Ein Kulturkampf vor Gericht

Unser Kulturkampf ist ein Kampf um Worte und Begriffe. Erbittert kämpfen linke Ideologen um die Vorherrschaft über unser Denken. Es fängt bei den Worten an, behaupten sie, und endet zwangsläufig bei entsprechenden Taten.

Gewöhnlich tobt dieser Kampf in Feuilletons, an Unis und in den Medien. Überall wollen Sprachwächter dem Volk die Worte austreiben und sie durch Begriffe ersetzen, die ihrem eigenen Denken entsprechen. Manchmal prallen aber auch auf offener Straße die Kulturen aufeinander. So geschah es am 6. Oktober 2018 in Apolda. Zwei Jahre später wurde die Szene jetzt zum Tribunal: Das Amtsgericht verhandelte die Anklage gegen einen 50jährigen Bäcker aus Niedersachsen. Er soll sich im Wort vergriffen haben.

Das Problem bei der Sache: Was ein Wort für einen 50jährigen Bäcker bedeutet, bedeutet es für eine 25jährige Tutorin im Fach Sozialpädagogik noch lange nicht. Was war vorgefallen?

Nach einem rechtsgerichteten öffentlichen Konzert in Apolda befand sich der Bäcker mit einem Zimmermann auf dem Rückweg zum Auto. Das Städtchen wimmelte von linksgerichteten Gegendemonstranten. Die Sozialpädagogin war dabei und sagte als Zeugin: „Das war ein Stadtfest für Vielfalt und so was, denn an dem Tag fand auch ein Rechtsrockkonzert statt. Es ist mir als Bürgerin und Studierende wichtig, daß ich für eine Gesellschaft eintrete, wo Rassismus und Menschenfeindlichkeit und Haß keinen Platz hat, um ein Zeichen zu setzen.“

Dieses Zeichen setzte sie mit einem großen Plüschfrosch, den sie in der Hand trug. Der Frosch trug einen Pappkarton mit der Aufschrift, so der Bäcker: „Fuck Nazis!“ In ihrer Freizeit engagiert sie sich im „selbstorganisierten Stadtteilladen” ‚Magdelstube‘.

Mit drei Genossinnen kam die engagierte Sozialpädagogin in einer engen Gasse dem Bäcker und dem Zimmermann entgegen. Kulturelle Welten prallten aufeinander. Das Setzen eines Zeichens gelang der Sozialpädagogin hervorragend. Der Bäcker nahm es aber übel auf und fühlte sich persönlich sexuell und politisch angegriffen. Er sollte „gefickt“ werden? Nicht seine Welt. Er empfand den „Fuck-Nazis-Frosch“ als menschenfeindlich und haßerfüllt.

Bei näherer Betrachtung der vier jungen Damen erhärtete sich sein mulmiges Gefühl, nicht nur wegen der vorstehenden Zähne der Zeichensetzerin. Wollte er jetzt auch ein Zeichen setzen? Im Vorübergehen scherzte er zum Zimmergesellen: „Ich weiß nicht, wer häßlicher ist, der Frosch oder die Pussy!“

Das, ereiferte sich die Erfurter Staatsanwältin vor Gericht, sei eine strafbare Beleidigung!

War es das wirklich? Daß man als schön oder häßlich bewerten kann, wen man will, steht juristisch außer Frage. Häßlich wie ein Frosch? Grob und unhöflich ist das allemal, aber liegt nicht angeblich Schönheit im Auge des Betrachters?

Aber die Pussy, die hielt die Strafverfolgungsbehörde für unverzeihlich. Mit einer Verfahrenseinstellung wegen Geringfügigkeit war sie nicht einverstanden. Die Richterin ließ sich durch das weinerliche Auftreten der Sozialpädagogin beeindrucken. „Ich habe das als von Form sexualisierter Gewalt im öffentlichen Raum verstanden“, säuselte diese und weinte fast. „Für mich ist Pussy sehr abwertend, weil es sich auf mein Genital bezieht.“

Im Austeilen mit der Nazi-Keule und – sinngemäß – „Fuck!“-Parolen, war sie mimosenhaft empfindlich, als es aber aus dem Wald widerhallte: „Mir war als gelesene Frau unwohl. Es war ein großes Unsicherheitsgefühl für mich in der Stadt.“

Aber was war denn nun für den Angeklagten eine Pussy, und was war für die Sozialpädagogin eine „gelesene Frau“? Auf Nachfrage erläuterte sie den Begriff: Jemand, den ein anderer als Frau betrachtet. Nach Meinung des Genderismus gibt es ja nicht objektiv Männer und Frauen, sondern nur geschlechtslose Leute, die von anderen als Frauen oder Männer „gelesen“ werden.

