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Auszug aus: Klaus Kunze, Mut zur Freiheit, 1998, S.64 1998
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Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem

Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem.

Wilhelm von Ockham (1285-1349)

Die Gedanken sind frei

Norm oder Entscheidung?

Wer für Ordnung eintritt, kann nur zwei philo­so­phische und damit staats­poli­ti­sche Richtungen einschlagen: Er kann sich den Nor­men­­die­nern anschließen oder den Nor­menbenutzern. Die ersten: die Nor­­­ma­tivisten*, glauben an die Ein­­ordnung des Men­schen in einen von ei­ner meta­physi­schen Ord­­nung erfüllten Kos­mos. Sie wähnen ihn und da­mit auch sich selbst ei­ner objektiven, aus sich selbst heraus gel­ten­den Seinsord­nung un­­­ter­wor­­­fen: Gottes Schöpfungsordnung oder der ewi­gen Wiederkehr des Glei­­chen oder dem dialektisch-ma­terialisti­schen Ge­setz der Ge­schich­te; der Vernunftnatur des Men­schen oder dem Ge­setz des Stär­keren; der Gleichheit aller, die Menschen­antlitz tragen oder der Hö­her- und Min­derwertigkeit von Ras­sen; der westli­chen Wer­te­ge­mein­schaft und un­zählige andere mehr. Die einen ver­wei­sen für den Ur­­sprung ei­ner angeblichen me­ta­physi­schen Seins­ord­nung auf ein trans­­zen­den­tes Jen­­seits. An­de­re ver­mu­ten eine im "wahr­haf­­ten We­sens­­grund" des Dies­seits ent­hal­­te­ne: eine im­ma­nen­te Ord­­­nung. Deren Ein­zel­wer­te sind ihre Ideale: Ihnen die­nen sie wie etwas Heili­gem. Als lä­sti­ge Quälgeister ver­lan­gen sie allen anderen Men­schen ab, den­sel­ben Göt­­tern zu opfern. Ihr pene­tranter Idea­lismus will alle Men­schen nach sei­ner Façon selig machen.

Der Dezi­sionist ist dagegen Realist: Er dient keinen Idealen. Die für ihn gel­ten­den moralischen Normen schafft er sich selbst "vo­lun­taristisch": al­so kraft seines Willens. Er hält sie sich unterworfen und be­nutzt sie. Ord­­nung findet er nützlich, glaubt aber nicht an ein allem Sein innewohnendes, darum universal verbindliches Sollen. Je­de ge­sell­schaft­liche Wer­teord­­­nung bedarf einer Person, die sie stiftet. Der Dezisionist hört auf keine Gebote aus einem Jenseits und fühlt sich keiner "Natur sei­­nes Seins" un­ter­wor­fen. Keine so­ziale Ord­nung stellt sich von selbst ein. Er muß Ord­nung daher stets neu durch eine be­­wuß­te Wil­lens­­ent­schei­­dung selbst schaf­­­fen und er­hal­ten. -

Beide setzen sie dem Chaos die Ord­nung ent­­­ge­gen: der Nor­­­ma­ti­vist eine - sei­nem Glau­ben nach - in den Dingen selbst liegende Ord­­nung und der De­zi­sionist ei­ne Ord­­nung, die jemand willkürlich geschaffen hat. Der Vor­wurf des Nor­men­die­ners ge­­gen den De­zi­sio­nisten lautet darum, blind zu sein vor einer wahren gött­­­­lichen oder na­türli­chen Ord­nung und will­kürlich seine eigene zu er­finden. Das kontert der De­zi­­­sio­nist mit dem Ge­­gen­vor­­­­­wurf: So viele Nor­mativi­sten es gibt, so viele an­geblich ob­jektive, ein­ander aber wi­der­­spre­chende ewige Seinsordnungen gebe es. Des­­halb müsse sich jeder ent­schei­den, auch der Normenbenutzer: Gibt es über­­­haupt metaphysische Wahrheiten; und wenn ja: Wel­che der vielen Offen­ba­run­gen von "Wahrheit" ist für mich die "wahre Wahr­heit" und welche Irrtum oder Lüge?

