Die Abrißbirne der Moderne geht um. Sie tilgte alle Vorstellungen einer substanzhaften Identität aus dem Denken ihrer typischen Vertreter: der Massenmenschen. Ihr jüngstes und bekanntestes Opfer sind die Männlichkeit und die Weiblichkeit. Es gebe nichts substanzhaft Männliches und Weibliches, das sei nur von der subjektiven Meinung des Subjekts von sich selbst abhängig.

Eines der frühen, noch vormodernen Opfer der Dekonstruktion war die Schönheit. Sie sei gar nicht real und objektiv vorhanden. Modern erzogene Leute glauben sie “im Auge des Betrachters”. Sie bestreiten ihre Existenz rundweg.

Indessen waren Philosophen, Künstler und Publikum seit der Antike über das genaue Gegenteil einig. Die Schönheit fand sogar ihre göttliche Verkörperung in der Idee von “Aphrodite”. In der griechischen Mythologie fragten die drei Göttinnen den Prinzen Paris nicht danach, welche er am schönsten fände, sondern welche die schönste sei.

Wie die altgriechischen Künstler sehr wohl wußten und beachteten, hängt Schönheit des menschlichen Körpers ebenso mit “richtigen” Proportionen zusammen wie Schönheit eines Bauwerks. Die alten Tempel folgten ebenso ausgeklügelten Zahlenproportionen wie unsere gotischen Dome. Beachtet man sie, entsteht vollendete Harmonie. Eine Mißachtung der richtigen Proportionen kann ebensowenig zu Schönheit führen, wie 1 + 1 = 2 keineswegs Ansichtssache ist.

Natur ist schön

Dem berühmten Verhaltensforscher Konrad Lorenz war aufgefallen, Natur sei immer schön. Sie “schafft” nichts Häßliches. Einer der Gründe liegt in der arterhaltenden Funktionstüchtigkeit eines Körpers, dessen Teile miteinander harmonieren.

Bläuling (Polyommatus icarus) 21.5.2019: vollendete Harmonie und Schönheit

Wie alle Schmetterlinge ist der Bläuling schön. Seine ästhetische Schönheit ist ebenso wirklich, wie es wirklich gerade und ungerade Zahlen, liebevolle Blicke oder das Strahlen der Sonne gibt. Alles das entsteht nicht erst, wenn es jemand wahrnimmt. Schmetterlinge waren bereits schön, als unsere haarigen Vorfahren sich noch von Ast zu Ast schwangen.

Schönheit entsteht aus passender Proportion der einzelnen Bestandteile zueinander, aus Symmetrie, Ausgewogenheit und anderen Faktoren, um welche schon die alten Meister der Antike wußten. Sie lehrten sie ihre Schüler, und bis heute vermögen  wir Menschen Schönheit zu erkennen, wenn wir sie mit unseren Augen erblicken. Diese Schönheit umgibt uns vor unseren Augen. Sie liegt aber nicht etwa im Auge des Betrachters. Im Auge liegt überhaupt nichts: Unser Sehnerv leitet Impulse weiter, und unser Gehirn setzt ein Abbild des Gesehenen zusammen. Die Schönheit, oft auch Häßlichkeit, spiegelt sich in unserem Gehirn nur spiegelbildlich ab. Unsere Vorstellung erzeugt die Schönheit nicht erst. Sie ist bereits vorhanden, ebenso wie ein aufgemaltes Quadrat nicht erst zum Quadrat wird, wenn wir es wahrnehmen.

Klaus Kunze, Falterträume, Uslar 2013. ISBN 978-3-933334-24-4.

Schönheit liege im Auge des Betrachters, und alles sei Geschmackssache ist die Lieblingsausrede derer, die kein Schönheitsempfinden oder keinen Geschmack haben. Es gibt Bedauernswerte, die bloß viele Buchstaben sehen, aber das Wort nicht lesen können, und Gemütsathleten, die Freude und Leid nicht empathisch mitempfinden. So ist es auch mit der Schönheit:

Der gleißende Sternenhimmel und das Flügelschlagen des Falters waren bereits vor Jahrmillionen schön, und der David Michelangelos wird selbst noch von menschlicher Schönheit künden, wenn die ausgestorbene Art Homo sapiens die Naturschönheiten unseres Planeten  vernichtet und diesen in eine häßliche Müllkippe verwandelt haben wird.

Nur Menschen fabrizieren Häßliches

Für die Schönheit idealer Kunstwerke sind Menschen verantwortlich, aber ebenso für alle Auswüchse des Häßlichen.

Die allgemeine und rasch um sich greifende Entfremdung von der lebenden Natur trägt einen großen Teil der Schuld an der ästhetischen und ethischen Verrohung der Zivilisationsmenschen. Woher soll dem heranwachsenden Menschen Ehrfurcht vor irgend etwas kommen, wenn alles, was er sieht, Menschenwerk , und zwar sehr billiges und häßliches Menschenwerk ist?

