Klaus Kunze: 1918 Das namenlose Grauen

Heimatkundlicher
Verlag

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Buchausgabe

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1615

Der Hauptmann vom
Nienoverer Fähnlein
1627 Winkelstoffel -
Der Robin Hood
des Sollings
1629 Der verzweifelte Abt
1699 Johann Diegel und die Diegel'schen Erben
1705 Das Totenbuch des
Pfarrers
1707 Hüte dich,
Bodenfelde!
1754 Die Totenklage des
Christian Friedrich
Fuchs
1757 Das Scharmützel auf
blutiger Heide
1761 Von der ehrbaren
Jungfrau zur
wollüstigen Witwe
1768 Und leise kam der Tod
1816 Der Todesschuß
vor dem Traualtar
1832 Der musikalische
Pfarrer
1837 Mutter von Nationen -
eine Bodenfelderin in
Amerika
1856 Gegensätzliche
Brüder:
Großindustrieller,
Sozialrevolutionär, Tierarzt
1904 Jacob Freudenthals
Aufklärung
1918 Das namenlose Grauen
1947 Der todkranke General
1953 Der entenzüchtende Reichstagsabgeordnete

 

 

 

 

Lebensbilder aus dem alten Bodenfelde

von Klaus Kunze

Folge 16

1918 Das namenlose Grauen

(auch erschienen in: Sollinger Heimatblätter 1 und 2/2014)

So viel ist geschrieben worden über den ersten Weltkrieg. Schilderungen und Reflexionen des Kriegsgeschehens füllen ganze Bibliotheken. Und doch ist dieser gewaltige Krieg mit seinem unermeßlichen Leid für jede Familie heute, hundert Jahre nach seinem Beginn, aus dem historischen Bewußtsein des Volks verschwunden. Seine Erinnerung wurde verdrängt durch den späteren, den 2. Weltkrieg.

Die Generation der Kriegsteilnehmer des ersten Weltkrieges ist ausgestorben, als 1998 einer ihrer Überlebenden, der letzte Träger des Ordens Pour le Merite, der Dichter Ernst Jünger, als über 100jähriger starb. Aber in Schubladen alter Häuser und Winkeln verstaubter Dachböden liegen in Kisten und Kästen vergilbte Überreste alter Erinnerungen, letzte Zeugnisse der 2 Millionen gefallenen deutschen Soldaten, manchmal auch der heimgekehrten.

Einer, der heimkehrte, war der am 29.7.1893 in Bodenfelde geborene und dort 1974 gestorbene Arbeiter Albert Quast. Sein Enkel Volker fand die Foto-Erinnerungen seines Opas lange nach dessen Tod. Wir können den früheren Weltkriegs-Soldaten nicht mehr fragen. Dennoch sagen uns seine Bilder viel. Sie sprechen für sich und markieren seinen Weg über die Schlachtfelder einer versunkenen Epoche.

Daß die Fotos  uns nicht die Namen seiner Kameraden nennen, mag sinnbildlich für die unzähligen namenlosen Toten stehen, die in den Materialschlachten der Westfront zerrieben worden sind.

Albert Quast war historisch kein wichtiger Mann. Aber er steht hier exemplarisch für ein normales Soldatenschicksal eines Arbeiters aus Bodenfelde im Weserbergland. Sein Lebensweg war typisch für seine Generation. Er stammte aus einer Arbeiterfamilie und blieb sein Lebelang Arbeiter. Weit entfernt war er von höheren Reflexionen über den Sinn von  Politik und Weltgeschichte. Auch nach dem Krieg hat er sich darüber nicht geäußert, außer vielleicht am Stammtisch, aber davon wissen wir nichts.

Als viertes von sechs Kindern war Albert Quast Sohn des Handarbeiters Karl Quast und seiner Ehefrau Auguste Johanne Sophie geborene Kumpart. [1] Wahrscheinlich sahen die Eltern alle drei Söhne in den Krieg ziehen, auch Eduard Quast, geboren 1888, und August Quast, geboren 1897. Alle drei kehrten in die Heimat zurück.

Albert Quast erlebte und überlebte den ganzen 1. Weltkrieg, die Ostfront, die Westfront, sogar "Hölle von Verdun". Schon vor 1914 war er in Hildesheim "bei den Soldaten", wie er später erzählte. Seine Einheit war nach Kriegsbeginn das Reserve-Infanterie-Regiment 259. Dessen Poststempel steht auf jeder der geschriebenen Postkarten. Die älteste trägt noch keinen Regimentsstempel und ist handschriftlich datiert auf Januar 1917, die gestempelten vom 8. und 25. April 1918, 2., 15. und 22. Mai 1918, 15.6.1918.

