Aus: Klaus Kunze, Mut zur Freiheit (1998), S. 23–29

Die Gedanken sind frei

Determinismus und teleologisches Denken

Das logische Scheinhindernis, den freien Willen zu bejahen, hatte im Determinismus bestanden. Die Kausalität war eine der ganz großen geistigen Entdeckungen gewesen: Keine Wirkung, so belehrt uns empirische Beobachtung, geschieht ohne Grund. Dieser Grund muß selbst wieder einen Grund haben. So können wir die Kausalität bis in alle Ewigkeit zurückverfolgen. Die Logik läßt nämlich - anders als die Scholastik glaubte und Gott zu beweisen suchte - keine prima causa zu. Während der Blick zurück für alles einen Grund sucht, scheint in umgekehrter Blickrichtung alles von einem Grunde vorherbestimmt zu sein - auch der menschliche Wille! „Gibt es“ nämlich, erkannte schon Augustinus, „eine feste Ordnung der Ursachen, wodurch alles und jedes bewirkt wird, dann geschieht auch alles und jedes schicksalhaft. Ist das aber der Fall, so ist nichts in unserer Macht, und es gibt keine Willensfreiheit.“41 Dieser deterministischen Täuschung war auch Schopenhauer erlegen und hatte die Willensfreiheit verneint: Unter Voraussetzung der Willensfreiheit sei jede menschliche Handlung ein Wunder: eine Wirkung ohne Ursache nämlich. Niemand könne alles Beliebige wollen. Wollen könne er immer nur dasjenige, was gerade als stärkste Regung auf ihn einwirke. Er sei gleichermaßen kausal determiniert durch äußere Reize und charakterlich festgelegte innere Antriebe: „Ich vermag nicht, es zu wollen, weil die entgegenstehenden Motive viel zu viel Gewalt über mich haben, als daß ich es könnte.“42

Diese Meinung setzt schon voraus, daß alle Ereignisse Wirkungen sind uns nichts sonst: In der empirischen Realität folge „aus dem für Vorstellungen a priori sichern Gesetz der Kausalität“: Keine Wirkung ohne Ursache.43 Wer aber voraussetzt, daß alle Ereignisse Wirkungen sind, und daraus schließt, es gebe keine Freiheit, weil alles determiniert sei, schließt im Zirkel. Er „beweist“, was in seiner Voraussetzung schon enthalten war: Es liegt bereits im Wesen der Wirkung begründet, daß sie durch eine Ursache erzeugt wurde, so daß ihrem Eintreten keine Freiheit zugrunde gelegen haben kann. Ein Ereignis kann auch mehrere Ursachen haben kann: notwendige und hinreichende. Der menschliche Willensentschluß beruht zwar kausal notwendig auf gewissen Voraussetzungen - etwa daß ich körperlich existieren muß -, die seinen Inhalt aber nicht hinreichend determinieren. Schopenhauer wollte sich nicht vorstellen, daß es Ereignisse ohne Ursachen gibt: Ex nihilo nihil fit. Wahr daran ist, daß es keine Wirkung ohne Ursache gibt. Es gibt aber auch freies Spiel der Kräfte mit unvorhersehbaren Folgen: Ereignisse nämlich, die zwar bestimmte notwendige Bedingungen ihres Eintretens zu Ursachen haben, deren Eintritt durch diese notwendigen Bedingungen aber nicht hinreichend determiniert ist. Sie treten trotz der eingetretenen notwendigen Bedingung vielleicht ein, vielleicht auch nicht, vielleicht treten sie auch in einer anderen Art und Weise ein, deren genaue Umstände nicht determiniert sind: Zufall mag man das nennen oder auch Chaos. Wenn das Ereignis aber aus den eigenen Gesetzmäßigkeiten eines höheren Systems hervorgegangen ist, des geistigen nämlich, nennen wir es dessen Freiheit.

Innerhalb der menschlichen Gesamtpersönlichkeit steht der Verstand für das Ordnende, Determinierte: Die Vernunft unterliegt nämlich den determinierenden Denkgesetzen. Bei ihrer Anwendung muß das Ergebnis einer Verstandesoperation von vornherein feststehen. Wäre der Mensch reiner Verstand und nichts sonst, könnte er nicht frei sein. Das hatte schon Duns gegen Thomas vorgebracht: Wäre der Wille „der Vernunft untergeordnet, so wäre Freiheit unmöglich. Denn jede Vernunftseinsicht ist von ihrem Grunde wie von einer Ursache determiniert.“44 Nur der Wille ist das Freie im Menschen. Darum betont seit der Antike jeder Philosoph, der sich von einer Theologie oder Ideologie befreien wollte, den Willen und hielt ihn für das Wesen des Menschen. Für alle jene hingegen, deren Argumente jemanden in ein weltanschauliches System einbinden sollten, war immer klar: das Wesen des Menschen ist der Verstand. - Wir aber dürfen so frei sein, beides zu benutzen.

