Aus: Klaus Kunze, Mut zur Freiheit (1998), S. 182–186
Die ideologischen Gezeiten
Entideologisierung und Reideologisierung
Wie Wertbegriffe innerhalb einer Gesellschaft dem Machtanspruch des Individuums gegenüber seiner unmittelbaren Umwelt dienen, so dienen sie konkreten Kollektiven, Völkern, Staaten und Staatenbündnissen also, gegen konkurrierende Kollektive zur Abstützung von Geltungsansprüchen. Ideologeme wie Freihandel, Freiheit der Meere, Souveränität, Selbstbestimmungsrecht, gerechter Krieg oder Menschenrechte haben im Völkerverkehr immer einen bestimmten polemischen Sinn und die Funktion, konkrete Machtansprüche zu begründen und eigenes Verhalten von Personengruppen zu legitimieren. Überindividuell gesehen sind Normen mit den Worten Kondylis' Verkleidungen der mit dem kollektiven Selbsterhaltungstrieb zusammenhängenden Faktoren. "Mythen, Religionen und Ideologien sind im Grunde kollektive weltanschauliche Entscheidungen. Solche sind möglich, weil bestimmte konkrete Lagen dazu geeignet sind, mehrere Individuen gleichzeitig in eine mehr oder weniger einheitliche Perspektive gleichsam hineinzuzwingen." 474 Selbst Habermas bemerkt ganz richtig, daß wir aus solchen kollektiven Perspektiven "für uns absolute Ziele einer authentischen Lebensführung" sehen. Das Bewußtsein kollektiver Identität, "in denen die Angehörigen emphatisch »Wir« sagen können"475, kann auf dem ausgesprochenen Bewußtsein einer gemeinsamen Wertentscheidung beruhen. Ohne Mythos kann kein Volk gedeihen, weil seine Massen keine voluntaristischen Romantiker der Entscheidung sind, sondern normale Menschen mit Sehnsucht nach Geborgenheit im Glauben, nach geschenkter Sinnstiftung und geliehenen Ideen.
In der Vergangenheit wechselten Phasen kollektiver Ideologisierung mit Phasen der Aufklärung. Arnold Gehlen hat für die Epochen des klassischen Athen und des nachfolgenden Hellenismus exemplarisch herausgearbeitet, wie sich jeweils vor dem Hintergrund konkreter Lagen bestimmte Ideologeme entwickelten.476 Die Epoche der autonomen Stadtstaaten und Inselreiche hatte ihren Ausdruck in einem polytheistischen, republikanischen und individualistischen Weltbild gefunden. Dieses wurde nach Abräumung der vielgliedrigen Staatenwelt durch Alexander im darauf folgenden Hellenismus durch ein monotheistisches, monarchisches und universalistisches Weltbild ersetzt: ein Gott, ein Weltbild, ein König. Die menschenähnlichen Götter der Klassik waren zahlreich wie die griechischen Kleinstaaten, und wie die Menschen standen sie für unterschiedliche Lebensentwürfe und Ideen. Der Partikularismus der klassischen Epoche und die Idee der Polis endeten mit Alexander und den Diadochenreichen. Entwurzelte Menschen fanden sich in postnationalen Reichen wieder und entwickelten kosmopolitische Ideen. Solche Ansichten traten nicht als Ursachen auf, sondern verarbeiteten und bewältigten die schon eingetretene Katastrophe, machten sie bewußt und endgültig und idealisierten ihre Konsequenzen.477
Der nach Athen verschlagene Phönizier Zenon, ein Entwurzelter - heute würden wir Intellektueller sagen - , vertrat die Ansicht, daß alle Verwandtschaftsbindungen und Stammespflichten vor der Tugend zurückzutreten hätten. Nach Gehlen kann dies "als eine zukunftsträchtige Erfindung angesprochen werden, man verlieh so etwas wie ein gesinnungsethisches Bürgerrecht in einem noch utopischen Überstaat." Das neue universalistische Weltbild ergab sich aus einer "Addierung von Zweckmäßigkeiten. Der neuartigen Wirklichkeit einer aus allen Richtungen durcheinander gewürfelten Bevölkerung, wie sie das Alexanderreich hervorbrachte, konnte diese Kosmos-Bürgerschaft eine Formel bieten:" - "Die Welt", formulierte der Stoiker Chrysippos , "ist ein großer Staat mit einer Verfassung und einem Gesetz." Der gemeinsame ideologische Nenner dieser gedanklichen Kosmopolis war ein moralisierendes Vernunft- und Naturrecht, unter dessen Geltung der Philosoph als authentischer Interpret unentbehrlich wurde. "Je großartiger das Naturrecht durch ihn erhöht wird, um so gewaltiger wird die eigene Rolle."478
Nach Carl Schmitt ist die Vorstellung eines absolutistischen Monarchen einem Zeitalter unmittelbar evident, das auch an einen absolut den Kosmos regierenden Gott glaubt. Die Aufklärung hat diese Idee und mit ihr die Vorstellung einer den Kosmos regierenden Ordnung verworfen und mündete in den politischen Liberalismus, bei dem auch die Gesellschaft sich ohne Ordnungszentrum gewissermaßen selbst regieren soll. Wer nicht an einen Gott und eine vorgegebene Weltordnung glaubt, wohl aber: Es entstehe eine Art von Ordnung aus dem Nichts, wenn jeder Mensch unbeeinträchtigt von Herrschaft tun darf, was er möchte, für den ist der politische Liberalismus mit seinen spezifischen verfassungsrechtlichen Vorstellungen evident.