Konrad Lorenz, Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, 9.Aufl. 1978, S.28.

Betrachten wir nur einmal die seit Jahrzehnten staatlich errichteten Betonkästen, die die unsere Kinder als “Schulen” gehen müssen, und vergleichen sie mit den künstlerisch geschmückten architektonischen Meisterwerken früherer Zeit.

Hansa-Gymnasium in Köln, erbaut 1901-1907, hier um 1908.

Ein junger Mensch sollte die Chance haben, die objektiv vorhandenen Schönheitsmaßstäbe in seinem Alltag zu sehen, zu erleben und zu verinnerlichen. Andernfalls läuft er Gefahr, eine Betonwand in seiner Gesamtschule für schön zu halten.

Atemberaubend schön: Mittlerer Weinschwärmer (Deilephila elpenor) 15.7.2014

So nimmt es denn kaum Wunder, wenn das Vordringen der Zivilisation mit einer so bedauernswerten Verhäßlichung von Stadt und Land einhergeht. Man vergleiche sehenden Auges das alte Zentrum irgendeiner deutschen Stadt mit ihrer modernen Peripherie oder auch diese sich schnell ins umgebende Land hineinfressende Kulturschande mit den von ihr noch nicht angegriffenen Ortschaften.

Konrad Lorenz, am angegebenen Ort.

Der Nobelpreisträger weist darauf hin, wie schon zu seiner Zeit vor 50 Jahren nicht nur die kommerzielle Erwägung, daß massenhaft herstellbare Bauteile billiger kommen, sondern auch die nivellierende Mode dazu führen, daß an allen Stadträndern aller zivilisierten Länder Massenbehausungen zu Hunderttausenden entstehen, die nur an ihren Nummern voneinander unterscheidbar sind. Sie seien bestenfalls wie “Batterien von Ställen für Nutzmenschen”.

Ästhetisches und ethisches Empfinden sind offenbar sehr eng miteinander verknüpft, und Menschen, die unter den eben besprochenen Bedingungen leben müssen, erleiden ganz offensichtlich eine Atrophie beider. Schönheit der Natur und Schönheit der menschengeschaffenen kulturellen Umgebung sind offensichtlich beide nötig, um den Menschen geistig und seelisch gesund zu erhalten. Die totale Seelenblindheit für alles Schöne, die heute so rapide um sich greift, ist eine Geisteskrankheit, die schon deshalb ernst genommen werden muß, weil sie mit einer Unempfindlichkeit gegen das ethisch Verwerfliche einhergeht.

Konrad Lorenz, ebenda, S.30.

Es spricht vieles dafür, daß wir in Deutschland inzwischen von einer Generation regiert werden und sich weitere herausbilden, die alle Merkmale dieser Geisteskrankheit tragen. Die Generation der heute regierenden 1968er Pflastersteinwerfer erklärte damals eine “Fettecke” eines sogenannten Künstlers für Kunst und installierte sie in einem Museum, und ihre Kinder und Enkel leiden unter psychiatrischer Behandlungsbedürftigkeit wie noch keine andere Generation zuvor.

Liebe statt Haß

Selbsthaß und Depressionen greifen um sich. Sie haben nicht zu lieben gelernt und wissen nichts von Schönheit. So empfinden sie nur tief in ihrer Seele ein tiefes, schwarzes Loch, einen ständigen Phantomschmerz nach dem Schönen, nach etwas, das sie lieben können und das ihr Herz erhebt.

Früher hatten viele junge Menschen noch die reale Natur im Auge. Sie liebten sie und wollten sie schützen. Aus dem Schutz der realen Natur ist ein sektenhafter Klimawahn geworden, der in seiner Raserei selbst vor dem Abholzen alter Wälder nicht halt macht. Hier, in der realen, konkret vorhandenen Natur könnten jene Klimakleber und andere Verfechter eines modernen Bevormundungsstaates noch die wirkliche Natur in ihrer Schönheit lieben lernen. Sie lieben aber nur ihre wenig handgreiflichen Ideen und sind von Zukunftsvisionen und Endzeitängsten gepeingt.

Achat-Eulenspinner (Habrosyne pyritoides) 30.6.2007 – perfekte Schönheit im Kleinen

Wer Schönheit sucht, muß nicht in die Tropen zu den Glanzlichtern der Falterwelt fliegen. Schönheit können wir in unserer Natur überall finden, zum Beispiel im Achat-Eulenspinner. Für mich ist dieser kleine Falter in seiner Weise perfekt schön. Um die Symmetrieachse des Körpers verlaufen feine Maserungslinien. Das optische Ebenmaß hätte von einem Künstler oder Modeschöpfer entworfen sein können. Nichts stört die Harmonie der zarten Erscheinung. Die Schönheit dient der Sicherheit des Tierchens. Wie die Flecken eines Tigers lösen auch die Flügelzeichnungen des Falters seinen Körper vor einem Holzhintergrund optisch auf. Er verschmilzt mit dem Hintergrund, macht sich vor Freßfeinden unsichtbar. Dieser Überlebensvorteil wurde ihm von niemandem gegeben, er dient keinem vorher wohlüberlegten Zweck und hat keinen ihm gegebenen Sinn. Die Zeichnung taugt aber zum Überleben besser als andere, und darum haben Mutation und Selektion sie geformt.