Das RIR 259 war am 16.12.1914 aus den Feldinfanterie-Bataillonen 49, 50 (beide Hannover) und 51 (Hameln / Hildesheim) zusammengestellt worden. Im Januar 1917 lag es im Osten. Es bildete mit den Regimentern 258 und 260 die bis zum 7. September 1918 bestehende 78. Reserve-Infanterie-Division. Für Januar 1917 verzeichnet deren Kriegstagebuch Stellungskämpfe vor Dünaburg in Lettland. Seit April ließen die Gefechtslage und Forderungen Lenins nach Beendigung des Krieges eine Verlegung deutscher Truppen in den Westen zu.

Ein deutsches Infanterie-Regiment bestand normalerweise aus drei Bataillonen zu je vier Kompanien, pro Regiment also zwölf Kompanien. Die Aufrüstung der Jahre 1912-1913 brachte für nahezu alle Regimenter die Aufstellung einer 13. (Maschinengewehr-) Kompanie. Eine Infanteriekompanie hatte regulär fünf Offiziere und 159 Unteroffiziere und Mannschaften.

Albert Quast war Unteroffizier in der 3. MGK. Solche Maschinengewehr-Kompanien bestanden aus drei Zügen, die jeweils über zwei Maschinengewehre verfügten, seit Anfang 1918 über zwölf. Seit 1917 wurde das MG 08/15 verwendet, dessen Bezeichnung sprichwörtlich wurde. Etatmäßig hatte jede MG-Kompanie vier berittene Offiziere, einen berittenen Feldwebel und einen berittenen Unteroffizier. Dieser Unteroffizier war Albert Quast.

Das älteste persönliche Foto Alberts stammt von Januar 1917 und zeigt ihn in einem Pferdeschlitten. Das Foto muß in Lettland entstanden sein, wobei wir unterstellen, daß Albert Quast schon im Januar 1917 im selben Regiment diente wie später. Es war bis Mitte April 1917 in Stellungskämpfen vor Dünaburg in Lettland eingesetzt. Anfang 1917 muß Albert auch Heimaturlaub gehabt und seinen am 9.9.1917 geborenen Sohn Albert gezeugt haben.

Albert Quast nutzte die Kampfpause auch zum Heiraten: Mitten im Kriege, am 13.5.1917, heiratete Albert Quast mit Johanne Becker aus Bodenfelde. [3] Dann  zog er als junger Ehemann wieder in den Krieg, und nicht zuletzt als als junger Vater.

Am 21.12.1913 hatte seine Frau nämlich schon eine voreheliche Tochter Erna von ihm geboren, und am 9.9.1917, vier Monate nach der Trauung, kam der Sohn zur Welt. Auch nach dem Krieg wurden noch zwei Kinder geboren:


1. Minna Erna Emma *21.12.1913
2. Albert Heinrich Karl *9.9.1917, † 13.8.1960 als Ehemann
3. August Karl Wilhelm *25.5.1920, † Uslar 10.7.2008
4. Karl Erich Eduard *30.6.1924, † 1.1.2007, Friseur.

Am 12. November 1917 schrieb Albert eine Postkarte an seine Schwägerin Minna Kunoth. Das Foto zeigt ihn mit einem Kameraden und muß in Lothringen entstanden sein, wo das Regiment in Stellung lag. Beide tragen auf der Brust die schwarz-weiß-schwarz-weiß-schwarze Bandschnalle des Eisernen Kreuzes II.Klasse.

