Aus: Klaus Kunze, Mut zur Freiheit (1998), S. 41–48

Die Gedanken sind frei

Ordnung und Chaos

Während der Normativist an eine nicht hinterfragbare Ordnung glaubt, der Mensch und Kosmos unterworfen sind und die es allenfalls zu vollstrecken gilt, muß der Dezisionist erst die Vorfrage entscheiden, ob er sich und die Welt überhaupt einer Ordnung unterwerfen will. Wer Ordnung weder schaffen noch sich entschließen kann, sich irgend einer Ordnung zu unterwerfen, landet in der nackten Beliebigkeit der individuellen Willkür. Es gibt immer einzelne, die bewußt aus der Abwesenheit jedweder Ordnung ihren Vorteil zu ziehen suchen. Wenn wir der filmischen Selbstdarstellung Amerikas Glauben schenken dürfen, hatte sein "wilder Westen" bevorzugt jenen asozialen Typus des Glücksritters angelockt, der die Welt gerne in einen Hobbes 'schen Krieg aller gegen alle verwandeln möchte. Solche Menschen haben sich bewußt gegen jede Ordnung entschieden. Sie leben vom Chaos und fühlen sich wohl in ihm.

Diejenigen Dezisionisten dagegen, die sich für eine bestimmte Ordnung der menschlichen Verhältnisse entscheiden, treffen sich mit den Normativisten im Kampf für eine Ordnung gegen das Chaos. Dabei kann die konkrete Ordnung, für die der Normenbenutzer sich entschieden hat, dieselbe sein, an die der Normendiener glaubt. Nur handelt jener, mit Worten Mohlers, immer "im Namen des 'Ganzen', im Namen der universalen Ordnung" und dient ihr. Der Normenbenutzer dient niemandem. Auf der Grundlage des ontologischen Nominalismus hält er nur sich selbst und konkrete Menschengruppen für wirklich existierend. Alle idealen Ordnungen sind Ausgeburten der Vorstellungskraft.

Darum handelt er bescheiden im eigenen Namen, nicht aber im Namen von Göttern oder Fiktionen wie Seinsordnungen oder dem Menschen an sich. Ihn entmutigt es durchaus nicht, allein im Chaos zu stehen und geordnete, geformte Wirklichkeit immer wieder neu schaffen zu müssen. Gerade aus diesem ewigen Konflikt, der immerwährenden Aufgabe und Aufforderung zur schöpferischen Gestaltung, bezieht er seine Zuversicht. Es macht ihm ganz einfach Spaß, sich stets neu mit dem Verfall und mit entgegenstehenden Menschen und Mächten auseinanderzusetzen, wie das Kind am Meeresstrand nicht müde wird, kurz vor der Flut noch seine Sandburg zu bauen, gerade damit die Wellen an ihr knabbern können und obwohl es genau weiß, daß morgen nichts mehr von ihr zu sehen sein wird.

Der Normendiener hingegen braucht den Glauben an eine menschlichem Geist prinzipiell erkennbare vorgegebene Seinsordnung. Er wird, so münze ich Mohlers Worte über den Universalisten und den Nominalisten um, "niemals begreifen, weshalb der" Dezisionist "durch das Komplexe der Wirklichkeit keineswegs gelähmt wird. Im Gegenteil: daß er die Wirklichkeit als Chaos erfährt, reizt ihn, diesem Chaotischen etwas Gestaltetes gegenüberzustellen. Die Antwort auf das unendliche Chaos ist die übersichtliche, in sich geschlossene Form."82 Sie ist es, die vom Menschen bleibt. Indem wir das vorgefundene Chaos willkürlich formen und gestalten, verwirklichen wir uns als schöpferische Menschen. Der Dezisionist hält darum die Tätigkeit des Formens an sich und ihr Ergebnis: die ästhetische Form selbst, für wirklich; Moralvorstellungen dagegen für Einbildung. Seinem Leben eine gestaltete Form zu geben liegt ihm am Herzen; nicht das moralisierende Räsonnement. Wenn sowieso nichts anderes von uns bleibt und nichts über uns hinausweist, kann es nur noch darum gehen, wie wir leben und was wir schaffen und hinterlassen. -

