„Ich funktioniere bloß noch!“, klagte die junge Mutter. „Ich muß auch erst mal wieder zu mir selbst finden,“ antwortete ihre Freundin. „Alle zerren sie an mir, jeder in eine andere Richtung.“

Wie diese beiden fühlen sich viele Menschen zerrieben zwischen den Anforderungen von Familie, Beruf und einem Freizeit- und Urlaubrest, in dem sie sich vielleicht noch der Zeittaktung von Bahn und Flugzeug aussetzen. Ein Empfinden menschlicher Überforderung nimmt überhand. Es schlägt sich in Burn-out-Syndromen oder Depressionen nieder. Menschen besuchen „Selbstfindungskurse“ oder erhoffen sich Trost in esoterischer Weltflucht.

Diesen persönlichen Empfindungen entsprechen Beobachtungen dessen, was als gesellschaftlich erwünschtes Verhalten gilt. Jeder muß die ihm gestellten Anforderungen penibel erfüllen, weil das Ganze sonst nicht mehr funktioniert. Verschläft ein Lokführer, kommen die morgendlichen Pendlern zu spät zur Arbeit. Chaos bricht aus. Die auf Effizienz getrimmte industrielle Massengesellschaft funktioniert nur mit funktionierenden Menschen.

In ihrer Funktionslogik nimmt sie Menschen nicht mehr als Individuen wahr, sondern nur in ihrer jeweiligen Funktion. Wir funktionieren für sie, in dem wir bestimmte, für das Ganze unentbehrliche funktionale Tätigkeiten verrichten. Wir produzieren Güter und verbrauchen sie. Wir reproduzieren uns – oder auch nicht – und eignen uns das für unsere spätere Funktion nötige Wissen an. Am Ende werden wir als unproduktiv in einem „Friedwald“ entsorgt oder verbrannt.

Die industrielle Massengesellschaft benötigt für ihr Funktionieren keine individuellen Personen. Sie benötigt nur Funktionierende: Produzierende, Verbrauchende, Reisende und vielerlei Dienste Leistende. Sie löst die einzelnen Persönlichkeiten in funktionable Einzelaspekte auf. Wer sich sein Lebtag stolz als Schreinermeister sah und sich zur Ruhe setzte, findet sich nur noch wieder als Autofahrer, Patient oder Verbraucher.

Proklamation der Gleichheit?
A. Paul Weber stand Menschenmassen skeptisch gegenüber.

Das bürgerliche Selbstbild vergangener Zeiten hatte jeden Menschen in seiner Individualität gewürdigt. Stolz blicken uns auf verblichenen alten Fotos Persönlichkeiten an, die verkörperten, was sie im tiefsten Innern waren: Lehrer, Professoren, Studenten, Offiziere, Kaufleute. Sie fühlten sich zu etwas berufen und machten es zu ihrem Beruf. Dieser verlieh ihnen einen Status. Jeder Beruf hatte sein spezielles Berufsethos. Selbst der Gauner hatte seine Gaunerehre. Sie gehörte vielleicht untrennbar zu seiner Identität als Gauner. Als unverwechselbare Charaktere hätte man solche Persönlichkeiten nicht einfach irgendwo anders im Getriebe der Massengesellschaft „funktionieren lassen“ können. Das hätte nicht funktioniert.

Die rein funktionale Vorstellung von Menschen vernachlässigt ihre persönliche Identität. Es gibt immer weniger die Identität dauerhaft prägende Berufe, sondern vornehmlich Jobs, verstanden als beliebige Erfüllung irgendeiner Funktion, die ein anderer ebensogut erfüllen könnte. Der Student als prägende Gestalt einer vergangenen Epoche mutierte zum Studierenden. Dieser „ist“ nicht mehr Student, er „ist“ eigentlich gar nichts mehr. Wenn er mal in seiner Funktion als Studierender angesprochen ist, besagt das sprachlich nur die Tätigkeit, die er gerade ausübt. Sobald er aus der Vorlesung kommt, kann er sich in einen Reisenden oder Demonstrierenden oder jemanden verwandeln, der gerade eine beliebige andere Funktion ausübt.

Die fortschreitende Auflösung aller Dinge liegt in der Funktionslogik der Massengesellschaft. Der Philosoph Panajotis Kondylis hat in seinem 1991 erschienenen Buch „Der Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform“ auf einen engen Zusammenhang hingewiesen: Dieser besteht zwischen den materiellen Funktionserfordernissen einer auf Massenproduktion und Massenkonsum ausgerichteten Massengesellschaft und den daraus resultierenden geistigen Anschauungen. Die Denkstruktur der industriellen Moderne folgte notwendig der Funktionslogik der Maschinenzivilisation.

Sie erforderte, ständig die für die Versorgung der Massen nötigen Güter zu produzieren. Sie erforderte dann aber bald auch die nötige Anzahl an Verbrauchern, die bereit sind, die Güter zu konsumieren und dafür mehr zu arbeiten. Läßt diese Konsumbereitschaft entscheidend nach, droht eine Absatz- und Wirtschaftskrise. Die allgegenwärtige Bereitschaft zu konsumieren bildet einen Gegensatz zu asketischen Lebenseinstellungen vergangener Epochen, die in Zeiten materiellen Mangels pädagogisch verinnerlicht wurden. Der heute allgegenwärtige Hedonismus ist mit dem Erfordernis stetigen Produktions-Wachstums eng verknüpft.

