Aus: Klaus Kunze, Mut zur Freiheit (1998), S. 111–122

Die Metaphysik der Balance

Wem nützt Liberalismus?

Das umfassende metaphysische Rechtfertigungssystem der in den westlichen Ländern herrschenden Personen und Gruppen ist der Liberalismus. 280 Sein Regierungssystem ist der Parlamentarismus, der uns in Deutschland heute als Parteienstaat vor Augen steht. Beide, das Phänomen Parlamentarismus und seine liberale Herrschaftsideologie, dienen letztlich der Aufrechterhaltung eines bestimmten Status quo, in dem sich faktische Machtpositionen normativ ausprägen 281 und stabilisieren. Es ist die Macht derer, die ihren ökonomischen Vorteil aus einer Wirtschaftsverfassung ziehen, 282 in der ein freies Spiel der Kräfte weitestmöglich ist. Für sie hat sich die Bezeichnung Kapitalismus eingebürgert. Ihre Gesetzmäßigkeiten führen innerstaatlich und international zu analogen Wirkungen: Freie Geldwirtschaft begünstigt den ökonomisch Starken dadurch entscheidend, daß er alle anderen als ökonomische Kräfte wirksam aus dem Kreis der allgemein akzeptierten Spielregeln ausschließt. Der ökonomisch Schwache soll sich nicht mehr mit anderen als ökonomischen Mitteln wehren dürfen: vor allem nicht mit Gewalt.

Eine ideologische Fiktion dient dazu, ihm diesen Verzicht schmackhaft zu machen: Die Utopie der angeblichen government by discussion, der Regierung der aus der Diskussion geborenen Vernunft selbst. Diese war schon in der Frühzeit des Liberalismus bloße Idee, die "so zwar der Ideologie des liberalen Honoratiorenregimes, nicht jedoch dessen Praxis historisch entsprach. Denn auch zu einer Zeit, als der Parlamentarismus noch ... auf weitreichend homogener, sozial privilegierter Basis beruhte, ging es um handfeste Eigeninteressen, war »government by discussion« die Ideologie, »government by corruption« jedoch sehr häufig die Wirklichkeit." 283 Um ihre finanzielle Überlegenheit voll ausspielen zu können, mußten theoretisch alle entgegenstehenden Wertvorstellungen ausgeschaltet und nur die harmlose Diskussion übrig gelassen werden.

Zur Disposition mußten konsequenterweise also alle diejenigen eigentlichen Wertinhalte gestellt werden, die sich nicht im formellen freien Kräftespiel von selbst einstellen. Doch welche Ideen schützen den Liberalismus noch vor seiner eigenen Abschaffung, wenn sich zum Beispiel der Respekt vor dem Privateigentum des anderen eines Tages einmal nicht aus der freien Diskussion ergibt? Ratlos seufzt Habermas: "In modernen Wirtschaftsgesellschaften spitzt sich dieses allgemeine Problem in besonderer Weise zu auf die normative Einbindung der aus traditioneller Sittlichkeit entlassenen strategischen Interaktionen."284 Offiziell erklärt sich der Liberalismus für unzuständig, eine geistige und moralische Ordnung herzustellen. 285 Das Problem ist auf alleiniger Grundlage der liberalen Vorstellung einer Ordnung nicht zu lösen, die sich angeblich von selbst einstellt, wenn sie die "aus der traditionellen Sittlichkeit entlassenen" internationalen Finanzstarken machen läßt, was sie wollen. Sie kann man allenfalls durch eine staatliche Ordnung auf Grundlage von Ordnungsideen einbinden, deren zentraler Wert ein anderer ist als das freie Kräftespiel.

