Aus: Klaus Kunze, Mut zur Freiheit (1998), S. 17–20

Die Gedanken sind frei

Toleranz durch freie Wertsetzung

Daß es im Weltall nichts und niemanden gibt, der uns Sinn und Zweck unseres Daseins vorschreibt und damit Ordnung setzt, ist für den einen unerträglich; für den anderen aber Grundbedingung seiner Freiheit. Wer sich für einen Ordnungsentwurf entscheidet und sein Leben unter das eigene Gesetz stellt, ist sich der Subjektivität seiner Wahrheit und der Relativität seiner Ordnungsentscheidung bewußt. Sie beruht nur auf seinem Willen, denn eine Norm als Richtschnur menschlichen Handelns existiert logischerweise nur entweder „in uns selbst oder aber außerhalb unser. Würde man sie in uns finden, so könnte sie nichts anders sein als entweder die Einsicht und das Gewissen oder aber unser Wille selbst.“21

Für den frei Entscheidenden hat seine normative Ordnung ihren Sinn nur für ihn allein. Aufdringliches Eifern ist ihm darum fremd. Er schart keine Jünger um sich. Andersgläubige sieht er als Neutrale, Freunde oder Feinde an, je nach Lage der Dinge, niemals aber als Verbrecher, Ketzer oder zu vernichtende Vertreter eines unwahren oder gar bösen Ordnungsprinzips. Das macht ihn metaphysisch tolerant: Sein Weltbild kennt keine Hölle, er braucht keinen Gott und keinen Teufel. Er ist der eigentliche Autonome: der sich selbst (αὐτός) Gesetz (νόμος)-Gebende. Führt ein Normendiener die Fahne seiner Götter mit ins Feld und beschwört seine ewigen und heiligen Werte, lächelt der Normenbenutzer nur milde und erkennt in jenen Göttern die Gesichtszüge des Normativisten wieder. Wer ihn hinter seinem Gott oder seiner Ideologie getarnt bekämpft, ist sein Gegner. Nie aber hält er den Gott oder die Ideologie für den eigentlichen Feind. Der Gott des Normativisten ist ein eifersüchtiger Gott und duldet keine anderen Götter neben sich. Der Gott des Dezisionisten sagt dagegen: „Siehe, ich bin dein Gott, den du dir nach deinem Bilde geschaffen hast. Du darfst dir ruhig noch mehrere von uns machen!“

In jedem Normativismus steckt ein metaphysischer Wahrheitsbegriff, der ihn von Anfang an intolerant macht. Das gilt auch für diejenigen normativistischen Verfechter des Toleranzprinzips, die offen unter dem Paradoxon antreten: „Keine Toleranz für die Feinde der Toleranz.“ Wer so denkt, handelt bereits intolerant. Die zur Norm transzendierte Toleranz hebt sich selbst logisch auf. „Wer sich selbst im Besitze unumstößlicher Wahrheiten wähnt, kann dem Andersdenkenden nicht mit Toleranz begegnen.“22 Das gilt auch für den, der es unumstößlich für wahr hält, daß alle tolerant sein sollen. Überdies verschleiert der vordergründig tolerant klingende Spruch „Keine Toleranz für die Feinde der Toleranz“, daß hinter ihm immer konkrete Wertentscheidungen des Inhalts stehen: welche inhaltlich konkurrierenden Werthaltungen nämlich noch toleriert werden sollen und welche nicht mehr.

Der Normenbenutzer ist gegen Andersdenkende normativ gleichgültig und insofern tolerant. Diese Toleranz ist ihm aber wiederum gleichgültig: Er muß sie nicht zum normativen Prinzip erheben. Auch erstreckt sie sich nur auf Normen, nicht auf die Menschen, die sich ihrer bedienen. Wird der Dezisionist angegriffen – offen oder ideologisch verbrämt – dann wird er sich nach Kräften wehren. Keine vorgekaute Norm hindert ihn an der freien Wahl seiner Waffen, denn gegen sich selbst ist er ja auch tolerant und kennt hinsichtlich der Mittel zu seiner Selbstbehauptung keine Vorurteile. Er kann daher in der Wahl seiner normativen Waffen flexibel sein. Tolerant ist der Normenbenutzer eben immer nur metaphysisch. Er läßt jeden glauben, was er will, aber nicht tun, was er will. Verstößt die Handlung eines anderen gegen die Interessen des Dezisionisten, sieht der Dezisionist je nach Lage der Dinge für Toleranz keinen Anlaß. Sein Credo ist das des Verantwortungsethikers und nicht das des Gesinnungsethikers. Der „eine sagt: Laß geschehen was da will, wenn du nur nicht Schuld daran trägst, denn die ist Sünde vor Gott;“ der andere aber: „Sei schuldig, soviel du willst, und trage die Schuld in Ehren, nur sorge, daß das Gute geschehe!“23 Was jemand dem Verantwortungsethiker tatsächlich antut, entscheidet, nicht aber, warum er es tut. Entschlossenheit zum existentiellen Kampf auf der einen – Gleichgültigkeit gegenüber dem Glauben des Gegners auf der anderen, das ist auch die Handschrift des Dezisionisten.

