Aus: Klaus Kunze, Mut zur Freiheit (1998), S. 66–69
Normsetzung als Machtanspruch
Der Fanatiker
Zuweilen identifiziert sich jemand mit seinen normativen Idealen so stark, daß er seine eigene Existenz mit ihrer Durchsetzung stehen und fallen sieht. Dann wird er zum Fanatiker und lebt nur noch für sein fanum, sein Heiliges. Mit fanaticus bezeichneten die Römer einen von schwärmerischer Raserei Ergriffenen. Vor allem persönlichkeitsschwache Menschen neigen dazu, ihre eigene innere Leere dadurch zu kompensieren, daß sie eine bestimmte fixe Idee zu ihrem alleinigen Lebensinhalt machen und ihr Weltbild nur noch auf die Durchsetzung dieser Idee stützen. Sie versetzen sie wie einen Fixstern in ein dazu erfundenes Jenseits und erhöhen subjektiv ihre eigene Bedeutung dadurch, daß sie als Streiter für das mit der Idee identifizierte Gute gegen irgendein Böses auftreten. Die „glühende Überzeugung“ von einer „heiligen Verpflichtung“ ist häufig der „rettende Strohhalm für das versinkende Ich.“165 Die überwertige fixe Idee wird schließlich zum Mittelpunkt der eigenen Existenz, für die und aus der allein der Fanatiker noch lebt.
Eine solche Persönlichkeitsstruktur bringt den Typus des fanatischen Parteigängers hervor. Seine Organisation ist ihm „Lebensinhalt und Mittelpunkt rastloser Tätigkeit für die revolutionären Ziele. Viele Mitglieder verschreiben sich der einmal als richtig erkannten Sache bis zur Selbstpreisgabe. Der Glaube an die Erkennbarkeit des »Wahren« und »Guten« bringt eine dualistische Weltsicht hervor, in der nur Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Freund und Feind ihren Platz haben.“166
Es ist also typisches Merkmal des normativistischen Fanatikers, daß er unfähig ist, seine Ideen gedanklich in Frage zu stellen. Er projiziert sein eigenes Selbst vollständig auf seinen Glaubensinhalt und ist sich des Mechanismus nicht bewußt, daß dessen Normen nichts als transzendierte Abbilder seines eigenen Ichs und seiner Wünsche, Ängste und Hoffnungen sind. Die „Quelle seiner Kraft liegt darin,“ sich als Vertreter „eines mächtigen, herrlichen unzerstörbaren Ganzen“ zu fühlen. Sein Glaube dient der „Identifikation, in dem das Individuum als Individuum zu bestehen aufhört und Teil eines Ewigen wird.“167 So bildet dem religiösen Menschen christlicher Prägung sein Gott den Zentralwert, auf den er sein Sein ausrichtet. Gegenüber der Hoffnung auf ein Aufgehen seiner Seele, also seines Ichs, im Paradies ordnete er alle anderen möglichen Werte unter. Das Paradies ist der jenseitige Raum, in dem sein Gott allumfassend anwesend ist. Zu den Werten untergeordneter Bedeutung zählt auch sein diesseitiges leibliches Leben. Das jenseitige Seelenheil hat in jedem Fall Vorrang. Im Lichte des idealen, paradiesischen Jenseits erscheint das Diesseits als unvollkommenes Abbild, als Jammertal und letztlich zu überwindendes Durchgangsstadium.
Das Ewige und Unzerstörbare, mit dem der Fanatiker eins werden möchte, ist häufig ein Kollektiv konkreter Menschen wie ein Volk oder ein gedachtes Kollektiv wie die Arbeiterklasse. Wer bescheidener ist, dem reicht im Zweifelsfall auch ein Fußballverein. In jedem Fall sucht ein solcher Fanatiker in einem Gemeinschaftserlebnis die kollektive Nestwärme, deren er bedarf, weil sein Selbstbewußtsein nicht erträgt, die Last des Lebens und der persönlichen Verantwortung allein zu tragen. Der Gegentypus zum Kollektivisten ist der Individualist. Während es diesem, mit Nietzsche gesprochen, in der Nähe zu vieler Menschen stinkt, bedarf jener geradezu des kollektiven Kuschelgefühls. Während sich ein Willensstarker wie Nietzsche einmalig und in seinen geistigen Möglichkeiten unbegrenzt fühlt, schwärmte Jung von der „Aufhebung von Einmaligkeit und Begrenztheit des Einzelwesens.“168 Motiv des kollektivistischen Fanatikers ist ein harmoniebedürftiges Gemeinschaftsfühlen, das die Gegensätze zwischenmenschlichen Ringens in einer kollektiven Überexistenz aufhebt und das schwache Individuum von der Verantwortung entlastet. Je nach Geschmack erfüllt aber nicht nur ein Massenaufmarsch mit Fahnenschwenken diesen Wunsch. Der einzelne kann sich auch dann mit der Gemeinschaft eins fühlen, wenn er sie in seiner Vorstellung in einen riesigen Diskutierclub freundlicher Mitbürger verwandelt, aus dessen allseitiger Verständigung eine kollektive Meinung hervorgeht, als deren Urheber sich jeder Teilnehmer fühlen darf.