Wem also nützt Liberalismus konkret? "Die liberalen Rechte, die sich, historisch gesehen, um die gesellschaftliche Stellung des privaten Eigentümers kristallisiert haben, lassen sich unter funktionalen Gesichtspunkten als die Institutionalisierung eines marktgesteuerten Wirtschaftssystems begreifen, während sie unter normativen Gesichtspunkten bestimmte private subjektive Freiheiten gewährleisten." 286 Diese normativen Freiheiten haben aber, wie alle Normen, auch einen funktionalen Zweck: Sie sind einerseits den marktwirtschaftlichen Prinzipien zugeordnet, andererseits besteht ihr materieller Wertgehalt darin, alle mit dem freien Kapitalmarkt unvereinbaren Prinzipien zu vernichten. So hält der normative Kern des bürgerlichen Liberalismus letztlich eine bestimmte Eigentumsordnung und eine Chancenverteilung aufrecht: Begünstigt ist beim Erwerb materieller Güter, wer bereits materielle Güter besitzt. Die liberale Ethik fordert so viel wirtschaftliche Privatautonomie wie möglich, und bewahrt gerade noch so viel Staat, wie nötig ist, um das Eigentum als solches und das marktgesteuerte Wirtschaftssystem zu erhalten.

Der normative Kernbestand des Liberalismus läßt sich nur verstehen durch eine Gesetzmäßigkeit, der nicht nur der Liberalismus unterliegt: Ein komplexes soziales System läßt sich nur aufrecht erhalten, wenn seine funktionalen Voraussetzungen normativ aufgeladen werden. So wandelt sich das Geldhaben-Dürfen zum heiligen Recht des Kapitalisten, und alle konkurrierenden Wertprinzipien wurden zu Unwerten. Auf der anderen Seite des wirtschaftlichen Zyklus mußte dem Verbraucher ein ebenso heiliges Recht zugesprochen werden: Es dient funktional dazu, die Voraussetzungen der massenhaft produzierenden Industriegesellschaft zu sichern. Inhaltlich tritt es als Werthaltung auf, indem es den Begriff der Menschenwürde uminterpretierte: Mit ihm verbindet sich jetzt die Vorstellung egalitärer Teilhabe am Massenkonsum als Voraussetzung sogenannter Selbstverwirklichung. Die Menschenrechte sind also "entgegen dem teleologischen Geschichtsverständnis der Demokraten keine endgültige geistige und ethische Errungenschaft nach langen Jahrhunderten der Unterdrückung und der Finsternis, sondern" stellen "im Grunde die Funktions- und Überlebensweise der Massendemokratie dar" und sind mit ihr "auf Gedeih und Verderb verbunden."287

Die liberale Ethik des Parteienstaats dürfen wir als die Ethik derjenigen begreifen, die unter den konkreten Bedingungen des Parteienstaates wirtschaftliche und sonstige Vorteile genießen, weil sie Parteiungen angehören, die unter einem löcherig gewordenen staatlichen Dach ihre Schäfchen ins Trockene bringen. Sie setzen ihr spezifisches Recht eigennützig so, daß es sie und ihren weiteren Machterhalt begünstigt. Die Geldmacht ist angewiesen auf ein System, das funktional alle nicht ökonomischen Machtmittel ausschaltet, indem es sie in ihrem materiellen Wertgehalt negiert und tabuisiert. "Weil das Recht auf diese Weise mit dem Geld und administrativer Macht ebenso verzahnt ist wie mit Solidarität, verarbeitet es in seinen Integrationsleistungen Imperative verschiedener Herkunft." 288 Das Recht ist in einem politischen System, das den Regeln der Theorie der kommunikativen Vernunft folgt, aus demjenigen Grund mit Geld und administrativer Macht verzahnt, weil es das Geld und die administrative Macht kraft seiner eigenen Spielregeln zu den ausschlaggebenden, letztlich alleinige Geltung beanspruchenden Regeln erhebt. Demgegenüber ist die von Habermas beschworene Solidarität als weiterer Imperativ eine pure Fiktion in einem Gesellschaftssystem, welches die Prämie auf egoistisches und nicht auf solidarisches Handeln setzt.

Die liberale Theorie befaßt sich eingehend mit dem Problem der Herrschaft: "Wer soll regieren?" Sie will innergesellschaftliche Konflikte regulieren und die Gesellschaft trotz aller Gegensätze zusammenhalten, weil sie das ganz einfach für "vernünftig" hält. 289 Weiter reicht ihr Ehrgeiz nicht. Der Liberalismus stellt eine Theorie zur Minimierung staatlicher Funktionen dar. Natürlich gibt es ordoliberale Wirtschaftswissenschaftler und Manager wie den von Kommunisten ermordeten Alfred Herrhausen, die Marktwirtschaft und Gemeinwohlbezug miteinander verbinden. Es gab auch Ludwig Erhard , der den liberalen Gedanken der freien Marktwirtschaft mit dem Sozialstaat versöhnen wollte und die soziale Marktwirtschaft erfand. Männer dieses Schlages sind unideologische Pragmatiker. Weit entfernt vom libertären Fundamentalismus benutzten sie auch liberale Prinzipien, verabsolutierten sie aber nicht.

