional. Diese Dysfunktionalit\u00e4t k\u00f6nnen wir tagt\u00e4glich in Deutschland in immer mehr Bereichen erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Marxismus war von Anfang an in wesentlichen Teilen ein gro\u00dfer Irrtum, aber er war ein intelligenter Irrtum von M\u00e4nnern, die oft noch ungeheuer gebildet waren und imstande, folgerichtig und zusammenh\u00e4ngend zu argumentieren und Sinnangebote zu machen. Dagegen ist der moralisierende Destruktionismus nur noch wie der verrottete Humus aus den Resten eines einstmals gro\u00dfen Baumes: Er g\u00e4rt und blubbert selbstzufrieden vor sich hin, weil er ein guter Humus sein m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht besser geht es dem ebenso erfolgreich moralisierenden Neoliberalismus. Die Grundidee des Liberalismus aus dem 19. Jahrhundert ist genauso mausetot wie die Grundideen des Marxismus aus derselben Epoche. Liberale glaubten damals, eine vortreffliche Methode der Wahrheitsfindung entdeckt zu haben: Man setze sich zusammen, lasse in einem freien Spiel der Geisteskr\u00e4fte jede Meinung zu Wort kommen und alles ausdiskutieren, und dann f\u00e4nde man zwangsl\u00e4ufig die Wahrheit &#8211; oder jedenfalls eine Wahrheit, auf die man sich eben geeinigt habe. Im wirtschaftlichen Bereich bedeutete das, alle \u00f6konomischen Akteure sollten ihr Privatinteresse nach Kr\u00e4ften f\u00f6rdern d\u00fcrfen, woraus ganz sicher das Gemeinwohl erzeugt werde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer diese Grunddoktrinen des Liberalismus heute ernsthaft \u00f6ffentlich vertreten w\u00fcrde, w\u00fcrde wohl leises Kichern oder betretenes Schweigen ausl\u00f6sen. Der Liberalismus hat seine Mittel in den vergangenen knapp 200 Jahren von Anfang bis zum Ende durchdekliniert und ausprobiert. Da\u00df sich die Wahrheit von selbst einstellt, wenn man diskutiert, oder sich das Gemeinwohl wie von unsichtbarer Hand von selbst einstellt, wenn man allen Akteuren freien Lauf l\u00e4\u00dft, glaubt wohl keiner mehr. Geblieben sind aber moralisierende Versatzst\u00fccke liberaler Eigenrechtfertigung: Es ist b\u00f6se, wenn in einem Land nicht jede Meinung zu Wort kommen darf oder wenn nationale oder andere Barrieren den freien Handel oder die freie Migration behindern. Die spezifische Moral der H\u00e4ndler und der Finanzgr\u00f6\u00dfen bildet in den USA und Europa das oft unbemerkte Hintergrundrauschen in allen von den gro\u00dfen Kapitalfl\u00fcssen abh\u00e4ngigen Bereichen. Der Liberalismus als theoretische Rechtfertigungsideologie der Weltfinanziers ist ideologisch tot. \u00dcberlebt hat ihn sein Moralismus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den christlichen Amtskirchen geht es nicht besser. Christliche Theologie hatte seit 1000 Jahren ein in sich schl\u00fcssiges, zusammenh\u00e4ngendes Modell der Weltdeutung und Sinnstiftung entwickelt. Es ist attraktiv f\u00fcr Menschen, die an den Gott der Bibel und die Wahrheit der Offenbarung glauben. Auch wenn man beides nicht glaubt, kann man vom Scharfsinn und der rhetorischen Brillianz gro\u00dfer Theologen wie William von Ockkam, Thomas von Aquin, Martin Luther oder Donoso Cort\u00e9s beeindruckt sein. Von ihrer Theologie ist geistig nur ein moralisierender Scherbenhaufen mit bunten Kirchentags-Luftballons \u00fcbrig geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kernbotschaft des Christentums, n\u00e4mlich die Liebe Gottes<a href=\"#_ftn66\" id=\"_ftnref66\">[66]<\/a>, wurde weitgehend ersetzt durch einen geistig wenig anspruchsvollen Moralismus. Seine Anh\u00e4nger klopfen sich selbst auf die Schultern und wissen: \u201eWir sind die Guten.\u201c Demgegen\u00fcber war der Katholik Donoso Cort\u00e9s schon 1851 viel fortschrittlicher, nahm Abschied vom Gut-B\u00f6se-Dualismus und erkl\u00e4rte: Eigentlich ist aufgrund des g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pfungsaktes alles gut, weil Gott nichts B\u00f6ses erschaffen hat. Ein substantiell B\u00f6ses, zwinkert er seinen staunenden Lesern zu, gibt es nicht, es ist nur mangelndes Gutes.