Geistiges Merkmal des Mittelalters war ein geschlossenes religiöses Weltbild: Der Kosmos - Diesseits und Jenseits - war von Gott geschaffen und von einer göttlichen Ordnung erfüllt, deren Abbild die menschliche Gesellschaft zu sein hatte. Die Ideologen dieses christlichen Weltbildes nannten sich Theologen - Verkünder der Worte Gottes. Unter dem Eindruck der Wiederentdeckung antiken Gedankengutes in der Zeit des Humanismus und der Renaissance bekam dieses Weltbild einerseits Risse, radikalisierte sich aber in seinen Hauptströmungen bis zum dreißigjährigen religiösen Bürgerkrieg. Die offenkundige Sinnlosigkeit, sich konfessioneller Spitzfindigkeiten zuliebe bis zur Ausrottung ganzer Landstriche selbst zu zerfleischen, war das bestimmende Motiv des Thomas Hobbes: Er wollte die religiöse Fanatisierung durch ein friedenstiftendes staatliches Machtwort beenden. Der Verfallsprozeß religiöser Glaubensgewißheiten fand seinen konsequenten Abschluß in der Aufklärung.
Die Reideologisierung ließ nicht lange auf sich warten: Kaum hatten die französischen Hauptvertreter aufklärerischen Denkens Gott von seinem Thron gestoßen, setzten sie die Göttin Vernunft darauf und sich selbst daneben. In Deutschland nahm die Reideologisierung angesichts anderer polemischer Bedürfnisse einen anderen Weg: Unter dem Eindruck der nationalen Niederlage durch Napoleons Armeen setzten schon vor 1800 die Anfänge einer deutschen Nationalideologie ein, die sich auf deutsches Wesen besann und aus bedingungslosem Gemeinschaftspathos die Kraft für einen Befreiungskrieg schöpfte. Nach dem Ende der französischen Besetzung wirkte diese zwar noch Jahrzehnte untergründig fort, vermochte aber nicht mehr die Massen zu mobilisieren und versandete schließlich in einem aufgeklärten, technizistisch-bürokratischen Wilhelminismus und dem aufgeklärt-nihilistischen Lebensgefühl der Jahrhundertwende.
Auch in unserem Jahrhundert haben sich die Deutschen wechselnder Ideologien bedient, weil sie sich in unterschiedlichen konkreten Lagen befunden haben. Der Druck der Niederlage und des Versailler Diktats verlangte nach Tröstung, und die wirtschaftliche Verelendung und Demütigung Deutschlands ließen die schon vor dem Weltkrieg latent vorhandenen Ideologien aufblühen wie Pilze nach einem Regen. "Jean Paul hatte gespottet, sei ein Krieg zu Ende gegangen, dann gebe es zu jeder Buchmesse ein neues System des Naturrechts. Dieser Spott läßt sich verallgemeinern: Ist ein Krieg zu Ende gegangen, gibt es eine Auferstehung der Metaphysik." 479 Der militärische Ausgang des Ringens der ideologischen feindlichen Schwestern: dem marxistischen und dem nationalen Sozialismus, ist bekannt.
Das Jahr 1945 begründete eine völlig neue Situation für die Deutschen, und sie reagierten ihr entsprechend. Die Lage erzwang einen erneuten ideologischen Paradigmenwechsel: Unter den konkreten Bedingungen der Nachkriegszeit flüchtete sich das Bürgertum in eine Gesinnungsethik mit extrem moralisierendem Pathos. "Widerlegte Völker, die sich einer übermächtig-fremdbestimmten Zukunft gegenübersehen, versuchen doch in weiten Verkehrs- und Mitteilungsräumen zu missionieren, um eine Atmosphäre der Schonung zu verbreiten." 480 Das deutsche Volk war nach dem Zusammenbruch verängstigt und verunsichert. In der realen Interessenwelt und im militärisch-wirtschaftlichen Machtkampf unterlegen, flüchtete es sich in die Scheinwelt des Moralischen und hoffte, die in der realen Außenwelt durch Interessenwettstreit nicht zu erzielende Ruhe und Sicherheit dort zu erlangen, verschanzt hinter Moralforderungen und ethischen Rigorismen. Vor 1945 hatte sich dasselbe Bürgertum gedacht: "Hier sind unsere Reichsgrenzen, die wir militärisch hinausschieben, und hinter diesen Reichsgrenzen können wir ruhig und in Frieden leben." Nach dem Krieg fühlte es: "Wir stecken hier der Mitwelt gegenüber moralische Grenzen ab. Diese moralischen Grenzen darf niemand übertreten. Bei ihrer Einhaltung darf uns niemand etwas tun, denn das wäre ja unmoralisch." So erwiesen sich moralische Forderungen als situationsbedingte Waffen im Interessenwettstreit konkreter Menschen.