Wie jede Idee muß aber auch die liberale darauf geprüft werden, wohin ihre absolute Dominanz über andere Prinzipien führt. Man kann sie wie jede Idee ideologisch einseitig aus einem Prinzip entwickeln: dem der Harmonie, die sich von unsichtbarer Hand aus dem Nichts einstellt. Dieses idealtypische Bild eines normativen Liberalismus muß in gedanklicher Klarheit entwickelt werden, um das Walten liberaler Vorstellungen zu erhellen und aufzuzeigen, wohin sie gedanklich konsequent führen. So können wir den libertären "Nur-Liberalen" skizzieren: Sein Wertegerüst ist denkbar mager. "Laß doch jeden machen, was er will!", lautet sein Motto. Eine Gesellschaft der Wölfe schreckt ihn nicht. Für überindividuelle und nicht materiell verstandene Sinnfragen ist er vollständig blind, und zwar ganz bewußt. 290 Gegen eine multikulturelle Gesellschaft aus Muselmanen, Christen, Pornographen und Satansanbetern hätte der Liberale keine prinzipiellen Einwände, solange ihm niemand aus religiösen Gründen das Geldverdienen verbieten würde.

Gesellschaftliche Bindungen und Pflichten gegenüber der Gemeinschaft stören da nur. Man denkt sich dann ein Weltbild aus, das vom sozialen Wesen des Menschen nicht viel übrig läßt.291 So werden sich potentielle Räuber, Plünderer, Mafiosi oder Finanzhaie nicht nach einer effektiven Staatsgewalt sehnen, die sie in ihrem Eifer nur behindern könnte. Ihre Ethik wird eine kriminelle, anarchische, autonome oder liberale sein, jedenfalls eine gemeinschafts- und tendenziell staatsfeindliche. Wer sich dagegen durch Räuber etc.pp. oder durch einen äußeren Feind bedroht fühlt, wird seinen Schutz unter einem starken Staat suchen und eine dementsprechende Gemeinschaftsideologie bzw. -ethik entwickeln. Der Liberalismus reduziert den Menschen auf Ökonomie und fungiert damit als Herrschaftsideologie der ökonomisch Starken gegenüber den ökonomisch Schwachen. Sie redet ihnen ein, das freie Walten rein ökonomischer Gesetze führe auch zu ihrem Vorteil, und diesen Vorteil sieht er ausschließlich im Geldverdienen: So bezeichnet Fukuyama ihn ganz richtig als dasjenige "Regelsystem, in dem das materielle Eigeninteresse und die Anhäufung von Reichtum als legitim gelten." 292

Der Liberalismus ist die Ideologie des ökonomisch Starken nicht nur im privaten und innerstaatlichen, sondern auch im internationalen Maßstab. Seine Endzeitvision ist der globale Markt in der liberalen One World. "Der Erwerbssinn, die Hauptkraft der jetzigen Kultur, postuliert eigentlich schon um des Verkehrs willen den Universalstaat." 293 Dessen heutiger Verfechter Fukuyama, sieht die menschliche Entwicklung linear mit einem Anfangs- und Endzustand geradewegs ins Finale der reinen Ökonomie abrollen.294 Im unmittelbaren Interesse der ökonomisch stärksten Macht liegt es, alle nicht ökonomisch vorgetragenen Angriffe dadurch unmöglich zu machen, daß die Ökonomie zum allein legitimen Austragungsort von Konflikten erklärt wird. Das ist die klassische Strategie der USA.