Am 14. April 1917 war die 78.Res.-Inf.-Division an die Westfront verlegt worden. Ihre Einsatzorte waren in der Zeit Albert Quasts:

18.4.1917 - 10.5.1917: Stellungskampf im Oberelsaß

12.5.1917 - 27.5.1917: Doppelschlacht an der Aisne und in der Champagne

28.5.1917 - 8.8.1917: Stellungskämpfe am Chemin des Dames

1.6.1917: Erstürmung der 1. französischen Stellung westlich Allemant

4.6.1917: Erstürmung der französischen Stellung westlich Allemant

20.6.1917: Erstürmung der 1. französischen Stellung südöstlich Vauxaillon

8.8.1917 - 14.10.1917: Stellungskämpfe vor Verdun

12.8.1917 - 9.10.1917: Abwehrschlacht bei Verdun

15.10.1917 - 17.12.1917: Stellungskämpfe in Lothringen

17.12.1917 - 29.05.1918: Stellungskämpfe bei Richecourt, Seicheprey und Flirey

1918

20.4.1918: Erstürmung von Seicheprey und des Remières-Waldes

28.5.1918 - 13.6.1918: Schlacht bei Soissons und Reims

28.5.1918 - 1.6.1918: Verfolgungskämpfe zwischen Oise und Aisne und über die Vesle bis zur Marne

30.5.1918 - 13.6.1918: Angriffskämpfe westlich und südwestlich von Soissons

14.6.1918 - 4.7.1918: Stellungskämpfe zwischen Oise, Aisne und Marne

5.7.1918 - 17.7.1918: Stellungskämpfe zwischen Aisne und Marne

18.7.1918 - 25.7.1918: Abwehrschlacht zwischen Soissons und Reims

26.7.1918 - 3.8.1918: Die bewegliche Abwehrschlacht zwischen Marne und Vesle

4.8.1918 - 9.8.1918: Stellungskämpfe an der Vesle

 

Mit diesem Vorwissen können wir die Gruppenfotos auch örtlich zuordnen.

Im April und Mai 1918 hat Quasts Regiment an der Westfront an historischen Kämpfen teilgenommen und sich tapfer geschlagen. Am 22. Mai 1918 schrieb er an seine Frau in der Hafenstraße 92 in Bodenfelde:

Liebe Frau! Sende schönen Gruß, bin noch munter, hoffe auch gleiches von Dir. Bei mir ist es tüchtig warm. Sonst alles beim alten. Nun auf Wiedersehn! Herzlichen Gruß sendet Dein Albert

Die Vorderseite dieser Postkarte zeigt das Denkmal des Infanterie-Regiments von Voigt-Rhetz aus dem Kriege 1870 (3. Hannoversches Regiment Nr.79). Dieses stand in der Gegend, in der Quast 1918 eingesetzt war. Es wurde an ruhigeren Tagen gern von Soldaten der umliegenden Stellung besucht. Mit der Hand setzte Albert Quast in Kürzeln hinzu, daß die Karte vom Unteroffizier Quast der 3. Maschinengewehr-Kompanie 259 stammte.

Daß er sich für „noch munter“ erklärte und seine Frau beruhigte, war wohl kein Zufall. Das Regiment hatte schwere Kämpfe gegen ausgeruhte und zahlenmäßig überlegene amerikanische Truppen bestanden.

Am 20. April 1918 war aus den Reihen der 11. Kompanie des Regiments 259 in Seicheprey (Wöevre-Ebene) neben vielen anderen auch der Unteroffizier Heinrich Freise in Seicheprey gefallen. [4] Es war der Tag der denkwürdigen „Operation Kirschblüte“, einem deutschen Gegenangriff und Stoßtruppunternehmen gegen die vorrückenden Amerikaner der 26. US-Division, Spitzname "Yankee Division". Ihre 4 Regimenter waren zahlenmäßig weit überlegen, frische, ausgeruhte Truppen aus Connecticut  mit hervorragender Ausrüstung.

Seicheprey zählte 1918 150-200 Einwohner und nur wenige Dutzend Häuser. Vor dem 20. April 1918 hatten ein Paar Häuser noch gestanden, danach keines mehr. [6]

Wir wollen hier weder die Regimentsgeschichte noch gar die Kriegsgeschichte nacherzählen. Aber wir sollten einen unmittelbaren Eindruck des Geschehens gewinnen, den ein Kamerad Albert Quasts aufgezeichnet hat:

Der Schriftsteller Paul Coelestin Ettighoffer [8] aus Colmar, damals 22 Jahre alt und Leutnant im RIR 258, war ebenso dabei wie Albert Quast und schildert uns den frühen Morgen des 20. April 1918: [9]

"Um Mitternacht wird in Pannes angetreten. Hoch segelt der Vollmond am Himmel, dünn und schneidend kalt ist die Luft. Der steile Berg Montsec steht wie ein gewaltiges Denkmal im Gelände. Über die mondhellen Wiesen und zerschossenen Gehöfte um Essey und Saint-Baussant erreichen wir um halb zwei in der Frühe die Reserveunterstände bei Lahayville, am Ufer des Rupt-de-Mad-Baches. Man reicht uns Tee mit Rum, doppelte, nein dreifache Portionen, halb Tee, halb Rum, alles glühend heiß. Donnerwetter, man merkt, wo das Zeug hinrinnt.

