Aus: Klaus Kunze, Mut zur Freiheit (1998), S. 72–75
Normsetzung als Machtanspruch
Der Prinzipienreiter
Jeder kennt Kleists Querulanten Michael Kohlhaas, der das Prinzip der Gerechtigkeit ad absurdum führte und auf das Rad geflochten wurde. Alle Prinzipienreiter möchten das Zusammenleben einem starren Prinzip unterwerfen und übersehen dabei, daß bloße Prinzipien ihrer Natur nach formal sind und keine Antworten auf konkrete Fragen geben können. Jede zwischenmenschliche konkrete Lage kann im Lichte unterschiedlicher Prinzipien betrachtet werden. Ein Prinzip ist der Inbegriff der Forderungen, die eine Lage an uns richtet, wenn wir sie allein unter einem isolierten Gesichtspunkt betrachten. Diese verschiedenen möglichen Perspektiven der Betrachtung entstammen dem Bedürfnis, die Wirklichkeit in Sachgebiete zu kategorisieren, um sie besser zu verstehen. Jedes autonome Sachgebiet formuliert aufgrund seiner eigenen Unterscheidungskriterien sein formales Prinzip.
So unterscheidet das Ökonomische zwischen Gewinn- und Verlustbringendem und stellt die Maxime auf, prinzipiell gewinnbringend zu handeln. Dagegen fordert das Moralische uns ab, gut zu handeln und nicht böse; das Ästhetische verwirft Häßliches und strebt nach dem Schönen; die Gerechtigkeit spricht jedem das Seine zu und erklärt für ungerecht, Gleiches ungleich zu behandeln; und die Kriterien des Politischen unterscheiden den Freund vom Feinde und errichten das Prinzip, sich gegen diesen selbst zu erhalten. 187 Keines dieser Prinzipien kann uns auch nur in einem einzigen Fall eine konkrete Antwort auf eine bestimmte Einzelfallfrage geben. So ist es eine typische Leerformel, wenn Thomas von Aquin als Grundgebot des Naturrechts bezeichnete: "Das Gute ist zu tun und ihm nachzufolgen, und das Böse ist zu meiden." Alle Prinzipien sind zunächst nichtssagend und inhaltsleer. Wer sich auf solche Leerformeln beruft, formuliert nur Phrasen. Niemand widerspricht ihm, weil jeder sie mit seinem eigenen Inhalt füllt.
Diesen Wertinhalt, nämlich zum Beispiel unser Gerechtes, bestimmen wir, indem wir das formale Gerechtigkeitsprinzip - Gleiches gleich zu behandeln - mit unserer ganz persönlichen Weltanschauung kombinieren: Kraft deren bestimmen wir, welche inhaltlichen Fragen beispielsweise für eine Gleich- oder Ungleichbehandlung ausschlaggebend sein sollen. 188 Ebenso gewinnt das moralische Prinzip, Gutes zu tun, erst konkreten Sinn, wenn wir näher bestimmte Tugenden auf unsere Lage anwenden. Es gibt kein Gutes an sich, nichts an sich Nützliches, keinen Feind an sich und nichts schlechthin Gerechtes. Aus Prinzipien wie "der Gerechtigkeit allein kann man... fertige Rechtssätze nicht ableiten," denn sie setzt einen externen Maßstab voraus. 189 Prinzipienreiter sehen das nicht ein, weil sie das formale Prinzip nicht von ihrem gewillkürten Inhalt unterscheiden können oder wollen. Selbstbewußt erklären sie ihr Gutes zum Guten an sich, ihren Feind zum Feind an sich und ihr Recht zum Recht an sich. Das letzte hat unter anderem die fatale Nebenfolge, daß abweichendes Recht nicht als anderes Recht erscheint, sondern als überhaupt kein Recht, als Unrecht schlechthin.