Sie wird allerdings erst funktionieren, sobald alle unliberalen Störenfriede befriedet sind. Solange die Gegner des globalen Kapitalflusses mit anderen als ökonomischen Mitteln kämpfen, muß die Alleingeltung des Ökonomischen notfalls gewaltsam hergestellt werde; zum Beispiel durch einen kleinen Einmarsch in irgendeiner Bananenrepublik. Das Freihandelsprinzip verlangt freien Zugang aller Anbieter zu allen Märkten. Es begünstigt daher die Wirtschaftsmächte, welche aufgrund ökonomischer Stärke billiger anbieten und die Wirtschaft der ausländischen Konkurrenz zum Bankrott treiben können. Haben sie auf diese Weise ein faktisches Monopol errungen, können sie im wesentlichen frei über die Preise verfügen. Bei kriegswichtigen oder zivil unentbehrlichen Rohstoffen ist das Embargo dessen, der über den Rohstoff oder seine Handelswege verfügt, ein erprobtes Mittel gegen andere Staaten, die nicht über den Rohstoff verfügen. Unter Geltung rein handelsmäßiger Gesetze kann ein Staat so den anderen ruinieren oder zur Eröffnung militärischer Feindseligkeiten nötigen. Die Vorgeschichte des japanischen Angriffs auf Pearl Harbour ist nur eines von vielen anschaulichen Beispielen für eine Strategie, mit den scheinbar friedlichen Mitteln des Wirtschaftsboykotts und der Handelsblockade einen Gegner in die Knie oder zum Krieg zu zwingen.

Durchgesetzt hat sich auch im internationalen Wettbewerb erst, wer seine Macht normativ begründet und seine Gegner zur Anerkennung derjenigen Normen bewegt, deren Geltung die Macht weiter stabilisiert. Wo ausschließlich ökonomische Gesetze herrschen, ist militärische Macht nutzlos; ebenso wie umgekehrt in einer von militärischen Gesetzen erfüllten Welt der bloße Händler machtlos ist und wie in einer von göttlichen Geboten erfüllten Welt der Ketzer nichts zu melden hat. Das Ende der Geschichte und die Heraufkunft einer "friedlichen" Handelsepoche auszurufen bedeutet also nichts anderes, als den Machtanspruch derjenigen konkreten Menschen und Menschengruppen anzumelden, die ihre Stärke und ihren Vorteil in einer Weltordnung sehen, die allein unter handelsmäßigen Gesetzen steht. In fortgeschritteneren Ländern vermag man ein anderes als das Händlerethos schon gar nicht mehr zu denken. Anders außerhalb der westlichen Wertschöpfungsgemeinschaft: Diese eignet sich offenbar hervorragend dazu, eine Zeitlang den materiellen Wohlstand von Industriestaaten zu sichern. Unter den Gesetzen eines globalen Marktes verwandeln sich die Güter aller Nationen in käufliche Waren. Darin liegt eine krämerselige Wertentscheidung, die philosophisch zum Liberalismus, wirtschaftlich zum Kapitalismus und politisch zum Parlamentarismus führt.

Der verhausschweinte Konsument

Bis ins 19.Jahrhundert wurde der Liberalismus vom Bürgertum getragen. In der doppelten Frontstellung gegen die monarchische Legitimität hier und gegen den Sozialismus dort blieb er politisch aktiv und durfte aus polemischen Gründen nicht auf Bekenntnisse zu ewigen Werten verzichten. Er blieb wertgebunden und politisch, solange er Gegner hatte. Spätestens nach dem ersten Weltkrieg wurde er unter den Bedingungen der Massengesellschaft umgedeutet. Die hohe Zeit des Bürgertums war abgelaufen. Seitdem herrscht ein ganz anderer Menschentypus vor. Der politische Liberalismus hatte nur mit Werthaltungen erfolgreich sein können. Als er sich in Gestalt der modernen Massendemokratie durchgesetzt hatte, warf er die ungeliebten Phänomene des Politischen und des Moralischen ab.

