Aus: Klaus Kunze, Mut zur Freiheit (1998), S. 108–111
Die Metaphysik der Balance
Ordnung aus dem Nichts
Heute umgibt den Liberalismusbegriff ein von Kuehnelt-Leddihn so bezeichnetes "semantisches Chaos sondergleichen." Ganz unterschiedliche historische Strömungen haben liberales Gedankengut aufgenommen und verstellen den Blick auf den gedanklichen Kern der liberalen Metaphysik: "der Präliberalismus eines Adam Smith, noch bevor das Wort im politischen Sinne aufgetaucht war; der Frühliberalismus, der katholisch und aristokratisch war (Tocqueville, Montalembert, Acton); der wirtschaftlich stark interessierte Altliberalismus (Cobden, Mill, Mises, Hayek), der einem politischen Relativismus zuneigte und manchmal auch deistische Züge aufwies; der Neuliberalismus (Röpke, Rüstow, Briefs, Villey), der sich sehr wohl des Frühliberalismus erinnerte und sich besonders im deutschen Raum entfaltete, wo er auch für das Wirtschaftswunder primär verantwortlich war und schließlich ein Pseudoliberalismus, der amerikanische Wurzeln besitzt und zunehmend auch in Europa sein Unwesen treibt."271 Als "Pseudo-" bezeichnet Kuehnelt-Leddihn, was sich heute in den USA unter "liberal" tummelt, weil er als aristokratischer Frühliberaler mit den scheußlichen Linksliberalen noch nicht einmal den Sammelnamen gemein haben möchte.
Gerade im Zeitalter des bürgerlichen Liberalismus waren viele unter anderem auch ein bißchen liberal, oder sie waren liberal, aber nur auf einem isolierten Gebiet wie dem der Ökonomie. Hier gilt es den Kern der Gemeinsamkeiten zu erkennen, der den philosophischen Liberalismus eigentlich ausmacht. Nur diesen idealtypischen, zu Ende gedachten Liberalismus meinen wir. In den liberalen Ideenkreis gehören alle Anschauungen, die allein aus prozeduralen Formprinzipien so etwas wie Wahrheit, Gemeinwohl oder Gerechtigkeit schöpfen möchten. Die liberale Orthodoxie läßt nach Donosos Bonmot die Gesellschaften sich selbst regieren durch Vernunft, die auf eine allgemeine Weise den Finanzstarken anvertraut ist und auf eine besondere Weise den Intellektuellen, welche diese unterrichten und leiten. Diese verkünden kraft des Dogmas von der Balance, daß die Wahrheit aus dem ewigen Gespräch und daß die politische Ordnung aus dem Chaos der gesellschaftlichen Kräfte ex nihilo hervorgeht, so wie die ungezügelten Einzelinteressen das Gemeinwohl erzeugen. Einer dieser Intellektuellen ist der Amerikaner Murray Rothbard gewesen. Sein Libertarianism "strebt die Maximierung der individuellen Freiheit an und gliedert sich grob in Miniarchismus (laissez-faire-liberaler Minimalstaat) und Anarchokapitalismus", also "die Übernahme aller Staatsfunktionen wie Polizei, Gerichtshöfe etc. durch Anbieter auf dem freien Markt."272 Damit zeigt er idealtypisch die Tendenz liberaler Prämissen auf, und wohin diese führen, wenn man sie konsequent durchhält und absolut setzt.