Im Alltag pflegen die verschiedenen Grundprinzipien gegeneinander zu streiten. Wir befinden uns in dauerndem Zielkonflikt zwischen dem, was uns nützlich erscheint, aber unmoralisch; was gerecht ist, aber unbarmherzig; oder böse, aber verlockend. Der Prinzipienreiter hat diesen täglichen Zielkonflikt ein für allemal gelöst: Es gibt ihn nicht mehr für den, der die Welt nur mit moralischen Augen betrachtet; für den Politiker, der alles in den Freund-Feind-Gegensatz preßt; für den Geldgierigen, der sich nur für das Nützliche interessiert; für den Linksideologen, der das Weltgeschehen auf die gegensätzlichen Prinzipien von Kapital und Arbeit reduzieren will oder für den reinen Ästheten. Ein und derselbe Vorfall kann aus Sicht verschiedener Prinzipien völlig verschieden betrachtet und gewertet werden. So empfand Ernst Jünger die Reichskristallnacht in erster Linie als unästhetisch. Wehrlose heimzusuchen galt ihm als häßlich. Es entbehrte der Form und des Stiles. Jünger zufolge treffen sich aber das Ästhetische und das Moralische auf einem sehr niedrigen Punkt190 in ihrer Zustimmung oder Ablehnung eines Phänomens.
Zu bedauern ist, wer vor lauter Moral nicht mehr im Stande ist, das Schöne vom Häßlichen zu unterscheiden, vor lauter Geldgier das Anständige nicht mehr vom Unanständigen unterscheiden will oder ein anderes Prinzip auf Kosten der übrigen zu Tode reitet. In gewissem Umfang aber muß jeder sich auf Präferenzen festlegen. Diese begründen prinzipielle Vorentscheidungen für geschlossene Weltbilder: Das nur Moralische liegt dem theologischen Weltbild zugrunde. Wer auf den Besitz seiner materiellen Güter Wert legt, ergänzt sein ökonomisches Weltbild mit einer Eigentumsmoral: So ist Liberalismus die Ökonomie plus eine bestimmte Moral. Diese besagt, daß niemand dem anderen etwas wegnehmen darf. Wer auch gerne Güter hätte, die sich aber leider in den Händen anderer befinden, versieht die Ökonomie dagegen mit einer inhaltlich anderen, der Gleichheitsmoral: Auch der Sozialismus ist Ökonomie plus Moral; sie besagt, daß alle gleich viel haben sollen. Auch andere politische Anschauungen lassen sich auf die spezifische Kombination einzelner Prinzipien zurückführen. Der Nationalsozialismus entstand auf Grundlage des Politischen, das man mit sozialdarwinistischen Sollensvorstellungen von einem Naturrecht des rassisch Höheren gegen Niedere füllte.
Anders der Faschismus: Das Ästhetische, nämlich die monumentale Form, die heroische Geste, ein bestimmter Stil machte sein innerstes Wesen aus 191 und verband sich mit dem Politischen. Auf eine kurze Formel gebracht besteht das Wesen des Menschen für den moralisierenden Theologen darin, Geist zu sein und einem moralischen Ideal zu dienen. Der säkularisierte Moralist verlegt dieses Ideal bloß in den Menschen hinein und behauptet, innerstes Wesen des Menschen sei die ihm immanente Moral; folglich ist der nicht Moralische ein Unmensch. Der militante Dezisionist widerspricht ihm nicht darin, daß der Mensch schlechthin ein innerstes Wesen habe, doch sei dies nicht die Moral, sondern sein Wille. Sie alle vertreten Teilwahrheiten, und aus biographischen Gründen neigen die extremen Vertreter jedes dieser Menschenbilder dazu, jeweils ihr persönlichstes innerstes Erleben als Maßstab für einen Menschen schlechthin zu machen, den es nicht gibt.
Anmerkungen
- 187 Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, S.26.
- 188 Chaim Perelman, Über die Gerechtigkeit, S.28, 43.
- 189 Gustav Radbruch, Der Zweck des Rechts, GRGA, Bd.3, S.39 (41).
- 190 Ernst Jünger, Interview, in: ZDF-Sendung von Böhm/Hochhuth am 28.3.1995.
- 191 Armin Mohler, Der faschistische Stil, in: Liberalenbeschimpfung, S.79 ff.
Glossar zu Mut zur Freiheit
Bibliographische Angaben zu den zitierten Werken: Literaturverzeichnis