Heimatkundlicher
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1615

Der Hauptmann vom
Nienoverer Fähnlein
1627 Winkelstoffel -
Der Robin Hood
des Sollings
1629 Der verzweifelte Abt
1699 Johann Diegel und die Diegel'schen Erben
1705 Das Totenbuch des
Pfarrers
1707 Hüte dich,
Bodenfelde!
1754 Die Totenklage des
Christian Friedrich
Fuchs
1757 Das Scharmützel auf
blutiger Heide
1761 Von der ehrbaren
Jungfrau zur
wollüstigen Witwe
1768 Und leise kam der Tod
1816 Der Todesschuß
vor dem Traualtar
1832 Der musikalische
Pfarrer
1837 Mutter von Nationen -
eine Bodenfelderin in
Amerika
1856 Gegensätzliche
Brüder:
Großindustrieller,
Sozialrevolutionär, Tierarzt
1904 Jacob Freudenthals
Aufklärung
1918 Das namenlose Grauen
1947 Der todkranke General

 

 

 

Lebensbilder aus dem alten Weserbergland

von Klaus Kunze

Folge 17

1947: Der todkranke General

Unsere Geschichte – die Bodenfelder Geschichte! – beginnt erst, wo die übliche Geschichtsschreibung endet. Und doch gewinnt sie ihre Pointe nur aus ihrer Vorgeschichte, denn ein todkranker Kriegsheimkehrer war nach dem Kriege keine seltene Erscheinung.

Aber ein in die Kriegsgeschichte, ja in die Weltgeschichte eingegangener General? In Bodenfelde gab es den 1947-1953: Es war der Bruder des Generalfeldmarschalls Keitel, General der Infanterie Bodewin Keitel.


Bodewin Keitel 1888-1953

Die Weltgeschichte und die des 2. Weltkrieges wollen und können wir hier nicht noch einmal schreiben. Sie haben mit Bodenfelde, dem Schauplatz unseres Interesses, noch nicht direkt zu tun. Aber gar nicht weit von hier, auch im heutigen Landkreis Northeim, gibt es ein Dorf Helmscherode. Es gehört zu Bad Gandersheim. Hier wurden der 1882 Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel und 1888 sein kleiner Bruder Bodewin geboren [1] , schließlich auch 1902 eine Halbschwester Annemarie. [2] Und diese Schwester heiratete Georg Dempewolf [3] , der viele Jahre lang den Götzenhof in Bodenfelde gepachtet hatte.

Bodewin Keitels 1946 in Bodenfelde getaufter Enkelsohn Vollrad Kutscher überliefert die Familienerinnerung, Bodewin habe eine ganz andere Kindheit gehabt und Sozialisation erfahren als sein großer Bruder. Daß bei Bodewins Geburt die Mutter starb, habe der ihm nie verziehen. Bodewin sei bei Verwandten sehr christlich geprägt aufgewachsen und bis zuletzt christlich-konservativ eingestellt gewesen. Als Chef des Heeres-Personalwesens habe er sich strikt verweigert, Unfähige bloß wegen Ihrer NsDAP-Zugehörigkeit zu befördern. Das hätte ihn fast den Kopf gekostet, hätte sein großer Bruder nicht die „Abschiebung“ nach Danzig statt eines erzwungenen Selbstmordes wie im Falle Rommels erreicht.

Über den Lebenslauf des zuletzt Bodenfelder Bodewin Keitel, berichtet uns die Weltgeschichte:

1910 Leutnant in Goslar,

1917 Zugführer im Jäger-Bataillon10,

1917 Hauptmann,

6.11.1918 Kommandeur des III. Bataillons des Infanterie-Regiments Nr. 32,

1928 Major,

1932 Oberstleutnant,

1.10.1934 Oberst und Chef des Generalstabes des IX. Armeekorps.

28.2.1938 Generalmajor und bis 1.10.1942 Chef des Heerespersonalamts,

1941 General der Infanterie,

1.3.1943 stellvertretender Kommandierer General des XX. Armeekorps und Befehlshaber im Wehrkreis XX in Danzig,

3.5.1945 in US-Gefangenschaft,

17.4.1947 entlassen.

Abkommandiert vom Heerespersonalamt 1943 nach Danzig wurde Bodewin Keitel, weil er bei seinem Führer in Ungnade gefallen war. Gegenstand der Weltgeschichte wurde er dort in einer Nebenrolle: Am Tag des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 befand er sich als Chef des Wehrkreiskommandos XX – Danzig - auf einer Inspektionsreise. Er war Vorgesetzter des Oberstleutnants im Generalstab Hasso von Böhmer, einem Mitverschwörer der Gruppe um Henning von Tresckow. Als Keitels 1. Offizier nahm von Böhmer die aus Berlin einlaufenden Fernschreiben der Verschwörer entgegen. Als Bodewin Keitel über den Rundfunk von dem gescheiterten Anschlag erfuhr, kehrte er sofort nach Danzig zurück. [4]

Am 3. Mai 1945 geriet Bodewin in Kriegsgefangenschaft. Dort erkrankte er schwer an der Parkinsonschen Krankheit, die im englischen Lazarett nicht mehr behandelt werden konnte. Im April 1947 wurde er nach Göttingen ins Krankenhaus verlegt und schließlich von dort auf freien Fuß gesetzt.

Er zog zu seiner Schwester Annemarie nach Bodenfelde. Wohnraum war wegen der vielen Flüchtlinge äußerst knapp, und man lebte auf engstem Raum. So lebte er völlig zurückgezogen auf dem Götzenhof, benannt nach der Eigentümerfamilie Götz von Olenhusen. Mit den Bodenfelder Leuten suchte er keinen Kontakt. Dazu war er wegen der fortschreitenden Erkrankung kaum in der Lage.