Unser freier Wille ist der Kern des Dezisionismus, und der Nachweis dieser Freiheit ist seine Lebensfrage. Nicolai Hartmann hat diesen Nachweis mit seiner Schichtenlehre und der Analyse des Finalnexus erbracht. Hartmann geht von verschiedenen Seinskategorien aus: dem Anorganischen, dem Organischen, dem Seelischen und dem geistigen Sein. Jeder Seinsstufe kommen spezifische Eigengesetzlichkeiten zu. Das kategoriale Gesetz der Wiederkehr besagt: Den Eigengesetzlichkeiten der jeweils niedrigeren Seinsstufe sind die höheren unterworfen, nie aber umgekehrt.45 Die „höhere Idee,“ hatte schon Schopenhauer vorweggenommen, „überwältigt“ die vorher dagewesenen, „jedoch so, daß sie das Wesen derselben auf eine untergeordnete Weise bestehen läßt, indem sie ein Analogon davon in sich aufnimmt.“46 Das geistige Leben unterliegt allen Gesetzmäßigkeiten des Anorganischen und des Organischen - ohne Chemie hätten wir schließlich keinen Körper, und ohne dessen Lebendigkeit könnten wir mit unserem Gehirn nicht denken - aber mit chemischen und biologischen Denkkategorien allein läßt sich geistiges Leben nicht erklären. Es gehorcht eigenen Gesetzen.

Hartmanns Kausalanalyse besagt nun, daß wir nur insoweit kausal determiniert sind, als wir den Naturgesetzen des Anorganischen und des Organischen unterliegen. Kein Mensch kann sich der Kausalität entziehen, die ihn stofflich geboren werden und biologisch leben läßt, mit allen notwendigen und unabänderlichen Konsequenzen. Nicht so unser geistiges Sein! Es ist nicht übertrieben zu sagen, daß das geistige Leben des Menschen eine neue Art von Leben sei.47 Seine Wesensmerkmale sind die Selbstreflexion unseres Denkens, das sich letzte Ziele setzen kann und uns final handeln läßt. Der freie Wille und seine Kraft sind von den Gesetzlichkeiten der niedrigeren Seinskategorien kausal abhängig, im übrigen aber akausal, weil sie eine Seinskategorie höherer Art verkörpern. Unser zielgerichtetes Handeln vermag Kausalfolgen niederer Seinskategorie in Gang zu setzen und das blinde Gesetz der bloßen Kausalität auszunutzen. Unsere Willensentschließung selbst ist der erste und einzige aufweisbare finale Akt in der realen Welt. Es ist unstatthaft, auf ihn die Kausalgesetze der niederen Seinsordnungen wie die des Anorganischen oder der Biologie anzuwenden. „Ein einfacher Kausaldeterminismus ist vollkommen neutral gegen das Einsetzen höherer Determination“48: nämlich durch den menschlichen Willensakt.

Es ist prinzipiell nicht kausal vorhersehbar, welchen konkreten Inhalt ein menschlicher Wille haben wird - auch wenn Herrn Schopenhauer „der Verstand stille steht“ bei der Vorstellung, hier das „absolut Zufällige“ am Werke zu sehen. Diese höhere Determination ist die vorausschauende, ziel- und zweckgerichtete Benutzung des bloß Kausalen durch ein Bewußtsein. Nur ein Bewußtsein kann sich ein vorher nicht existentes Geschehen vorstellen und sich zum Ziel setzen. Es kann eine Ursachenkette ersinnen, deren Sinn es sein soll, das gesetzte Ziel in der Wirklichkeit zu realisieren. Hartmann formulierte die evidente Einsicht: Nur ein Bewußtsein hat die erstaunliche Freiheit, das noch Unwirkliche beliebig weit voraus denken zu können. Final auf ein gesetztes Ziel hin zu handeln erfordert immer drei Akte: Das Bewußtsein setzt den Zweck, indem es den Zeitfluß überspringt und das Künftige vorausnimmt. Es wählt dann die notwendigen Mittel aus, dieses Ziel zu erreichen, indem es die Kausalfolge rückwärts von der Wirkung zu ihren möglichen Ursachen denkt. Schließlich wendet es diese Mittel an: Es erzeugt real eine kausale Ursachenfolge, wobei der Sinn der angewandten Mittel ist, das vorgestellte Ziel zu erreichen.49