<a href=\"#_ftn67\" id=\"_ftnref67\">[67]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich dagegen heute im Internet auf die Seiten der evangelischen Landeskirche Hannover gehe, finde ich ein Sammelsurium an Themen. W\u00fcrde ich Gott suchen oder mich fragen w\u00fcrde, warum ich als Skeptiker an die biblische Offenbarung glauben soll, w\u00e4re ich entt\u00e4uscht. Gott scheint dort Nebensache zu sein. In Deutschlands Kirchen werden heute vielfach nur noch Gef\u00fchle bedient. Man setzt Zeichen, versichert sich gegenseitig den guten Willen und setzt sich gegen den B\u00f6sen ein. Er hei\u00dft heute nicht mehr Teufel, sondern Rassismus, Sexismus oder Nationalismus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit wei\u00df man sich, welche wundersame F\u00fcgung! &#8211; ganz einig mit den Moralisten anderer ideologischer Herkunft. Roland Baader wirft den christlichen Amtskirchen darum vor, sie seien \u201ebei ihrem pragrammatischen Hauptanliegen von K\u00fcndern der Offenbarung zu Sangesbr\u00fcdern der sozialistischen Parteien geworden\u201c &#8211; und das \u201egegen den ausdr\u00fccklichen Sinngehalt der biblischen Lehren.\u201c<a href=\"#_ftn68\" id=\"_ftnref68\">[68]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn die historischen Voraussetzungen einer Ideologie entfallen sind, geht ihre Weltdeutung ins Leere. Sie wird von den Nachgeborenen in ihrem Ursprung und geistigen Zusammenhang nicht mehr verstanden. Ihre Sollensforderungen verharren wie Schwebeteilchen in der Luft, wenn das Feuer erloschen ist. Die Versatzst\u00fccke ganz unterschiedlicher denaturierter Ideologien haben sich zu einem neuen Moralismus verklumpt. Einer anspruchsvollen geistigen Struktur bedarf er nicht. Seine Anh\u00e4nger wissen sich einig in der Glaubensgewi\u00dfheit, was als b\u00f6se gilt. Im Fernsehen wird ihnen das ja t\u00e4glich vorgef\u00fchrt. Alles andere ist f\u00fcr sie belanglos.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die neue Volksfront der Moralisten beherrscht weitgehend die Medien, das \u00f6ffentliche Leben und den gesellschaftlichen Diskurs. Sie bestimmt auch, wer an diesem Diskurs teilnehmen darf und wer nicht mehr. Willkommen sind nur J\u00fcnger des Moralismus. Anderen gibt sie &#8222;keine B\u00fchne&#8220;. In ihr f\u00fchlen sich alle Gutmenschen wohl, durch deren fr\u00fcheres geistiges Zuhause der Wind pfeift und es durchs Dach regnet. Diese alten Ideologien, ihre historischen Voraussetzungen und einstmals zukunftsweisenden L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge, werden von immer weniger Menschen noch verstanden. Wer identifiziert sich noch mit einer &#8222;Arbeiterklasse&#8220;? Was fangen junge Leute mit einer &#8222;Erl\u00f6sung von Erbs\u00fcnde&#8220; an? Wer glaubt an Wahrheit durch Diskussion oder Gemeinwohl durch z\u00fcgellosen Egoismus?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend selbst viele junge Abiturienten Schwierigkeiten haben, einen l\u00e4ngeren Text sinnerfassend zu lesen, hat sich aus den \u00dcberresten der alten, anspruchsvollen Ideologien ein neuer Eine-Welt-Moralismus herausgebildet. Er fl\u00fcstert seinen Anh\u00e4ngern zu: Denkt nicht soviel nach, alles wird gut, wenn ihr nur zu den Gutwilligen geh\u00f6rt. Er verspricht Erl\u00f6sung vom B\u00f6sen durch kollektive symbolische Akte, durch Zeichen-Setzen, und durch st\u00e4ndige Kampfbereitschaft gegen Rechts; schlie\u00dflich mu\u00df der neue Teufel ja einen Namen haben.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a id=\"_Toc37701523\">Weltherrschaft des Guten mit Pferdefu\u00df<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201e<em>Gut<\/em> und <em>B\u00f6se<\/em>, \u201eFreiheit und Entfremdung, Gott und Teufel k\u00f6nnen zwar h\u00f6chst konkrete Begriffe sein &#8211; nicht aber an sich, sondern erst in ihrem positiven oder negativen Bezug auf einen existenziellen Feind, dessen wirksame Bek\u00e4mpfung auf sozialer Ebene jedoch gerade die Objektivierung der Entscheidung und die Verleugnung des rein existenziellen Charakters verlangt.