Den weltanschaulichen Kern dieses Liberalismus bildet der Glaube, aus der freien Aktivität aller Kräfte und Gegenkräfte entstehe von selbst im allgemeinen jede Art von Harmonie, in der Diskussion die vollkommene Wahrheit und im Gesellschaftlichen das Gemeinwohl. 273 Kondylis hat diese Denkstruktur aus dem polemischen Bedürfnis des Bürgertums des 18. Jahrhunderts auf Teilhabe an der Macht abgeleitet: Es fand eine ständisch gegliederte Gesellschaft vor. Sein sozialer Erfolg stieg mit der ideologischen Durchsetzung einer Denkfigur, die ihm einen aussichtsreichen gesellschaftlichen Platz sichern mußte. Die mittelalterliche und frühneuzeitliche Adelsgesellschaft hatte noch auf einer Hierarchie beruht, in der das Bürgertum nur einen machtlosen Zuschauerplatz hatte. Dagegen richtete sich polemisch sein neues Weltbild: In ihm bestanden zwar die Standesunterschiede substanziell weiter. Sie verfestigten sich aber nicht, sondern "gestalteten sich im Rahmen einer Konkurrenz, die ihrerseits nicht in dem Kampf aller gegen alle, sondern in ein dynamisches Gleichgewicht" münden sollten, in der das Bürgertum seinen festen Platz hatte. Die "synthetisch-harmonisierende" Denkfigur ist "grundsätzlich bestrebt, das Weltbild aus einer Vielfalt von unterschiedlichen Dingen und Kräften zu konstruieren, die zwar isoliert betrachtet sich im Gegensatz zueinander befinden (können), doch in ihrer Gesamtheit ein harmonisches und gesetzmäßiges Ganzes bilden, innerhalb dessen Friktionen oder Konflikte im Sinne übergeordneter vernünftiger Zwecke ausgehoben werden. Dieser Glaube gründet sich auf die teleologische Vorstellung einer Heterogonie der Zwecke. Wir haben sie bereits als unentbehrliches Requisit von Normativismen kennengelernt. Hier besagt er, "eine unsichtbare Hand verwandle das Chaos der an sich eigennützigen oder kurzsichtigen Handlungen der Einzelnen in ein harmonisches Gleichgewicht."274
Der Liberalismus ist ein umfassendes und konsequentes metaphysisches System. 275 Aus ihm folgt, daß aus dem "freien Kampf der Meinungen die Wahrheit entsteht als die aus dem Wettbewerb sich von selbst ergebende Harmonie." Es darf kein einziger Meinungsbeitrag fehlen, sonst ist die Erkenntnis der Wahrheit in Gefahr. Der Wesensgrundsatz liberaler Ordnung besteht darin, schrieb Mercier de la Rivière 1767 ganz in diesem Sinne, "daß der Vorteil des einzelnen niemals vom Vorteil aller getrennt werden kann, und dies ergibt sich unter der Herrschaft der Freiheit. Die Welt läuft dann von selbst."
Die Diskurstheorie behauptet als moderne Variante dieses liberalen Balanceglaubens, daß die Wahrheit aus dem freien Kampf der Meinungen, selbst der dümmsten, und daß die politische Ordnung aus dem Chaos der gesellschaftlichen Kräfte ex nihilo hervorgeht. Ein Wunder ist das nur für Ungläubige. Wer aber meint, daß aus jedem chaotischen Durcheinander und Gegeneinander eine normative Ordnung von allein entsteht, wenn man das Durcheinander bloß kausal frei walten läßt, wer also an eine ordnende Teleologie glaubt, an ein werthaftes Prinzip, das aus einem Nichts heraus ganz von allein unser Diesseits sortiert: dem klingt das vernünftig.
Ob jemand daran glaubt, bei gehörigem Beten schwebe unsichtbar der heilige Geist durch die Decke und beehre uns mit seiner Anwesenheit, oder ob ein anderer glaubt, bei der Diskussion stelle sich die Wahrheit von selbst ein, erfordert quantitativ ein gleiches Maß an Glaubensstärke. Und ob einer glaubt, Gott habe die Welt ex nihilo geschaffen, oder ob ein anderer glaubt, das freie Kräftespiel erzeuge ex nihilo eine werthafte Ordnung: Das Prinzip Glauben ist dasselbe, ob man an ein substanzhaftes Jenseits glaubt oder an die "geheimnisvolle Urzeugung des Stoffs aus der Form." 276 Niemand kann sich aber durch einen Akt reinen Denkens einen Wert schaffen, der außer in seinem Kopf auch draußen wirklich vorhanden wäre. Es können darum auch nicht Viele durch gemeinsames Denken und Übereinkunft eine moralische Idee zu einem realen Ding machen.
