Selten genug, daß ein einzelner Historiker es auf sich nimmt, die gesamte Geschichte der Deutschen in einem einzigen Werk abzuhandeln; seltener noch, daß ein Geschichtsbuch überhaupt das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit weckt und erbitterte Debatten bis in die Leserbriefspalten unbedeutender Provinzpostillen auslöst. Hellmuth Diwald, Jahrgang 1924 und ordentlicher Professor an der Universität Erlangen, hat beides erreicht, und das schon wenige Wochen nach dem Erscheinen der inzwischen vergriffenen unzensierten 1.–100. Tausend seines Werkes zur Buchmesse 1978. Dabei ist es nicht Diwalds „gegenchronologisches Verfahren“, welches die Gemüter erhitzt: Um von der unmittelbaren Betroffenheit, der direkten Erfahrung der Geschichte durch den zeitgenössischen Leser auszugehen, wie der Autor in der WELT vom 18. 12. 1978 schreibt, hält er den Bewohnern der drei deutschen Nachkriegsrepubliken den Spiegel vor.

Wie konnte es zu dieser unserer Gegenwart eigentlich kommen? Über Drittes Reich, Weimarer Republik und Kaiserreich spannt er den Bogen bis hin zur Krönung Heinrichs I. zum ersten deutschen König. Auch Diwalds klarer Erzählstil, der dem Leser selbst schwierige Zusammenhänge anschaulich und begreiflich werden läßt, trug ihm nicht die Kritik seiner Fachkollegen ein, die allzuoft Geschichte auf bloßes Anhäufen trockener Fakten reduziert hatten.

Nein, es waren die Seiten 164–165 seines Werkes, die einen wahren Kreuzzug der Rechtgläubigen gegen ihn auslösten. Da wagt es doch ein beamteter Hochschullehrer, ansässig ausgerechnet in Bayern, zu behaupten, zentrale Fragen des Schicksals der Juden im NS-Staat seien noch ungeklärt. „Jeder moralisch einigermaßen berührbare Mensch wird bei dieser Thematik von Entsetzen, Ohnmacht und grenzenloser Trauer ergriffen„, schreibt Diwald in „Criticón“ (1977, S. 258). Als Historiker kommt er jedoch um die Feststellung nicht herum: „Vor der Kulisse der abscheulichen Entrechtung der Juden im Dritten Reich wurden seit 1945 nicht nur zahlreiche Schriften veröffentlicht, die den Umfang des Schrecklichen abzustecken versuchen, sondern ebenso viele Behauptungen aufgestellt, die sich nicht beweisen ließen und die das unfaßlich Schandbare durch einen ebenso unfaßlichen Zynismus erweiterten: nämlich eines der grauenhaftesten Geschehnisse der Moderne durch bewußte Irreführungen, Täuschungen, Übertreibungen für den Zweck, der radikalen Entwertung eines Volkes auszubeuten. Der ungeheure Dokumentenberg über die Vernichtung der Juden, der für die verschiedenen Kriegsverbrecherprozesse zusammengetragen wurde, türmt sich über der Basis einer ungeheuren Zahl unhaltbarer Berichte, zweckhafter Bildmontagen, statistischer Phantasieprodukte.“ „So nannten die Alliierten Vernichtungslager, von denen es in Deutschland kein einziges gegeben hat. Oder es wurden jahrelang im KZ Dachau den Besuchern Gaskammern gezeigt, in denen die SS angeblich bis zu 25 000 Juden täglich umgebracht haben soll, obschon es sich bei diesen Räumen um Attrappen handelte, zu deren Bau das amerikanische Militär nach der Kapitulation inhaftierte SS-Angehörige gezwungen hatte“ (Geschichte der Deutschen, S. 165). „Für das Grundsätzliche spielt das keine Rolle, hier bleibt allein ausschlaggebend die Feststellung, daß in der Tat schon ein einziger aus Gründen des Rassenantisemitismus ermordeter Jude zuviel gewesen wäre“ (Criticón a.a.O.).