\u201c<a href=\"#_ftn69\" id=\"_ftnref69\">[69]<\/a> F\u00fcr die realen Menschen existenziell ist die Durchsetzung ihrer kollektiven Interessen in Konkurrenz zu anderen Nationen mit anderen Interessen. Eine Strategie in diesem Konkurrenzkampf besteht darin, eine Ideologie nebst ihrer Moral global durchzusetzen, die eigenen Interessen n\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durchgesetzt hat sich auch im internationalen Wettbewerb, wer seine Macht nor\u00admativ be\u00adgr\u00fcndet und sei\u00adne Gegner zur Aner\u00adken\u00adnung der\u00adjenigen Nor\u00admen bewegt, de\u00adren Geltung seine Macht weiter sta\u00adbilisiert. Auf diesen ideologischen Normvorgaben beruht dann eine Moral, mit der man die Welt zum Beispiel in \u201egute\u201c Staaten gegen\u00fcber \u201eb\u00f6sen\u201c Schurkenstaaten einteilt. Da man selbst zu den Guten geh\u00f6rt, kann man dann mit gutem Gewissen mit den B\u00f6sen nach Belieben verfahren: Die Welt vom B\u00f6sen zu befreien, kann per definitionem nicht selbst b\u00f6se sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Vollgef\u00fchl der eigenen Moral kann man dann Menschen Dinge antun, gegen die sich das eigene Mitgef\u00fchl sonst str\u00e4uben w\u00fcrde. Die Feindschaft zwischen Menschen erreicht \u201eihren Siedepunkt in Religionskriegen und in B\u00fcrgerkriegen mit ihren juristischen, moralischen und ideologischen Verfemungen\u201c, das hei\u00dft in der Verabsolutierung des eigenen Rechts und der damit verbundenen Kriminalisierung [\u2026] des Gegners, der nicht mehr als Mensch anerkannt wird, sondern der als St\u00f6rer, Sch\u00e4dling oder letztes Hindernis des Weltfriedens beseitigt werden soll.\u201c<a href=\"#_ftn70\" id=\"_ftnref70\">[70]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So erweist sich der Januskopf alles Moralischen: Es reklamiert das Gute f\u00fcr sich und scheint die Menschen zum Guten zu leiten. Seine R\u00fcckseite besteht darin, implizit ein B\u00f6ses dazuzudenken und dieses B\u00f6se in Mitmenschen hineinzuprojizieren. \u201eDas Gute\u201c ist ohne \u201eein B\u00f6ses\u201c als sein Pferdefu\u00df nicht zu haben. Friedlicher w\u00fcrde unsere Welt nur werden, wenn wir erkennen, da\u00df jeder seine eigene Moral hat, nach der wir ihn gern leben lassen w\u00fcrden. Suum cuique.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\"><a id=\"_Toc37701524\"><\/a><a><\/a>Literaturverzeichnis<\/h1>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Baader, Roland, Totgedacht, Warum Intellektuelle unsere Welt zerst\u00f6ren, 2002, 2. Aufl. 2020.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Backes, Uwe und Jesse, Eckhard, (Hrg.), Gef\u00e4hrdungen der Freiheit, Extremistische Ideologien im Vergleich, G\u00f6ttingen 2006.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">B\u00f6ckelmann, Frank, Die schlechte Aufhebung der autorit\u00e4ren Pers\u00f6nlichkeit, 1971 (Nachdruck 1987), S.61.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Di Fabio, Udo, Die Kultur der Freiheit, 2005.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gehlen, Arnold, Moral und Hypermoral, 5.Aufl., Wiesbaden 1986.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hahn, Henning, Politischer Kosmopolitismus, Habilitationsschrift 2015, Berlin 2017.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Habermas, J\u00fcrgen, Faktizit\u00e4t und Geltung, Frankfurt 1992.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hartmann, Nicolai, Ethik, (1926)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Herdegen, Matthias, in: Maunz-D\u00fcrig-Herzog, Kommentar zum Grundgesetz, Lieferung 44, 2005, Kommentar zu Art. 1 I GG.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hoffer, Eric, The True Belie\u00adver, New York 1951, Der Fanatiker, Reinbek 1965.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kondylis, Panajotis, Macht und Entscheidung, 1984.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8211; Die Aufkl\u00e4rung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus, 1981.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8211; Planetarische Politik nach dem Kalten Krieg, Berlin 1992, 105 ff.