Aus: Klaus Kunze, Mut zur Freiheit (1998), S. 178–182
Die ideologischen Gezeiten
Die Humanitätsideologie
Die Humanitätsideologie ist der Schlüssel zum Verständnis dessen, was unseren heutigen Liberalismus ausmacht. An ihr entzündet sich all' sein Pathos, sie ist sein Rammbock und seine Monstranz zugleich. Gehlen bezeichnete als Humanitarismus die zur ethischen Verpflichtung gemachte unterschiedslose Menschenliebe und wies ihre Herkunft aus pietistisch-christlichen Quellen nach: Im Zuge der Aufklärung habe sich bei den meisten Menschen an der Stelle, die früher ein transzendenter Glaube eingenommen habe, ein "emotionaler Hohlraum" entwickelt.458 Die Religion, vor allem die protestantische, tendiert seitdem nach Beobachtung Russell Kirks 459 zum Pelagianismus. "Der irische Mönch Pelagius verwarf im 5. Jahrhundert die Erbsünde und lehrte die Freiheit der menschlichen Natur zum Guten. So denkt der Pelagianer, nach Kirk, daß Glück durch Freundlichkeit, durch Anpassung an die Gemeinschaft und materielle Verbesserungen erreicht werde, und in nationalen wie internationalen Angelegenheiten werde alles gut gehen, wenn die Menschen ihre Interessen im Geist guten Willens erörtern und ausgleichen wollten."460 Wir erkennen leicht, wie bruchlos sich schon damals die Versatzstücke des Glaubens an den guten Menschen und die Überzeugung, harmonische Eintracht könne in jedem Fall durch gutwillige Gespräche erreicht werden, zu dem Komplex einer Ersatzreligion zusammenbacken ließen. Die liberale ging bruchlos aus aufklärerisch-schwärmerischen Theologenkreisen des 18. Jahrhunderts hervor, denen wie Pelagius "das Bild einer konstanten und berechenbaren menschlichen Natur" vorschwebte, "die sich ohne weiteres mit den ebenso unveränderlichen Vernunftprinzipien verbinden ließ." 461
Während die Theologen ein dualistisches Weltbild hatten und das Göttliche außerhalb des Menschen im Jenseits suchten, verlegten es monistische Metaphysiker in den Menschen: Sie schrieben der Natur des Menschen bisher Gott vorbehaltene Prädikate zu wie die Sittlichkeit, die Freiheit und die Humanität und erhoben statt Gott eine bestimmte Idee vom Menschen in den Rang religiöser Verehrung. Jedem erlegten sie mit den Worten Stirners die moralische Pflicht auf: "Du sollst ein ganzer, ein freier Mensch sein." So proklamierten sie eine neue Religion, ein neues Absolutes, ein Ideal, nämlich die Freiheit. Wie die Christen Missionare ausgesandt hatten, weil die Menschen Christen werden sollten, so erstanden jetzt Missionare der Freiheit. Diese könnte dereinst, sah Stirner 1844 voraus, "wie bisher der Glaube als Kirche, die Sittlichkeit als Staat, so als eine neue Gemeinde sich konstituieren und von ihr aus eine gleiche 'Propaganda' betreiben." Könne man das neue Ideal finden, gäbe es eine neue Religion, "ein neues Sehnen, ein neues Abquälen, eine neue Andacht, eine neue Gottheit, eine neue Zerknirschung. Mit dem Ideal der 'absoluten Freiheit' wird dasselbe Unwesen getrieben, wie mit allem Absoluten, und nach [Moses] Heß z.B. soll sie »in der absoluten menschlichen Gesellschaft realisierbar sein.«" 462