Kein Schuß. Nichts regt sich. Die Front schläft. Die unheimliche, sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Ruhig zieht der Mond seine Bahn. Keine Leuchtkugel zerreißt den Frieden dieser herrlichen Vollmondnacht. Die Sterne hängen wie dicke leuchtende Tropfen am samtschwarzen Horizont. Die Luft in den Unterständen ist dick und heiß. Kerzen und Hindenburglichter glimmen rasch herunter, haben nur dünne Flämmchen, erlöschen.

Unsere Leute sitzen auf dem Boden, auf den Bänken, an den Tischen und rauchen. Hin und wieder zischt ein Streichholz, flackert und beleuchtet ein stoppelreiches Soldatengesicht. Dann ist es wieder dunkel. In den Ecken und auf den Pritschen beginnen sie schon zu schnarchen."

Um drei Uhr früh beginnt heftiges deutsches Artilleriefeuer von 22 Feldkanonen-Batterien, 28 leichten Feldhaubitzen-Batterien, 13 schweren Feldhaubitzen-Batterien, 12 schweren, 36 mittleren und 60 leichten Minenwerfern. Um halb sieben gibt eine Leuchtrakete das Zeichen zum Sturmangriff. Ettighoffer erinnert sich weiter:

"Rechts und links hat der Bodennebel die anderen Stoßtrupps verschluckt. Unser einziger Richtungsanzeiger ist das Toben und Krachen in der feindlichen Stellung. […] Tauchen zwei zerzauste Gebüsche aus dem Dunst, das Alpha und das Betawäldchen. Unsere Richtung stimmt. Zwi­schen den beiden Wäldchen fällt unser Stoßtrupp in die feindliche Linie. […]

Aber nun hat man uns entdeckt und ein Maschinengewehr schüttelt von irgendwoher seine Geschoßgarbe herüber. Sie werden in den Gräben lebendig. […] Handgranaten fliegen uns entgegen. Ein hartnäckiger erbitterter Widerstand, wie ihn keine der zermürbten Truppen der Franzosen oder Engländer zu leisten vermochte, hemmt unser Vordringen. Wir nehmen zuerst volle Deckung, um die Lage zu überblicken. Vor uns liegt ein starker Unterstand, dem ständig neue Verteidiger entströmen. Es sieht bös aus für uns.

Endlich hat Kientz seinen Plan gefaßt. Teilt uns in drei Gruppen ein und von drei Seiten gleichzeitig dringen vor gegen die Unterstände. Unteroffizier Roos erhält dabei einen Kopfschuß und ist sofort tot. Der Feind weicht und zieht kämpfend von Schulterwehr zu Schulterwehr. Nur Tote und Schwerverwundete läßt er zurück, alles große, sehnige Gestalten in wundervollen Uniformen, an den Füßen langschäftige Gummistiefel […]"

Von guter Ausrüstung konnten die deutschen Soldaten nur träumen. Sie hatten wenig zu essen, aber Kampferfahrung, im Gegensatz zu den wohlgenährten Amerikanern. Einem alten Soldatenspruch zufolge gibt es „ohne Mampf kein’ Kampf.“ Die deutsche Verpflegung ließ zu wünschen übrig. Da sprang dem Soldaten Ettighoffer natürlich die amerikanische ins Auge:

"Bis zur nächsten Unterstandsgruppe ziehen sich die Amerikaner zurück. Wir folgen und waten durch knietiefen Schlamm, kommen an Konservenbüchsen, Wolldecken und allerlei Beutestücken vorbei, aber vorläufig können wir nichts anrühren. Jetzt kommt der Hauptwiderstand
."