Finales Handeln bedient sich also immer bewußt der Kausalität, die ansonsten blind ist. Bis zum Auftreten des Menschen hat es auf dieser Erde bloß kausales Handeln gegeben, aber kein finales. Die Saurier starben schließlich nicht aus, um den Säugetieren Platz und den Menschen möglich zu machen. In den Dingen selbst, in aller uns umgebenden anorganischen und organischen Natur, könnte ein verborgener Sinn nur stecken, wenn man ihn einem personalen Gott zuschreibt, der ihn final gestiftet und die blind ablaufende Kausalreihe durch einen Schöpfungsakt realisiert hat. Das ist die dezisionistische Gottesvorstellung Ockhams: Es gibt keinen Sinn ohne Sinnstifter. Es kann keine normative Seinsordnung geben ohne eine Ordnerperson. Wer allem Dasein einen verborgenen normativen Sinn zuschreibt, benötigt dazu einen sinnstiftenden Gott. An ihn kann man glauben oder nicht: Das ist zwar reine Spekulation, aber logisch unangreifbar. Der Dezisionismus ist mit dem Christenglauben vereinbar. Gäbe es allerdings solch einen Gott, der alle normativen Entscheidungen bereits dezisionistisch getroffen hat, dann hätten wir Menschen diese normative Freiheit nicht mehr: Es wäre schon alles für uns entschieden.

Unmöglich ist aber die Annahme, Kosmos und Mensch trügen eine werthafte, sinnvolle oder vernünftige Bestimmung in sich und seien darum einer normativen Ordnung unterworfen. Sinn kann es nie „an sich“, sondern nur „für jemanden“ geben.50 Diese Analyse des Finalnexus durch Hartmann verdeutlicht sofort den entscheidenden Unterschied der Denkstruktur bei Normativisten und Dezisionisten: Dieser ist sich seiner Zwecksetzungsmacht bewußt: Willentlich setzt er sich ex nihiloein Ziel. Er bewertet, stiftet einen Sinn und nimmt alle drei Akte des Finalnexus bewußt vor. Der Mensch allein kann final determinieren: Er mißt dem Sein seinen Sinn zu. Diesen gedanklichen Akt der Sinnbestimmung, der Determination, nennen wir Dezision, wenn er sich auf eine normative Ordnung richtet. Dezision ist Sinnstiftung: Sie allein erzeugt die Normen. Die menschliche Entscheidung allein normiert. Die Werte und ihr Sittengesetz stellen keine reale Macht dar: Sie bestimmen uns nicht vorher wie Naturgesetze.51 Wir finden im bloß Kausalen keine geistigen Normen vor, keine finalen Ziele. Diese müssen wir uns selbst schaffen.

Wer moralische Werte dagegen für reale Mächte außerhalb unseres Selbst hält und ihnen die Kraft beimißt, unser Leben zweckgerichtet zu bestimmen und uns einen Sinn vorzugeben, muß zwangsläufig dem Menschen jede Freiheit und Verantwortlichkeit absprechen. „»Die widerspruchslos hingenommene Vorstellung von einer von vornherein durchgehend final determinierten Welt schließt ja zwingend jegliche Freiheit des Menschen aus« und beschränkt ihn auf das Verhalten eines Schienenfahrzeuges, das sein Ziel zwangsläufig erreicht. Diese Vorstellung bedeutet die absolute Verneinung des Menschen als eines verantwortlichen Wesens.“52 Gegen die Vorstellung des Menschen, der einem Schienenfahrzeuge ähnlich aus einprogrammierten Gleisen nicht heraus kann, hat sich auch Eibl-Eibesfeldt immer wieder ausgesprochen. Er betont die Entlastungsfunktion des Angeborenen, die uns den Kopf für unser geistiges Leben freihält, und resümiert: „Erst über die Entlastungsfunktion eröffnen sich uns Freiheiten.“53 Es ist die Freiheit, uns selbst zu erkennen, zu definieren und uns damit selbst zum Maßstab unserer Wertentscheidungen zu machen.

