Jeder gegen jeden: das multikulturelle Chaos

Amerika lehrt uns, was Europa schon immer wußte

Der immer potentielle Krieg aller gegen alle nimmt in Europa und Amerika die Form einer konkreten Möglichkeit an. Wer sich aus unseren Staatsmedien informierte, konnte freilich nichts davon bemerken. Er wurde über „Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt“ informiert.

Der Leviathan ist der sich über die Konflikte erhebende Staat (Titelbild von 1651)

Wer aber auf alternativen Medien wie Facebook oder Twitter die vielen Kurzvideos angeschaut hat, sah etwas anderes: das häßliche Gesicht dessen, was Thomas Hobbes 1651 in seinem Buch „Leviathan“ beschrieben hat: des Krieges aller gegen alle, den Bürgerkrieg.

Hobbes hatte die Greuel des 30jährigen Krieges in Europa beobachtet und wußte: Wenn keine Macht der Will­kür des Ein­zelnen Schranken setzte, “so wäre das Le­ben der Men­schen ne­ben­ein­­an­der natürlich nicht bloß freudlos, son­­dern vielmehr auch höchst be­­schwer­­lich.” Der Krieg aller gegen alle müß­te zum En­de jeder Kul­tur, Zi­vi­li­sa­tion und aller ge­sell­schaft­li­chen Ver­­­bin­dun­gen führen; “statt des­­sen ein tau­sendfaches Elend; Furcht, ge­mor­det zu werden, stünd­li­che Gefahr, ein ein­sames, küm­mer­liches, ro­hes und kurz dau­ern­des Le­ben.”[1]

Offene Straßenkämpfe in den USA zwischen Patrioten und Antifaschisten, 2020

Der Schweizer Philosoph und Publizist Georg Kohler hat schon vor zehn Jahren nachdrücklich vor dem Zerfall westlicher Gesellschaften gewarnt.

Wo eine Gesetz und Recht und die Unterscheidungen zwischen legal und illegal, öffentlich und privat gewaltmonopolistisch behauptende Macht fehlt, löst sich die Gesellschaft in eine Vielzahl miteinander auf Leben und Tod kämpfende Gruppierungen auf.

Georg Kohler, Bürgertugend und Willensnation, Über den Gemeinsinn und die Schweit, Zürich im NZZ-Verlag 2010, S.22.

Wo sich die Bürger sich hassen und nicht mehr als zusammengehörig empfinden, gehen sie unter den Fahnen verschiedener Ideologien aufeinander los. Den latenten geistigen und physischen Bürgerkrieg kann man entweder bis zur Vernichtung des Gegners auskämpfen oder ihn neutralisieren. Das vermag nur ein über den Streithähnen stehender neutraler Staat. Im Titel des Buchs “Leviathan” von Hobbes ist er dargestellt als Person, die sich aus den vielen Einzelnen zusammensetzt und sich über sie erhebt. Der Staat als neutralisierende Macht mit seinem friedenstiftenden Gewaltmonopol ist eine geistige Erfindung der Neuzeit. Bis heute hat sich für ihn als Konzept kein Ersatz gefunden.

Wenn die Strukturen öffentlicher Ordnung, die den rechtsfrieden sichern, zerstört werden, dann herrschaft jene Wirklichkeit ubiquitärer Gewalt, die den Krieg aller gegen alle zur unausweichlichen Konsquenz hat.

Georg Kohler, S.21.

Der Zerfall der westlichen Gesellschaften trägt einen programmatischen Namen: Es ist der Zerfall in multikulturelle Bestandteile. Diese vermögen sich untereinander kaum noch zu verständigen, weil ihre Angehörigen quasi verschiedene Sprachen sprechen. Unter denselben Begriffen wie Demokratie, Vaterland, Gleichheit oder Freiheit verstehen sie ganz Unterschiedliches. Manchmal verstehen sie noch nicht einmal mehr die Muttersprache ihres Wohnungsnachbarn.

Was verlorengeht, ist der früher selbstverständliche gemeinsame Bezugsrahmen: das Bewußtsein, kulturell, sprachlich und historisch eine Schicksalsgemeinschaft zu bilden, die aus bitteren gemeinsamen Erfahrungen gelernt hat. Diese gemeinsamen Erfahrungen haben sich in Deutschland im Grundgesetz und seiner freiheitlichen demokratischen Grundordnung niedergeschlagen. Ohne diesen dem gesamten Staat zugewandten Bürgersinn kann dieser nicht dauerhaft bestehen. Er gründet auf dem Bewußtsein der gemeinsamen Verantwortung für das Ganze.

