Aus: Klaus Kunze, Mut zur Freiheit (1998), S. 169–178

Wenn er außerhalb seiner Grenzen keinen Feind hätte,
so würde er ihn im Innern finden.
Dies scheint das unvermeidliche Schicksal
aller größeren Freistaaten zu sein.

Niccolò Machiavelli429

Die ideologischen Gezeiten

Der Liberalismus wird weltanschaulich totalitär. Wir brauchen eine Aufklärung, die uns über die erste und ihr mißratenes liberales Kind aufklärt und ins postideologische Zeitalter führt. Vorläufig herrscht die institutionalisierte Toleranz so intolerant wie jede hypertrophierte Moral, hinter der mit unermüdlichem Eifer das Richtschwert wandelt. Heute wird medial hingerichtet, nicht mehr körperlich. Die Stelle inquisitorischer Instrumente wie der kirchlichen Disziplin und der Exkommunikation nehmen heute der moralische Terror und der soziale Boykott ein. 430 Die besondere Gefährlichkeit des Parteienstaates beruht auf seiner ideologischen Homogenität und dem von Parteien über die Medien ausgeübten Gesinnungsdruck. Nach Kelsen möchte die liberale Demokratie gern "der Ausdruck eines politischen Relativismus und einer wunder- und dogmenbefreiten, auf den menschlichen Verstand und den Zweifel der Kritik gegründeten Wissenschaftlichkeit"431 sein. In einem säkularisierten, weltanschaulich neutralen Staat dürfte es liberaler Ansicht nach keine freiheitliche demokratische Staatsreligion geben. 432 Es gibt sie dennoch.

Die liberale Zivilreligion

Seinem Selbstbild und seiner aufklärerischen Eigenrechtfertigung nach soll der Liberalismus seinen Bürgern angeblich ein nie gekanntes Maß an Geistesfreiheit ermöglichen. Der demokratische Liberalismus sieht sich mit seiner Eigenrechtfertigung im entschiedenen Gegensatz zur "totalitären Diktatur", welche "die Rechtfertigung der richtigen Politik durch Rückgriff auf erste, wahre Prinzipien" will. Er möchte die "Dogmatisierung des politischen Irrtums" verhindern 433 und lehnt offiziell "eine positive, inhaltliche Normierung und Festschreibung des sozialen Lebens nach vorgefaßten [...] Postulaten" ab. Die liberale Selbsteinschätzung als kritisch, rationalistisch und aufgeklärt ist aber brüchig. Ihr Dilemma besteht darin, daß der Liberale gegenüber konkurrierenden Ideologen wehrlos dastünde, wenn er ihnen, getreu seiner Selbstrechtfertigung, nur liberal gegenübertreten und sich selbst kritisch-rationalistisch betrachten würde. Tatsächlich sieht er alle anderen Weltanschauungen mit kritisch-rationalistischen, aufgeklärten Augen, nur sich selbst nicht. "Dies fing in der Nachkriegszeit mit Poppers Theoremen an, die die Relativität menschlichen Wissens in dem Maße betonen, wie dies in der Polemik gegen die Totalitätsansprüche des Marxismus-Leninismus nötig erschien - wobei Motor der Polemik ein unerschütterliches Glaubensbekenntnis zu den westlichen Werten war."434

Wie jedes Herrschaftssystem würde der Liberalismus untergehen, wenn er die geistigen Grundlagen seiner Macht nicht mit Gesinnungsdruck verteidigen, würde, wo sie angegriffen werden. Die weltliche Macht über die Menschen behält man nur durch die spirituelle Kontrolle über ihren Glauben. Trotz liberal-aufklärerischer Attitüde muß auch der Liberalismus an sich selbst glauben, weil sich die liberale Ratio nicht mit sich selbst begründen kann. Darum muß er mit seinen eigenen Prämissen brechen und sich mit quasi-religiöser Inbrunst verteidigen, sobald er grundsätzlich in Frage gestellt wird. Diese Prämissen bilden heute mit humanitaristischen Moralforderungen ein Amalgam, eine zäh-klebrige Masse unreflektierter Versatzstücke aus dem Glauben an das Gute im Menschen, anti-staatlichen Affekten und anti-autoritären Ressentiments. Überdies ist der Liberalismus in Deutschland eine Liebesehe eingegangen mit dem Betroffenheitskult und einer Vergangenheitsbewältigung, deren moralisierende Imperative seiner senilen Leere eine neue Seele einbliesen.