Es wäre schrecklich zu denken, als Menschen in dieser Welt die Fähigkeit der Sinnstiftung zu besitzen und alles Dasein schon sinnerfüllt vorzufinden. Der Normendiener hingegen sieht sich niemals in der Entscheidungslage, einen normativen Sinn erst setzen zu müssen: Der ist schon da! Wie im Märchen vom Hasen und vom Igel ist für das teleologische Denken des Normativisten überall schon ein letzter Sinn da: ein τέλος, ein höchster Wert, eine nicht mehr hinterfragbare Norm, eine Seinsordnung oder irgendein anderes transzendentes Etwas. Von Hartmanns Dreischritt verzichtet er auf den entscheidenden ersten Akt: der Dezision. Mit seinem „Verzicht auf eigene, autonome Sinngebung vernichtet der Mensch sich selbst moralisch und gibt sich preis.“54 Dieser Verzicht ist Wesensmerkmal jedes Normativismus. Er versteht die Welt teleologisch von einer normativen Idee her. Dadurch gelangt er zu einer finalen Vorherbestimmung. Sein Determinismus stuft den Menschen zu einem dienenden Rädchen im Getriebe eines final schon festgelegten Weltlaufes herab.

Eine Variante teleologischen Denkens ist die Vorstellung einer Heterogonie der Zwecke. Sie liegt dem katholischen Glauben zugrunde, dem marxistischen und dem liberalen: Katholischer Meinung nach bedient sich Gott in seiner Weisheit des Bösen nur, weil er es im Rahmen der Harmonie seiner Schöpfung als Kontrapunkt braucht. Weil Gott nur Vollkommenes schaffen konnte, dient selbst böses Handeln wider Willen nicht dem Chaos, sondern in wunderbarer Weise der Ordnung. Kleine Bösewichter können den Glanz der Schöpfung daher nur erhöhen, nicht aber trüben. Der Marxismus vertritt eine säkularisierte Variante dieses Glaubens: Jede geschichtliche Handlung, selbst das schlimmste Ausbeutertum, treibt die innere Logik des objektiven Geschichtsprozesses voran. Weil dieser der klassenlosen Gesellschaft zustrebt, legten die kapitalistischen Freibeuter wider Willen den historischen Grund für die sozialistische Revolution.

Auch der Liberalismus kommt nicht ohne die Denkfigur der Heterogonie der Zwecke aus: Selbst wenn ein Diskutant noch so sehr irrt, führt doch die Quersumme der in die Debatte geworfenen Meinungen aller zur richtigen Erkenntnis. Die Diskussion stellt sich der Liberale nicht als ergebnisoffenen, blinden oder gar chaotischen Kausalprozeß vor. Vielmehr ist die Wahrheit schon im Diskurs selbst teleologisch angelegt. Wie von unsichtbarer Hand gelenkt, kommt sie bei Ausbalancierung aller Meinungen ans Licht. Auch das Gemeinwohl ergibt sich liberaler Idee nach ganz von selbst daraus, daß jeder einzelne seinem Eigennutzen freien Lauf läßt: Selbst wenn sich alle bewußt eigensüchtig verhalten, gedeihen die egoistischen Handlungen, wie von unsichtbarer Hand gelenkt, in ihrer Quersumme zum Besten des Ganzen. Weil der Liberalismus nämlich dem ökonomischen Bedürfnis derjenigen Menschen entsprungen war, die ihr Interesse mit der Abwesenheit staatlicher und geistiger An-ordnung verbanden, muß er sich zu der absurden Behauptung versteigen: Die normative Ordnung eines Gemeinwohls gehe aus dem bloß kausalen Fortwirken aller Kräfte von allein und selbst dann hervor, wenn diese Kräfte ihr Gegenteil bezwecken.

Anmerkungen

  1. 41 Aurelius Augustinus (354–430), De civitate Dei, V, 9.
  2. 42 Schopenhauer, Über die Freiheit..., Werke Bd. 7, S. 77 ff., 86 ff.
  3. 43 Schopenhauer, Die Welt als Wille, Werke Bd. 2, § 19, S. 146.
  4. 44 Duns, Opus Oxoniense, IV d. 49, qu. 4, qu. ex lat. n. 17, zit. nach Welzel, Naturrecht, S. 71.
  5. 45 Hartmann, Teleologisches Denken, S. 105.
  6. 46 Schopenhauer, Die Welt als Wille, Werke Bd. 2, § 27, S. 192.
  7. 47 Lorenz, Die Rückseite des Spiegels, S. 229.
  8. 48 Hartmann, Teleologisches Denken, S. 123.
  9. 49 Hartmann, Teleologisches Denken, S. 66, 69.
  10. 50 Hartmann, Teleologisches Denken, S. 111.
  11. 51 Hartmann, Metaphysik, S. 25; Teleologisches Denken, S. 114 f.
  12. 52 Lorenz, Der Abbau des Menschlichen, S. 22, Zitat in »..« nach Hartmann.
  13. 53 Eibl-Eibesfeldt, Der Mensch, das riskierte Wesen, S. 131.
  14. 54 Hartmann, Teleologisches Denken, S. 132.