Wie Diwald betont, lagert sämtliches Material, das die Frage der Judenmorde aufhellen könnte, bis heute unzugänglich in amerikanischen, französischen und sowjetischen Geheimarchiven. Insbesondere über die heute im Ostblock liegenden ehemaligen Lager ist historisch verwertbares Faktenmaterial Mangelware. Nicht zu streiten ist demgegenüber um Diwalds eindeutige Stellungnahme gegen die Verbrechen des NS-Staates. Doch offenbar ist in Deutschland heute alles möglich, selbst die frechste Verdrehung der Tatsachen. Spiegel-Redakteur Georg Wolff meldete sich zu Wort und versuchte, Diwald ob seiner oben genannten Ausführungen zum Nazi hochzustilisieren. Wolff, der höchstselbst bis 1945 als SS-Führer von beachtlicher Ranghöhe in Norwegen als SD-Funktionär eingesetzt war, während Diwald noch die Schulbank drückte. Armin Biergann gar verstieg sich in der „Kölnischen Rundschau“ zu den Anwürfen, Diwald sei „ein verblendeter Kopf“ von „kaum verhülltem Antisemitismus“. Offensichtlich kannten diese Journalisten Diwalds Buch nur vom Hörensagen.

Noch unerfreulicher fiel jedoch das Verhalten Golo Manns auf, renommierter Historiker wie Diwald und harter Konkurrent um Auflagenziffern und Tantiemen: Mann hat gleich Diwald eine Wallenstein-Biographie und eine „Deutsche Geschichte“ verfaßt und konnte es sich nicht verkneifen, dem Kollegen bei dieser Gelegenheit eins auszuwischen. Diwalds Feststellungen zur Frage der Judenverfolgungen seien das Ungeheuerlichste, was er seit 1945 in einem deutschen Buch habe lesen müssen. Diwald leugne jeglichen Judenmord glatt ab. Der unparteiische Zuschauer dieser Professorenpolemik wird sich der obigen Diwald-Zitate entsinnen und Golo Mann einen Stil attestieren müssen, der weit unter seinem gewohnten Niveau liegt.

Angenehm fällt an Diwalds Gesamtwerk auf, daß er kein innerlich gebrochenes Verhältnis zur deutschen Geschichte hat, so wie Mann und manch anderer Historiker. Wie die in München erscheinende „Neue Zeit“ bemerkt, war die Geschichtsschreibung der 1950er und 60er Jahre, soweit sie das Verhältnis unseres Volkes zu sich selbst betraf und sich nicht auf „reine“ Wissenschaft zurückgezogen hatte, von zwei sich ergänzenden Tendenzen geprägt: Zum einen sollte sie zeigen, wie in der Vergangenheit des deutschen Volkes alles schiefgelaufen sei, nämlich in gerader Linie von den Staufern über Friedrich den Großen und Bismarck zu Hitler. Ferner sollte sie zeigen, wie aber doch in der Geschichte anderer Völker die Errungenschaften von Demokratie und Menschenrechten sich erfreulich ausprägten und durch brüderliche Hilfe dem etwas zurückgebliebenen deutschen Volke vermittelt wurden. Im Zuge einer „demokratischen Umerziehung“ wurde den Besiegten ein Ekel vor sich selbst angewöhnt, ihre Geschichte und Identität ausgetrieben, weggenommen, wie Diwald in der WELT vom 18.11.1978 schreibt. Schon vor dem Deutschen Historikertag 1976 hatte er darauf hingewiesen: „Der Deutsche nach 1945 wurde von den alliierten Siegern als eine Art krimineller Patient behandelt, dessen politische, moralische, charakterliche Korrumpierung nur noch mit drastischen Mitteln zu heilen war ... Das Verdikt über die deutsche Geschichte führte zunächst zu einer Abwendung von der Geschichte überhaupt und wirkte sich dann konkret als Verlust der Geschichte aus.“

Die Geschichte der Deutschen aus dem Bereich dieses einseitigen Verdammungsurteils herauszunehmen, ist das Hauptanliegen des Autors: Nach 1945 „wurde sie vor den Richterstuhl der Ewigkeitsmoral gezerrt und ihr der Prozeß gemacht, sie wurde abgeurteilt, exekutiert, und dann versuchte man, den Kadaver an einem unbekannten Ort zu verscharren. Die Geschichte ... nimmt solche Behandlung übel. Sie verfügt um ein beängstigend dimensioniertes Standvermögen“ (Criticón 1977, S. 256). Man kann nicht vor sich davonlaufen; heute steht eine neue Generation der Geschichte ihrer Vorfahren wieder freimütig gegenüber. „Sie weiß, daß zu dieser Geschichte ungeheure Verbrechen gehören, daß sie sich jedoch darin nicht erschöpft.“ Diwald führt uns die großen Perspektiven unserer Vergangenheit vor Augen und zeigt letztlich, daß die Geschichte der Deutschen noch lange nicht an ihrem Ende angelangt ist.