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8211; Ausschau nach einer planetarischen Politik, FAZ 21.10.1995.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kostner, Sandra, Wenn Wissenschafter eine Agenda verfolgen: wie Macht und Moral an den Hochschulen die Erkenntnis ersetzen, Neue Z\u00fcrcher Zeitung 13.1.2020<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kunze, Klaus, Mut zur Freiheit, 1995.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8211; Das ewig Weibliche, 2019.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8211; Wahn, Wahnsinn, Genderwahn, 2019.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Marquard, Odo, Abschied vom Prinzipiellen, Stuttgart 1981.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mausfeld, Rainer, Angst und Macht, 2019.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Michels, Robert, Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demo\u00adkratie, 1911, 4.Aufl.Stuttgart 1989.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mill, John Stuart, Die Freiheit, 1860 (Leipzig 1869).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Murray, Douglas, Wahnsinn der Massen, 2019.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nietzsche, Friedrich, Jenseits von Gut und B\u00f6se, 1886, 5.Aufl.Goldmann-TB 7530.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Proudhon, Pierre-Joseph, Die Widerspr\u00fcche der National-Oekonomie oder die Philosophie der Noth, Leipzig 1847.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">von Pufendorf, Samuel, De statu Imperii Germanici, 1667, Die Verfassung des Deutschen Reiches, Hrg.Horst Denzer, Frankfurt\/M.1994.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8211; De officio hominis et civis juxta legem natu\u00adralem, 1673, \u00dcber die Pflicht des Menschen Hrg.Maier\/Stolleis, Frankf. 1994.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Riffler, Zara, Diskriminierungsfreiheit statt Meinungsfreiheit, 14.1.2020, https:\/\/www.tichyseinblick.de\/meinungen\/diskriminierungsfreiheit-statt-meinungsfreiheit\/?fbclid=IwAR2tFI-KA9psT402IiGYA5o1yWLMlDzWkwBPWq9pdlOvwisrp-bETPWtH3g<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sander, Hans Dietrich, Die Aufl\u00f6sung aller Dinge, 1988.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schmitt, Carl, V\u00f6lkerrechtliche Gro\u00dfraumordnung mit Intervntionsverbot f\u00fcr raumfremde M\u00e4chte, 1941, in: derselbe: Staat, Gro\u00dfraum, Nomos, Arbeiten aus den Jahren 1916-1969, Hrg. G\u00fcn\u00adter Maschke, Ber\u00adlin 1995, S.269-371.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8211; Die geschichtliche Struktur des heutigen Welt-Gegensatzes von Ost und West, in: derselbe: Staat, Gro\u00dfraum, Nomos, Arbeiten aus den Jahren 1916-1969, Hrg. G\u00fcn\u00adter Maschke, Ber\u00adlin 1995, S.523-551<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8211; Die Tyrannei der Werte, in: Festschrift f\u00fcr Ernst Forsthoff, 1967.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stirner, Max, (alias Johann Caspar Schmidt), Der Einzige und sein Eigen\u00adtum, 1845, Stuttgart (Reclam) 1972.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Welzel, Hans, Naturrecht und materiale Gerechtigkeit, 1951, 4. Aufl. 1990.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Publiziert 2020 unter dem Titel \u201eDie m\u00f6rderische Macht der Moralisten, Herausgeber Die Deutschen Konservativen e.V., Text hier geringf\u00fcgig erg\u00e4nzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Pufendorf (1667) S.259.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Kondylis (1984) S.43.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> Gehlen, S.180.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a> Harald Bergsdorf, in: Backes \/ Jesse (2006), S.182.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">[6]<\/a> Kondylis (1981), S.494.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[7]<\/a> Nietzsche Aph.219, S.112.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref8\" id=\"_ftn8\">[8]<\/a> Hartmann, (1926) S.524 ff. = (1962) S.576.