Das Weltbild von normativistischen und von dezisionistischen Vertretern des Ordnungsdenkens beruht auf unterschiedlichen Denkstrukturen: Sie beantworten die Frage unterschiedlich, ob erst das Ei da war oder die Henne. Dem Verhältnis zwischen Ei und Henne entspricht hier das zwischen einer normativen Ordnung und ihrem Schöpfer. Für den Dezisionisten muß zum Legen normativer Eier immer eine dezisionistische Henne da sein, weil es eine Seinsordnung ohne Schöpfer ebensowenig geben kann wie ein Ei ohne Henne. Für den Normativisten dagegen ist klar, daß kein Schöpfer eine Ordnung schaffen kann, der nicht zuerst selbst aus einer unvordenklichen Seinsordnung hervorgegangen ist, geradeso wie auch die Legehenne zuvor aus einem Ei geschlüpft sein muß. Diese Frage, wer zuerst da war, läßt sich hinsichtlich des kosmologischen Urgrundes alles Seienden nicht mit Mitteln der Logik beantworten. Anders im Bereich menschlichen Zusammenlebens: Wir Menschen und unsere haarigen Vorfahren existieren nachgewiesenermaßen seit Zeiten, in denen diese gewiß noch keinerlei moralische Bedenken hatten.

So verschieden die Denkstile der Normativisten und der Dezisionisten ist, so verblüffend oft läuft ihr Denken aber auf dieselben Denkinhalte, also auf dieselbe konkrete Ordnung hinaus. Nur leiten sie die einen aus metaphysischen, also jenseitigen Annahmen her, die anderen aus diesseitigen, also physischen Voraussetzungen. Schon die Antike war sich dieser Gegenpositionen bewußt, wenn sie Nomos und Physis unterschied. νόμος kommt von νέμειν und ist stammverwandt mit Nahme und nehmen. Am Beginn aller Ordnung stand für die noch nomadischen Griechen das Nehmen von Weideland. Seine Aufteilung begründete die Ordnung. Nomos bezeichnete jetzt das Zugeteilte und Festgesetzte, die Anordnung und schlechthin die Ordnung. Für Normativisten ist ihre Ordnung etwas Heiliges. Schon altgriechische Aufklärer schieden dagegen den realen Kern von seiner idealen Hülle: "Nomos wird Gegensatz zu Physis, wird 'bloßes' Gelten, 'reine' Setzung, bloßer Befehl." 83 Nach Hippias seien wohl alle im bloßen Menschsein physisch gleich; unser Nomos sei aber jeweils verschieden. 84 Damit formulierte er eine dezisionistische Grundannahme.

Bis heute blieb es Merkmal aufklärerischen Denkens, das ideale und für alle Menschen verschiedene Geistige vom allgemeinmenschlichen realen Sein streng zu unterscheiden. Allen Menschen gemein sind bloß ihre Physiologie und untergeordnete Instinkte. Das Mittelalter aber überlieferte aus dem antiken Erbe vornehmlich die für die christliche Metaphysik grundlegende platonische Ideenlehre und mit ihr die spekulative Idee eines von den Gesetzen eines persönlichen Gottes erfüllten Kosmos. Diese Lehre trieb mit dem Naturrecht eine späte Blüte, das von einer allgemeinen, idealen Wertordnung ausgeht: In ihr verorten Moralisten bis heute ihre Vorurteile und Wünsche von einer angeblichen Natur des Menschen schlechthin. Jedermann soll sich ihr unterwerfen, sonst gilt er als Unmensch oder Extremist.