Liberalismus und Sozialismus sind Kinder der Aufklärung. Deren Dilemma besteht darin, daß sie den Menschen von Vorurteilen und der auf ihnen beruhenden Herrschaft befreien wollte. Das kritische Hinterfragen von Wert-Vorurteilen geht aber Hand in Hand mit einer allgemeinen Relativierung, die am Ende das Befreiungspathos selbst verschlingen muß. So steht der Aufgeklärte schließlich vor der Frage, auf Grund welcher Werte er eigentlich aufgeklärt sein soll und wo er bei allem Aufgeklärtsein noch die Letztrechtfertigung für tugendhaftes Handeln herleiten soll. Der Zwiespalt der liberalen Spielart der Aufklärung besteht also darin, daß sie gern freiheitlich und pluralistisch sein möchte, "liberal" eben, so daß moralische oder religiöse Dogmen quer zu ihrer kritisch-rationalistischen Eigenrechtfertigung zu liegen scheinen; daß die Einlösung ihres Pluralismusversprechens aber zu ihrer faktischen Selbstaufgabe führen würde.

An dieser Wegscheide kann der aufgeklärte Liberale drei Wege einschlagen: Der logisch sauberste weist auf die Vollendung der Aufklärung im Nihilismus und führt alle Werte, einschließlich der eigenen, auf bloße Konvention zurück. Den zweiten hatte der bürgerliche Liberalismus eingeschlagen. Er bestand - typisch liberal - im Ausweichen vor der Entscheidung: Von seinen monarchischen, sozialistischen und anderen unreinen Geistern suchte man den Menschen zu befreien, bürdete ihm zugleich aber einen Sack liberaler Moralbegriffe auf. Der dritte Weg stand unter demokratischem Vorzeichen. Er hob die Aufklärung kurzerhand wieder auf, indem er seine Werte für heilig und ewig erklärte und sie damit zum Gegenstand religiöser Verehrung machte. Als zentraler Wertbegriff trat der Mensch an die Stelle Gottes, und zwar nicht irgendein wirklicher Einzelmensch oder viele bestimmte Einzelmenschen, sondern eine abstrakte Idee vom Wert des Menschen an sich.

"Weil diese zur Menschlichkeit vollendete Sittlichkeit mit der Religion, aus der sie geschichtlich hervorgegangen, sich völlig auseinandergesetzt hat," formulierte Stirner , "so hinderte sie nichts, auf eigene Hand Religion zu werden." Dazu komme es, wenn dem Menschen der Mensch das höchste Wesen sei: "Hat man da nicht wieder den Pfaffen? Wer ist sein Gott? Der Mensch? Was ist das Göttliche? Das Menschliche!" Am Ende des Zeitalters der Massendemokratie hat der Liberalismus seine politischen Gegner aus dem Feld geschlagen. Nachdem er keine Gegner mehr hat, sondern nur noch Untertanen, mußte er zu seiner Selbstbehauptung Religion werden. "Diese Religion soll jetzt" - 1844 - "zur allgemein üblichen erhoben [...] werden. Man kann sie die Staatsreligion, die Religion des 'freien Staates' nennen," für welche er "von jedem der Seinigen" zu "fordern nicht nur berechtigt, sondern genötigt ist." 435 Weil der Humanitarismus zur Religion geworden ist, gibt er sich nicht damit zufrieden, uns ein gesetzestreues Verhalten aufzuerlegen. Er versucht uns vorschreiben, wen wir lieben müssen und wen wir nicht hassen dürfen.