Ad fontes

Kehren wir zu unserem Ausgangspunkt zurück: der Liebe zur Schönheit.

Warum empfinden wir gewöhnlich das Harmonische, Ebenmäßige als das Schöne? Alle Tiere und Pflanzen haben eine natürliche Schönheit. Warum formen die Gesetze der Evolution Schönes und nichts Häßliches? Auch Häßliches zu schaffen, blieb uns Menschen vorbehalten. Wir können das Schöne aber vom Häßlichen unterscheiden. Die antiken Künstler, allen voran die Griechen, strebten nach dem Ideal der Schönheit. In ihren Skulpturen und den ebenbürtigen Schöpfungen Leonardo da Vincis und Michelangelos erlangte dieses Schönheitsideal unsterbliche Geltung. Die Künstler suchten geradezu nach den Gesetzmäßigkeiten, die das Schöne schön und das Häßliche häßlich erscheinen lassen.

Unser Schönheitssinn hat sich mit unserer eigenen Evolution entwickelt und bezieht sich auf unser eigenes Selbst. Wir können nicht anders, als “Schönes” schön zu finden, weil unser sensibeler Schönheitssinn selbst ein Teil jener gemeinsamen Entwicklung des Lebendigen aus kleinsten Anfängen ist. – Was wir schön und häßlich finden, messen wir unbewußt an unserem innersten Selbst. Goethe formulierte: “Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt’ es nicht erblicken.” So tragen wir den Sinn für Schönheit in uns, sonst könnten wir außerhalb unserer selbst keine Schönheit finden.

Verzaubert für immer

Schmetterlinge können zaubern.

Jedenfalls können sie Herzen verzaubern und auf ewig binden. Es gab da einst 1962 einen blassen, achtjährigen Großstadt-Jungen. Ja, Sie ahnen zu Recht, wen ich meine. – Seine Spielwelt waren die Trümmergrundstücke rund um die stehengebliebene halbe Häuserzeile zwischen Bahndamm und Moltkestraße mitten in Köln. Jährlich wurde er vom Gesundheitsamt auf sechs Wochen zur Kur geschickt.

Im Bombenhagel waren die Häuser bis auf die Grundmauern vernichtet, die Grundstücke aber schon enttrümmert. Es roch nach Kellerluft, feuchtem Kohlenstaub und Tümmern. Asseln waren in Hochstimmung. Aber wer klein und pfiffig war, fand zwischen Maschendrahtzäunen und Reklametafeln Schlupflöcher. Abgebrochenen Zahnstümpfen gleich ragten dort die Kellermauern übermannshoch, deckenlos, haltlos. War man schwindelfrei, konnte man aber gut auf ihnen balancieren, zwei Steinbreiten Platz genügen kleinen Füßen.

Oben muß man wandeln, denn unten wuchert das Dickicht. Sechzehn Jahre nach dem Bombentod erblühte dort pflanzliches Leben, Gestrüpp – Brennesseln – und: Buddleja! Ungestört breiteten sie sich dschungelhaft aus. Mochte es in dem früheren Kellerloch auch nach nassem Ziegelschutt stinken, mochten dort Asseln kriechen und Spinnen lauern, hier oben reckte sich der Sommerflieder üppig der Sonne entgegen.

Und auf ihm saßen: Schmetterlinge!

Kindertraum über Trümmern: Distelfalter trinkt an Buddleja, hier 28.7.2019.

Admirale! Zitronenfalter! Füchse! Tagpfauenaugen! Dem Achtjährigen gingen die Augen über. Der Duft! – Sommer, Sonne, Buddleja und Schmetterlinge ließen Schutt, Trümmer und brandenden Autokrach vergessen. Hier war der Himmel. Der Kleine-Jungen-Himmel. Jedenfalls so ähnlich müßte er sein. Der Jagdtrieb kitzelt alle Männer, auch wenn sie noch klein sind. Zwischen hohlen Händen brachte er den ersten, noch zappelnden Falter mit nach Hause. Liebevoller Vaterblick, aber ernste Mahnung: So geht das nicht! Nächste Woche lag zufällig ein erstes, kleines Schmetterlingsbuch auf dem Tisch.

Lesen Sie gern mehr zum Thema in:

Falterträume

  2013, broschierte Ausgabe, 226 S., 30 €, ISBN 978-3-933334-24-4
zuzüglich Versandkosten.
Bestellung: Heikun-Verlag@KlausKunze.com.