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1615

Der Hauptmann vom
Nienoverer Fähnlein
1627 Winkelstoffel -
Der Robin Hood
des Sollings
1629 Der verzweifelte Abt
1699 Johann Diegel und die Diegel'schen Erben
1705 Das Totenbuch des
Pfarrers
1707 Hüte dich,
Bodenfelde!
1754 Die Totenklage des
Christian Friedrich
Fuchs
1757 Das Scharmützel auf
blutiger Heide
1761 Von der ehrbaren
Jungfrau zur
wollüstigen Witwe
1768 Und leise kam der Tod
1816 Der Todesschuß
vor dem Traualtar
1832 Der musikalische
Pfarrer
1837 Mutter von Nationen -
eine Bodenfelderin in
Amerika
1856 Gegensätzliche
Brüder:
Großindustrieller,
Sozialrevolutionär, Tierarzt
1904 Jacob Freudenthals
Aufklärung
1918 Das namenlose Grauen
1947 Der todkranke General

 

 

Ortssippenbuch Bodenfelde
 

Lebensbilder aus dem alten Weserbergland

von Klaus Kunze

Folge 11

1816: Der Todesschuß vor dem Traualtar

(auch erschienen in: Sollinger Heimatblätter 2/2013)

Der Tote in der Bodenfelder Kirche war zugleich der Todesschütze selbst und hat sein Geheimnis mit ins Grab genommen: Was hatte er vor? War er ein eifersüchtiger Nebenbuhler des Bräutigams und trachtete nach einem Mord? Es wäre nicht der erste und nicht der letzte im rauhen Bodenfelde gewesen.

Oder löste sich die Pistole unabsichtlich, wie das Kirchenbuch von Schönhagen behauptet? Es sei ein „unglücklicher Schuß aus einer nur mit Pulver geladenen Pistole“ gewesen, wird dort behauptet. Doch was wollte der junge Mann dann mit der Pistole bei der Trauung?

Doch erzählen wir die Geschichte lieber von ihrem Anfang an: Im Jahre 1816 waren die Franzosenherrschaft in Deutschland und der Befreiungskrieg gerade vorbei, aber ungezählte Opfer hatten die Feldzüge Napoleons gefordert. Viele junge Niedersachsen kamen in Rußlands Kälte unter seinen Fahnen um, [1] andere starben unter englischer Fahne im Kampfe um die Befreiung ihres Landes. [2] Die Daheimgebliebenen und die Kriegsheimkehrer waren gleichermaßen an Gewalt und Waffen gewöhnt.

Am 16. Juni 1816 führte der Glasschleifer Georg Heinrich Voß [3] von der nahegelegenen unteren Poliermühle seine Braut Louise Friderike Kelbel [4] zum Traualtar. Die Arbeiter der Spiegelglas-Manufaktur gingen teils nach Schönhagen zur Kirche, die der sogenannten unteren Polier aber nach Bodenfelde, weil ihre Häuser zu dieser Gemeinde gehörten. Die Glasmacher galten seit Jahrhunderten als Völkchen für sich und nicht gerade als sittenstrenge Tugendbolde. Anfang des 19. Jahrhunderts war die Epoche vorbei, in der sie in Waldglashütten nicht dauerhaft seßhaft waren. Ihr Weg führte sie über die Manufakturen des 18. Jahrhunderts bald in die sozialen Verhältnisse industrieller Fabrikarbeit.

Der Bräutigam führte seine Braut von Polier nach Bodenfelde zur Kirche. Damals stand noch die mittelalterliche Kirche, die man später zugunsten der heute dort stehenden abriß. Dem Brautpaar hatte sich ein 22jähriger Glasschleifer aus Amelith angeschlossen, Justus Sturm, verlor aber den Anschluß an den Hochzeitszug. Er war am 10.2.1794 geboren und Sohn des Spiegelschleifers Johann August Sturm und seiner Frau Hanna Dorothea Christina geborene Pelletier. Dieser Gang sollte sein letzter werden.

Die Trauung in der Bodenfelder Kirche fand nach hergebrachter Sitte statt:

Den 3. und 9. Junius sind hier proclamirt und den 16. copulirt der Glasschleifer Georg Heinrich Voß, ehelicher Sohn des Mühlenführers [5] zur Polier Heinrich Andreas Voß  und der Friderike Magdalene Leseberg und Louise Friderike Kelbel ehliche Tochter des Poliermeisters auf der Unteren Polier Michael Georg Kelbel und dessen verstorbener Ehefrau Dorothee geb. Drumann.

Die Brautleute hatten sich offenbar schon das Jawort gegeben, und vielleicht freute sich alles darauf, daß der Pfarrer fertig wurde und man an das Hochzeitsessen kam, als Justus Sturm die Kirche betrat. Was nun geschah, schildert der Pfarrer von Bodenfelde so:

Er hatte sich an ein Brautpaar von der untern [Polier] angeschlossen, kam jedoch später hier an und betrat die Kirche, als die Trauung beinahe vollendet war. Vor dem Schluß der Handlung geht das Pistol los, das er bei sich führte, ob mit Absicht oder aus Fahrlässigkeit, läßt sich nicht bestimmen, da er durch den Schuß an der Wade des linken Beines  so stark verletzt war, daß er sogleich in eine tiefe Ohnmacht sank, aus der er nur auf einige Augenblicke erwachte.