Parallel zu eben diesem humanitaristischen Moralkodex erhob ein wütender Fundamentalismus das Grundgesetz in den Rang einer heiligen Offenbarung. Der "liberal-konstitutionelle Verfassungs-Normativismus" folgte aus dem liberalen Gesetzesdenken des 19. Jahrhunderts, das die Herrschaft des rex durch die des lex ersetzen wollte. 436 "Von Erdenballast entlastet, kann der Verfassungspatriotismus," mit den Worten Isensees, "alle irdischen Unterscheidungen zwischen Völkern und Staaten hinter sich lassen, aufsteigen zur Höhe der reinen Normen und weiter zu den Ideen von diesen Normen." Tendenziell wachse die Neigung, "aus dem Grundgesetz, seiner Selbstbescheidung zum Trotz, ganzheitliche Programme für Kultur, Wirtschaft, Erziehung, Moral abzuleiten, seine demokratischen, sozialen und grundrechtlichen Normen religiös zu überhöhen und die Verfassung als säkulares Glaubensbekenntnis zu deuten."437 Es ist sinnlos, gegen diesen Brei aus inquisitorisch guter Gesinnung zu argumentieren. Fanatiker können allenfalls bekehrt, nie aber überzeugt werden. 438

Wie sich der real existierende Liberalismus aus dem ihm eigentlich verhaßten Arsenal seiner ideologischen Gegner bewaffnet, zeigt sich bereits in seinem äußeren Alltag. Die Hypertrophie seiner verabsolutierten Moral hat sakrale Formen angenommen. "Es gibt heute", sagte Pareto , "eine humanitäre Religion, die den Gedankenausdruck der Menschen reguliert, und wenn sich zufällig einer dem entzieht, dann erscheint er als Ungeheuer, wie jemand im Mittelalter als Ungeheuer erschienen wäre, der die Göttlichkeit Jesu geleugnet hätte."439 Politische Reden werden "wie ein moralisch-rhetorisches Hochamt begangen", in dem "die Liturgie vom guten Menschen zelebriert wird" 440 Nicht zufällig entfernt sich der deutsche Alltag seit einigen Jahren wieder von jener nüchternen Nachkriegszeit. Damals hatten die vom NS-System noch wirklich Betroffenen von Pathos und Aufmärschen, Fahnen, Schwüren, Hymnen und Fackelzügen die Nase voll. Die nachgeborenen Betroffenen ahmen in steigendem Maße wieder die äußeren Formen religiöser Kulthandlungen nach, wie sich auch bereits die Aufmärsche und Feierstunden der Nationalsozialisten und der Kommunisten bewußt der äußeren Formen religiöser Kulthandlungen bedient hatten. So ist es kein Zufall, wenn wir evangelische Pastoren an der Spitze von Lichterketten marschieren sehen. Diese gehören zur Familie der Fackelzüge und Bußprozessionen und gehen letztlich auf vorchristlich-archaische Kulthandlungen zurück. Es ist auch kein Zufall, wenn CDU-Strategen die "Stigmatisierung" politischer Gegner anstreben. In diesen Zusammenhang gehören die gebetsmühlenartig wiederholten Betroffenheitslitaneien ebenso wie der gesellschaftliche Bann für Ungläubige.

Jede Herrschaftsrechtfertigung ist eben in ihrem Kern Religion. "Alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Begriffe," denn jede große politische Frage birgt eine große theologische Frage in sich. 441 Daher ist jedes System nur im Kern seiner metaphysischen Letztrechtfertigung erfolgreich angreifbar. Diese wird es diese mit quasireligiöser Inbrunst verteidigen und dabei mit den Waffen der Ketzerverfolgung zurückschlagen müssen, oder es wird untergehen. Es genügt nicht, die Handlungen des Abweichlers zu verbieten. Auf Dauer läßt sich ein System nur verteidigen, wenn es alle Taten und die Gesinnung desjenigen verflucht, der es abschaffen will. Der Humanitarismus ist die Zivilreligion des Liberalismus. Der angeblich aufgeklärte, säkularisierte Deutsche des ausgehenden 20. Jahrhunderts entpuppte sich als ebenso anfällig für das Pathos der heute dominanten humanitaristischen Zivilreligion wie sein mittelalterlicher Vorfahre für die christliche Religion.