Das naturwissenschaftliche Weltbild

Seit der Renaissance gingen Wissenschaftler zunehmend ohne wertendes Vorverständnis empirisch vor. Ihnen wurde evident, daß das Universum einem in sich widerspruchsfreien Satz von Naturgesetzen unterworfen ist. So sah Galilei die Natur als ein vollkommen geordnetes Ganzes an: Sie handele mit Notwendigkeit und verletze nie ihre eigenen Gesetze.85 Damit hat er das Credo jedes naturwissenschaftlich Denkenden formuliert. Er betrachtet die Menschen als Teil des Natürlichen und den kausal wirkenden Naturgesetzen unterworfen.

Die Normativismen behaupten: Allem Sein liegt eine unvordenkliche, sinnvolle Ordnung zugrunde. Ihr seien wir unterworfen. Die moderne Naturwissenschaft dagegen lehrt: Am Anfang war das Chaos. Alles Stoffliche unterliegt nämlich dem Gesetz des Ordnungsverlustes, der Entropie: es tendiert immer zum Ungeordneten, Chaotischen. Ihm wohnt keine erkennbare Quelle sinnvoll ordnender Information inne. Im chaotischen nur Materiellen waltet keine heilige Ordnung. - Auf dieser Vorstellung baut der Dezisionismus auf: Nur ein personales Bewußtsein kann Sinn stiften und Ordnung schaffen. Als hochdifferenziertes Endprodukt der Evolution vermag das erst der Mensch.

Vor unseren Zeiten gab es nur blindes Walten natürlicher Kräfte. Dem Zerfall und der Auflösung entgegen wirkt nämlich das Gesetz der Kausalität: Aus dem kosmischen Urchaos bildeten sich planetarische Systeme, aus dem Urmeer Einzeller und aus haarigen Höhlenwilden zur Gemeinschaftsbildung fähige homines sapientes. Es entstanden also immer differenziertere Strukturen, die mehr auf ihre Umwelt bezogene Informationen enthielten als die ihnen vorangegangenen. Sie verkörperten damit jeweils die "intelligentere", geordnetere Seinsform. "Leben frißt negative Entropie.... Alle lebenden Systeme sind so beschaffen, daß sie Energie an sich zu reißen und zu speichern vermögen." 86 Sie sind so konstruiert, daß sie "in aktiver Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt eine positive Energiebilanz erwirtschaften." 87 Wir sind die jüngsten Abkömmlinge, die Spitze dieser Pyramide, und verkörpern so ein Höchstmaß an Ordnung. Wer Ordnung als Prinzip vertritt, verwirklicht damit sich selbst: ein Seinsprinzip nämlich, das offenkundig - aufgrund von Naturgesetzen - in uns ist.

Die Fragen, ob ein Ordnungsprinzip die Welt im Innersten zusammenhält und woher diese Ordnung etwa kommt, sind nur spekulativ zu beantworten. Schon als Frageformulierungen entstammen sie unserem Erfahrungshorizont und setzen bereits menschliche Denkmaßstäbe voraus. Denen muß das kosmische Geschehen aber durchaus nicht unterliegen. Letzte Sinnfragen stellen sich allenfalls hinter der Ordnung in sich widerspruchsfreier Naturgesetze, die sich in uns verkörpert, aber nicht in ihr. "Unsere Bestimmung war nicht ausgemacht," faßt Monod die philosophische Quintessenz des naturwissenschaftlichen Weltbildes zusammen, "bevor nicht die menschliche Art hervortrat, die als einzige in der belebten Natur ein logisches System symbolischer Verständigung benützt." Dieses "einmalige Ereignis" solle uns vor jeglichem Anthropozentrismus warnen. Der alte Bund zwischen Mensch und mythisierenden Ontologien sei zerbrochen. "Der Mensch weiß endlich, daß er in der teilnahmslosen Unermeßlichkeit des Universums allein ist, aus dem er zufällig heraustrat. Nicht nur sein Los, auch seine Pflicht steht nirgendwo geschrieben."88