Und nach Eroberung der feindlichen Stellungen entdeckte man in einem Seitengraben „die feindliche Feldküche. Nein, es sollte den Yankees nicht zugemutet werden, tagsüber auf warmes Essen zu verzichten. Deshalb hat die Küche einen Benzinofen. Doch was tun wir schließlich mit einem Benzinofen? Viel wichtiger und willkommener sind die Vorräte ringsum. Der amerikanische Küchenbulle ist auf und davon und ist seinen Reis mit Curry, sein Fleisch mit weißer Soße und seinen Griesmehlpudding nicht mehr losgeworden. Das heißt, nicht bei seinen Leuten, doch wir erbarmen uns der leckeren Kost. Es schmeckt wie bei einer Hochzeit.“

Nachträglich lobte die US-Seite den Mut der eigenen Soldaten, verbunden mit der nüchternen Feststellung, die deutschen Truppen seien die "bestausgebildeten Truppen in Europa" gewesen. [11]

Nach Erinnerung des amerikanischen Regimentsfeldwebels des 102ten US-Infanterie-Regiments, Fred A. Tyrell, klang das Gefecht über eine Meile zum Hauptquartier des US-Regiments "wie die Hölle". [12] Nach schweren Kämpfen resümiert der Augenzeuge Ettighoffer:

"Bewacht von unseren Leichtverwundeten, werden die Gefangenen zurückgebracht. Ihre Maschinengewehre müssen sie mitnehmen. Wir aber dringen weiter vor. […] Wir glauben schon alle Leute aus dem Stollen zu haben, da gibt es plötzlich ein Rennen und Hasten und einige Yankees durch einen kleinen unbewachten Seitengraben aus dem Unterstand, Richtung Beaumont. Wer den Laufgraben erreicht, ist gerettet. Doch glückt es nur wenigen. Fast alle erfaßt das rasche Feuer unsere Gewehre. […]

Alle Unterstände sind erobert und bis zur vierten Linie ist die ganze Stellung in unserer Hand. Nur 185 unverwundete Amerikaner haben sich ergeben. Die andern haben bis zum Tod gekämpft, mit ei­ner Verbissenheit, die wir nie erwartet hätten. Kompanieweise sind die Besatzungen der dritten und vierten Linie in rückwärtige Aufnahmestellungen geflohen. Der starke Bodennebel, die Gasschwaden und der Pulverqualm platzender Geschosse verschleierten ihren raschen Rückzug.  In fast 5 Kilometer Breite haben wir 600 Mann eine frische, bis zu den Zähnen bewaffnete Infanterie-Division aus den Angeln gehoben und sind 1000 Meter tief in ihre Stellungen eingedrungen, ja wir haben die eroberten Linien bis zum Abend gehalten und sind mit geringen Verlusten wieder in unsere Ausgangslinien zurückgekehrt. […]

Und das im vierten Kriegsjahr. Und das trotz des Hungers, der Läuse, der stillen Verachtung durch Etappenschweine, und trotz der Krankheiten, der ausgemergelten Körper, der verschlissenen Uniform, der Verbandpäckchen aus Papier, der dünnen "Drahtverhau-Brühe", des Eichelkaffees, der Papierhemden, der Übermacht und der wachsenden Trostlosigkeit. Trotz Tod und Teufel! Wir die ausgepumpten Soldaten von 1918!"

Und in der Regimentsgeschichte des RIR 259 erinnert sich der Autor Günther von Bornstedt an die Amerikaner:

"Der Amerikaner ist persönlich äußerst tapfer und wehrt sich verzweifelt bis zum letzten Augenblick mit Pistole, Messer und Handgranate, also im Nahkampf ein gefährlicher und im Anwenden von Listen gewandter und skrupelloser Gegner. Ein großer Teil unserer Verluste ist durch plötzliches Feuer aus Verstecken heraus, von Hochständen usw. entstanden. Viele Unterstände, die sich nicht ergeben wollten, mußten von den Stoßtrupps, denen die Kampfweise von früheren Unternehmungen bekannt war, gesprengt worden. Es ist einwandfrei festgestellt, daß die Amerikaner Verwundete, die ihnen vorübergehend in die Hände gefallen waren, auf die gemeinste Weise getötet haben. (Es folgen viele Beispiele dieser Grausamkeiten). ...Diesem Gegner ist nur durch rücksichtsloses Draufgehen und schnelles Handeln beizukommen. Die eigenen Sturmtrupps erzielten Erfolge nur im Nahkampf Mann gegen Mann."