Sein Enkel Vollrad Kutscher erinnert sich, wie er bei ihm und seiner Oma oft in Bodenfelde zu Besuch war und die Blätter aufhob, die dem Großvater wegen der zitternden Hände vom Schreibtisch rutschten: Er schrieb seine Memoiren, allerdings nur über seine Zeit in Helmscherode.

Bald konnte er wegen teilweiser Körperlähmung auch nicht mehr sprechen. Meistens saß er in seinem Zimmer still am Fenster und schaute hinaus. Seine Frau führte ihn manchmal auf dem sogenannten Schwarzen Weg spazieren.

Dahin hatte ihn nun sein Lebensweg geführt: Von der Pike auf hatte er das Soldatenhandwerk gelernt. Seine Karriere hatte ihn vom preußischen Leutnant geradewegs durch die Feuer zweier Weltkriege an den Gipfelpunkt jeder Soldatenlaufbahn gebracht: dem Rang des kommandierenden Generals. Was folgte, waren jahrelange Internierung, Entlassung als Todkranker und – Endstation Bodenfelde.

Sie waren eine schweigsame Generation, jene Kriegsheimkehrer. Was in dem auf den Tod kranken Manne vorgegangen ist, können wir nur erschließen, denn er sprach nicht mehr. Viele, die hätten sprechen können, sprachen auch nicht. So verhalten sich Menschen, deren bisherige Lebensgewißheiten bis in den tiefsten Kern erschüttert sind.

Sie waren es auch für Bodewins Sohn [5] Hans Joachim Keitel, [6] der damals gleichfalls in Bodenfelde wohnte. Seine Tochter Sigrid, damals Schülerin in Bodenfelde, empfand den durch die Parkinsonsche Krankheit gelähmten, starren Blick ihres Großvaters Bodewin als angsteinflößend. Erst Jahre später vermochte ihr Vater Hans Joachim, auch Kriegsteilnehmer, ihr zu vermitteln, was er wie auch sein Vater Bodewin nach dem Zusammenbruch empfunden hatten. Aufgewachsen in einer Welt der militärischen Disziplin und des Gehorsams, aber auch der persönlichen Opferbereitschaft und der Ehre überstieg es ihr Fassungsvermögen und ihr Empfinden, was im Zuge des Nürnberger Prozesses über deutsche Verbrechen in Zeitungen und Wochenschauen berichtet wurde.

Man war fassungslos und konnte sich das nicht vorstellen. Von einer systematischen Ermordung von Juden in Lagern, erzählte Hans Joachim seiner Tochter Sigrid, hätte er nichts gewußt und hätte auch sein Vater Bodewin nichts gewußt. Es solle einen Führerbefehl gegeben haben, daß jeder nur wissen solle, was er zur unmittelbaren Ausführung seines Befehls wissen mußte. Solche Taten jedenfalls hätten niemals seine oder seines Vaters Bodewins Zustimmung gefunden. Ein Attentat wie am 20. Juli 1944 hätte man auf Hitler schon viel früher verüben müssen. [7] – Wahrscheinlich gibt dies auch die Gedankenwelt Bodewins wieder, der ja – anders als sein großer Bruder Wilhelm – eben kein glühender Verehrer Hitlers war.

So endete die glanzvolle Soldatenkarriere mit der vollständigen körperlichen und wohl auch moralischen Zerrüttung:

Infolge seiner Erkrankung wurde ein Krankenhaus in Göttingen am 29. Juli 1953 Bodewin Keitels Sterbeort. Im Kirchenbuch von Bodenfelde findet sich an diesem Tage kein Eintrag.

   


[1] Geboren am 25.12.1888 Sohn von Carl Keitel und (1.∞) Apollonia Vissering.

[2] Bodewin Keitels Mutter starb 1888 am Kindbettfieber. 1900 heiratete sein Vater die junge Hauslehrerin Anna Grégoire (*1874). Aus dieser Ehe ging am 26.2.1902 in Helmscherode Annemarie Keitel hervor, Halbschwester von Bodewin.

[3] Georg Paul Cornelius Dempewolf, * Süderneuland 12.6.1896 S.v. Hermann Georg Ludwig D. und Auguste Jensen, ∞ Helmscherode 5.9.1937 Annemarie Keitel *ebenda 26.7.1902 Tochter von Carl K. seiner zweiten Ehefrau (∞ 6.5.1900), der Hauslehrerin Anne Grégoire. *1874, Aurich 15.1.1968

[4] Von Böhmer wurde am 20.7.1944 verhaftet und am 5.3.1945 zum Tode verurteilt und hingerichtet.

[5] Bodewin hatte auch zwei Töchter: 1. Ingeborg *27.9.1919 (Sie lebte heute, 2012, in Wiesbaden.), ∞Berlin 1.10.1941 Christoph Kutscher, Pfarrer (1953-1956 Fürstenhagen, 1975-1979 in Windhuk) und (1956-1973) Oberst im Generalstab der Bundeswehr, Wiesbaden 2004, 2. Oda *Braunschweig 16.12.1924, ∞Erich Adolf Grün (Künstler in Hannover).

[6] Hans Joachim Keitel *Braunschweig 5.11.1917, † Hannover-Isernhagen 3.8.2004, ∞Berlin 31.1.1942 Ingeborg Fürbringer [*Hamburg 10.1.1921 T.v. Konteradmiral Werner F., Major und Oberst der Reserve der Bundeswehr] Industrievertreter.

[7] Alle Angaben nach Sigrid v.d.D. geborene Keitel, der ich für das Gespräch danke.