Diese Auffassung ist strikt naturwissenschaftlich und darum antimetaphysisch, anti-teleologisch und anti-normativistisch. Damit formuliert sie Denkvoraussetzungen des Dezisionismus. Sie setzt ihren Ehrgeiz nicht in Spekulationen über letzte Sinnfragen, sondern macht die erkennbare Ordnung des Kosmos zum Gegenstand wissenschaftlicher Beobachtung und Erforschung. Gäbe es Götter, würde sie diese zählen, messen oder wiegen wollen. Zu Göttern zu beten, die nie antworten, kommt ihr nicht in den Sinn. Der Nachweis eines Schöpfergottes würde mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Das naturwissenschaftliche Weltbild, so nimmt Monod die zentralen Aussagen des Dezisionismus vorweg, zerstört alle sinnvoll-werthaften Ontogenien, auf denen die normativistische (Monod formuliert "animistische") Tradition beruhen soll: die Werte, die Moral, die Pflichten, Rechte und Verbote. Wenn der Mensch "diese Botschaft in ihrer vollen Bedeutung aufnimmt," muß er "endlich aus seinem tausendjährigen Traum erwachen und seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, daß er einen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen."89 Wer sich dadurch nicht entmutigen läßt, sondern gerade darin seine Freiheit zur Sinngebung sieht, ist Dezisionist.

Die erkennbare Welt gehorcht dem Gesetz des bloß Kausalen. Nicolai Hartmann hat - Kant90 folgend - auf die häufige Verwechselung des bloß Zweckmäßigen mit dem Zwecktätigen hingewiesen. Weil wir Menschen Zwecke setzen und Dinge als Mittel benutzen, meinen wir überall im Zweckmäßigen das Ergebnis einer Zwecktätigkeit zu sehen. Das Zweckmäßige kann aber allein durch blindes Walten der Kausalität entstehen: So war das Organische aus dem Anorganischen entstanden, und so verlief die ganze biologische Evolution. Daß es eine Zweckmäßigkeit ohne Zwecktätigkeit gibt, "ist eine ganz einfache, in sich evidente Einsicht."91

Hartmann sieht keinen Grund, warum bei der unübersehbaren Mannigfaltigkeit dessen, was zufällig zustandekommt, nicht dann und wann auch etwas Zwecktaugliches entstehen sollte. Das folge einfach aus den Gesetzen der Statistik. Einmal entstanden hebt sich aber das Zweckmäßige dadurch vom Unzweckmäßigen ab, daß es längeren Bestand hat. Die Zweckmäßigkeit eines Gebildes in sich selbst, etwa seiner Teile füreinander, bedeutet eben, daß es Bestand hat, Gleichgewicht und Stabilität.92 Die moderne Molekularbiologie und Biochemie führen die Entstehung des Lebens und seine Evolution auf drei Naturgesetze zurück, durch welche Hartmanns philosophische Erwägungen bestätigt werden. Sie bilden in ihrem Zusammenwirken "das kategoriale Novum der organischen Determination".93 Sie beruht auf der autonomen Morphogenese, der reproduktiven Invarianz und der Teleonomie. Die erste: der spontane Aufbau komplexerer Strukturen mit höherem Informationsgehalt, findet sich auch bei Kristallen und ist eher ein Mechanismus als eine speziell biologische Fähigkeit. Das Gesetz der Invarianz besagt für Organismen, daß jede Generation ihren genetischen Code unverändert an die folgende weitergibt.94 Teleonomie ist die von Hartmann erkannte Zweckmäßigkeit, diese Stabilität des Genoms zu erhalten. Monod definiert Teleonomie als die Übertragung des für die Art charakteristischen Invarianzgehalts von einer Generation auf die nächste.95 Damit meint er, daß bei der Reproduktion der Generationen die arterhaltenden Eigenschaften durch erfolgreiche Fortpflanzung belohnt werden.