Gesellschaften, die keine Nationen bilden, zerfallen in Gruppen anderer Art, etwa in Stämme, die nicht fähig sind, ein – über die eigene Gruppe hinausgehendes – Zusammengehörigkeitsbewußtseinzu entwickeln und dann auch Institutionen zu schaffen. Die Nation ist ja ein Institutionenbauer.

Dieter Langewiesche, Die Nation schafft Freiheit, Der Spiegel 22.1.2007

Das ist kein Anlaß für irgendeine Art von verschrobenem Verfassungspatriotismus. Das Bewußtsein einer geschichtlichen Gemeinschaftlichkeit bildet aber die Quintessenz unserer kollektiven Erfahrungen von den Blutbädern des 30jährigen Krieges bis zu den Bombennächten des 2. Weltkriegs. Sie besagt: Traut keinem, der Euch ein Reich Gottes auf Erden verspricht, ganz gleich, ob der falsche Prophet ein geistlicher oder ein weltlicher Prediger ist. Falsche Propheten mit absoluten Wahrheiten trugen früher einmal schwarze Kutten und hetzten Menschen in Religionskriege. Später trugen sie Anzüge und riefen zur Weltrevolution auf, heute vermummen sie sich und wollen alle Menschen “gleich” machen.

Ihre Ideologien schaffen ein künstliches Gruppenbewußtsein und hetzen dessen Anhänger gegen andere Menschen auf, die es nicht teilen. Es kommt zu Pogromstimmungen und der Bildung menschlicher Mobs, einer Meute, die plündernd durch die Straßen zieht und ihre Opfer sucht.

Die Reformation, die Bartholomäusnacht, die Religionskriege, die Inquisition, die Schreckenstage sind Erscheinungen derselben Art, hervorgerufen durch Massen, welche von jenen religiösen Gefühlen belebt waren, die notwendig dazu führen, schonungslos mit Feuer und Schwert alles auszurotten, was sich der Herrschaft des neuen Glaubens in den Weg stellt.

Gustave Le Bon, Psychologie der Massen, 1895, deutsche 2016, S.73 f.

Die zerbrochene Gesellschaft

Solche Bürgerkriegsarmeen formierten sich in den westlichen Ländern und haben in den USA soeben einen kleinen Aufstand geprobt. Sie haben dabei festgestellt, daß die Mächte der Ordnung bisher stärker sind als sie.

Antifa in den USA – vor dem Verbot?

Wie einst die Jakobiner der französischen Revolution ist auch für heutige Egalitaristen ist der nationalstaatliche Bezugsrahmen, wie in den USA, zu groß und zugleich zu klein: Sie kennen keine Amerikaner mehr, sie denken nur noch in Schwarz-Weiß-Kontrasten oder anderen Gegensätzen. Ihr Wir-Gefühl schließt nur noch Menschen ihres Bekenntnisses ein und alle anderen aus.

Indem sich jeder der auseinanderfallenden Teile der Gesamtgesellschaft nicht mehr als deren unter- und ihr eingeordneter Teil versteht, sondern sich wie ein eigenständiges Gemeinwesen aufführt, spaltet und fraktioniert er den Staat in rivalisierende und einander bekämpfende Gruppierungen: potentielle Bürgerkriegsarmeen.

Wenn sich die Selbstverständlichkeiten des nationalstaatlichen Bezugsrahmens auflösen, dann kann sich jede kollektiv geteilte Lebensform, Lebensweise oder Identität familiarer, ethnischer, religiöser politischer, sexueller, generationeller, subkultureller, sprachlicher, regionaler, berufsständischer etc. etc. Art als ein verpflichtendes Gemeinwesen zur Geltung bringen.

Claus Offe, Wessen Wohl ist das Gemeinwohl?, in: Lutz Wingert und Klaus Günther (Hrg.), Die Öffentlichkeit der Vernunft und die Vernunft der Öffentlichkeit, Frankfurt 2001, S.475.

