Aus: Klaus Kunze, Mut zur Freiheit (1998), S. 186–193

Die ideologischen Gezeiten

Das postideologische Zeitalter

Der "Guerillakrieg" gegen "die soziale Vorherrschaft des Normativismus" ist uralt. 484 Auch die humanitaristische Zivilreligion kann nur durch untergründige Maulwurfstätigkeit von innen ausgehöhlt werden. Diese Tätigkeit muß damit beginnen, ihren ideologischen Charakter zu beleuchten, lustvoll an den Tabus und Sprachregelungen zu kitzeln und diese der Lächerlichkeit preiszugeben. Die zentralen Ideologeme der Political correctness zu zerstören, ist vordringliche Aufgabe einer geistigen Partisanentätigkeit. "Der Betroffenheits-Besoffenheit kann man nur mit Subversion begegnen. [...] Der Anarch,485 Partisan oder Dandy ist das einzig effektive Gegenbild zum Bürokraten, Apparatschik, Funktionär und Despoten." 486 Er ist der Bote, der das postideologische Zeitalter ankündigt.

In ihm werden wir uns einer Ideologie nur noch bedienen, uns aber nicht mehr von ihr beherrschen lassen. Wir werden die alte deutsche Unart ablegen, Dinge um ihrer selbst willen zu tun, und pragmatisch werden. Wir werden kaltlächelnd national-eigennützig denken, aber nicht davon sprechen. Dabei werden wir uns nicht mehr zuvor dreimal bekreuzigen wie die Kosmopoliten und nicht der ganzen Welt das nationale Denken aufdrängen wollen wie die Nationalisten. Diese Ideologie mit ihrem heutigen Hauptvertreter Eichberg geht auf Herder zurück. Sie möchte nicht ruhen noch rasten, bis die ganze Welt in niedliche kleine Reservate ethnischer Natiönchen parzelliert ist. Eichberg möchte etwas für uns Richtiges universalisieren und exportieren. Wir dagegen werden am deutschen Wesen und seiner neuesten Idee: dem Ethnopluralismus, nicht mehr die Welt genesen lassen wollen. National denken bedeutet dann: tun, was wir in unserem Interesse für richtig halten, und: unser Interesse selbst definieren. Wenn es in unserem Interesse wäre, daß Rußland zerbröselt, würden wir den Mordwinen und Gagausen den Eichbergschen Befreiungsnationalismus487 wärmstens anempfehlen. Für Sorben und Tschechen dagegen werden wir diese Lektüre in jedem Fall für ungeeignet halten. Geistiger Waffenexport kann eine Dummheit sein.

Das postideologische Zeitalter muß nicht erst ausgerufen werden, es ist bereits angebrochen. Beim "heutigen Dezisionismus" geht es "nicht um dramatische existenzielle oder weltanschauliche Entscheidungen, [...] wie dies beim vorangegangenen [militanten oder fideistischen] Dezisionismus existenzialistischer Philosophen der Fall war, sondern um solche, die von einem kalkulierenden Intellekt getroffen wurden, der die weltanschauliche Grundeinstellung technischer Rationalität [...] voraussetzt. Seine Entscheidungen betreffen also nicht das Ganze, nicht den Ursprung der Dinge und den letzten Sinn des Lebens..." Damit ordnet er sich geistesgeschichtlich in die Postmoderne ein. "Der postmoderne Denkstil beruht [...] auf der freien Kombinatorik" historischer Elemente. 488 Diese freie Kombinatorik setzt die prinzipielle Gleichwertigkeit der Entscheidungsoptionen und damit den Dezisionismus voraus. Der postmoderne Denkstil und der heutige Dezisionismus beinhalten für sich genommen noch keinerlei konkrete Entscheidung, sondern öffnen erst den Weg zu Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung.

Selbstbestimmung ist normative Selbstbestimmung, oder sie ist eine Farce. Jedes menschliche Kollektiv hat selbst die Möglichkeit, frei darüber zu entscheiden, ob es sich als Volk definieren und durch einen Staat handeln will oder nicht. Die Entscheidung für oder gegen ein konkretes kollektives Selbstverständnis muß jede Gemeinschaft selbst treffen. So standen die Juden in den letzten beiden Jahrhunderten vor den drei Möglichkeiten: sich völlig zu assimilieren und damit als Gemeinschaft zu erlöschen, sich in der Zerstreuung rein religiös zu definieren wie bisher oder zu einem Staatsvolk zu werden. Das politische, ethische und geistige Selbstbestimmungsrecht, solche Entscheidungen zu treffen, müssen wir für uns reklamieren und von Fall zu Fall anhand unserer situationsbedingten Interessen ausüben. Alle Welt glaubt an den unantastbaren Wert der Autonomie. Darum ist diese ein bestens geeignetes Ideologem, unsere Interessen vorzutragen.