Teleonomie als biologischer Terminus ist damit eine rein kausale Kategorie. Sie folgt nämlich der strengen Notwendigkeit kausal determinierender Prozesse: Die Selektionstheorie sieht die Invarianz genetischer Eigenschaften als ursprünglich an. Teleonomie ist hingegen eine sekundäre Eigenschaft.96 Aufgrund der Invarianz können Arten über Jahrmillionen genetisch völlig stabil bleiben. Die invariante Reproduktion weist allerdings Ausrutscher aus: die gelegentlichen Mutationen. Wann sie auftreten, unterliegt dem Zufall, ist aber statistisch quantifizierbar. Solche Zufälle werden durch den Invarianzmechanismus "eingefangen, konserviert und reproduziert," sofern sie teleonom sind. Nicht der Arterhaltung zwecktaugliche Mutationen pflanzen sich nicht fort. So verwandelt die Invarianz den Zufall mit Monods Worten "in Ordnung, Regel, Notwendigkeit", und er resümiert: "Aus einem völlig blinden Spiel kann sich per definitionem alles ergeben, auch das Sehen." Wir erkennen also hinter der biologischen Terminologie Monods sehr deutlich, daß die autonome Morphogenese, die Invarianz und die Teleonomie rein kausale Wirkkräfte sind. Ohne sich der philosophischen Begrifflichkeit von Kausalität und Finalität zu bedienen, betont der Biologe, daß Zufall und Notwendigkeit "objektive" Gegebenheiten und keinesfalls "projektiv geplante" Abläufe sind. Was am Menschen biologisch geworden ist, ist höchst zweckmäßig im Sinne Hartmanns, aber nicht Ergebnis einer zwecktätigen Handlung. Während die Teleonomie als biologischer Begriff beinhaltet, daß die ihr unterworfenen Evolutionsprozesse rein kausal ablaufen, behaupten verschiedene Teleologien, die Evolution sei ein finaler Schöpfungsprozeß. Dieses teleologische Denken verwirft Monod als unwissenschaftlich. Es lasse sich mit dem Objektivitätspostulat der Naturwissenschaft nicht vereinbaren.

Monod zufolge wird jedes "Gesamtsystem schon durch unzählige Steuerungsmechanismen zusammengehalten." Nur solche Mutationen bleiben erhalten, "die den teleonomen" - auf seine Selbsterhaltung gerichteten - "Apparat in seiner schon eingeschlagenen Orientierung zumindest nicht schwächen, sondern vielmehr stärken oder gar - was sicher viel seltener vorkommt - mit neuen Möglichkeiten bereichern."97 Das Aufeinanderwirken der Teile zu einem stabilen Ganzen nennt auch Konrad Lorenz eine Systemeigenschaft. Seit Jahrmilliarden erzeugte der blinde, bloß kausale Zufall unzählige Kombinationen einzelner Elemente zueinander. Immer wenn zuvor voneinander unabhängige Systeme zusammengeschaltet werden, kommt es zu einer "Fulguration": Es entstehen völlig neue Systemeigenschaften, ein neues Ganzes, das vorher selbst in Andeutungen noch nicht da war.98 -

Das physikalische Denken des 20. Jahrhunderts geht von einer vierdimensionalen Raum-Zeit-Vorstellung aus. Begriffe wie Raum, Zeit und Ereignis sind nach Einstein "freie Schöpfungen der menschlichen Intelligenz, Werkzeuge des Denkens, die dazu dienen sollen, die Erlebnisse in Zusammenhang zu bringen und sie dadurch besser überschauen zu können." Heute versteht die Physik Materialismus in einem sehr umfassenden Sinn, der energetische Vorgänge mit einbezieht und sich nur vom Spiritualismus abgrenzt; er kennt nämlich keine "Geister". Materie ist nur eine andere Erscheinungsformen der Energie. Diese "Dynamisierung des Materiebegriffes... bedeutete buchstäblich den Gnadenschuß auf den Substanzbegriff" 99 und entzog der Vorstellung die Grundlage, moralische oder andere Ideen als etwas substanzielles anzusehen.