Kant hatte sich dasselbe sogar allein zugetraut: Durch monologisches Nachdenken im stillen Studierstübchen wollte er wie mit einem ins Transzendente gerichteten Fernrohr die Tugend am Ideenhimmel erkennen. Er überschätzte menschliche Fähigkeiten ebenso maßlos, wie derjenige, der durch gemeinsames Nachdenken und schließlichen Konsens einen Wert schaffen möchte. Genau diese alchimistische Idee aber hatte Kant: Durch ein richtig angewandtes formales Verfahren lasse sich die Vorstellung von etwas substanzhaft Wahrem gewinnen. Richtig angewendete Verfahrensprinzipien schafften dasselbe, glauben die prozeduralen Gerechtigkeitstheorien. Kant meinte die Existenz allgemeingültiger Tugenden, ein substanzielles ethisches Was, allein aus dem prozeduralen Wie entwickeln zu können. 277 Das Wie lautete in seiner 'Kritik der praktischen Vernunft': Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung dienen könnte." Am Anfang allen ethischen Nachdenkens steht danach nicht ein "inhaltliches moralisches Prinzip, sondern ein Verfahren:" 278 Wie Athene dem Haupte des Zeus, so entspringt Kants Moral ex nihilo dem Prozeß des reinen Nachdenkens. Die Diskurstheorie brauchte daran nur anzuknüpfen und an Stelle des einsam seinen kategorischen Imperativ ausbrütenden Individuums eine fiktive Konsensfindungsgenossenschaft zu setzen.
Ohne mitgebrachte metaphysische Vorverständnisse sind die konkreten Inhalte aller kategorischen Imperative und die Resultate aller Diskurse aber inhaltlich beliebig. Kants Grundprämisse besteht schon darin, daß es da überhaupt ein substanzhaftes, transzendentes Was gebe: Eine Moral, die durch voraussetzungsloses Denken bloß erkannt und nicht erst geschaffen werden muß. Überdies durchschaute bereits Schopenhauer, daß Kants "kategorischer" Imperativ tatsächlich nur ein hypothetischer ist, weil er eine inhaltlichen Voraussetzung mitbringt: Jeder solle zur Richtschnur seines Handelns machen, was zum allgemeinen Gesetz für alle vernünftigen Wesen gemacht werden könnte, hat nämlich einen egoistischen Zweck: Ich denke mir diejenige Regel aus, bei der ich in möglichst vielen Fällen am besten dastehe. Daß vorsichtshalber niemand einem anderen ein Leid antun soll, sagt mir darum meine Vernunft, nachdem ich von den beiden Voraussetzungen ausgegangen bin: Ich benötige eine möglichst allgemeingültige Regel zur Wahrung meines Eigennutzes, und ich könnte einmal der Schwächere sein. "Hebe ich aber diese Voraussetzungen auf und denke mich, etwan im Vertrauen auf meine überlegenen Geistes- und Leibeskräfte, stets nur als den aktiven und nie als den passiven Teil ... , so kann ich, vorausgesetzt daß es kein anderes Fundament der Moral als das Kantische gebe, sehr Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit als allgemeine Maxime wollen und demnach die Welt regeln." 279
Anmerkungen
- 271 Kuehnelt-Leddihn, Liberalismus auf amerikanische Art, Criticón 1991,105 f..
- 272 Winterberger, Einer der Väter des modernen Libertarismus, Criticón 1995,21.
- 273 Carl Schmitt, Die geistesgeschichtliche Lage, S.45 ff.
- 274 Zitate in diesem Absatz: Kondylis, Der Untergang, S.15 f., 34.
- 275 Carl Schmitt, Die geistesgeschichtliche Lage, S.45 ff.
- 276 Kaufmann, Grundprobleme der Rechtsphilosophie, S.214.
- 277 Kaufmann, Grundprobleme ..., S.158, 207, 225; Welzel, Naturrecht .., S.169.
- 278 Ellscheid, Das Naturrechtsproblem, S.177.
- 279 Schopenhauer, Über das Fundament der Moral, Werke Bd.7, § 7, S.183 ff..
Glossar zu Mut zur Freiheit
Bibliographische Angaben zu den zitierten Werken: Literaturverzeichnis