Der Gedankenkos­mos des Nor­mativisten ist die Metaphysik: das "Wesen der Dinge", angebliche "Dinge hinter den Din­gen" oder das wah­re, ewige "Sein an sich". Theo­lo­gen der mittelalter­lichen Scho­lastik meinten, gesi­cherte Aus­sa­gen über die göttliche Ordnung machen zu können. Neu­zeitliche Den­ker brachten ihre Glaubensgewißheiten ins Wanken. Spä­te­stens mit den Religi­ons­krie­gen relativierten widerstreiten­de Theo­lo­gen ih­re An­sprüche auf letz­te Weltdeutungen wechselseitig.

Auch in der be­gin­nen­den Aufklä­rung mühte sich die ab­strak­te Ver­­nunft ver­geb­lich ab, aus der mensch­lichen Natur moralische Gewiß­heiten zu ge­win­nen: Da­mals löste das Na­turrecht die Theologie ab und wurde zur herr­schen­den nor­­­­­ma­­ti­ven Lehre. Es kann sich alles Natur­recht nur mit einem Zir­kel­­schluß hal­ten, indem es aus einem angeblich "natürlichen" Sein ein nor­mati­ves Sollen folgert. "Die Na­tur" läßt sich aber weder für noch gegen nor­mative Prinzipien ausspielen. Wenn et­wa die Soziobiologie sie beobachtet, vermag sie zwar festzustellen, welche kausal wirkenden genetischen Pro­gramme die Tiere und uns Menschen beherrschen. Welche Prinzipien und Normen das menschliche Zusammenleben aber regeln sollen, kann uns die Beobachtung unse­res stammengeschichtlich gewordenen Seins niemals leh­ren. Nur ein falsch verstande­ner normativierender Biologismus fällt auf den natu­ralistischen Fehlschluß herein, man könne vom Istzustand der menschli­chen Natur auf ein Sollen unserer Ethik schließen. [1]

Gegen die ideologiekritischen Argu­mente der De­zisio­nisten können Nor­ma­ti­vi­sten keinen zwingenden Be­weis führen. Trotz­dem soll die nor­­­mative Ord­nung auf Biegen und Bre­chen geret­tet werden mit ei­ner gran­diosen Glaubens­akrobatik: Mora­lische Ge­bote dürften kei­nes­­falls ins Belie­ben des einzelnen ge­stellt werden. Sie seien auch - um Him­mels wil­len! - nicht von Men­schen erfunden oder gemacht: "Hier­­­­ge­gen spricht in erster Linie, daß sie Deutungs­versuche des trans­­­zen­den­ten Sollens sind, daß also das Sollen es ist, das den Men­schen zum Sinn­entwurf seines Daseins in An­spruch nimmt, so daß er sich ihm gar nicht ent­ziehen kann." Damit wird klar: Das Sol­len selbst ist es, das uns "im Gewissen verpflich­tet." [2] Für den Nor­­ma­ti­vi­sten exi­stiert das Sollen, weil es existieren soll; so einfach denkt er: nicht logisch, son­dern theologisch. Un­er­träg­lich ist ihm die Vor­stellung, hinter allen geistigen Schöp­fungen könnte sich nichts ver­ber­gen als ein mensch­licher Schöp­fer. Weil mo­ralische Ideen nicht bloße "Ma­ni­fe­sta­tio­nen des Wil­­lens zur Macht" sein dür­fen, schließt er mes­ser­scharf, daß sie es nicht sein können.