Am besten funktionieren wir Massenmenschen aus Sicht des Wirtschaftskreislaufs, wenn jeder höchst mobil und im Prinzip mit jedem austauschbar ist. Austauschbar werden wir, sobald wir nicht in einer geographischen, nationalen, berufsethischen, sexuellen oder sonstigen Identität so fest verwurzelt sind, daß man uns nicht beliebig austauschen kann. Sobald wir in unserer Funktion als Reproduzierende ermatten, droht uns der große Austausch. Neue Verbraucher braucht das Land!

Auf der materiellen Ebene funktioniert die fortwährend Güter und Dienstleistungen produzierende und konsumierende Gesellschaft so, daß wie in einem Baukastensystem alle materiellen Einzelteile prinzipiell als gleich gedacht und beliebig kombinierbar sind. Wie bei einem Lego-Baukasten mit identischen Einzelbausteinen sollte man jedes beliebige Ganze daraus herstellen können. Je verschiedener die Teile wären, desto weniger verwendbar sind sie im Einzelfall, so die Grundvorstellung. Jedes gedachte Ganze wird quasi atomisiert und in untereinander gleiche Einzelteile aufgelöst, aus denen man wieder jedes beliebige Neue bauen kann. Kondylis prägte für diese Funktionsweise der Moderne den passenden Begriff „analytisch-kombinatorisch“.

Dieser Funktionslogik der industriellen Massengesellschaft entspricht ein anonymisierbarer, möglichst identitätsloser Massenmensch. Er bildete sich heraus, wenn die alten Ganzheiten und Institutionen aufgelöst und zerschlagen werden: Stände, Klassen und Berufe, Familien und kleinere Solidargemeinschaften: alles wird gleichgeschaltet. Der analytisch-kombinatorischen Funktionsweise der materiellen Massenproduktion entspricht ein analytisch-kombinatorisches Menschenbild: Alle Menschen werden prinzipiell als gleich gedacht, um zu jeder beliebigen neuen Funktionseinheit zusammengefügt werden zu können.

Unser Volk ist als unsere Identutät bestimmende Größe schon längst zu den Akten der Werte-Umwertung gelegt worden. Das letzte und jüngste Opfer der analytisch-kombinatorischen Denkfigur ist die herkömmliche, biologisch und kulturell bestimmte Vorstellung von Mann und Frau. Sie wird ersetzt durch die Idee, Menschen kämen quasi geschlechtslos zur Welt. Geschlechterrollen seien lediglich soziale Konstrukte. In solchem Konstruktivismus wird das analytisch-kombinatorische Denken anschaulich. Es geht von prinzipiell untereinander gleichen Menschen aus, die sich beliebig zu jedweder Rolle oder Funktion nutzen lassen.

Eine Gesellschaft aus untereinander gleichen Menschen wäre eine notwendigerweise homogene Gesellschaft. Es liegt in der Logik funktionalen Denkens, eine Gesellschaft zu wünschen, deren Mitglieder nicht nur gleichberechtigt sind, sondern gleich. In der Tagespolitik schlagen sie sich nieder zum Beispiel in der Forderung, materielle Gleichheit der Lebensbedingungen herzustellen oder „tatsächliche“ Gleichheit der Geschlechter herbeizuführen und nicht bloß rechtliche. Man kann die Höhe der sogenannten Staatsquote in unserem Land auch als Bemühen interpretieren, durch umfassende Umverteilung ein Höchstmaß an Gleichheit der Lebensbedingungen und damit der Menschen zu erzielen. Sie hat 2017 rund 45% betragen. Das bedeutet, daß man im Durchschnitt jedem Bürger 45% seiner Einkünfte wegnimmt und umverteilt. Davon entfielen 1950 19% und 2009 30% auf die Sozialleistungsquote.

Im Binnenbereich der Massengesellschaft genießt der Einzelne noch das Privileg, sich als etwas Besonderes fühlen zu dürfen. Solange wir in den gesellschaftlich wesentlichen Lebensbereichen „funktionieren“, dürfen wir uns wahlweise rot-weiße oder blau-weiße Fanschals umhängen und eine Ersatzidentität in dem einen oder anderen Fußballverein suchen. In der Wir-sind-mehr-Masse dürfen wir uns der Ersatzidentität hingeben, zu den moralisch Guten zu zählen. Wir dürfen sogar – noch – mit 180 Sachen über die Autobahn brettern und nach Hawai in Urlaub fliegen, wobei wir uns gegenüber unseren Nachbarn erhaben dünken, die sich das nicht leisten können.

Nur tatsächlich ausbrechen aus der Funktionslogik des Systems können wir nicht, und immer weniger Menschen vermögen es, sich als geistige Widerständler der täglichen medialen Gleichheitspropaganda zu widersetzen.