Die neue Religion ist für ihre Priester so nutzbringend wie jede Religion. Eine freihändlerisch inspirierte Menschenrechtsmoral kann einen potentiellen Angreifer friedlich und harmlos machen - fett und impotent, wie Churchill über seine Wunschdeutschen zu sagen beliebte. Sie taugt auch, je nach dem, wer sie benutzt und wie er sie wendet, hervorragend zur Begründung moralisierender Kreuzzüge. So steht der polemisch funktionalisierte Begriff der Menschenrechte in einem Spannungsverhältnis zu ebenso polemisch benutzten Begriffen derjenigen Menschengruppen, die nicht unter Berufung auf Menschenrechte militärische Interventionen dulden möchten. Sie setzen der ideologischen Berufung auf die Menschenrechte die ebenso ideologische Berufung zum Beispiel auf das Selbstbestimmungsrecht oder das Recht auf Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten entgegen. Soweit sich die Menschenrechte als Legitimation militärischen oder ökonomischen Druckes international durchsetzen, "stufen sie damit notwendigerweise Ideologeme wie Souveränität zu lokalen Phänomenen herab und begrenzen sie auf Submilieus." 463
Wie der Einzelmensch ist auch ein Volk unfrei, wenn es nicht an seine eigenen Götter glaubt, an seine eigene Moral, an sein eigenes Recht. "Rom stürzte", bemerkte Donoso 1851, "weil seine Götter stürzten; seine Herrschaft endete, weil seine Theologie ein Ende nahm."464 Das hatte schon Heraklit gewußt: Ein Volk solle um seinen Nomos kämpfen wie um seine Mauern. Die geistige Integrität einer Gruppe ist so wichtig wie seine physische. Dieser "Begriff umfaßt natürlich die Traditionen und Überlieferungen eines Verbandes ebenso wie seine Ehre, und ein Volk gewaltsam von seiner Geschichte abzutrennen oder zu entehren bedeutet dasselbe, wie es zu töten."465 In diesem Sinne bemerkte Gehlen zum Zusammenhang zwischen dem Anspruch einer Nation auf ihre eigene Moral und ihrer Selbstbehauptung: "Es ist die bedeutendste geschichtliche Leistung einer Nation, sich überhaupt als eine so verfaßte geschichtliche Einheit zu halten, und den Deutschen ist sie nicht geglückt. Die Selbsterhaltung schließt die geistige Behauptung und das Bekenntnis einer Nation zu sich selbst vor aller Welt ebenso ein, wie die Sicherheit im großpolitischen Sinne, und diese besteht in der Macht eines Volkes, den physischen wie den moralischen Angriff auf sich unmöglich zu machen."466 Wenn wir diese Zusammenhänge erst einmal durchschaut haben, erblicken wir in jedem Versuch, uns eine fremde Ideologie aufzuzwingen, einen frechen Angriff auf unser Interesse an kollektiver Selbsterhaltung. In "alter wie in neuer Zeit" sind "die Künste der Verführung und der sittlichen Herabwürdigung der Unterworfenen als ein Mittel der Herrschaft mit Erfolg gebraucht worden. Man hat durch lügenhafte Erdichtungen und durch künstliche Verwirrung der Begriffe und der Sprache die Fürsten vor den Völkern und diese vor jenen verleumdet, um die Entzweiten sicherer zu beherrschen. Man hat alle Antriebe der Eitelkeit und des Eigennutzes listig aufgereizt." 467
So hatten es die westlichen Besatzungsmächte nach 1945 erfolgreich unternommen, den deutschen Volkscharakter durch ein Bündel von Maßnahmen zu verändern, an deren Ende die Auswechselung unerwünschter kollektiver Wertentscheidungen durch eine den Alliierten zuträglichere Moral stand. Sie nahmen sich das Recht zur "gewaltsamen Auferlegung ihrer eigenen politischen Ideologie." 468 Planung und Ausführung lagen bei dem durch die Militärregierung eingesetzten ICD Screening Center unter Leitung des New Yorker Psychiaters David Mardochai Levy, einem führenden Psychoanalytiker. Als gefährlich beseitigt werden sollten "Disziplin, Ordnung, Sauberkeit und Männlichkeit" als die "vier Prinzipien der deutschen Erziehung, auf denen dann auch der deutsche Staat errichtet wurde." 469 Diese zunächst besatzungshoheitlichen Maßnahmen wurden zum Selbstläufer: Die Agitation hatte so durchschlagenden Erfolg, daß sie sich bis heute tagtäglich in den Medien und Schulen fortsetzt.