Den Dezisionisten beeindruckt eine Metaphysik nicht, die ihre Gewiß­hei­ten im­mer nur aus dem Hut zaubern kann wie einen deus ex machina. Für ihn sind Seins­ordnun­gen blo­ße Hirn­ge­spin­ste. Er lehnt es ab, seine intimsten Wünsche und Hoff­nungen in die Wundertüte der Metaphysik zu stecken und als Glau­bens­wahr­hei­ten wieder her­vor­zuzaubern. Wenn es überhaupt eine meta­phy­si­sche Ordnung gebe, sei diese je­den­falls für Menschen nicht er­kennbar und be­weis­bar, eben weil sie trans­zendent wäre. Wie eine fata mor­gana flimmert sie bestän­dig am Horizont des Den­kens. Wenn wir uns ihr aber nä­hern und zu­packen wollen, verflüchtigt sie sich. Sollte sie über­­haupt eine Realität außerhalb unserer Köpfe sein, dann ist sie je­den­­falls des­­halb für uns praktisch bedeutungslos. Seit der grie­chi­schen Antike halten Philo­so­phen die Vernunft oder aber den Willen für "das Wesen des Menschen". Dem einen Glauben entspricht die Idee ei­ner ver­nünftigen Seinsord­nung, dem anderen die eines nur durch Ord­nungs­­willen zu zäh­menden Chaos. Die einen fühlen sich vom Vernunft­ideal ab­hän­gig, die ande­ren ordnen sich ihrer selbstge­schaffenen Ord­nung über.

Der Nor­men­be­nut­zer gelangt zu ganz ver­schiedenen Kon­sequen­zen, je nach dem, ob er die Existenz einer normativen Ord­­nung über­haupt bestreitet oder sie bloß für nicht er­kennbar oder nicht nach­weisbar hält. De­zi­sionisten sehen den vorgefun­denen Kosmos als Cha­os. Eine jeden ei­gen­­­­stän­­digen Sinnzu­sam­men­­hanges und je­der geisti­gen Ord­nung ver­­­lu­stige Welt, völlig ange­wie­­sen auf menschliche Be­deu­tungs­­stif­tung, muß nicht nur ohne von Menschen gesetzte Ord­­nung in un­­se­ren Au­gen zu einem formlosen Chaos ausein­an­der­fallen: Sie ist die­­ses Chaos. [3] Es gibt keine ethische Norm, die auf ein sol­ches Chaos an­wend­bar wä­re. [4] Darum muß die Norm gegen das Chaos immer wie­der neu ge­schaf­­fen und durch­gesetzt werden durch die Kraft des be­wuß­ten Wil­lens. Der Dezisionist kann gegen das Chaos seinen Willen zum For­men und Ge­stalten setzen. Er ist der bewußte Erzeuger und Stifter des für ihn geltenden Lebens­sinnes. Den Seuf­zer der Normativisten: wenn Trans­zen­denz bloßer Schein wäre, könne der Mensch nicht sinn­voll verstanden wer­den, [5] weist er als un­sinnige Tau­to­lo­gie zu­rück: Seinem eigenen Leben gibt er nämlich selbst seinen sub­jektiven Sinn. -

Zum Leidwesen der Normendiener bieten sich viele ganz unter­schiedliche Götter und Gebotsnormen zur Auswahl an. Viele verschiedene Normativismen nehmen für sich in Anspruch, allein wahr zu sein und selig zu machen. Selbst ein kon­se­quenter Nor­mati­vist müß­te dem Dezisio­nisten darum ehr­li­cher­weise zugeben, daß man auch den Glau­ben an eine be­stimm­te nor­ma­tive Ord­nung zu­nächst annehmen, sich al­so für ihn entscheiden muß. Sol­che Ehr­lich­keit würde ihn aber in die logi­sche Sack­gasse ei­nes Pa­ra­do­xons füh­ren: Man kann seine heiligsten Güter nicht der Ent­schei­dungs­willkür an­heim­fallen lassen und gleich­zeitig Nor­ma­tivist blei­ben. Die ty­pi­sche Geste des Nor­mendieners ist darum das Be­strei­ten, daß da über­­haupt et­was zu ent­scheiden ist. Es gebe nur eine Wahr­heit, darum auch nur ein höch­­stes Gut und die aus ihm fol­gen­den Normen. Diese Wahr­heit gelte es allenfalls zu er­ken­nen und zu voll­strecken. Gegen­über ei­nem sol­chen uni­versalisti­schen Wahr­­­­­­­heits­­be­griff muß je­de ab­wei­­chende Wert­­entscheidung, die zum Glauben an eine andere Wahr­heit führt, als Irr­tum, Ketzerei, Hä­resie oder Lüge er­­schei­nen. "Jene selbst­sicheren Zeiten" sind nämlich längst vor­bei, als Nor­ma­tivi­sten "zu­­zu­­geben wag­ten, daß die Axiome ihrer Lehre wil­lens­­mäßig ge­setzt wa­­ren - jene Zeiten, in de­nen of­fen gesagt wur­de: Die­se Sätze sind ver­­kündigt worden, und Ihr habt sie zu glauben, erst von da ab dürft Ihr denken." [6]