Sein in ihm angelegter Kern schälte sich unter den Bedingungen der Massengesellschaft heraus: Nach seiner massendemokratischen Umdeutung295 wurde er die Weltanschauung des radikal selbstbezüglichen Nur-Individuums, des autistischen Hedonisten. Seinen methodischen Individualismus hat Adam treffend als neue Volksreligion bezeichnet. Diese redet Menschen ein, mit gutem Gewissen das zu tun, was sie sonst mit schlechtem getan hätten. Gemeinwohl ist nach dieser Lehre ein Phantom, ein ideologischer Tick, der die Leute dazu bringen soll, gegen ihre Interessen zu handeln.296 Wer die Existenz eines Gemeinwohls bestreitet, stellt diese gerne als ideologisches Konstrukt dar. Ein Gemeinwohl zu behaupten, sei sogar möglicherweise totalitär. Dieselben Leute aber, die ungeniert und ohne ideologische Gewissensbisse ein gemeinsames Wohl aller Gewerkschaftler oder aller Beamten oder aller Stewardessen oder gar aller Frauen annehmen, bekommen die schlimmsten Bedenken bei der Vorstellung, ein ganzes Volk oder ein Staat könnte ein Gemeinwohl haben. Die Verbindung des Individualinteresses mit dem Wohl einer Personengruppe, welcher auch immer, ist der neuralgische Punkt jedes Liberalismus. Er sagt nur: "Ubi bene, ibi patria", und wenn "die Kasse stimmt", - seine Kasse! - stimmt auch die Moral. Bert Brecht sprach ihm aus der Seele: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral."

Gerade das Fressen wurde zur alleinigen die Moral des libertären Liberalen. Er beschritt bisher konsequent den Weg vom Prinzip Ordnung zur individuellen Beliebigkeit, die keine Ordnung über ihm anerkennt und damit auf das Prinzip Chaos zusteuert. Ziel dieses Weges ist ihm das Anhäufen von Eigentum. Er möchte es maximieren, um es dann ungestört zu konsumieren. Dieser Konsum ist letzter und alleiniger Lebenszweck, das finale Ziel und der innerste Beweggrund all' seines Handelns, Ziel seiner Wünsche und Traum seiner schlaflosen Nachmittage. Daß ihm jemand etwas wegnehmen könnte, quält ihn in seinen schlimmsten Alpträumen. Daher löst er systematisch die geistigen und staatlichen Ordnungen eben soweit auf, wie sie ihn an der Verwirklichung seiner hedonistischen Gelüste hindern. Er bildet sich statt dessen seinen eigenen Wertekosmos, in dessen Allerheiligstem die Schatztruhen seiner materiellen Güter wohlbewacht sind von einer Moral, deren Quintessenz im "Nimm mir bloß nichts weg!" besteht. Der Weg der zunehmenden Liberalisierung brachte die Auflösung aller anderen metaphysischen und moralischen Werte und führte zu einer allgemeinen Ökonomisierung des geistigen Lebens. Damit beschränkte man sich auf eine Geistesverfassung, die in Produktion und Konsum die zentralen Kategorien menschlichen Daseins findet." 297

Um diesen Zustand endlich zu erreichen, müssen alle normierenden geistigen Ordnungen und menschlichen Kontrollinstanzen aufgehoben werden außer denen, die dem Haben und dem Konsumieren funktional zuarbeiten. "Auf Kosten der Identität, auf Kosten einer bewußten, kritischen und aktiven Haltung gegenüber der Realität," formulierte Böckelmann, "werden uneingeschränkte Triebbefriedigung gewährt und die lähmende Kontrolle des Gewissens und der Gesellschaft entfernt." Unabhängig geworden von den Institutionen staatlicher und moralischer Ordnung verfällt der homo oeconomicus hilflos den neuen gesellschaftlichen Machtträgern, die über die Ressourcen des Konsums verfügen. "Unsozialisiert und deshalb gefügig nährt sich der Lustverbraucher an der Konsumbrust. Die Reizqualitäten der mit unterschwelligen Appellen übersättigten Außenwelt erlauben ihm nicht, aus dem Traum zu erwachen. Aber der Traum ist die Wirklichkeit. Um aus der Wirklichkeit zu erwachen, müßte er eine innere Vergewaltigung vollbringen, die einem Selbstmord gleichkäme."298 So wird die Grundhaltung des Nurverbrauchers begleitet von einer Wahrnehmungsverweigerung, die alle anderen möglichen Werte ergreift.