Schon Einstein forderte mit Recht, "die Grundbegriffe naturwissenschaftlichen Denkens aus den platonischen olympischen Gefilden herunterzuholen und zu versuchen, deren irdische Herkunft aufzudecken." Für solches "physikalisches wie überhaupt naturwissenschaftliches Denken ist es charakteristisch, daß es im Prinzip mit den 'raumartigen' Begriffen allein auszukommen trachtet und mit ihnen alle gesetzlichen Beziehungen auszudrücken strebt. Der Physiker sucht Farben und Töne auf Schwingungen zu reduzieren, der Physiologe Denken und Schmerz auf nervöse Prozesse, derart, daß das Psychische als solches aus dem Kausal-Nexus des Seienden eliminiert wird."100 Die Wissenschaft braucht kein Jenseits, um das Diesseits zu erklären. Sie hat das alte philosophische Leib-Seele-Problem gelöst: Sie wies die materielle Bedingtheit mentaler Phänomene nach und "reduzierte die kognitiven Phänomene auf ihr neuronales Substrat", weshalb nach Wolf Singer, Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt, alles darauf hindeutet, "daß die Hirnforschung auf dem Weg ist, ihren reduktionistischen Ansatz auf alle relevanten Ebenen lückenlos auszudehnen. Sie wird die Phänomene neuronaler Kommunikation auf ihre molekularen und zellulären Grundlagen zurückführen und ist dabei, Verhaltensphänomene, einschließlich psychischer und mentaler Funktionen, durch neuronale Kommunikationsprozesse zu erklären."101

Die Philosophie hat zur Kenntnis nehmen müssen, daß sich die Sonne nicht um die Erde dreht und daß alle metaphysischen Spekulationen auf Grundlage des geozentrischen Weltbildes keinen Realitätsgehalt haben. Bis der letzte Scholastiker das wußte, vergingen freilich Jahrhunderte. Vielleicht geht es heute ein wenig schneller, bis sich unter Metaphysikern herumgesprochen haben wird, daß es keinerlei naturwissenschaftlichen Anlaß gibt, von Geistern oder Seelen zu spekulieren und Weltdeutungen auf solche Spekulationen zu gründen.

Anmerkungen

  1. 82 Mohler, Die nominalistische Wende, hier S.194, oben S.201.
  2. 83 Carl Schmitt, Nomos - Nahme - Name (1959), in: ders., Staat, Großraum, Nomos, S.573 (578).
  3. 84 Kondylis, Nur Intellektuelle behaupten..., S.687; Welzel, Naturrecht, S.15 f.
  4. 85 Galileo Galilei, Opere, VII, 43 und Brief vom 21.12.1613, zit nach Kondylis, Metaphysikkritik, S.177.
  5. 86 Lorenz, Die Rückseite des Spiegels, S.33.
  6. 87 Eibl-Eibesfeldt, Der Mensch, das riskierte Wesen, S.16 nach H. Hass, Das Energon, 1970.
  7. 88 Monod, Zufall und Notwendigkeit, S.157.
  8. 89 Monod, Zufall und Notwendigkeit, S.151.
  9. 90 Kant, Kritik der Urteilskraft, § 84, S.385.
  10. 91 Hartmann, Ethik, S.202.
  11. 92 Hartmann, Teleologisches Denken, S.95.
  12. 93 Hartmann, Ethik, S.679.
  13. 94 Monod, Zufall und Notwendigkeit, S.33, 29 f.
  14. 95 Monod, Zufall und Notwendigkeit, S.31.
  15. 96 Alle Zitate dieses Absatzes: Monod, Zufall und Notwendigkeit, S.38,94 f.,23,36 ff.
  16. 97 Monod, Zufall und Notwendigkeit, S.111.
  17. 98 Lorenz, Die Rückseite des Spiegels, S.47 ff.
  18. 99 Kondylis, Der Niedergang..., S.160.
  19. 100 Einstein, Relativitätstheorie, S.89 f.
  20. 101 Wolf Singer, Auf dem Weg nach innen, Ein kognitives System versucht sich selbst zu ergründen; 50 Jahre Hirnforschung in der Marx-Planck-Gesellschaft, Festrede in Göttingen am 26.2.1998 zum 50jährigen Bestehen, FAZ 27.2.1998.