Die amerikanische Seite verzeichnete etwa 650 Tote oder Verwundete, die deutsche 100 Gefallene. [13] Das Stoßtruppunternehmen war nicht darauf angelegt, die amerikanschen Stellungen dauerhaft einzunehmen. Die Deutschen zogen sich mit den gefangener Amerikanern sofort wieder befehlsgemäß zurück und bezogen Stellungen im sogenannten Sibille-Schützengräben nördlich von Seicheprey. Dort wehrten sie mit Maschinengewehrfeuer amerikanische Gegenstöße ab. [14] Auch dabei dürfte Albert Quast als Unteroffizier der 3. MG-Kompanie eingesetzt gewesen sein. Die amerikanische Seite reklamierte für sich, elf deutsche Maschinengewehre erbeutet und einen Deutschen gefangengeommen  zu haben. Sie gab nur den Verlust eines MG und fünf unbrauchbar gewordene zu. [15]

Dauerhafte neue Verteidigungsstellungen wurden im Wald von Remières organisiert. Am 21. April 1918 meldete die deutsche Oberste Heeresleitung:

US-Publizistik nahm 1918 in Anspruch,
in Seicheprey Hunnen gestoppt zu haben.
 

"Großes Hauptquartier, 21. April. Westlicher Kriegsschauplatz:
Zwischen Maas und Mosel griffen niedersächsische Bataillone Amerikaner in ihren Stellungen bei Seicheprey an. Sie erstürmten den Ort und stießen bis zu 2 Kilometer Tiefe in die feindlichen Linien vor. Schwächere Gegenstoße des Feindes wurden abgewiesen, stärkere Angriffsversuche durch Niederhalten im Anmarsch und in der Bereitstellung erkannter Truppen vereitelt. In der Nacht wurden unsere Sturmtruppen nach Zerstörung der feindlichen Anlagen in ihre Ausgangslinien zurückgenommen. Die blutigen Verluste der Amerikaner sind außerordentlich. 183 Amerikaner, darunter 5 Offiziere, wurden gefangen, 25 Maschinengewehre erbeutet"
.

Die Amerikaner waren erst Ende 1917 mit 170000 Mann in Frankreich gelandet. Seicheprey war einer ihrer ersten Zusammenstöße mit deutschen Fronttruppen und endete mit einem taktischen deutschen Sieg. Die Früchte des Stoßtruppunternehmens dauerhaft zu erhalten, fehlte dem Deutschen Reich 1918 bereits die Kraft.

Die Presse der USA feierte den Tag allerdings mit Überschriften wie "Amerikas erster Sieg in Frankreich" [16] und "Als Connecticut die Hunnen stoppte". [17] Jahrzehnte später wurde dort erst eingeräumt, daß die Realität anders aussah [18] und die deutschen Truppen den USA "eine blutige Nase verpaßt" haben. [19]

Am 25.4.1918 schrieb Albert Quast, wie immer mit denselben gelassenen Formulierungen, an seine Frau, daß alles beim alten sei. Auf allen Fotos strahlt er Gleichmut, Freundlichkeit und Ruhe aus.

Viele Soldaten führte ein Spaziergang zum Denkmal für die gefallenen 79er von 1870/71 bei Vionville. Hier erstand auch Albert Quast eine Postkarte als Andenken und schickte sie am 22. Mai 1918 nach Hause. Diese Karte hat Albert Quast mit Poststempel vom 15.5.1918 an seine Frau geschickt. „Wir liegen in Ruhe“, schreibt er, wünscht frohe Pfingsten und schönen Gruß an Vater und Mama.

Die von Franzosen auf ihrem Rückzug gesprengte Brücke bei Bouillonville ist unverkennbar. Offenbar hat das Regiment in Bouillonville Quartier gehabt, wo auch das Foto vom Regimentsappell am 20.4.1918 entstanden ist. Bouillonville liegt nur knapp 11 Kilometer nord-nordöstlich von Seicheprey und 40 Kilometer südwestlich von Metz. Auf seinem deutschen Soldatenfriedhof liegen heute 1368 Gefallene.

Zwischen Mai und Juli 1918 nahm das Regiment teil an der letzten deutschen Offensive, die es aus dem Raum Soissons bis 100 km vor Paris führte, bis sie im alliierten Gegenangriff zusammenbrach.

Am 15.6.1918 schrieb Albert eine Postkarte aus Villers-Cotterets: Er sei noch munter. Dort hatten am 8.Juni Teile der 47. französischen Division nach stärkster Artillerievorbereitung die Stellung der deutschen Division westlich Dammard bis südöstlich Chezy angegriffen. Es war dem Gegner gelungen, die vordere deutsche Linie auf dem linken Flügel etwas zurückzudrängen. Gegenstöße und ein nach kurzer Artillerievorbereitung vorgetragener Gegenangriff hinderten die Franzosen an einem Durchbruch.