Diese Wahrnehmungsverweigerung führt, wie bei jedem einseitigen Weltbild, zum gezielten Ausblenden störender Fakten aus dem Bewußtsein. Es sind alle diejenigen unliebsamen Begleitumstände sozialen Lebens, auf die andere Menschen mit konkreten Werthaltungen antworten. Auf die Empfindung der überwältigenden Menge an Leid und Elend dieser Erde antwortet der Christ mit dem tröstenden Glauben an einen erlösenden Heiland. Auf das in der Geschichte schon immer bestehende Phänomen des Krieges und des Kampfes antwortet der heroische Realist mit einer idealisierten Kampfbereitschaft. Er entwickelt die Vorstellung von einem unentrinnbaren Schicksal, aufgrund dessen wir am Ende der Dinge eben nie siegen können, und antwortet dem Schicksal mit einem trotzigen Dennoch. Der Sozialist beobachtet die ungleiche Verteilung von Gütern und Lebenschancen und entwickelt daraus sein Ethos der Menschengleichheit. -

Der Liberale des Zeitalters der Massendemokratie sieht gar nichts. Er beobachtet nur das Anschwellen seines Wohlstandsbauches, und nur um seinen Bauchnabel dreht sich der selbstbezügliche Kosmos seiner Metaphysik. Ohne inneren Halt an einer Norm, ohne Weg und Ziel, gibt es für den infantilisierten Nurverbraucher darum kein Zurück ins Reich der Normen, zu deren neuerlichen Akzeptanz er keine Kraft hat. Das entlockte sogar einem antiautoritären Marxisten den Stoßseufzer: "Der Mensch in der automatisierten Überflußgesellschaft besitzt im Vergleich zum Individuum vergangener Epochen ein sehr viel größeres inneres Gleichgewicht, das er sich mit absoluter Hörigkeit erkauft hat. Die Psyche des Autoritären war in einem bestimmten Sinne noch potentiell revolutionär. Im modernen Narziß, der weder von Schuldangst noch von heftiger Wunschvereitelung gequält wird, lehnt sich nichts mehr auf."299

Die gezielte Abkehr von der überkommenen bürgerlichen Geisteswelt und ihren normativen Imperativen sollte zur Selbstverwirklichung führen. "Die Absicht dabei war emanzipatorisch, das Ergebnis aber war, daß sich die mentalen Einstellungen herausbildeten, die eine massenhaft produzierende und massenhaft konsumierende Massendemokratie tragen."300 Die beabsichtigte Selbstverwirklichung führte nicht zu einer Steigerung der geistigen, kulturellen, moralischen, religiösen oder schöpferischen Potenzen im Menschen. Sie befreite nur die stammesgeschichtlich sehr tief liegenden Antriebe auf unmittelbare Befriedigung animalischer Bedürfnisse. So geriet der von geistigen und kulturellen Bindungen emanzipierte Mensch ohne Umweg in die ebenso sichere Abhängigkeit von allen jenen atavistischen Gelüsten, deren Zähmung seit 2000 Jahren der Stolz der abendländischen Kultur war.

Indessen setzt auch solcher Hedonismus ein metaphysisches Vorverständnis voraus. Wie jede Lebenshaltung muß sie nicht auf einer bewußten Wertsetzung beruhen, aber doch mindestens auf dem unreflektierten Beharren auf einer bestimmten seelischen Grundhaltung. Die industrielle Massengesellschaft bedarf für ihr Funktionieren "hedonistischer Einstellungen und Werte, die den wirtschaftlich notwendigen massiven Verbrauch der massenweise produzierten Konsumgüter teils psychologisch nahelegen, teils ethisch rechtfertigen." 301 Es ist ein pharisäerhafter Irrtum, Ethik und Moral immer nur bei sich selbst zu suchen: Auch der Hedonismus läßt sich mit einer bis in die Antike zurückreichenden Tradition begründen. An sie mußte nur angeknüpft werden, um die aus Produzentensicht erwünschte Konsumentenmentalität ethisch zu legitimieren.

