Oh Herr, schenk mir revolutionäre Massen!

Zufriedene Bürger sind der Albtraum jedes Revolutionärs. Sie möchten lieber Brot und Spiele. Der vom SDS-Vorkämpfer nach weit rechts konvertierte Hegelianer Reinhold Oberlercher hatte vor dreißig Jahren „Gau-Aufstände“ vorausgesehen. Indes ereigneten sich keine. Schon 1929 war der Nationalbolschewist Ernst Niekisch verzweifelt über das deutsche Bürgertum. Es sei feige und hänge nur an seinem Besitz. Merkte es nicht, wie es von den Versailler Siegermächten ausgebeutet wurde? Revolutionäre Spannkraft lebe aber im Arbeiter.[1] Auch Niekisch wurde enttäuscht. Die von ihm erhoffte nationale Revolution blieb aus.

Marcuse weiß, wie es geht

Warum gehen unterdrückte Massen sich lieber amüsieren, statt revolutionäre Flugblätter zu verteilen? Der Emigrant Herbert Marcuse grübelte lange darüber nach und hatte einen Geistesblitz: In fortgeschrittenen Industriegesellschaften werde der Produktionsapparat totalitär und errichte eine Herrschaft auch über die individuellen Bedürfnisse und Wünsche.[2] Sein Perpetuum mobile scheint perfekt: Die Menschen sind zufrieden, weil die Kapitalisten ihnen genau die Konsumwünsche erfüllen, die sie zuvor geweckt haben.

Totalitär ist nicht nur eine terroristische politische Gleichschaltung der Gesellschaft, sondern auch eine nichtterroristische ökonomisch-technische Gleichschaltung, die sich in der Manipulation von Bedürfnissen durch althergebrachte Interessen geltend macht.[3]

Die Revolution blieb darum aus. Die Massen hatten einfach noch nicht „vom falschen zum wahren Bewußtsein“ gefunden, von ihrem „unmittelbaren zu ihrem wirklichen Interesse“.[4] Es seien aber „Kräfte und Tendenzen vorhanden, die diese Eindämmung durchbrechen und eine Gesellschaft sprengen können.“[5]

Doch wo ist das revolutionäre Subjekt für die „notwendige politische Umwälzung“?[6] Die Arbeiterklasse spürte ihre „Unterdrückung“ zu Marcuses Leidwesen nicht mehr. Der Konsumterror der Industrie erfüllte alle ihre Wünsche. Sie wurde „zur Stütze der herrschenden Lebensweise.“[7]

Wenn der Arbeitgeber und sein Chef sich am selben Fernsehapparat vergnügen und dieselben Erholungsorte besuchen, wenn die Stenotypistin ebenso attraktiv hergerichtet ist wie die Tochter ihres Arbeitgebers, wenn der Neger einen Cadillac besitzt, wenn sie alle dieselbe Zeitung lesen, dann deutet diese Angleichung nicht auf ein Verschwinden der Klassen hin, sondern auf das Ausmaß, in dem die unterworfene Bevölkerung an den Bedürfnissen und Befriedigungen teil hat, die der Erhaltung des Bestehenden dienen.[8]

Ein anderes „geschichtliches Subjekt“ mußte her, denn

die Gesellschaft wäre in dem Maße vernünftig und frei, wie sie von einem wesentlich neuen geschichtlichen Subjekt organisiert, aufrechterhalten und reproduziert wird.[9]

Wenn dem Revolutionär das Volk nicht revolutionär genug ist, backt er sich einfach ein neues. Oh Herr, schenk mir Unterdrückte!

Und der Herr erhörte ihn:

Unter der konservativen Volksbasis befindet sich jedoch das Substrat der Geächteten und Außenseiter: die Ausgebeuteten und Verfolgten anderer Rassen und anderer Farben, die Arbeitslosen und die Arbeitsunfähigen. Sie existieren außerhalb des demokratischen Prozesses; ihr Leben bedarf am unmittelbarsten der Abschaffung unerträglicher Verhältnisse und Institutionen.[10]

Diese unzufriedene Minderheit sollte das System der zufriedenen Mehrheit sprengen, denn

ihre Opposition trifft das System von außen und wird deshalb nicht durch das System abgelenkt; sie ist eine elementare Kraft, die die Regeln des Spiels verletzt und es damit als ein aufgetakeltes Spiel enthüllt.[11]

Minderheiten an die Front!

Die Drachensaat ging in der akademischen Jugend der 1968er Generation voll auf. Kommunisten wie Ernesto Laclau und Chantal Mouffe wandten sich vom „traditionellen Diskurs des Marxismus“ ab, der sich auf den Klassenkampf und die ökonomischen Widersprüchlichkeiten des Kapitalismus konzentriert habe.