Das von jedem in die Diskussion mitgebrachte metaphysische Vor­ver­ständnis hängt weitgehend von seiner individuellen Per­sön­lich­keit ab: Wer Halt sucht, ver­teidigt sei­ne Wahrheit normativ, weil er ohne Glau­bensge­wiß­heit nicht leben mag. Sein de­zi­sio­­nistisches Gegen­­über ist der militante "Romantiker der Ent­schei­dung", der, "manch­­­­­­mal nicht ohne autobiographi­sche Anspielungen, das existen­ti­ell äußer­ste, gleich­­sam heroische Moment in ihr" [7] her­vor­hebt. Wäh­rend der Nor­men­diener an eine harmoni­sche Seinsord­nung glaubt, in der sich Un­gläu­bige allenfalls als Stö­renfriede hervortun und gegen die an­zu­kämp­fen sinnlos und verwerflich wäre, glaubt der mi­litante De­­zi­sio­­nist: Das innerste Wesen des Kosmos folge ant­ago­ni­sti­schen Prin­­zi­pien. Sich für oder gegen etwas zu ent­scheiden, wird darum zur Pflicht und die kämpferische Hal­tung zur nur noch me­ta­phy­­sisch be­gründ­ba­ren Le­bens­ein­stellung. Sie beweist sich in Wor­­ten wie Ernst Jün­­gers: "Nicht wofür wir kämp­fen ist das We­sent­li­che, son­dern wie wir kämp­fen." Der heroische Mensch benötigt den Feind ge­ra­dezu exi­­sten­tiell, um mit ihm zu einer höhe­ren Einheit zu ver­­schmel­zen. Er "be­­­jaht sich selbst und den Feind" und "lebt im Gan­zen und in den Tei­­len zu­gleich." [8] So bleibt dem militanten De­zisio­ni­sten als Feind im me­­ta­phy­sischen Sinne allenfalls noch der Nor­men­die­ner, der "an sitt­li­chen Prin­zi­pien festhält, der um Gut und Böse im ma­te­riellen Sinne ringt. Er ist der Abseitige, Andersartige, mit dem es schlecht­hin keine Ver­­ständi­gung gibt. Er ist der moralisierende Bür­ger, der sich birgt in sei­nem Ideenge­häuse." [9] -  -