Jedes Zeitalter hat seine eigenen Mythen. Heute erfüllt der Glaube, daß alle Gewalt vom Volk komme, eine ähnliche Funktion wie früher der Glaube, alle obrigkeitliche Gewalt komme von Gott.442 Nun kann man das Volk an sich weder nach seinem Generalwillen fragen, noch kann es unmittelbar das Zepter ergreifen. Seine nominelle Herrschaftsmacht über den einzelnen können seine Gläubigen nur begründen, indem sie es als transzendente Wesenheit einstufen, und zwar als "höheres Wesen als ein Einzelner", und indem sie einen "gleich dem Menschen oder Menschengeiste in den Einzelnen spukenden Geist" orten: den Volksgeist. 443 Von seinen Gnaden regiert man heute, und so sprach Robert Michels 1911 treffend vom Gott der Demokratie.444 Zu den Dogmen der humanitaristischen Zivilreligion gehören neben der Souveränität des transzendent aufgefaßten Volkes ein metaphysisches Verständnis der Menschenrechte und ähnliche Gedankenkonstrukte. Sie werden von ihren Gläubigen mit derselben Wut verteidigt, über die Voltaire im März 1737 an Friedrich schrieb: "Alle Theologen aller Länder [sind] Leute, die von heiligen Schimären trunken sind, [und] ähneln jenen Kardinälen, die Galilei verdammten..." So zeigt sich heute der theologische Kern der humanitaristischen Menschenrechts- und Demokratietheorie, der alle Säkularisierungen überstanden hat. 445 Demokratie, Humanität und Betroffenheit werden heute nicht rational benutzt, sondern ideologisiert und wie eine säkularisierte Theologie gepredigt.

Mit welchen Begleiterscheinungen so etwas vonstatten zu gehen pflegt, hatte Friedrich der Große am 4.11.1736 an Voltaire formuliert: "Was die Theologen angeht, so scheint es, als ähnelten sie sich alle im allgemeinen, gleich welcher Religion oder Nation sie angehören; stets ist es ihr Bestreben, sich über die Gewissen eine despotische Autorität anzumaßen." 230 Jahre nachdem Friedrich das schrieb, folgte auf die skeptische Nachkriegsgeneration wieder eine theologisierende: Wo moralische Hypotheken und Schuldvorwürfe das Gewissen überlasteten, wurde sie das Gewissen, um Gewissen nicht mehr haben zu müssen; sie entkam dem Tribunal, indem sie es wurde. 446 Sie verteidigt ihr philiströses Moralin mit derselben Inbrunst wie die Gläubigen aller Zeiten ihre jeweiligen Götter. Friedrich hatte sie in einem Brief an Voltaire am 6.7.1737 so charakterisiert: "In Deutschland fehlt es nicht an abergläubischen Leuten, auch nicht an von Vorurteilen beherrschten und bösartigen Fanatikern, die umso unverbesserlicher sind, als ihnen ihre tumbe Unwissenheit den Gebrauch der Vernunft verbietet. Es steht fest, daß man im Dunstkreis solcher Untertanen vorsichtig sein muß. Selbst der ehrenhafteste Mensch ist verschrien, wenn er als Mann ohne Religion gilt. Religion ist der Fetisch der Völker. Wer auch immer mit profaner Hand an sie rührt, er zieht Haß und Abscheu auf sich."447