Die Regimentsgeschichte besagt: Seit dem 1. Juli 1918 lag das Regiment ununterbrochen in Stellung. Während dieser Zeit war es nur in Erdlöchern oder unter freiem Himmel untergebracht. An Ruhe hat es den Leuten während der ganzen Zeit wegen Mangel an Platz, Fliegergefahr usw. vollkommen gefehlt. Oft waren sie gezwungen, nach harter Nacht den ganzen Tag in sitzender Stellung zu verharren. Zur Körperpflege fehlte jede Gelegenheit, so daß starke Verlausung eintrat. Die Verpflegung konnte während der Stellungszeit nicht als ausreichend bezeichnet werden; denn das Essen war infolge der langen Anmarschwege bis zur Ausgabe kalt geworden. Ausreichenden Schlaf und Ruhe haben die Leute infolge des außerordentlich anstrengenden Wachdienstes und der dauernden Aufregung nicht gehabt. Besonders seit der Einteilung der Stellung in Zonen, sind die Leute durch die fast täglichen Stellungsveränderungen nicht zur Ruhe gekommen. Seit dem 18.7. schliefen sie fast gar nicht mehr. Besonders durch die Rückzugskämpfe am 19.7. und das seitdem immer erneute Hin- und Herschieben und Einsätzen an schwierigen Stellen sind die Nerven und Kräfte der Leute fast gänzlich verbraucht.

Das RI-Regiment 259 hatte 1914 eine Stärke von rund 2300 Mann und in den vier Kriegsjahren 2050 Gefallene. Ein unbegreifliches Wunder, dieses Grauen vier Jahre lang zu überleben! - Nach dem ersten Weltkrieg arbeitete Albert als Arbeiter im Steinbruch bei Karlshafen, später in der Käserei in Bodenfelde. Die Familie wohnte in der Blumenstraße.
Wir wissen nicht viel davon, was Albert Quast später über seine Kriegsjahre dachte. Kaisertreu blieb er jedenfalls bis zu seinem Tode. Sein Sohn Erich war Friseur und mußte ihm zweimal wöchentlich den Schnurrbart herrichten. "Wir haben keinen feindlichen Soldaten auf deutschen Boden gelassen," erzählte er seinen Enkeln, "aber die, die nach uns kamen, haben alles in Grund und Boden gerissen."

 

 

 

 

 

 

 

 

   

Postkarte vom 12.11.1917 an Minna Kunoth [2] , Albert Quast links im Bild

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Andenken im Januar 1917“ schrieb Albert Quast auf die Rückseite des Fotos,
das in Lettland entstanden sein muß.





Postkarte vom 12.11.1917 an Minna Kunoth, Albert Quast links im Bild
[Minna Kunoth geb. Becker *12.1.1887, †  Uslar 12.4.1956, oo 25.5.1913 mit Wilhelm Kunoth,
Schwägerin Albert Quasts (ältere Schwester der Ehefrau Johanne). Die Postkarte trägt die Worte "Schönen Gruß von 12.11.17-
Schönen Gruß Schw[a]g[er] Albert 8390
" und den Stempel des Fotografen "Zschoche  Co - Semi-Emaille-Schmuck".]


Postkarte vom 22. Mai 1918

Aus dem Nachlaß Albert Quasts, Rückseitentext: d. 8.4.1918
Ein Andenken an meinen Stand von 8.3.1918 von Gasangriff von den Amerikaner. -

Quast erblindete davon auf einem Auge.

 

   

Postkarte vom 25.4.1918, Albert Quast vorne als 2. von rechts.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Liebe Johanne, Sende schönen Gruß aus dem fernen Westen und ein kleines Andenken.
Hier ist sonst alles beim Alten. Nun auf Wiedersehn! Herzlichen Gruß sendet dein Albert

 

  Operation Kirschblüte: Am 20.4.1918 stießen 600 Mann in 10 Stoßtrupps
unter Führung des RIR 259 gegen Amerikaner bei Seicheprey vor.