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref9\" id=\"_ftn9\">[9]<\/a> Aurelius Augustinus, Ep.93 (V 16) ad Vicentinum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref10\" id=\"_ftn10\">[10]<\/a> Welzel, S.65.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref11\" id=\"_ftn11\">[11]<\/a> Henning Hahn (2017), Ziff. 1.4.2.3.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref12\" id=\"_ftn12\">[12]<\/a> Carl Schmitt, (1967), S.51.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref13\" id=\"_ftn13\">[13]<\/a> Hartmann S.289 f. anhand Platons Begriff vom Guten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref14\" id=\"_ftn14\">[14]<\/a> Ein koh\u00e4rentes System materialer Wertbegriffe hat zum Beispiel Nicolai Hartmann entwickelt. Zur angeblich m\u00f6glichen prozeduralen Erzeugung ethischer Werte durch Diskurs (J.Habermas) siehe im einzelnen K.Kunze (1995), S.143 ff.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref15\" id=\"_ftn15\">[15]<\/a> Manche Autoren verwenden das Wort Moral synonym f\u00fcr Ideologie, womit sie f\u00fcr das soziale Leben entscheidende Unterschiede zwischen beidem einebnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref16\" id=\"_ftn16\">[16]<\/a> Kondylis (1984) S.23.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref17\" id=\"_ftn17\">[17]<\/a> Stirner (1845), S.5.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref18\" id=\"_ftn18\">[18]<\/a> Kondylis (1984) S.21.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref19\" id=\"_ftn19\">[19]<\/a> Friedrich Nietzsche (1886), Aphorismus 187, S.78.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref20\" id=\"_ftn20\">[20]<\/a> Kondylis (1984), am angegebenen Ort, S.43.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref21\" id=\"_ftn21\">[21]<\/a> Kunze, Genderwahn, 2019, S. 13 ff., Das ewig Weibliche, 2019, S.205 ff.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref22\" id=\"_ftn22\">[22]<\/a> Pufendorf (1673), S.15 f.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref23\" id=\"_ftn23\">[23]<\/a> Stirner, S.61.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref24\" id=\"_ftn24\">[24]<\/a> Pareto, Cours de Soc. G\u00e9n. \u00a7 1172, 1, zit. nach Gehlen, Moral,&nbsp; S.82.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref25\" id=\"_ftn25\">[25]<\/a> Michael Jeismann, Ende des Hochamts, FAZ 28.5.1994, in An\u00adspie\u00adlung auf Ri\u00adchard von Weizs\u00e4ckers Reden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref26\" id=\"_ftn26\">[26]<\/a> Gehlen, S.42.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref27\" id=\"_ftn27\">[27]<\/a> Di Fabio S.114, ebenso Herdegen, Art. 1 I GG Rdn.7.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref28\" id=\"_ftn28\">[28]<\/a> Giovanni Pico della Mirandola, Oratio de hominis dignitate, 1486, deutsche Ausgabe 2001<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref29\" id=\"_ftn29\">[29]<\/a> Di Fabio S.98.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref30\" id=\"_ftn30\">[30]<\/a> Donoso Cort\u00e9s, S.61.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref31\" id=\"_ftn31\">[31]<\/a> Stirner, S.268 f.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref32\" id=\"_ftn32\">[32]<\/a> Proudhon S.392, s.a. S.431.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref33\" id=\"_ftn33\">[33]<\/a> Murray, S.299.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref34\" id=\"_ftn34\">[34]<\/a> Donoso Cort\u00e9s, S.22.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref35\" id=\"_ftn35\">[35]<\/a> Marquard S.12.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref36\" id=\"_ftn36\">[36]<\/a> Marquard S.49 f..<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref37\" id=\"_ftn37\">[37]<\/a> Hoffer S.49.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref38\" id=\"_ftn38\">[38]<\/a> Michels (1911 \/ 1989) S.196.