Wer einen Gott braucht, braucht auch einen Teufel. Wie die Hohepriester aller Religionen Sündenböcke suchen, benötigt der liberale Staat den seinen. Wer mit profaner Hand an die vergötterte Demokratie rührt oder sie gar anzweifelt, stößt sich selbst aus der Gemeinschaft der Guten so sicher aus wie jeder Ketzer in irgend einem Zeitalter. Wer das nicht glaubt, kann ja einmal öffentlich bekennen, kein Demokrat oder nicht betroffen zu sein, und warten, was dann passiert: Er zieht unweigerlich die soziale Reaktion des Mobbing auf sich: die Gruppenhatz. Ein rigider moralisierender Kollektivismus läßt ihn schnell erfahren, was das Wort Sündenbock eigentlich bedeutet und was es heute heißt, einer zu sein: Wie in allen Zeiten der Sündenbock rituell geschlachtet wurde, um symbolisch die Sünden der Gemeinschaft der Rechtgläubigen auf sich zu ziehen und jene zu erlösen, fühlt sich der moderne Betroffene gleich besser, wenn in einer Talkschau, der Mitternachtsmette der liberalen Diskursgesellschaft, mit gehörig betroffener Miene der Neonazi beschworen, verdammt und ausgetrieben wurde. Oh Herr, ich danke dir, daß ich nicht so scheußlich bin wie jener! In Sodom und Gomorrha soll es leider keinen Gerechten mehr gegeben haben. Im Liberalismus gibt es nur Gerechte: Pharisäer - Selbstgerechte - sagte man früher. - Die totale Moralisierung des öffentlichen Lebens nimmt uns ins Gebet, um uns nie wieder daraus zu entlassen. Sie gängelt uns mit angeblichen Sünden unserer Großväter und trichtert ihr Gegengift bis zum Erbrechen den Enkeln ein, ohne zu merken, daß ihr Patient schon lange tot ist. Der moralische Bewältigungsrausch sucht sich seine Opfer, und wo keine leibhaftigen Bösewichter mehr aufzutreiben sind, muß er seine Wut in sinnlosem Leerlauf an Unschuldigen abarbeiten.

So kommt es zu dem von Marquard als Übertribunalisierung bezeichneten Phänomen: Während der sündige Christ noch auf göttliche Gnade hoffen durfte, wird der säkularisierte Sünder zum "absoluten Angeklagten" vor einem moralischen "Dauertribunal, dessen Ankläger und Richter der Mensch selber ist" und "unter absoluten Rechtfertigungsdruck, unter absoluten Legitimationszwang gerät." Das hält nur ein Gemütsathlet oder Zyniker auf Dauer durch. Wer dagegen für moralische Vorwürfe empfindlich ist, weil er bei aller Skepsis sein moralisches Gesetz in sich fühlt, muß irgendwann - wie von ihm verlangt - in die Knie gehen oder mit Ekel und Abscheu den Moralkomplex insgesamt über Bord werfen. Der "totale Rechtfertigungsdruck" ist nach Marquard "menschlich unaushaltbar und unlebbar." Die absolute Moral läßt nicht mit sich verhandeln und antichambrieren. Sie ist insbesondere taub gegenüber einer Zahlenmystik, mit der mancher meint, metaphysisch begründete und darum eben doch kollektiv gemeinte Schuldvorwürfe herunterrechnen oder aufrechnen zu können. Ihrerseits mythische Zahlen kann man aber nicht mathematisch herunterrechnen. Die Moralinkröte können wir darum nur insgesamt schlucken oder ausspucken, denn selbst kleinste Häppchen wirken so giftig wie das ganze Biest. Die "Hypertrophie des Legitimationszwangs" läßt uns nur den "Ausbruch in die Unbelangbarkeit" der totalen Individualität:448 Dieser Rückzug vor der absoluten Moral auf uns selbst führt zum konsequenten Nominalismus und Dezisionismus. Dieser schafft sich seine eigene Moral neu und macht sich somit unangreifbar, oder er verläßt völlig das moralische Kampfgebiet, weil er auf ihm nicht siegen kann. "Unbelangbar" ist er auf jedem Gebiet seiner Wahl, wenn es nur moralisch neutral ist. "Es gehört zur Dialektik einer solchen Entwicklung, daß man gerade durch die Verlagerung des Zentralgebiets stets ein neues Kampfgebiet schafft." 449 Als Rückzugsfelder bieten sich an das Ästhetische450 , das in der Nachkriegszeit bevorzugte Ökonomische oder das Politische. -