Fanatiker können ganz verschiedene Werte verabsolutieren. In manchen Zeiten hatten Menschen bestimmten Standes ihr Dasein ganz auf ihre persönliche Ehre ausgerichtet: Ihr ordneten bekanntermaßen Offiziere den Wert ihres Lebens unter, wenn sie nach hoffnungslosen Spielschulden oder aus irgend einem anderen Anlaß Selbstmord begingen. Ein Anlaß für die Beendigung des eigenen Lebens besteht für jemanden, der eine solche Werthaltung einnimmt, immer dann, wenn die persönliche Ehre nur durch die Selbsttötung wieder hergestellt werden kann. „Ehre ist mehr als Leben,“ formulierte diese Werthaltung knapp E.J.Jung.169 Ist es nicht der Selbstmord, so doch die Inkaufnahme des eigenen Todes in einem waghalsigen Duell oder einer ähnlichen lebensgefährlichen Veranstaltung, wenn es unehrenhaft wäre, das Leben nicht zu wagen. Ebenso großzügig mit dem Leben anderer geht der gehörnte Ehemann um, der zur Wiederherstellung seiner Ehre wahlweise den Nebenbuhler oder die Ehefrau oder beide erschießt.
Das Leben als Wert steht auch für den überzeugten Pazifisten im Hintergrund. Wer dem Frieden als alleinigem Wert huldigt und diese Entscheidung auch tatsächlich bis zur letzten Konsequenz praktiziert, verteidigt sich und die Seinen nicht gegen gewalttätige Angriffe auf ihr Leben. Die Gretchenfrage nach dem zentralen Leitwert eines Menschen stellt sich spätestens immer im tragischen Konfliktsfall, wenn die Befolgung der aus einem Werte abgeleiteten Tugend die Befolgung der aus einem anderen Wert abgeleiteten Tugend unmöglich macht.
Der unbedingte, aus einem alleinigen Prinzip entwickelte Wahrheitsanspruch ist ein typisches Merkmal fanatischen Denkens. Er bezieht sich nicht auf das im täglichen Erleben faktisch Nachprüfbare, sondern auf dessen Interpretation im Lichte der selbstgesetzten Werte und Normen. Unter der Geltung einer einheitlichen Ideologie, also eines kohärenten, von einem Zentralwert ausgehenden Gedankengebäudes, ist Wahrheit jede Interpretation der Umwelt aus den Kategorien der eigenen Weltsicht. „Für 'die' Wahrheit“, spottet Kondylis, „kann man allerdings sterben - aber nur für die eigene, d.h. für jene, die sich mit der eigenen Identität deckt, so daß Verteidigung 'der' Wahrheit und Verteidigung der eigenen Identität letztlich zusammenfallen.“170 Weil der Angriff auf seine Wahrheit den Fanatiker existentiell trifft, kennt er in ihrer Verteidigung kein Pardon: „Wer sich selbst im Besitze unumstößlicher Wahrheiten wähnt, kann dem Andersdenkenden nicht mit Toleranz begegnen.“171 „»Es ist unmöglich,«“ zitiert Johann Braun aus dem 'Gesellschaftsvertrag' von Rousseau, „»mit Leuten, die man für verdammt hält, in Frieden zu leben.« Wo ein Teil der Bürger in einem Teil der anderen... nicht Rechtsgenossen, sondern Feinde erblickt, die den Lebensentwurf, den man für sich selbst hegt, gefährden,“ kann „existentielle Feindschaft auch auf dem Boden des Rechtsstaates jederzeit aufbrechen.“172
Daß ein anderer sich für andere Grundwerte entscheiden und die Welt ganz anders sehen könnte, ist dem fanatischen Ideologen unbegreiflich. Er erklärt das - nicht ohne Gruseln - zum „falschen Bewußtsein“173. Sein Unwerturteil über Andersdenkende fällt noch moderat aus, wenn er sein Normengebäude bloß weltlich als Ethik vertritt, dagegen unnachsichtig, wenn er es religiös überhöht und sich einbildet, seine Ideen seien göttlichen Ursprungs, und dieser Gott wache eifersüchtig über ihre Einhaltung. Im ersten Fall erscheint der Verstoß gegen die werthaltige Norm als bloße Untugend, im letzteren Fall als Sünde. Der Glaubende kann dann zum unbarmherzigen Vollstrecker der Gebote seines Gottes werden, und der Moralist zum Scharfrichter im Namen seiner Moral.
Anmerkungen
- 165 Eric Hoffer, Der Fanatiker, S. 19.
- 166 Backes/Jesse, Extremismus, S. 190.
- 167 Hoffer, Der Fanatiker, S. 55.
- 168 Edgar Julius Jung, Die Herrschaft der Minderwertigen, S. 29.
- 169 E. J. Jung, Herrschaft, S. 220.
- 170 Kondylis, Macht und Entscheidung, S. 87.
- 171 Backes/Jesse, Extremismus, S. 173.
- 172 Joh. Braun, „Recht und Moral im pluralistischen Staat“, JuS 1994, 727 (730).
- 173 Vgl. Artikel „Ideologie“, in: Georg Klaus/Manfred Buhr, Marxistisch-leninistisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 2, 1972 (1964), S. 546–548.
Glossar zu Mut zur Freiheit
Bibliographische Angaben zu den zitierten Werken: Literaturverzeichnis