 

In der eroberten Stellung der Amerikaner bei Seicheprey [5]  

 

 

"Schwere Niederlage der Amerikaner bei Seicheprey am 18. Juni 1918." [10]

 

  Bis unter die Zähne bewaffnet: die 3. Maschinengewehrkompanie des RIR 259, 88 Mann, Postkarte Albert Quasts vom 1.5.1918

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieselbe Postkarte vom 1.5.1918, Bildausschnitt, Albert Quast links oben mit Stahlhelm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Postkarte vom 15.5.1918 („Wir liegen in Ruhe“) –
Albert Quast steht in der 3. Reihe als zweiter von rechts.

 

 

 

 

Postkarte vom 22.5.1918 mit Handschrift Abert Quasts (Ausschnitt) „… bin noch munter“  

 

 

 

 

 

 

 

Aus dem Nachlaß Albert Quasts, Rückseitentext: Liebe Johanne, Sende schönen Gruß. Diese gefangenen Amerikaner sind vom 20.4.
Wurden von unserem Rgt. bei Seicheprey eingebracht.
Sonst gehts mir noch gut, hoffe auch gleiches von Dir. Viele Grüße sendet Dein Albert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Regimentsappell des RIR 259 in Bouillonville nach dem großen Unternehmen bei Seicheprey am 20.4.1918 [7]

 

Gesprengte Brücke bei Bouillonville, links deutscher Soldatenfriedhof, (aufklappbare Andenkenkarte aus dem Nachlaß Albert Quasts mit Handschrift „Andenken an die Stellung Triaukourt 1918“)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   


[2] Minna Kunoth geb. Becker *12.1.1887, †  Uslar 12.4.1956, Heirat 2 5.5.1913 mit Wilhelm Kunoth, Schwägerin Albert Quasts (ältere Schwester der Ehefrau Johanne). Die Postkarte trägt die Worte "Schönen Gruß von 12.11.17- Schönen Gruß Schw[a]g[er] Albert 8390" und den Stempel des Fotografen "Zschoche  Co - Semi-Emaille-Schmuck".

[3] Johanne Becker, *Bodenfelde 23.8.1895, Tochter des Bäckers (Spitzname Sandbecker) Heinrich Becker und Ehefrau Melusine Meyer (K.Kunze, Ortssippenbuch Bodenfelde, Familie =204=), †Bodenfelde 16.1.1971.

[5] Aus: Günter von Bornstedt, Reserve-Infanterie-Regiment Nr.259, Erinnerungsblätter Preußen Bd.175, Oldenburg 1926, Stalling.

[7] Aus: Günter von Bornstedt, Reserve-Infanterie-Regiment Nr.259, Erinnerungsblätter Preußen Bd.175, Oldenburg 1926, Stalling.

[9] Paul Coelestin Ettighoffer, Gespenster am Toten Mann, Verlag C . Bertelsmann, 1931, Kapitel „Landsknechte gegen Sportsleute", S. 272 ff. Das Buch war in einer Gesamtauflage von 249000 Exemplaren verkauft worden (Schneider, Die Wiederkehr der Kriege in der Literatur, in: Osnabrücker Jahrbuch Frieden und Wissenschaft 2005, Göttingen 2005, S.204, ISBN 3-89971-233-1) und wird hier anhand der Ausgabe von 1937 zitiert.

[10] So die Original-Bildunterschrift aus: Der Krieg in Wort und Bild, Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Nr.197. Es handelte sich am 18.6.1918 um ein ganz ähnliches Unternehmen wie das vom 20. April 1918, dazu der Heeresbericht vom 20.6.1918: "Zwischen Maas und Mosel drangen eigene Sturmtruppen tief in die amerikanischen Stellungen bei Seicheprey ein und fügten dem Feinde schwere Verluste zu."

[11] ''This was an instance of American dash and courage against the best-trained troops in Europe,'' sagte Prof. Willard M. Wallace von der Wesleyan University in Middletown , zit. nach Eric Pace, A fierce battle for local heroes, New York Times 21.4.1985.

[12] "He recalled that from his post at the regimental headquarters a mile south of Seicheprey, the battle ''sounded like hell." Zit. nach Eric Pace, A fierce battle for local heroes, New York Times 21.4.1985.

[14] Augustin F. Maher, am angegebenen Ort.

[15] Augustin F. Maher, am angegebenen Ort.

[17] Augustin F. Maher, am angegebenen Ort, nach Schilderungen von General Clarence R. Edwards, Kommandeur der 26ten US -Division, und Major John A. Hyatt.

     
© Klaus Kunze 15.1.2014