Jede dieser Gesellschaftsteile fordert dann seine eigene, gruppenbezogene Loyalität ein, und der Gehorsam gegenüber den Gesetzen des Ganzen wird zum Verrat an der eigenen Gruppe. Es ist ein Wesensmerkmal der sogenannten multikulturellen Gesellschaft, in sozial sich abgrenzende Teilgruppen zu zerfallen. Sie kultivieren ihre eigenen Abzeichen und Erkennungsmerkmale bis hin zu einem Gruppen-Slang, gemeinsame Wertvorstellungen und politische oder religiöse Forderungen. Jede vermag in ihrer Echokammer zu verharren, ohne die Klopfzeichen von außerhalb noch wahrnehmen zu müssen.

In den USA wie auch in Deutschland konkurrieren zwei ideologische Großgruppen um die kulturelle Vorherrschaft: die traditionelle bürgerliche Gesellschaft und eine amorphe Masse sich als alternativ verstehender Randständler. Diese suchen die gesellschaftlichen Normen zu zerstören, um selbst vom Rand wegzukommen. Oft blieb ihnen der gewünschte persönliche Erfolg und der gesellschaftliche Aufstieg versagt. Sie schließen daraus, daß die Gesellschaft schuld ist und träumen von einer homogenen Gesellschaft Gleicher.

Sie hassen alle Besserverdienenden und Erfolgreicheren und bezeichnen diese als Privilegierte, die es zu bekämpfen gilt. Die Wohlstandsviertel der Vorstädte, dort parkende Autos und Fensterscheiben schicker Läden werden zu Haßobjekten, an denen sie sich abreagieren. Fast jede Nacht brennen Autos in Berlin. Jetzt sahen wir Minneapolis brennen.

Freiheit und Gleicheit! hört man schallen;
Der ruh’ge Bürger greift zur Wehr,
Die Straßen füllen sich, die Hallen,
Und Würgerbanden ziehn umher.
Da werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz;
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreißen sie des Feindes Herz.
Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
Sich alle Bande frommer Scheu;
Der Gute räumt den Platz dem Bösen,
Und alle Laster walten frei.
Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn;
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.
Weh denen, die dem Ewigblinden
Des Lichtes Himmelsfackel leihn!
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden,
Und äschert Städt’ und Länder ein.

Friedrich Schiller, Die Glocke

Das gehört zu den historischen Lehren, di wir aus der Geschichte gezogen haben.

Der Ekel vor dem Chaos

Der Denkstil solcher Menschen unterscheidet sich diametral vom bürgerlichen Denken:

In der politischen Analyse finden Erkenntnisse aus der Psychologie noch zu wenig Berücksichtigung. So zeigen unzählige Studien, dass Progressive (Linke und Liberale) und Konservativ-Rechte in ihren Ideologien oft weit auseinanderliegen, weil sie sich grundlegend in ihren Denkstilen und Emotionen unterscheiden. Das hat eine Gruppe um den amerikanischen Moralpsychologen Jonathan Haidt mit Hunderten von Versuchen an über hunderttausend Probanden weltweit gezeigt.

Philipp Hübl, Was Progressive und Konservative unterscheidet, sind ihre Gefühle, NZZ 29.5.2017

“Linke” sind empört, schreibt Hübl, wenn Schwachen Leid widerfährt (Fürsorge), wenn Menschen unterdrückt werden (Freiheit) und wenn man sie ungerecht behandelt (Fairness). Bei eher Konservativen stehen dagegen drei andere Prinzipien im Vordergrund. “Erstens: Loyalität. Da geht es um die Treue gegenüber dem eigenen Stamm: dem Volk, der Religion oder der Fussballmannschaft.”

“Das zweite Prinzip ist das der Autorität. Dabei geht es um Hierarchie und Anerkennung, um Rang und Ehre, Respekt und Unterordnung.” Das dritte Prinzip sei die Reinheit. Wer sie als Wert empfindet, erkennt einen Unterschied zwischen dem «Reinen» und «Natürlichen» (beispielsweise der Ehe) einerseits und dem «Unreinen» und «Unnatürlichen» (zum Beispiel Inzest) andererseits.

Man muß diesem psychologisierenden Ansatz nicht in jeder Konsequenz folgen und als Schlüssel zur Erklärung der politischen Rechts-Links-Unterscheidung schlechthin heranziehen. Richtig daran ist aber, daß ein und dasselbe auf einen eher linken Beobachter emotional völlig anders wirkt als auf einen rechten.