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref39\" id=\"_ftn39\">[39]<\/a> Jan Fleischhauer, FOCUS 26.10.2019<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref40\" id=\"_ftn40\">[40]<\/a> Jan Fleischhauer, FOCUS 26.10.2019<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref41\" id=\"_ftn41\">[41]<\/a> Frank B\u00f6ckelmann, 1971 \/ 1987, S.61<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref42\" id=\"_ftn42\">[42]<\/a> Laclau \/ Mouffe, Socialist Strategy: Where next, in: Marxism today, Januar 1981, zit.nach Murray a.a.O. S.79<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref43\" id=\"_ftn43\">[43]<\/a> Laclau \/ Mouffe a.a.O.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref44\" id=\"_ftn44\">[44]<\/a>&nbsp; Jan Fleischhauer, FOCUS 26.10.2019<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref45\" id=\"_ftn45\">[45]<\/a> Jan Fleischhauer, FOCUS 26.10.2019<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref46\" id=\"_ftn46\">[46]<\/a> Hoffer, S.48.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref47\" id=\"_ftn47\">[47]<\/a> Hoffer S. 48, 19.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref48\" id=\"_ftn48\">[48]<\/a> Zara Riffler, 14.1.2020.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref49\" id=\"_ftn49\">[49]<\/a> Sandra Kostner, NZZ 13.1.2020.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref50\" id=\"_ftn50\">[50]<\/a> Kostner a.a.O.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref51\" id=\"_ftn51\">[51]<\/a> Kostner a.a.O.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref52\" id=\"_ftn52\">[52]<\/a> Kondylis (1984) S.91.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref53\" id=\"_ftn53\">[53]<\/a> Allexander Grau, Interview mit dem Deutschlandfunk am 30.11.2017.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref54\" id=\"_ftn54\">[54]<\/a> Murray S.317.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref55\" id=\"_ftn55\">[55]<\/a> Kunze (1995), S.27 f.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref56\" id=\"_ftn56\">[56]<\/a> Habermas, S.23.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref57\" id=\"_ftn57\">[57]<\/a> Siehe Kondylis (1992) S. 105 ff.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref58\" id=\"_ftn58\">[58]<\/a> Gehlen, S.30.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref59\" id=\"_ftn59\">[59]<\/a> Mill, 1860 (1869), 1. Kap., S.6.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref60\" id=\"_ftn60\">[60]<\/a> Kondylis, FAZ 21.10.1995.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref61\" id=\"_ftn61\">[61]<\/a> Rainer Mausfeld, Angst und Macht, S.81.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref62\" id=\"_ftn62\">[62]<\/a> Luhmann nach E.Straub, Dasein geht durch den Magen, FAZ 2.2.1995.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref63\" id=\"_ftn63\">[63]<\/a> Schmitt, (1941), in: derselbe (1995), S.234 (251).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref64\" id=\"_ftn64\">[64]<\/a> Schmitt, (1941), in: derselbe (1995), S.285.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref65\" id=\"_ftn65\">[65]<\/a> Sander, S.109.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref66\" id=\"_ftn66\">[66]<\/a> Vgl. Johannes 4 Vers 16, Donoso S.33.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref67\" id=\"_ftn67\">[67]<\/a> Donoso S.75-77, 83 nach Augustinus von Hippo (Enchiridion 3,11: &#8222;Was ist aber das, was wir b\u00f6se hei\u00dfen, anders als der Mangel des Guten?&#8220;).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref68\" id=\"_ftn68\">[68]<\/a> Baader S.109.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref69\" id=\"_ftn69\">[69]<\/a> Kondylis (1984) S.58.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref70\" id=\"_ftn70\">[70]<\/a> Schmitt (1955), S.533 f.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im W\u00fcrgegriff der Gutmenschen [1] Sie k\u00f6nnen das Wort \u201emoralisch verpflichtet\u201c nicht mehr h\u00f6ren? Ich auch nicht mehr. Gerade darum sollten Sie aber weiterlesen. Es geht Ihnen n\u00e4mlich wie dem Hund, der die Worte Maulkorb und Leine nicht mehr h\u00f6ren mag. Eine durchgesetzte Moral ist ein Mittel sozialer Disziplinierung. 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