Vor dem Krieg hatte man zur Interessenverfolgung in Deutschland, weil keine anderen Mittel mehr zu fruchten schienen, auf das Militärische und eine betont kriegerische Moral gebaut. Diese Moral hatte keine Einwendungen gegen die militärische Unterwerfung anderer erhoben. Nach dem Krieg setzte man, auf militärischem Felde geschlagen und in eine kosmopolitische neue Weltordnung geworfen, auf das Ökonomische. Das ideologische Gewissen der Deutschen war anpassungsfähig. Seine moralische Wesensänderung war aus der Not geboren, und so war sie eine freiwillige und unfreiwillige zugleich. Unfreiwillig war sie, weil wir gar keine Wahl hatten. Massiver noch als nach dem 1. Weltkrieg wußten die Sieger schon vor ihrer Invasion, "daß es nicht genügt »zur Umklammerung und Knechtung eines Volkes, ihm seine Angriffs- und Verteidigungswaffen wegzunehmen und es friedlich-ökonomisch auszubeuten, wenn man nicht gleichzeitig seine ideologische Widerstandskraft zerstört und ihm sozusagen das Gehirn durch die Nasenlöcher abpumpt.«"481 Freiwillig war die Entscheidung für den westlich-liberaleren Weg, weil man aus der gegebenen Verliererlage das beste machen wollte. Man wollte wieder wer sein, und als Spielplatz ließen die Sieger nur das Feld der Ökonomie zu. Zur eigenen Verteidigung blieb nichts als ein moralisierender Universalismus mit dem Hintersinn: "Damit uns niemand unsere Fabriken wegnimmt oder am Verkaufen hindert, mögen doch bitte alle Menschen sich der Logik der reinen Ökonomie unterwerfen." Diese neue universal verkündete Händlermoral führt weltweit unmittelbar zu einer politischen und wirtschaftlichen Ordnung, bei deren Einhaltung die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands bestens geschützt zu sein schienen, ohne daß wir auch nur einen Schuß Pulver verbrauchen müssen, was die Deutschen seit 1945 auch erst nicht durften, später nicht konnten und heute nicht wollen dürfen.
Unter der Fahne eines sich zunehmend radikalisierenden Humanitarismus kehrte aber der Weltanschauungsstaat wieder. Seinen Sprachregelungen zufolge ist Ideologie das falsche Bewußtsein seiner weltanschaulichen Gegner, während der ach so freieste Staat auf deutschem Boden selbst keine Ideologie habe. Doch das vielfach proklamierte Ende der Ideologien ist bloßer Bestandteil ihres eigenen ideologischen Selbstverständnisses. 482 Tatsächlich ist die sogenannte Wertordnung des Grundgesetzes eine vollwertige Ideologie: ein in sich geschlossenes System metaphysischer Wertsetzungen. Ihr Gelten "impliziert" einen "Drang zur Verwirklichung. [...] Der Wert lechzt geradezu nach Aktualisierung. Er ist nicht wirklich, wohl aber wirklichkeitsbezogen und lauert auf Vollzug und Vollstreckung." 483 In seinem Namen herrschen seine Priester und Vollstrecker.
Anmerkungen
- 474 Kondylis, Macht und Entscheidung, S.53, 43.
- 475 Habermas, Faktizität und Geltung, S.198 f.
- 476 Gehlen, Moral und Hypermoral, 1. und 2. Kapitel.
- 477 Gehlen, Moral und Hypermoral, S.15.
- 478 Gehlen, Moral und Hypermoral, Zitate in diesem Absatz dort S.30,31,33.
- 479 Kurt Flasch, Rezension v. Heideggers Gesamtausgabe, FAZ 5.12.1995, S.L19.
- 480 Gehlen, Moral und Hypermoral, S.112.
- 481 Maschke, St.Jürgen und der triumphierende Drache, S.134; Zitat in »...« Clemens Lang, Die Ideologie des Widerstandes, in: Deutsches Volkstum, Heft 1.12.1932, S.960.
- 482 Kondylis, Ohne Wahrheitsanspruch keine Toleranz, FAZ 21.12.1994.
- 483 Schmitt, Die Tyrannei der Werte, S.52.
Glossar zu Mut zur Freiheit
Bibliographische Angaben zu den zitierten Werken: Literaturverzeichnis