Wenn die Lage ein festes Zusammenstehen gegen einen Feind erfordert, wenn wir uns von jemandem befreien wollen oder das Volk sich in multiethnische Bestandteile auflösen sollte, werden wir mit Ernst Moritz Arndt "welschen Tand vertilgen" und mit Friedrich Ludwig Jahn die Jugend zur Leibesertüchtigung rufen, aber wir werden dabei leise über uns selbst lachen. Wenn die Lage ruhig ist und wir friedlich Handel und Wandel treiben dürfen, werden wir den Negern in Afrika ernsthaft erklären, daß es ein Menschenrecht ist, einen deutschen Kühlschrank für unser Exportbier kaufen zu dürfen, und wir werden dabei innerlich ein wenig lauter lachen. Wenn General-Motors die Kölner Fordwerke schließen will, werden wir erklären, daß die Produktionsmittel dem Volke gehören und hiermit in dessen Verfügungsgewalt übergehen, und dabei werden wir am lautesten lachen. Nie wieder werden wir uns auf das Prokrustesbett einer verordneten Ideologie legen lassen. Wir werden jeden Morgen aufstehen und uns dabei fragen, für welche Ideologie das Wetter günstig ist. Jeden Tag werden wir eine liebgewordene Denkgewohnheit über Bord werfen, wenn sie uns hindert, den Anforderungen einer geänderten Zeit zu genügen. Dabei werden wir uns nicht opportunistisch schimpfen lassen müssen; schließlich brauchen wir den ganzen ideologischen Müll nicht selbst zu glauben. Woran wir tief drinnen wirklich glauben: unsere tiefste Liebe, unser größter Schmerz: das geht keinen etwas an. Wir werden ganz einfach freie Herren unserer Entschlüsse sein.

Ideologien zu dienen ist etwas für normativistische Herdenmenschen, nicht für selbst Denkende und frei Entscheidende. Beide Menschentypen wird es immer geben, ja es steckt in jedem von uns etwas von dem einen und etwas von dem anderen. "Wer erinnert sich nicht," fragte Comte, "Theologe in seiner Kindheit, Metaphysiker in seiner Jugend und Physiker in seinem Mannesalter gewesen zu sein?"489 Der Begründer der Soziologie irrte aber, wenn er die ganze Menschheitsgeschichte als Abfolge einer theologischen, einer metaphysischen und einer positiv-wissenschaftlichen Epoche darstellte.490 Im postideologischen Zeitalter werden nämlich immer nur diejenigen leben, die anderen die Richtung vorgeben. Die Masse läßt anderswo denken und beschränkt sich auf dumpfes Glauben. Denkgewohnheiten aufzugeben erforderte schon immer mehr geistige Beweglichkeit als die Hände brav gefaltet zu lassen.

Vor allem aber ist die bewußt freie Entscheidung keine realistische Möglichkeit für Mehrheiten, weil sie den Primat der Willenskraft voraussetzt, die bei den meisten eher unten in der Skala ihrer Fähigkeiten und Bedürfnisse rangiert. Wer das Wagnis der geistigen Freiheit ohne tröstendes Netz transzendenter Hoffnungen eingeht, den umweht ein eher kalter Wind. Das mag nicht jeder, und so mancher Freigeist kroch im Alter an der Schwelle des Todes doch noch unter den segnenden Rockzipfel religiöser Trostspender und gesellte sich als braves Schäfchen zur Herde seines Bischofs. Andere ziehen das weltliche Zepter dem Krummstabe vor und fühlen sich erst im Kollektiv richtig frei und schwärmen dann: "Wahre Freiheit wird dem Menschen nur in der Aufhebung von Einmaligkeit und Begrenztheit des Einzelwesens." 491

Machiavelli wurde von Alters her von den Gläubigen aller Religionen und Ideologen als Erzteufel verschrien, weil er immer wieder betont hat, daß man Systeme benutzt und sich nicht benutzen lassen soll. Im Zusammenhang mit verschiedenen Staatsformen wie Monarchie oder Republik hat er mit Recht auf das Phänomen des Zeitgeistes hingewiesen. Je nach Beschaffenheit des Volkes und der Verhältnisse verspreche die eine oder eine andere Handlungsweise Erfolg. "Der aber wird weniger Fehler machen und mehr Glück haben, der [...] seine Handlungsweise mit den Zeitverhältnissen in Einklang bringt."492 Wer sich durch schlechte Wahl seiner Mittel in Gegensatz zu seiner Zeit stelle, werde meistens unglücklich, und seine Handlungen nehmen ein schlechtes Ende. Bisher sind noch alle Tyrannosaurier von Religionen und Ideologien mit ihren Gläubigen irgendwann ausgestorben.