Die Blutung war sehr stark, wurde jedoch möglichst gestillt, und unterdessen nach dem Chirurgus in Uslar und dadurch er krankheitshalber nicht kommen konnte, nach dem in Oedelsheim geschickt, den man aber nicht zuhause traf. Durch die Blutung und ein nachmaliges von übermäßig genossenem Branntwein veranlaßtes Erbrechen war er außerordentlich geschwächt und starb abends gegen 8 Uhr, nachdem er 7 Stunden krank gewesen war.

Er hat ein Alter von 22 1/3 Jahren erreicht, wurde von hier nach der Polier gefahren und dort beerdigt.

 

Wie ihr Hochzeitsschmaus den Brautleuten und Gästen noch geschmeckt haben mag, kann man sich leicht denken.

Der Umgang mit herumliegenden Waffen war damals offenbar allgemein und unkontrolliert, was fünf Jahre später zu einem weiteren tödlichen Vorfall führte. In Amelith hatte Rosine geborene Fleißner ihrem Mann Georg Braunstein am 25.11.1811 einen Sohn geboren, war aber von ihrem Mann auf Nimmerwiedersehen verlassen worden. Ihr Sohn Johann Carl Joseph wurde 1825 in Bodenfelde konfirmiert.

Die Verlassene bekam 1820 und 1826 uneheliche Kinder von zwei verschiedenen Männern: am 21.1.1820 eine Tochter Johanne Melusine Caroline [6] und am 28.2.1826 eine Tochter Auguste Dorette Henriette Nanny Schaafs. [7]

Vater des ersten unehelichen Kindes 1820 war ein Ehemann, Matthias Dannenberg [8] , verheiratet mit Blümchen Rosengarten. [9] Aus der Ehe ging am 7.9.1821 ein Sohn Levy hervor, der später nach Amerika auswanderte. Die uneheliche Tochter aber wurde von ihrem Onkel, einem Jungen von 10 Jahren, erschossen:

Der von ihrem Ehemann verlassenen Rosine Braunstein geborene Fleißner unehliche Tochter Johanne Melusine Caroline, geboren den 21. Januar 1820, gestorben den 16. November [1821] abends 7 Uhr.

Auf Befehl des könglichen Amtes nach Göttingen auf die Anatomie gebracht, 1 Jahr 10 Monate alt, gestorben an einer Schußwunde. Ein Knabe von etwa 10 Jahren, der Sohn des Bruders der Mutter, spielte in Gegenwart der Mutter des Kindes an einem geladenen Gewehre, und schießt, ehe die Mutter ihm dasselbe entreißen kann, dem Kinde durch die Brust. Das Kind starb 4 Stunden nachher, ohne von dem herbeigeholten Wundarzt gerettet werden zu können.

 

Bei dem unglücklichen kleinen Schützen dürfte es sich um Johann Friedrich Wilhelm Fleißner gehandelt haben, geboren Amelith 27.10.1811 als Sohn des Musikanten Christoph Fleißner und der Wilhelmine Keck. Er heiratete 1839 in Eschershausen, blieb aber in Bodenfelde, zeugte selbst fünf Kinder und wurde als Musikant ein alter Mann. Aber seinen Todesschuß auf seine kleine Nichte wird er wohl nie vergessen haben.

 



[1] Beispielsweise der am 31.12.1790 in Bodenfelde geborene Otto Friedrich Schrader, der im Augustin-Hospital in Wilna als Chasseur der Westphälischen Chasseur-Garde starb (Walter Junge, Chronik des Fleckens Bodenfelde, Bodenfelde 1983, S.176).

[2] Mehrere Bodenfelde dienten in der Königlichen Deutschen Legion (KGL) unter ihrem angestammten König Georg III. von England und [dem von Napoleon aufgelösten Kurfürstentum] Hannover.

[3] Sohn von Heinrich Andreas Voß und Friderike Magdalene Leseberg, siehe Klaus Kunze, Glasmacher-Sippenbuch Werra-Weser-Bergland von der frühen Neuzeit bis zum Beginn der Industrialisierung um 1820, Uslar 2000, ISBN 978-3-93334-10-7 (1), Familie =Voß 1786= mit weiteren nachweisen.

[4] Tochter von Georg Michael Kelbel und Dorothea Drumann, siehe Glasmacher-Sippenbuch a.a.O. Familie =Kelbel 1780=.

[5] Führer einer Poliermühle in der Spiegelfabrik.

[6] Kirchenbuch Bodenfelde: „Von der Mutter ist der Jude Matthias Dannenberg hierselbst als Vater des Kindes angegeben.“

[7] Vater war Carl Schaafs *Bodenfelde 9.3.1795 Sohn von Carl Friedrich Schaafs und Dorothea Charlotte Hüdepoll, 1826 Unterförster in Münden, Oberode 16.5.1837 als gehender Förster, Heirat in Uslar 28.12.1826 Juliane Philippine Alberti.

[8] Matthias Dannenberg Sohn von Isaak Bär, später Dannenberg, aus Bodenfelde.

[9] Blümchen Rosengarten *Guxhagen 3.4.1782, Bodenfelde 26.3.1861.