Jede Theorie, welche die einfachen, aber unangenehmen Wahrheiten durchschaut und die kommunikativen Spinnweben zerreißt, "ohne dies mit der Verheißung der Emanzipation zu verkuppeln, wird von Habermas und seinen Anhängern nicht als hinzunehmende geistige Konkurrenz betrachtet, sondern als bösartiger Feind aufs äußerste bekämpft.[...] Der schwärzeste aller Teufel heißt im Zweifelsfalle: Carl Schmitt." 451 Der wußte schon 1932, "daß die Menschen im allgemeinen, wenigstens so lange es ihnen erträglich oder sogar gut geht, die Illusion einer ungefährdeten Ruhe lieben und 'Schwarzseher' nicht dulden. Den politischen Gegnern einer klaren politischen Theorie wird es deshalb nicht schwer, die klare Erkenntnis und Beschreibung politischer Phänomene und Wahrheiten im Namen irgendeines autonomen Sachgebiets als unmoralisch, unökonomisch, unwissenschaftlich und vor allem - denn darauf kommt es politisch an, als bekämpfenswerte Teufelei hors-la-loi zu erklären." 452 Die absolute Moral duldet neben sich kein autonomes, noch nicht moralindurchtränktes Sachgebiet. Alles nicht Moralische erklärt sie für "böse, ebenso dann, wenn es falsch, wie auch dann, wenn es" aus moralischer Sicht überflüssig oder gar kontraproduktiv ist. Denn was nicht für die moralische "Kritik ist, ist gegen die Kritik und also Sünde. So werden bei diesem bacchantischen Taumel, an dem kein Glied nicht trunken sein darf, gerade jene exkommuniziert, die nüchtern bleiben." 453

Der Liberalismus mußte zwangsläufig totalitär werden, sobald eine wachsende und nicht mehr ohne weiteres beherrschbare Zahl seiner Untertanen mit ihren Interessen in Konflikt zu den Interessen derjenigen kam, welche durch den liberalen Status quo bevorzugt werden. Die liberale Auffassung vom Staat als großem Betrieb führt zur Öffnung der Grenzen und zur Privatisierung wichtiger Lebensbereiche wie demjenigen der öffentlichen Sicherheit. Sie widerspricht aber den Bedürfnissen vieler Bürger. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Dem Pochen von immer mehr Bürgern auf gegen den Liberalismus gerichteten persönlichen und nationalen Interessen kann dieser nur noch damit begegnen, daß er es als ketzerisch brandmarkt, seine Abweichler stigmatisiert oder als Neonazis dämonisiert. Der Kultus der Staatsreligion Liberalismus mit seinen von Pastoren angeführten Lichterketten und Betroffenheitsriten, seinen Tabuzonen und Exorzismen wird sich allerdings nur halten können, wenn es dem Liberalismus gelingt, die Anzahl seiner Gegner rechtzeitig durch Masseneinwanderung in die Minderheit zu drängen und weiterhin sozial und politisch auszuschalten.