Die Welt des Bäckers war das nicht. Auch an „das Genital“, wie die Sozialpädagogin sich ausdrückte, dachte er nicht. In seinem Umfeld bezeichnet man als eine „Pussy“ einen Menschen, sei es Mann oder Frau, der sich feige und weinerlich benimmt. So sagte eine Sportlerin über einen Mann:

Sie habe erbarmungslosen Muskelkater in den entlegensten Körperregionen, sagt sie stolz. Als ich sie das nächste Mal sehe, beschwert sie sich darüber, der Drillmeister habe sie nicht hart genug rangenommen. „Ne richtige Pussy“ sei das gewesen, weshalb sie sich damit begnügte, schwächeren Kursteilnehmern beim Kollabieren zuzusehen.

Uwe Haneke, Als erstes geben immer die Männer auf, WELT Sport 22.7.2015

Pussy ist das englische Wort für ein flauschiges, miauendes Kätzchen und wurde zum Inbegriff anschmiegsamer Empfindlichkeit.

Mit dem bescheidenen Ziel, kein Debakel zu erleben, reiste der HSV zum Ligaauftakt nach München – und war mit dem 0:5 noch gut bedient. Es trug anschließend nicht zur Beruhigung der Lage bei, dass der Boulevard darüber berichtete, das neu verpflichtete Abwehrrauhbein Emir Spahic habe seine Mitspieler als „Pussies“ bezeichnet und ihnen Prügel angedroht.

Marko Schumacher, Zwischen Chaos und Euphorie, Stuttgarter Zeitung 22.8.2015

Für weibliche Genitalien haben Bäckerburschen ganz andere, deutsche Begriffe, die ich aus Zartgefühl hier nicht nenne – jedenfalls nicht Pussy. Aber vielleicht drücken sich ja junge Damen aus einem Milieu untereinander so aus, das keine Frauen kennt, sondern nur Leute, die zuvor als „Frauen gelesen“ werden müssen.

Tatsächlich boten die vier Zeuginnen ein mitleiderweckendes Bild des Jammers. Auftreten und Bekleidung legten nahe, sie wollten unbedingt verhindern, von Außenstehenden als Frauen „gelesen“ zu werden. Mit nur wenig Empathie spürte man ihre tiefgreifende Selbstunsicherheit und Rollenunsicherheit.

Unmittelbar nach dem Vorfall las sie, muß man wohl formulieren, einen der Umstehenden als Polizisten und petzte dem Ordnungshüter, der Mann dort da habe in Frage gestellt, ob ihr Frosch häßlicher sei oder die Pussy. Dieser stellte die Personalien des Bäckers fest. “Die da oben brauchen das für ihre Statistik”, soll er gantwortet haben, warum er sich mit Lappalien abgebe.

Anscheinend gibt es in der jüngeren Generation viele nachhaltig Verwirrte, die als Kinder und junge Erwachsene keine feste Identität gefunden haben, weil ihnen feste Orientierungen vorenthalten wurden. Zu feige zum Leben, zu feige zum Sterben, suchen solche verirrten Seelen nach Sinnangeboten und fallen häufig Pseudowissenschaften wie dem Genderismus zum Opfer, esoterischen Verlockungen oder entwickeln sich zu fanatischen Anhängern einer Ideologie wie dem Antifaschismus.

Prallen solche Leute mit normalen Menschen zusammen, verstehen beide Seiten sich schon sprachlich oft nicht mehr. Parallel zur Realgesellschaft hat sich in bestimmten Szenen eine Traumwelt mit einer

Weltsicht formiert, die von dem Denken, Fühlen und Handeln „normaler“ Leute derart weit entfernt ist, daß eine gemeinsame, konstruktive Kommunikation nicht mehr möglich ist.

Thomas Spahn, Die Parallelwelt der Haltungslinken, Tichys Einblick 12.7.2020

Je weiter die Gesellschaft auseinanderdriftet, desto härter wird der Kulturkampf. In ihm stehen sich die Lager bereits heute auf eine Weise fremd gegenüber, die von der Ethologie als “Pseudospezies” bezeichnet wird. Der andere wird irgendwann als nicht mehr zur eigenen Art gehörend empfunden und entsprechend bekämpft.

Daß die mitleidige Amtsrichterin den unhöflichen Spruch des Bäckers am Ende für eine Beleidigung hielt, ist Nebensache. In der nächsten Instanz gibt es ein Rückspiel.