Aus: Klaus Kunze, Mut zur Freiheit (1998), S. 53–56
Normsetzung als Machtanspruch
Der individuelle Normgeltungsanspruch
Das persönliche Weltbild
Identität bildet jeder, indem er durch Welt-Anschauung eine Beziehung zwischen sich und der Umwelt herstellt, sich als mit der Umwelt nicht identisch bemerkt. So definiert er sich als individuelle Person. Diese Welt-Anschauung ist notwendig subjektiv, weil die Beziehung der Umwelt zu jedem einzelnen verschieden ist. Die Umwelt ist zwar objektiv immer als dieselbe vorhanden, doch sind der Betrachtungsstandpunkt und das betrachtende Subjekt verschieden. Erkenntnis ist die Reduktion von bisher Unbekanntem und Unerkanntem auf Bekanntes und Gekanntes, also schließlich die Einbeziehung der jeweils betreffenden Elemente in den vorhandenen weltbildlichen Rahmen. 116 Der konstitutive Akt der Weltanschauung ist es, aus der Fülle des Umgebenden das für die Definition der Identität Wesentliche herauszufiltern. So beruht alles, was wir überhaupt über unsere Umwelt wissen, auf den Erfahrungen des einzelnen Subjekts. 117
Die fertige Zuordnung und Wertung führt zu einer Welt-anschauung als komplexem Gedankengebäude. Sie ist eine Ideologie im weitesten Sinne. Sie ist notwendig individuell und subjektiv, weil keine zwei Menschen die Welt aus derselben Perspektive sehen. Ohne Aufbau eines festen Weltbildes, also Abgrenzung des Ichs von einer klassifizierten und gewerteten Umwelt, kann niemand sein Ich bilden. Die Individuation und das Festhalten an der Identität erfordern es, ständig ein festes Welt-Bild aufrecht zu erhalten. In diesem Weltbild werden dem um Selbsterhaltung kämpfenden Subjekt und den Phänomenen der Umwelt ihre festen Plätze angewiesen. 118 Das Individuum betrachtet sich subjektiv als Zentrum seiner Welt und bewertet von seinem scheinbar festen Standort aus die bewegte Umwelt unter steter Rückbeziehung auf sich selbst: Die Mutter bewegt sich nicht nur, sie bewegt sich weg; der Ball liegt nicht irgendwo, er liegt rechts von mir. Schon das Kind kann die erlebte Welt nur begreifen und verstehen, wenn es sie klassifiziert, durch umfassende Abstraktionsleistungen auf das eigene Ich bezieht und wertend interpretiert.
Hobbes hat diese Vorgänge unnachahmlich trocken und englisch nüchtern schon vor 300 Jahren durchschaut: Das entstehende feste Weltbild teilt die Personen und Phänomene in solche, die dem Subjekt nützen und ihm angenehm sind und solche, die ihm schaden und unangenehm sind. Erstere bezeichnet es als gut, letztere als böse.119 Konrad Lorenz wies auf den interessanten etymologischen Zusammenhang zwischen dem Begriff gut und dem substantivierten Adjektiv des Gutes, also des besessenen Eigentumes, hin.120 Jeder bestimmt das Gute nach seinen eigenen Zielen und Möglichkeiten. 121 Klassisch hat das Hobbes formuliert: "Aber was auch immer das Objekt des Triebes oder Verlangens eines Menschen ist: Dieses Objekt nennt er für seinen Teil gut, das Objekt seines Hasses und seiner Abneigung böse und das seiner Verachtung verächtlich und belanglos. Denn die Wörter gut, böse und verächtlich werden immer in Beziehung zu der Person gebraucht, die sie benützt, denn es gibt nichts, das schlechthin und an sich so ist. Es gibt keine allgemeine Regel für Gut und Böse, die aus dem Wesen der Objekte selbst entnommen werden kann."122 - "Mit diesen Sätzen war die herkömmliche theologische oder metaphysische Begründung von Moral aufgehoben. [...] Der Beginn der Neuzeit hatte [...] die Menschen auf sich selbst zurückgeworfen, von sich selbst her mußten sie ihre Welt in der Natur und Politik wieder aufbauen."123
Diese aufbauende Tätigkeit erst schafft kraft freier Entscheidung die verloren gegangenen Glaubensgewißheiten neu. Deutlich hat das Nietzsche ausgesprochen: Wer sie leistet, "fühlt sich als wertbestimmend." Diese Art Mensch "hat nicht nötig, sich gutheißen zu lassen; sie urteilt, 'was mir schädlich ist, das ist an sich schädlich', sie weiß sich als das, was überhaupt erst Ehre den Dingen verleiht, sie ist wertschaffend. Alles, was sie an sich kennt, ehrt sie: eine solche Moral ist Selbstverherrlichung" oder modern gesprochen: Selbstverwirklichung. So schafft er sich seine eigene Moral, sein eigenes sittliches Gesetz, seine Tugenden, seine Götter und Teufel: Nach dem Verlust der alten metaphysischen Glaubensgewißheiten geboten "die tiefsten Erhaltungsgesetze," daß jeder sich seine Tugend, seinen kategorischen Imperativ erfinde." 124 Er "trägt den Maßstab in sich," und das macht "den Stolz und die Trauer seines Lebens aus. [...] Die bitterste Verzweifelung beruht darin, sich nicht erfüllt zu haben, sich selbst nicht gewachsen gewesen zu sein." 125 Er will sich "nur selbst genügen": "Ich bin meine Gattung, bin ohne Norm, ohne Gesetz, ohne Muster."126 Hinter diese geistige Befreiungstat führt kein Weg mehr zurück. Für den Bereich philosophischer Reflexion ist der Verlust des Glaubens durch Aufklärung unwiederbringlich.