Für ihn beschränkt Feindschaft sich auf den existentiellen Fall. Existentielle Feindschaft und metaphysische Toleranz sind Schwestern. Jede Metaphysik erhebt den Anspruch alleiniger Letztgeltung. Für ihr Ordnungsdenken muß der Ungläubige immer ein Ketzer, Verbrecher und Bösewicht sein. Wer weiß, vielleicht gar ist er überhaupt kein Mensch? „Ein unveränderlicher Zug im menschlichen Geist,“ belehrt uns ein Metaphysiker, „ist der metaphysische Trieb: der Drang ins Reich des Übersinnlichen. Er ist der Wesenspunkt allen Menschentums.“24 – Schlechte Aussichten also für Diesseitsfreunde und Andersgläubige! Geht ihnen nämlich das wahre Menschentum ab, muß man sie in letzter Konsequenz bekehren oder darf sie ausrotten. Demgegenüber erkennt die bloß existentielle Feindschaft vollkommen an, daß der Feind normativ ebenbürtig und gleichberechtigt ist: Feind ist dann, wer mich existentiell negiert und bekämpft, nicht, wer nur meinen weltanschaulichen Lebensentwurf nicht teilt. Mein Feind ist also, wer mich töten oder an meiner von mir gewählten Lebensform hindern will. Wenn überhaupt, besteht die ganze Metaphysik des Dezisionisten in der Behauptung seines freien Willens als zentralem Wert. Er ist im Kern Selbsterhaltungswille: Die Fortexistenz des freien Willens wollen und die eigene Existenz wollen ist ein und dasselbe. Wer mich am Leben nach meinem Willen hindert, ist Feind im existentiellen, also ganz und gar diesseitigen Sinne.

Der wirkliche Feind muß daher, mit den berühmten Worten Schmitts, weder häßlich noch böse sein.25 Es gibt keinen Grund, jemanden als böse zu bekämpfen. Gegensätze wie Gut und Böse bilden notwendige Bestandteile fester Weltbilder, können aber immer nur in einer bestimmten Perspektive, nämlich der des erlebenden Subjekts, als solche gesehen werden.26 Das Bilden von Gegensatzpaaren ist nichts als eine „Denkform, die wie die Neigung zu einheitlichen Erklärungsprinzipien dem Menschen offenbar angeboren ist und gewissermaßen ein Gegengewicht gegen sie bildet.“27 Der Normenbenutzer erkennt nicht nur, daß „Gut und Böse antithetische Bestandteile desselben Weltbildes ausmachen, das heißt nur in einer bestimmten weltanschaulichen Perspektive als solche angesehen werden.“28 Er wird schon mißtrauisch, wenn ihm ein Gegensatzpaar aufgenötigt wird, und sucht nach der dahinter stehenden Metaphysik: „Der Grundglaube der Metaphysiker ist der Glaube an die Gegensätze der Werte. [...] Man darf nämlich zweifeln, erstens, ob es Gegensätze überhaupt gibt, und zweitens, ob jene volkstümlichen Wertschätzungen und Wert-Gegensätze, auf welche die Metaphysiker ihre Siegel gedrückt haben, nicht vielleicht nur Vordergrunds-Schätzungen sind, nur vorläufige Perspektiven, vielleicht noch dazu aus einem Winkel heraus, vielleicht von unten hinauf, Froschperspektiven gleichsam.“29

Anmerkungen

  1. 21 Heineccius, Elementa juris, Buch I, Kap. III, § 61, S. 58.
  2. 22 Backes / Jesse, Politischer Extremismus, S. 173.
  3. 23 Hartmann, Ethik, S. 820.
  4. 24 E. J. Jung, Herrschaft, S. 28.
  5. 25 Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, S. 26 f.
  6. 26 Kondylis, Macht und Entscheidung, S. 23.
  7. 27 Lorenz, Die Rückseite des Spiegels, S. 63, 238.
  8. 28 Kondylis, Macht und Entscheidung, S. 23.
  9. 29 Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Nr. 2.