"Ein Volk ist er dann besiegt," formulierte Carl Schmitt schon vor der alliierten Besetzung Deutschlands, "wenn es sich dem fremden Vokabularium, der fremden Vorstellung von dem, was Recht ist, unterwirft. Dann kommt zu der Ablieferung der Waffen noch die Ablieferung des eigenen Rechts hinzu. In der heutigen Lage Deutschlands hängt alles davon ab, den Schleier der Worte und Begriffe, der Juridifizierungen und Moralisierungen zu durchschauen, nicht in hämischer Kritik, aber auch nicht in dienstfertiger Unterwerfung unter fremde Begriffe und Forderungen 'moralischer Abrüstung', die nichts weiter sind als Instrumente fremder Macht."470 Wenige haben den Zusammenhang zwischen Macht und Moral so durchschaut. Der Besiegte soll an eine Änderung der Siegermoral noch nicht einmal mehr denken dürfen. Die erfolgreich Umerzogenen können es bereits nicht mehr. Umfragen zufolge hielten sich 50 Jahre nach Kriegsende 70% der Deutschen für "befreit" und nicht für besiegt. "Die sogenannte Vergangenheitsbewältigung in Deutschland trägt alle Züge einer kollektiven, ins Wahnhafte gehenden Umdeutung." Diese setzt psychiatrischer Ansicht nach "ein ungeheueres Aggressionspotential" frei, das durch den "Prozeß von Sprachregelung, Verdrängung, 'Kreidefressen' entsteht. Solche Emotionen drängen zum Ausbruch, und sie tun es oft in roher Gewalt." 471
Überall in Medien und im Bildungswesen herrscht heute dieselbe pseudohumanitaristische Egalitätsideologie. Ihre Moral wird uns auf den konkreten Gebots- und Verbotstafeln entgegengehalten, wo und wann immer wir uns auf unsere eigenen Interessen besinnen möchten. Diese Ideologie ist heute die ganz herrschende, und darum können wir sie nicht einfach beseitigen, indem wir ihren Gläubigen unseren Glauben entgegenhalten. In offenem Kräftemessen Fundamentalismus gegen Fundamentalismus ist der moralisierende Lichterkettenliberalismus nicht zu besiegen, solange er über alle Machtmittel der Kommunikationsgesellschaft verfügt. Gegen die in moralisierender Form vorgetragene Zumutung eines fremden Machtanspruchs hilft nur Mut zur geistigen Freiheit. So hoffte auch Carl Schmitt - "dem mundialen amerikanischen Interventionsanspruch antwortend - [...] daß »die Erde immer größer bleiben wird als die Vereinigten Staaten von Amerika und daß sie auch heute noch groß genug ist für mehrere Großräume, in denen freiheitsliebende Menschen ihre geschichtliche, wirtschaftliche und geistige Substanz und Eigenart zu wahren und zu verteidigen wissen.«472 Eine Hoffnung, das war Carl Schmitts letzte Position." 473
Anmerkungen
- 458 Gehlen, Moral und Hypermoral, S.79,130.
- 459 Russell Kirk, Can Protestantism hold its own in a modern America, zit. nach Gehlen, Moral, S.131.
- 460 Gehlen, Moral und Hypermoral, S.131 f.
- 461 Kondylis, Die Aufklärung, S.571.
- 462 Stirner, Der Einzige, S.268 f.
- 463 Luhmann nach E.Straub, ebd. FAZ 2.2.1995.
- 464 Donoso Cortés, Essay, S.10.
- 465 Gehlen, Moral und Hypermoral, S.185.
- 466 Gehlen, Moral und Hypermoral, S.103.
- 467 Fichte, Reden an die deutsche Nation, 1. Rede, S.16.
- 468 Gehlen, Moral und Hypermoral, S.185.
- 469 Schrenck-Notzing, Charakterwäsche, S.132, 138, 141 u.a.
- 470 Carl Schmitt, Völkerrechtliche Formen des modernen Imperialismus, hier zit. nach Maschke, St.Jürgen und der triumphierende Drache, S.134, Fn.51.
- 471 Meinhard Adler, FAZ-Leserbrief 29.4.1995.
- 472 Carl Schmitt, Die letzte globale Linie (1943), in: ders., Staat, Großraum, Nomos, S.441 (448).
- 473 Quaritsch, Positionen und Begriffe Carl Schmitts, S.123.
Glossar zu Mut zur Freiheit
Bibliographische Angaben zu den zitierten Werken: Literaturverzeichnis