Hinter der Frage: "Ist dem Menschen aufgegeben, sich für eine Nor­men­ord­nung zu ent­schei­den?", steckt aber die Falle eines normativen  Sol­lens. In diese Fal­­le tappt der De­zisio­nist, wenn er militant wird: Ein Willens­mensch wie Nietz­sche etwa be­gnügt sich nicht mit seiner persönlichen Ent­schei­dung nach Be­­­lieben. Für ihn gibt es sie doch: jene normative Ord­nung, der sich nie­mand ent­­­­ziehen kann. Sie steckt im Men­schen: Sein in­ner­stes We­sen selbst sei sein Wille - also soll er wollen! Der Glau­be, das Ge­setz des Kos­mos sei der Wi­der­streit oder das Gesetz des Men­schen sei sein Wille, ist aber ge­nau­so Metaphysik wie der Glaube an ei­ne kos­mi­sche Har­mo­nie. Wer kei­nen Kamp­feswillen auf­bringt, han­­delt aus vo­lun­ta­ri­sti­scher Sicht nicht menschlich: Wir sol­len un­se­rem Wil­len alles un­ter­ord­nen, sonst wer­­den wir nie über uns hin­aus­­wach­­sen und wahre Men­schen - Über­men­schen! - wer­den. Wird der Wil­le selbst zur Norm er­ho­ben, kippt der De­zi­sio­nis­mus lo­gisch um in ei­nen ex­tre­men Nor­­ma­ti­­vis­mus. In­dem der mi­li­tan­te De­zisionist den Wil­len zum Sol­len und zum Muß er­hebt - "Du sollst wollen!" - hat er sich be­reits einer Willens­metaphysik untergeordnet. Er hat sei­ne freie Ent­schei­­dungs­ge­walt bloß gelie­hen von einer nor­ma­­ti­ven Men­­schen­na­tur, die ihn zum Wollen ver­dammt: "Je mehr Wille, de­sto mehr Exi­stenz", schrieb Kier­kegaard . Trotz­dem fühlt er sich frei: Er merkt nicht, daß er sich selbst einer normati­ven Ord­nung un­ter­worfen hat. Wäh­rend fernöstliche Lehren den Men­schen vom Wollen erlösen möch­­ten, verdammt ihn der Voluntarist da­zu: Jeder Mensch soll wol­len, weil es seine normative Natur sei. Die Willens­me­ta­­phy­si­ker Schopenhauer und Nietz­­sche oder der Existenzialist Kier­ke­­gaard sind nur se­kun­dä­re Dezi­si­oni­sten: Normati­vistisch ist ihr Denk­stil, de­zi­sio­ni­stisch bloß der zu­fällige Denkinhalt. Militante Dezisionisten merken nicht, daß sie selbst von einem normativen Vorverständnis ausgehen: sie könnten sich dem Primat des Wol­len-Sollens gar nicht entziehen. Wir sollten sie darum begrifflich ausklam­mern und bes­ser als Willens­metaphysiker bezeichnen.

Von der anderen Seite her denkt der fideistische Dezisionist: De­zi­sio­ni­sti­sch ist sein Denkstil, normativ der auswechselbare Inhalt. Sein Glauben - fi­des - richtet sich inbrünstig auf die gott­geschaffene nor­mative Ordnung. Ge­gen­über der Ver­nunft gibt er dem Willen den Vor­zug: Gottes Offenbarung kann nur geglaubt, nicht ra­tio­nal be­wie­sen werden. Dieser Skeptizismus er­schüt­tert die Zu­ver­sicht des Den­­kens aber nur, um das Vertrauen in den Glau­ben zu schüt­zen: [10] Ein klei­­ner franziskanischer Trick der Mönche Duns und Ock­ham hatte bis heu­te nicht zu überschätzende Aus­wir­kun­gen: Got­tes We­sen sei sein all­mäch­tiger Wille. Dieser sei die letzte Ursache der nor­ma­ti­ven Schöp­­fungs­ordnung. Alles Gut und Böse sei ein be­lie­bi­ges Pro­dukt gött­­li­cher Willkür! Damit wand­te Ockham sich ab von Pla­ton und Tho­­mas : Die­ser hatte Gott für die un­wan­delbare Idee des Gu­ten selbst er­klär­t und damit seine All­macht ver­kürzt: Gottes Willen steckte damit im Käfig einer idealen Ver­nunft­idee, über die selbst Gott sich nicht hinwegsetzen konnte. Gottes innerstes Wesen sei die be­rechenbare Ver­nunft. Nein, widersprach ihm Duns : Sein We­sen sei die Liebe: Sie beruht auf einem nicht rational ableit­baren, also freien Willensakt. Schließlich be­freite Ockham Gottes Willen endgül­tig und setz­te ihn über alles Gut und Böse: Es gebe kein Gut und Bö­se aus der Natur der Sache selbst und keine vorwillkürliche, vernünftigem Kal­kül zu­gängli­che Bewertung in Gut und Böse. Gott selbst sei es, der Gut und Bö­se willkür­lich aus dem normati­ven Nichts er­zeuge. Ock­ham selbst war tief gläubig: Er brauchte kein berechenbar ver­nünf­tiges Gutes, weil er sich der christlichen Offenbarung und Gottes Lie­be sicher war. Die unge­heueren Konse­quenzen seiner Lehre traten spä­ter zu Tage: Denkt man Gott aus seinem Weltbild weg, tritt der Ein­zelmensch sein Erbe als alleiniger Normenschöpfer an.