Sie stieß nach dem Wegfall traditioneller ethischer Imperative auf keinen Widerstand. Es fällt nicht schwer, jemanden von der ethischen Richtigkeit eines Verhaltens zu überzeugen, das angeborenen lustbetonten Verhaltensmustern entspricht. Die Reifung und das Erwachsenwerden des Menschen und seiner nächsten tierischen Verwandten wird von einem Prozeß begleitet, der von der Fütterungsbereitschaft des infantilen, pflegebedürftigen Jungen wegführt zum aktiven, für sich selbst sorgenden Erwachsenen. Ein Mensch, der durch das Ausbleiben der Reifung sozialer Verhaltensnormen in einem infantilen Zustand verharrt, wird notwendigerweise zum Parasiten der Gesellschaft. 302 So gesehen ist es Merkmal einer von der Evolution nicht als Dauerzustand vorgesehenen Infantilisierung, wenn Erwachsene in einer Haltung verharren, in der sie vom Staat, "der Gesellschaft" oder anderen anonymen Kollektiven ständige materielle Zuwendung ohne eigene Anstrengung und Leistungsbereitschaft erwarten. Ihr Denken reduziert sich, wie bei den Schnabel aufsperrenden Jungvögeln im Nest, auf dauernde Konsumerwartung.

Wir sollten solchen Individuen nicht leichtfertig unterstellen, jemals eine bewußte Entscheidung getroffen zu haben, doch liegt der ausschließlichen Konsumbereitschaft eine Lebenseinstellung unreflektiert zugrunde, die das persönliche anstrengungslose Wohlleben zum zentralen Wert erhebt. Dieser hat nichts als die umgehende Befriedigung des elementaren Bedürfnisses nach dem Haben von Dingen zum Inhalt, das sich von Fall zu Fall auf materielle Güter richtet, auf den Konsum immaterieller Güter wie einen Film, auf menschliche Konsumobjekte, jedenfalls aber immer auf anstrengungsloses "Sichhineinziehen" irgendwelcher Produkte, wie das heute bezeichnenderweise heißt. Gehlen hat darauf hingewiesen, daß ein ethischer Wandel hin zu einem derartigen Ideal des Wohllebens seit der Neuzeit stattgefunden hat: "Nicht die bloße Abweisung von Not und Leiden, sondern das Erfüllungsglück selbst, das Wohlhaben und Wohlleben werden hier zu Sollforderungen erhoben." Die "Ethisierung des Komplexes Lebensglück" führte zur moralischen und damit öffentlichkeitswirksamen Disqualifizierung aller dem Glücksanspruch entgegenstehenden Werte und Ansprüche. Besonders in der anglo-amerikanischen Tradition wurde ein so verstandenes individuelles Recht auf Glück zu einem Zentralwert, und der Staat wurde zum stets bereiten Diener und "Adressaten der Erfüllungswünsche und die Politik der Idee nach zu einer Technik des Glücks."303 Nach Meinung liberaler Erzväter wie Bentham und Mill ist ihr letzter Zweck the greatest happiness of the greatest number - das größtmögliche Glück möglichst vieler Leute.

Der Liberale ist damit der politische Spießbürger, wie ihn Max Weber genannt und beschrieben hat: ein Menschenschlag, dem die großen Machtinstinkte fehlen, der charakterisiert ist durch die Beschränkung des politischen Strebens auf materielle Ziele oder doch auf das Interesse der eigenen Generation und durch das fehlende Bewußtsein für die Verantwortung gegenüber unserer Nachkommenschaft .304 Die Reduzierung des Menschen auf den Konsumenten, in dem eine geldgierige Großindustrie mittels Reklame Konsumwünsche erzeugt, um sie schnell zu befriedigen, die ganze Lebensphilosophie des "Ich will Genuß - sofort!" verwandelt ihn zum "zur Masse degradierten, naturentfremdeten, nur an kommerzielle Werte glaubenden, gefühlsarmen, verhaustierten," politisch indoktrinierbaren und durch die Großindustrie manipulierbaren305 Einheitsverbraucher; Sie ebnet den american way of life. Ihren logischen Endpunkt bildet der Typus des aus der Wirklichkeit fliehenden Süchtigen. Dem "Automatismus einer zunehmenden Glücksgefräßigkeit" 306 verfallen, verschafft er sich mit minimalem Aufwand an "Stoff" ein Maximum an Lustgewinn und kann sehr böse werden, wenn man ihm sein Leckerchen vorenthält.