Seien wir also flexibel! Jeder blinde Glaube an Heiliges oder Ewiges hindert uns daran, Ideologien als zeitbedingte Problemlösungsstrategien zu erkennen und zu benutzen. Jede ist in ihrer Art eine einzigartige und unwiederholbare Antwort auf eine konkrete historische Frage. "Leider ist es nur allzu natürlich, daß die Menschen auf den neuen Anruf mit der alten Antwort reagieren, weil diese sich für eine vorangegangene Epoche als richtig und erfolgreich erwiesen hat. Dies ist die Gefahr: Indem die Menschen historisch zu sein glauben und sich an das früher einmal Wahre halten, vergessen sie, daß eine geschichtliche Wahrheit nur einmal wahr ist." 493

Die Schlacht um unsere gegenwärtige und künftige geistige und physische Existenz müssen wir auf demjenigen Schlachtfeld schlagen, über dem heute der Zeitgeist schwebt. Wir sind nicht in der glücklichen Lage, aus unserer tiefsten Seele unsere Götter zu beschwören und ins Rennen zu schicken. Sie wären machtlos gegen den Geist einer technozentrischen, egomanischen und nützlichkeitsbesessenen Zeit. Die moderne Massengesellschaft erzeugte den ihr eigenen Menschentypus. Dieser schuf sich im libertären Liberalismus seine passende Philosophie, im Kapitalismus seine adäquate Wirtschaftsform und sucht im Weltstaat seine politische Form zu finden.

Damit sind die utilitaristischen Gesetzlichkeiten formuliert, die in unserer Epoche den Ton angeben. Wir können sie aber geistig mit ihren eigenen Waffen auf ihrem eigenen Felde schlagen. Immer wenn der Erzfeind eines Zeitgeistes mit dessen eigenen Waffen hantiert, ist das allerdings der letzte Beweis dafür, wie sehr dieser Zeitgeist sich bereits durchgesetzt hat. Der Katholik "de Maistre hat ein glänzendes Zeugnis dafür abgelegt, indem er unwillkürlich diese unvermeidliche Notwendigkeit in seiner Philosophie anerkannt und sich bemüht hat, die Wiederherstellung der päpstlichen Macht aus einfachen historischen und politischen Gründen herzuleiten, statt sie im Namen des göttlichen Rechts einzufordern, wie ein solcher Geist zu einer anderen Zeit es sicherlich getan hätte." 494 Als Royalist mußte er sich zu Erörterungen darüber herablassen, "ob es im Interesse des französischen Volkes liegt, einem vollziehenden Direktorium oder den beiden Kammern der Verfassung von 1795 untertan zu sein, anstatt einem König, der nach alten Formen regiert."495 So müssen auch wir uns äußerlich dem Geist der Eigennützigkeit unterwerfen und zollen der herrschenden Zeitmeinung unseren Tribut, indem wir ihr die Wahl der Waffen lassen. Doch sie wird gehen, und unsere Zeit wird kommen.

Anmerkungen

  1. 484 Kondylis, Nur Intellektuelle behaupten..., S.687.
  2. 485 "Ernst Jünger hat in seinem Buch [Eumeswil, 1977] und in später veröffentlichten Notaten, Briefen und Interviews keinen Zweifel daran gelassen, daß er den Anarchen nach dem Vorbild von Stirners "Eigner" entworfen hat - und sogar, daß er sich selbst weitgehend mit dieser Gestalt identifiziert." (Laska, Ein dauerhafter Dissident, S.92).
  3. 486 Sohn, Dandies, Anarchen, Partisanen, Criticón 1993,128.
  4. 487 Grundlegend: Henning Eichberg, Nationale Identität, Entfremdung und nationale Frage in der Industriegesellschaft, München 1978, jüngst: ders.: Das Volk ist der Weg, Über Herder, in: wir selbst , Zeitschrift für nationale Identität, 1/1995, S.37-44.
  5. 488 Kondylis, Der Niedergang...., S.273, 265.
  6. 489 Comte, Die Soziologie, 1. Kapitel, S.3.
  7. 490 Comtes Dreistadiengesetz; in: ders., Die Soziologie, 1. Kap., S.2.
  8. 491 E.J.Jung, Herrschaft, S.29.
  9. 492 Machiavelli, Discorsi, III.Buch, 9. Kap., S.314, desgl.8.Kap.S.312.
  10. 493 Carl Schmitt, Die geschichtliche Struktur des Gegensatzes von Ost und West (1955), in: ders., Staat, Großraum, Nomos, S.523 (544)
  11. 494 Comte, Die Soziologie, S.40.
  12. 495 De Maistre, Betrachtungen über Frankreich, S.43.