So wagte doch tatsächlich im "tiefsten" Mit­telalter ein Par­tisan der Gei­stes­frei­heit, das kleine fran­zis­ka­ni­sche Mönch­lein Wilhelm von Ock­ham, frech seine Stimme zu er­heben und vor­laut zu behaupten: Wenn Gott wirk­lich allmächtig ist, dann hat er sogar die Ent­schei­dungsfreiheit, das Gute bö­se und das Bö­se gut sein zu lassen. Gott hät­te auch eine ganz andere morali­sche Ord­nung schaf­fen kön­nen. [11] Das Böse ist nur böse, und das Gute ist nur gut, weil Gott es will und so­lange er es will. Gottes Wille ist ge­ra­dezu das We­­sen sei­nes Wir­kens. Gegenüber Gott gibt es keine Be­rufung auf ir­gend­welche Nor­men der Sittlichkeit oder des Gesetzes, weil sie alle sei­­ner gren­zen­lo­sen All­macht und Willkür unterworfen sind. Damit war ein geisti­ger Spreng­satz mit Lang­zeit­wirkung gelegt: Schließ­­lich glaub­­te man, Gott habe die Menschen nach seinem Eben­bilde ge­schaf­­­fen. Wenn Gott an keine Idee des Guten ge­bunden ist und an kein ethisches Ge­setz, ist er die Freiheit schlechthin. Daraus ergibt sich unmittelbar die Auf­forderung des Men­schen zur Freiheit. Wäre der Wille der Ver­nunft untergeordnet, wie Thomas lehrte, gäbe es keine Freiheit. Jede Ver­­nunfteinsicht ist nämlich kausal vorbe­stimmt und festgelegt; frei ist nur der Wille. [12] Für Ock­ham steht daher die Frei­heit auch des mensch­lichen Willens "im Mit­tel­­punkt seiner Frei­heits­theo­logie." [13] Das gedankliche Mo­dell, nach dem moralische Ord­nun­gen nur gelten, weil es da jemanden gibt, der ihre Geltung will, be­gründete bereits im Mittelalter den neu­zeitlichen Dezi­sionismus.

Fideistische Dezisionisten sind auch die fundamentalistischen Ka­tho­­li­ken. Nament­lich Carl Schmitt geht von der gottgegebenen mensch­­­lichen Entschei­dungs­frei­heit aus: Zwar gehört zum We­­sen dieser Freiheit, sich auch gegen die göttliche Ord­nung ent­schei­den zu können. Indem der Mensch Teil der göttlichen Ordnung und mit frei­em Willen beschenkt ist, kann er sich zwar gegen Gott ent­scheiden. Damit entscheidet er sich aber zugleich gegen sich selbst: nämlich ge­gen das in ihm ange­legte Göttliche. So gesehen wird es ge­ra­de­zu zur religiösen Pflicht, sich erstens überhaupt zu entschei­den, und zwei­tens für die göttliche Ordnung. Das Weltbild des ka­tho­li­schen Chri­sten un­ter­scheidet die gött­liche Ordnung von der bösen Unord­nung. Ein Aus­wei­chen vor der Ent­schei­dung für Gott oder Sa­tan kann und darf es da nicht geben, denn wer sich nicht für Got­tes Ord­nung entschei­den will, hat sich damit be­reits gegen sie ent­schie­den. "Sage mir nicht," mahnte Donoso , "Du wollest nicht kämp­fen, denn im gleichen Augen­blick, wo Du dies sagst, kämpfst Du be­reits; noch, daß Du nicht wüßtest, auf welche Seite Du Dich schlagen sollst, denn im glei­chen Augenblick, wo Du dies sagst, hast Du Dich be­reits einer Seite zugewandt; noch erkläre mir, daß Du neutral blei­ben wollest, denn wenn Du denkst, es zu sein, bist Du es bereits nicht mehr." [14]