Wenn der junge Mensch sich ein zusammenhängendes Weltbild aufbaut und der ältere sein Weltbild gegen Zweifel verteidigt, bedient er sich der Methode des Attentismus. Diese besteht darin, daß er von der komplexen Wirklichkeit vor allem wahrnimmt, was in sein Weltbild paßt. Er hat seine auf sich selbst bezogenen Kategorien bereits verinnerlicht, mit denen er die Welt wertet. Was seine Ansichten ins Wanken bringt und ihn verunsichert, blendet er gern aus. "Schon Kinder tun das, wenn sie bei Angst mit beiden Händen Gesicht und Augen verdecken." 127 Jeder Mensch kommt mit stammesgeschichtlich ererbten Grundbedürfnissen zur Welt wie denen nach Sicherheit, Geborgenheit, freundlicher Zuwendung, aber auch denen nach Steigerung der eigenen Geltung, nach Macht und Einfluß. Andere Menschen entwickeln eher geistige oder spirituelle Bedürfnisse und sehnen sich nach Glaubensgewißheit, Seligkeit, Trost oder geordneter Lebensplanung. Wieder andere sind wahre Tugendbolde und verspüren eine überwältigende Neigung, dem Guten nachzueifern: Nur wenn sie nach der Pfadfinderregel jeden Tag etwas Gutes tun, fühlen sie sich glücklich. So hat jeder Mensch einen anderen, durch Grundbedürfnisse und andere Faktoren geprägten Persönlichkeitskern. Um diesen Kern herum baut er nun ein Weltbild auf, unter dessen Geltung er sein eigenes, bedürfnisorientiertes Verhalten rechtfertigt.
Das fertige Weltbild des Erwachsenen, sein Gut und Böse, seine Tugenden, seine Moral und seine Ideologie, der Gott, an den er glaubt: Alles das läßt einen Schluß auf seinen tiefsten Persönlichkeitskern zu: Nenne mir deinen Gott, und ich sage dir, wer du bist! Die Persönlichkeit ist immer zuerst vorhanden, und das Weltbild, die Ideologie oder Religion folgen hinterher, sie bauen sich um die Persönlichkeit herum, nie umgekehrt. Das ist der Grund für die attentistische Vorgehensweise, und hier liegen ihre Gefahren. Für die Abstützung eines bestimmten Weltbildes, das für eine konkrete Person und ihre Bedürfnisse taugen soll, eignet sich nicht jedes beliebige Ereignis und nicht jede beliebige Idee. Aus unserer immer komplizierter werdenden Umwelt vermag sich aber leicht jeder die Phänomene herauszusuchen, die er für seine subjektive Gewißheit benötigt, daß seine Weltsicht die richtige ist und daß er die Wahrheit kennt. Indessen vermag er bei notwendigerweise gezielt selektiver Wahrnehmung und bei Ausblendung störender Faktoren immer nur seine Wahrheit und seine Wirklichkeit wahrzunehmen. So übersahen seit der Antike die Streiter über die Frage, ob das Wesen des Menschen Vernunft oder Wille sei: Jeder fragte nach dem Wesen des abstrakten Menschen, antwortete aber aus der Tiefe seines Gefühls als individueller, konkreter Mensch zum Beispiel: Mein Verstand ist stärker als mein Wille, also ist das Wesen des Menschen der Verstand, oder umgekehrt.
Anmerkungen
- 116 Kondylis, Macht und Entscheidung, S. 19.
- 117 Lorenz, Die Rückseite des Spiegels, S. 10.
- 118 Kondylis, Macht und Entscheidung, S. 33.
- 119 Hobbes, Leviathan, I. Teil, 6. Kap., S. 50.
- 120 Lorenz, Der Abbau des Menschlichen, S. 124 f.
- 121 Cardano, Opera omnia, 1663, De summo bono = Opera I, 583 B., zit. nach Kondylis, Metaphysikkritik.
- 122 Hobbes, Leviathan, wie oben S. 50; Übersetzung nach Willms, Hobbes, S. 82.
- 123 Willms, Hobbes, S. 83.
- 124 Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Nr. 260 bzw. Der Antichrist, Kap. 11.
- 125 Jünger, Der Arbeiter, S. 37.
- 126 Stirner, Der Einzige, S. 200.
- 127 Eibl-Eibesfeldt, Der Mensch, das riskierte Wesen, S. 151.
Bibliographische Angaben zu den zitierten Werken: Literaturverzeichnis