Je konservativer jemand ist, desto wichtiger ist ihm das Prinzip Reinheit und desto «unnatürlicher» erscheinen ihm daher Abtreibung, Prostitution oder Homosexualität. Auch Loyalität hat eine Verbindung zum Ekel, was sich im Stammesverhalten und in der Scheu vor fremden Gruppen zeigt. In Vorzeiten brachten Immigranten Krankheiten und Parasiten mit sich, gegen die oft keine Resistenzen bestanden. Außerdem sehen Konservative in Gruppensymbolen wie dem christlichen Kreuz oder den Landesflaggen Objekte einer heiligen Reinheit und reagieren mit Verachtung, einer Mischung aus Zorn und Ekel, auf Schmähungen.

Philipp Hübl

Wenn Konservative die “Reinheit” als positiven Wert empfinden, ist Vermischung für sie immer mit einer Wertminderung verbunden. Sie lieben die Ordnung, die sich im Wert der Reinheit verkörpert. Auf Unordnung und Vermischung reagieren sie mit Ekelgefühlen.


Vor allem übersehen alle Analysen die zentrale moralische Emotion der Konservativen und Rechtsradikalen: den Ekel. Denn der spielt den Studien gemäß für die Prinzipien Reinheit, Loyalität und für den Wert, der der Tradition zugemessen wird, eine entscheidende Rolle.

Philipp Hübl

Wenn ein Konservativer ein Kurzvideo der letzten Woche aus einer amerikanischen Stadt sieht, wird er sich vom blanken Chaos auf den Straßen angeekelt abwenden. Auf einem sah man vermummte, große Männer mit Knüppeln oder Latten. Vor ihrem Schaufenster stand eine zierliche Asiatin und bat offenbar, ihr Geschäft zu verschonen. Sie wurde verprügelt, der Laden gestürmt. Das ist die Art von Bildern, die auf Rechte wie Linke gleichermaßen stark, aber offenbar diametral entgegengesetzt wirken: Abscheu und Ekel hier, Nervenkitzel, Wut auf Bessergestellte und Haß auf die Gesellschaft dort.

Rechte stehen emotional immer auf der Seite der Ordnung. Linke nehmen das Chaos in Kauf, wenn sie die rechte Ordnung zerstören und ihre eigene Ordnung der Gleichförmigkeit an ihre Stelle setzen wollen.

Heil’ge Ordnung, segenreiche
Himmelstochter, die das Gleiche
Frei und leicht und freudig bindet,
Die der Städte Bau gegründet,
Die herein von den Gefilden
Rief den ungesell’gen Wilden,
Eintrat in der Menschen Hütten,
Sie gewöhnt zu sanften Sitten,
Und das teuerste der Bande
Wob, den Trieb zum Vaterlande!

Friedrich Schiller, Die Glocke

Der Rechte unterstützt die demokratisch legitimierte staatliche Ordnung. Der linke Anarchist sucht das Chaos und führt es gewaltsam herbei, wenn man ihn läßt. Die zukunftsweisende Fragestellung nach den multikulturellen Krawallen in den USA richtet sich nicht auf Rassismus und Polizeigewalt. Sie lautet: demokratische Rechtsordnung mit staatlichem Machtmonopol oder Bürgerkrieg?

[1] Hobbes, Leviathan, 1.Teil, 13. Kap., S.114 ff. der Reclamausgabe

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  1. M.D.

    Eine interessante und lesenswerte Darstellung der aktuellen Zustände.

    Vielen Dank für Ihre Zusammenfassung.

  2. Habe nur den NZZ-Artikel von Herrn Hübl gelesen. Da ist vieles doch sehr unplausibel, z.B. dieses Zitat:
    “Progressive pflegen eher einen analytischen, Konservative eher einen intuitiven, gefühlsgeleiteten Denkstil. Progressive überdenken ihre spontanen emotionalen Reaktionen häufiger und zensieren so ihre ersten Impulse, während bei Konservativen Bauchgefühl und moralisches Urteil im Einklang sind. Wenn man den «intuitiv» denkenden Konservativen Widersprüche nachweist, beharren sie eher auf ihrer Position, statt sie zu revidieren.”
    Hier würde ich die Etiketten konservativ vs. progressiv geradezu austauschen. Weißt man einem aufrechten Linken Widersprüche nach, denkt er in der Regel nicht daran, seine Position zu revidieren.

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