In dieser Vorstellung wurzelt das bekannte Diktum Schmitts: "Wer in der Frage: Neutralität oder Nicht-Neutralität neu­tral bleiben will, hat sich eben für die Neu­trali­tät entschieden. Wertbe­haup­tung und Neu­tralität schließen einan­der aus. Ge­genüber einer ernst gemeinten Wert­behauptung und -beja­hung be­deutet die ernst gemeinte Wert­neu­tra­lität eine Wertverneinung." Daraus folgt zum Bei­spiel konkret: "Er­klärt ein Teil des Volkes, keinen Feind mehr zu kennen, so stellt er sich nach Lage der Sache auf die Seite der Feinde und hilft ih­nen, aber die Unterscheidung von Freund und Feind ist damit nicht auf­ge­ho­ben." [15] Diese Be­hauptung Schmitts setzt den Glau­ben an zwei antago­­ni­sti­sche Prinzipien bereits voraus, sonst wä­re eine Entschei­dung eben nicht un­ausweichlich. Die dem Dezi­sionismus entgegen­stehende Vor­­stellung des ewigen Ge­sprächs: durch Diskussion könnte so etwas wie die Wahrheit ge­funden werden, hätten katholi­sche Staats­­phi­lo­­so­phen wie de Mai­stre, Bonald und Donoso Cortés, mit Schmitts Worten, "wohl eher für ein Phantasie­pro­dukt von grausiger Komik gehal­ten." "Am ent­­­schei­­denden Punkt die Ent­schei­dung suspendieren," interpretiert Schmitt authen­tisch seine gei­stigen Ahnen de Mai­stre und Do­no­so, "in­­dem man leug­net, daß hier über­haupt et­was zu ent­schei­den sei, muß­­­­te ihnen als eine seltsa­me panthei­stische Verwir­rung er­schei­nen." [16]

Der konsequenteste ist der deskriptive Dezisionismus sei­nes Be­griffs­schöpfers Kondylis. Die Zumutung, sich für eine Norm zu ent­schei­­den, weist er zurück und möchte überhaupt keine eigene Stel­lung beziehen. Wäh­rend ein Nihi­list wie La Mettrie noch im Glück­­lich­sein und ein Dezisionist wie Jünger im ent­schlossenen Ent­schei­den höch­ste Werte sahen, weist ihnen Kondylis einen darin ver­steck­ten Nor­ma­tivismus nach. Kon­se­quent erklärt er sämtliche Wert­ent­schei­dun­gen für relativ, al­lerdings um einen hohen Preis: Wer so­­gar sein ei­ge­nes Leben und die tief­sten Be­weggründe seines Han­delns zur be­lie­bigen Disposition stellt, ver­zich­tet damit auf aktive Teil­­nah­me am Le­ben und auf die kalkulierte An­wendung von Ideen als Waf­fen in der polemischen Auseinander­set­zung. Das kann er nicht ohne lo­gische Aporien durchhalten: Wenn so­wieso alles relativ ist, ist die Re­­lativität zwar nicht als falsch wi­der­legt, [17] aber doch selbst relativ. Dür­­fen wir dann nicht we­nig­stens ein­mal am Geist der Rela­ti­vität sün­­digen, in­dem wir etwas ab­so­lut set­zen?