Gegenwärtig ist kein Ende in Sicht. Die Tabuwaffe und mit ihr die tabuisierten Ideologeme werden gnadenlos mißbraucht. Ilmar Tammelo stellte bedauernd fest, sogar ihre bloße Erwähnung rufe Feindseligkeit hervor.454 Eines der heikelsten Probleme sei das der ethnischen Unversehrtheit: "Tabuartige Haltungen sind verbunden sowohl mit der Forderung nach ethnischer Trennung als auch mit dem angeblich aus der Idee der Menschenwürde stammenden Gebot, daß diese Trennung zu verurteilen sei. So prallen hier antagonistische Tabus aufeinander. Für die Philosophie steht nicht von vornherein fest, welcher Forderung vom Gerechtigkeitsstandpunkt aus stattzugeben sei. Sowohl die Einheit als auch die Gliederung und Vielfalt der Menschen sind Werte." Nicht nur bei diesem Wertestreit entsteigen Götter ihren Gräbern, wenn man Werte transzendiert und mit Tabus umgibt. Weitere Tabus seien die bei der Sterbehilfe fragliche Heiligkeit des Menschenlebens und die Demokratie. Über diese, "die Gerechtigkeit zutiefst berührenden Probleme ist sehr schwer, ja gefährlich zu sprechen, weil man auf diese Weise auf zähe Vorurteile prallt."

Jede Herrschaftsideologie umgibt ihre Arcana mit Tabus. Deren Funktion besteht darin, den Beherrschten eine Ethik zu verordnen, unter deren Geltung nicht nur die Herrschenden weiter herrschen und die Beherrschten weiter beherrscht bleiben, sondern sich darüber hinaus des Beherrschtwerdens erfreuen und es als ethisch anstößig empfinden, überhaupt die Frage nach der Legitimation der Herrschaft aufzuwerfen oder gar gegen sie anzukämpfen. Dem juristischen Verbot des weiteren Kampfes um die Macht folgt das moralische: Der Unterlegene soll mit der Moral des Siegers dessen Status quo akzeptieren und eine Wiederaufnahme des Kampfes noch nicht einmal mehr denken dürfen. Der endgültigen Durchsetzung der etablierten Macht folgt die Moralisierung des Politischen. Dem Unterlegenen wird eingeredet, daß es moralisch böse und ethisch anstößig sei, um Macht zu kämpfen, ja daß es überhaupt keine existentielle Feindschaft gibt, die das Kämpfen lohnen würde. Das Friedlichkeitsgebot ist die Waffe des Siegers, und die Wiederaufnahme des Kampfes wird zum Gedankenverbrechen; schließlich zum Tabu. Dieses kann unter den Bedingungen des Medienstaates errichtet, durchgesetzt und instrumentalisiert werden.

Wie gezielt ein Altlinker die Tabuwaffe zu führen weiß, schildert Schrenck-Notzing: "Unbefangen schildert Adler, wie er dann an der FU in Berlin beim SDS lernte, die Waffe selbst zu verwenden: 'Ich konnte es genießen, wenn ich sah, wie ganz normale liberale Leute in einer Diskussion den Kürzeren zogen, wenn jemand das Wort faschistisch gebrauchte, evtl. verstärkt durch die Andeutung der KZs mit entsprechendem Tabu-Gesichtsausdruck, drohend ernst, Stirn in Falten, Augen ins Unendliche ... Wem dies noch zu abstrakt war, dem wurden die Gaskammern vor Augen geführt, womit jeder sehen konnte, wohin das führte, wenn man so dachte.' Das Wort Tabu-Gesichtsausdruck ist kein Zufall: Meinhard Adler ist in der Tat der Ansicht, daß es beim Bewältigungs-Ritus um ein methodisches Aufrichten von Tabus geht. Die 'angebliche Tabubefreiung in unserer Gesellschaft' ist für ihn bloße Rhetorik: 'Es hat lediglich eine Tabugebietsverschiebung stattgefunden. War es früher bei Ächtung verboten, die Kraft der Erektion und der Sinnlichkeit öffentlich nachzuempfinden, so ist es heute bei gleicher Ächtung verboten, die faszinative Kraft von Ordnung, Autorität und Kampf zu empfinden.' "455