Daß der liberale Verbrauchertypus teilweise unter Wahrnehmungsverlust leidet, erzeugt mittelbar ganz spezifische politische Einstellungen und Forderungen. Diese beschränken sich ebenso wie die "Metaphysik" des Liberalen auf bestimmte Phänomene und Vorstellungen. Beobachtungen und Wertungen, die anderen Menschen evident sind, leugnet der Liberale rundweg. Evidenzen gibt es immer nur innerhalb des eigenen weltbildlichen Rahmens. Was dem einen evident ist, kann der andere heftig leugnen. So hat Carl Schmitt darauf hingewiesen, daß ein direkter Zusammenhang besteht zwischen Regierungsform und theozentrischem oder gottlosem Weltbild:307 Das Mittelalter hat an ein Jenseits geglaubt, in dem eine hierarchische Ordnung der Ideen besteht. Das Gute ist die oberste Idee und regiert als Gott das Diesseits und das Jenseits. Wer das glaubt, dem ist unmittelbar evident, daß auch das Diesseits und daß die Gesellschaft von einer hierarchischen Ordnung erfüllt ist, an deren Spitze ein Monarch steht und sie regiert.

Der Liberale leugnet aber nicht nur die konkreten Phänomene, Beobachtungen und Wertungen, die anderen Menschen evident sind. Er leugnet aus ideologischen Gründen die Möglichkeit der Evidenz an sich. Er verzichtet angeblich auf den Anspruch, die Wahrheit zu erkennen, und löst die Entscheidung für eine Wahrheit in einen nie endenden Wahrheitsfindungsprozeß auf. Daraus folgt die ideologisch generierte Unmöglichkeit des Liberalismus, etwas offenkundig Richtiges zu sagen und zu tun. 308 Indessen liegt für ihn in seiner Vorstellung gerade im Verzicht auf das definitive Resultat, und im Verzicht auf die Entscheidung für eine Wahrheit und im immerwährenden Gespräch sucht er seine Wahrheit.

Anmerkungen

  1. 280 Carl Schmitt, Die geistesgeschichtliche Lage, S.45.
  2. 281 Jellinek, Allgemeine Staatslehre, S.337 ff.
  3. 282 Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, S.66.
  4. 283 Kremendahl, Pluralismustheorie, S.108 unter Berufung auf Karl Loewenstein.
  5. 284 Jürgen Habermas, Faktizität und Geltung, S.23.
  6. 285 Comte, Die Soziologie, S.59, "Die stationäre Lehre".
  7. 286 Habermas, Faktizität und Geltung, S.104.
  8. 287 Kondylis, Der Niedergang.., S.209.
  9. 288 Habermas, Faktizität und Geltung, S.59.
  10. 289 Vgl. ebenso bei Dettling, Demokratisierung, S.15.
  11. 290 Ebenso z.B. Joachim Fest, Offene Gesellschaft mit offener Flanke, FAZ 21.10.1992; Ernst Nolte, Die Fragilität des Triumphs, FAZ 3.7.1993.
  12. 291 Adam, Die Ohnmacht der Macht, S.187.
  13. 292 Fukuyama, Die Zukunft des Krieges, FAZ-Magazin 16.12.1994, S.16 ff. (17).
  14. 293 Burckhardt, Weltgeschichtliche Betrachtungen, S.126, 65.
  15. 294 Fukuyama, Der Mensch braucht das Risiko, DER SPIEGEL Nr.15/1992, S.256; ders. Das Ende der Geschichte.
  16. 295 Kondylis, Der Niedergang..., S.169.
  17. 296 Adam, Die Ohnmacht der Macht, S.190.
  18. 297 Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, S.83.
  19. 298 Böckelmann, Die schlechte Aufhebung..., S.58,69.
  20. 299 Böckelmann, Die schlechte Aufhebung..., S.74.
  21. 300 Kondylis, Damit die Kannibalen draußen bleiben, FAZ 4.9.1996.
  22. 301 Panajotis Kondylis, Der Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform,1991, S.202 f.
  23. 302 Lorenz, Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, S.65.
  24. 303 Arnold Gehlen, Moral und Hypermoral, S.66, 61.
  25. 304 Konrad Adam, Ich kenne nur noch Parteien, FAZ 3.9.1992.
  26. 305 Konrad Lorenz, Die acht Todsünden, S.84 ff., 94 f., 96.
  27. 306 Gehlen, Moral und Hypermoral, S.64.
  28. 307 Carl Schmitt, Politische Theologie, S.59 f.
  29. 308 Specht, Rezension des Essays von Donoso Cortés, in: Der Staat, 1994, S.633.