Tatsächlich erlaubt uns das der deskriptive Dezisionismus: Er ent­hält sich je­der Sollensmaxime und geht nicht in die logische Falle, die Re­lativität selbst zum Sollen zu erklären. Logisch folgerichtig übt er me­taphysische As­kese: Alle Werte erklärt er für relativ, durch die Per­spektive des Betrach­ters bedingt und für Pro­dukte gesell­schaft­­li­cher Konventionen. Jede konse­quente anti­meta­phy­si­sche Po­si­tion muß "anti­­­­intellektualistisch und antiidea­listisch" eingestellt sein. Kein In­tel­lekt ist so er­ha­ben, das Sein in seiner Ein­heit ob­jektiv zu er­fas­sen und zu deuten. Selbst wer vor­ur­teilsfrei rein positive Wis­sen­schaft be­­trei­ben will, schleppt doch zwangs­läufig seine me­tho­di­schen Vor­ver­­ständ­­nis­se und meta­phy­si­schen Prämissen mit. Indessen hat die­se er­­nüch­­tern­de Einsicht eine tröstende Hintertür: Indem sie hin­ter al­lem und je­dem mensch­lichen Denken meta­phy­si­sche Ent­schei­dun­gen er­kennt, warnt sie zwar vor letzten Gewißheiten, erteilt aber der be­wuß­­ten Entschei­dung für ei­nen Wert Ge­ne­ral­pardon. Die offene Hin­ter­­tür entläßt uns in die Entschei­dungsfreiheit, wenn die­se auch nur ei­ne "von Skep­ti­kern ge­schenkte, also un­sichere Nar­ren­freiheit" [18] ist.

Nur der ist aber berechtigt, die theoretisch überlegene Haltung des wert­­neutra­len Beobachters einzunehmen, der nicht mehr glaubt, "es gebe doch et­was zu verteidi­gen, etwas, das mit dem (wenigstens fak­­tisch angenomme­nen) Sinn des Lebens zu­sammen­hänge." [19] So blieb Kon­dylis in seiner theo­retisch völlig wert­freien und re­la­ti­vi­sti­schen Atti­tüde kein anderer Lebensin­halt als das spekulative Ge­nie­ßen und un­beteiligte Be­schreiben fremder Lebensent­würfe. In die­ser be­schau­li­chen Tätigkeit mani­festiert sich der Geltungsan­spruch des Theo­re­ti­kers, der für sich in Anspruch nimmt, in die Händel die­ser Welt nicht un­­mittelbar ein­bezogen zu werden. Es ist die freie Wert­set­zung des in­tellektuellen Genießers, dessen Lebenswelten die Hei­del­berger Uni­ver­si­täts­biblio­thek und der griechische Strand sind. Zwi­schen denen reiste Kon­dy­lis hin- und her, um die Früchte abend­län­di­scher Gei­stes­ge­schichte einzu­schmelzen und regel­mä­ßi­g in Form ei­ge­ner Gei­stes­wer­ke ungeheueren Ge­wichts wieder aus­zustoßen.

 

fortsetzendes Unterkapitel: Toleranz durch freie Wertsetzung



* Die mit versehenen Begriffe sind außer im Text auch hinten im Glossar erläutert. Adjektive stehen unter dem Substantiv, von dem sie abgeleitet sind.

[1] Eckart Voland, Grundriß der Soziobiologie, Stuttgart 1993, S.19 f.

[2] Welzel, Naturrecht und materiale Gerechtigkeit, insbes.S.243, 248.

[3] Krockow, Die Entscheidung, S.144.

[4] Carl Schmitt, Politische Theologie, S.20.

[5] So Welzel, Naturrecht und materiale Gerechtigkeit, S.238.

[6] Mohler, Die nominalistische Wende, S.195.

[7] Kondylis, Macht und Entscheidung, S.29.

[8] Ernst Jünger, Der Kampf als inneres Erlebnis, S.76, 108.

[9] Krockow, Die Entscheidung, S.47.

[10] Kondylis, Metaphysikkritik, S.37 f.

[11] Vgl. Kondylis, Metaphysikkritik, S.34.

[12] Welzel, Naturrecht und materiale Gerechtigkeit, S.71.

[13] Koepgen, Wilhelm von Ockham, S.147, 149, 150, 153.

[14] Donoso Cortés, Essay, S.75; vgl. auch ebd. 2.Buch Kap.I, Vom freien Willen.

[15] Carl Schmitt, Legalität und Legitimität, S.49; Der Begriff des Politischen, S.52.

[16] Carl Schmitt, Politische Theologie, S. 69, 78.

[17] Kondylis, Nur Intellektuelle behaupten..., S.688.

[18] Kondylis, Metaphysikkritik, S.490 f.

[19] Kondylis, Macht und Entscheidung, S.120.