Die innere Logik des Liberalismus vollendet sich, wo die Betroffenheit zum Geschäft wird und hauptberufliche Prediger des Bewältigungskultes ihre Pfründe daraus ziehen. Als die Moral in Person und darum moralisch unangreifbar sind sie in jedem öffentlich-rechtlichen Sender die heimlichen Herrscher, die Seele des Betriebs. Die geschicktesten Berufsbewältiger wie die einst als Edith Rohs geborene evangelische Berlinerin schlüpfen sogar durch Namensänderung in die Opferrolle, so daß sie als "Lea Rosh" NDR-Intendantin werden durfte. Während man im Dritten Reich Ahnenforschung zur Auffindung der arischen Großmutter betrieb, erklärte sie stolz: "Rosh ist mein Mädchenname. Richtig ist, daß ein Großelternteil jüdischen Glaubens war. Insofern mußte ich keine jüdische Identität annehmen."456 So erweist sich die liberale Zivilreligion als rundherum einträglich und nützlich, jedenfalls für ihre Diener: "Ohne Zweifel wird man die Religion für die beste halten, die ihre Diener am meisten mit Reichtum und Ehren überhäuft hat und die mit den wirksamsten Mitteln ausgestattet ist, ihre Schafe zu scheren und doch in Gehorsam zu halten." 457

Anmerkungen

  1. 429 Machiavelli, Discorsi, II. Buch, 19. Kapitel, S.226.
  2. 430 Carl Schmitt, Der Leviathan, S.65.
  3. 431 Kelsen, Arch.f.Soz.-W. 1920, S.84, zit. nach C.Schmitt, Politische Theologie, 1934, S.55.
  4. 432 Meier, Parteiverbote und demokratische Republik, S.416.
  5. 433 Dettling, Demokratisierung, S.21, 30.
  6. 434 Kondylis, Ohne Wahrheitsanspruch keine Toleranz, FAZ 21.12.1994.
  7. 435 Stirner, Der Einzige, S.61 f., 192 f.
  8. 436 Carl Schmitt, Über die drei Arten rechtswissenschaftlichen Denkens, S,10,15.
  9. 437 Jos. Isensee, Staatsrepräsentation und Verfassungspatriotismus, Criticón 1992,273.
  10. 438 Hoffer, Der Fanatiker, S.73.
  11. 439 Pareto, Cours de Soc. Gén. § 1172, 1, zit. nach Gehlen, Moral, S.82.
  12. 440 M.Jeismann, Ende des Hochamts, FAZ 28.5.1994, in Anspielung auf Richard von Weizsäckers Reden.
  13. 441 Donoso Cortés, Essay Kap.I; ihm folgend Schmitt, Politische Theologie, S.49.
  14. 442 Carl Schmitt, Die geistesgeschichtliche Lage, S.41.
  15. 443 Stirner, Der Einzige, S.45.
  16. 444 Michels, Soziologie des Parteiwesens, S.351.
  17. 445 Enzensberger, Aussichten auf den Bürgerkrieg, S.74.
  18. 446 Marquard, Abschied vom Prinzipiellen, S.12.
  19. 447 Nach Pleschinksi, Voltaire - Friedrich der Große, Aus dem Briefwechsel.
  20. 448 Marquard, Abschied..., Zitate in diesem Absatz dort S.49, 50, 53.
  21. 449 Carl Schmitt, Das Zeitalter der Neutralisierungen, in: Der Begriff des Politischen, S.79 ff. (89).
  22. 450 Marquard, Abschied vom Prinzipiellen, S.54.
  23. 451 Maschke, Sankt Jürgen und der triumphierende Drache, S.117.
  24. 452 Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, S.65.
  25. 453 Marquard, Abschied vom Prinzipiellen, S.34.
  26. 454 Tammelo, Zensur durch die Toten, S.77 f.
  27. 455 C.v.Schrenck-Notzing, Criticón 1991,207, nach Adler, Vergangenheitsbewältigung, S.23, 37; vgl. die Rezension des Verfassers in Junge Freiheit JF 44/95 v.3.11.1995, S.17.
  28. 456 Leserbrief an die FAZ vom 28.12.1996.
  29. 457 Pufendorf, De statu Imperii Germanici, S.261.