Doch jetzt müsse das Konzept des Klassenkampfes neu geschrieben werden, weshalb sie die Frage aufwerfen:

„In welchem Umfang ist es notwendig geworden, das Konzept des Klassenkampfes zu modifizieren, um mit neuen politischen Themen – Frauen, nationale, ethnische und sexuelle Minderheiten, Anti-Atomkraft- und institutionskritischen Bewegungen – von eindeutig anti-kapitalistischem Charakter umgehen zu können, deren Identität jedoch nicht auf bestimmte Klasseninteressen ausgerichtet ist.“[12]

Diese Wegweisung hatten Laclau und Mouffe unmittelbar von Marcuse. Sie setzten „unterdrückte Minderheiten“ an die Stelle, die bei Marx von der „unterdrückten Arbeiterklasse“ eingenommen worden war. Diverse Minderheiten traten an die leer gewordene Stelle derer, die es zu befreien galt. Das marxistische Heilsversprechen gilt fort, nur wurden seine Adressaten ausgetauscht:

„Diese Gesellschaft ist zwar eine kapitalistische, aber das ist nicht ihr einziges und entscheidendes Merkmal; sie ist sexistisch und patriarchalisch, ganz zu schweigen von rassistisch.“[13]

Die neue Minderheitentümelei war schon von Marcuse im Kern als Sprengstoff für unser gesellschaftliches System konzipiert. In einer Demokratie werden Normen, Institutionen und Spielregeln von der Mehrheit bestimmt. Das lehnte Marcuse ebenso ab, wie es seinen Epigonen völlig fremd ist. Sie fordern nur scheinbar „Rechte“ und “Gleichstellungen“ für immer neu zu entdeckende „Minderheiten“. Tatsächlich geht es um Systemveränderung. Unsere Mehrheitsgesellschaft mit ihren demokratischen Institutionen soll aufgesprengt werden.

Mit revolutionärem Sprengstoffgürtel im Funkhaus

Die Drahtzieher sitzen inzwischen öffentlich-rechtlich bezahlt in unseren Funkhäusern. Da sitzt zum Beispiel eine Simone Miller und zündelt mit Marcuses Geistesblitz. Am 7.6.2020 führte sie ein Interview, das im Deutschlandfunk zu hören und über das dort nachzulesen ist. Mit einer „Paul B. Preciado“ hat sie gesprochen. So nennt sich Beatriz Preciado jetzt. Sie wird vom DLF als „Philosophin“ vorgestellt.

Der geht es um nichts weniger als um den Urtraum aller Kommunisten seit Karl Marx: Die Abschaffung „des Kapitalismus“:

Die Feministinnen haben für sich gekämpft, die Homosexuellen haben für sich gekämpft. Und diese Kämpfe waren immer nur die von einzelnen Interessengruppen. Man hat sich nicht verbündet. Diese alten Kämpfe haben nur die Identitätspolitik unterstrichen, aber die Fundamente des Kapitalismus nicht angegriffen.“

Stattdessen müsse nun ein „soma-politisches Bündnis“ entstehen, das nicht auf gemeinsamen Identitäten beruhe, sondern auf einem gemeinsamen Anliegen:

„Das heißt, dass sich die enteigneten Körper, all diese Gruppen, die von der Gesellschaft ausgegrenzt worden sind, jetzt vereinen und versuchen, das patriarchal-kapitalistische System zu bekämpfen.“ [14]

Darum, verbreitet sich Miller im Deutschlandfunk unter der Überschrift „Solidarität statt Identität“, müsse man über die bisherige Identitätspolitik hinausgehen, also die vielen, niedlichen kleinen Minderheiten zu einer Bewegung zusammenschließen, um die Fundamente des Kapitalismus anzugreifen. Was da 2020 im DLF propagiert wurde, war schon bei Marcuse nachzulesen.

Die neuen Herrscher werden freilich nicht Personen sein, die als Schwule, Ausländer oder sonstige Minderheitler nur vorgeschoben und benutzt werden. Herrschen sollen vielmehr Linksintellektuelle, die sich ihrer Wahnvorstellung von einem Paradies auf Erden so nahe fühlen wie nie zuvor. Sie fühlen sich als einzig berufene Interpreten ihrer Kampfparolen von Gleichheit aller Menschen. Sie werden uns dann erzählen, wie diese Gleichheit demnächst herzustellen ist. Als neue ideologische Priesterkaste wären sie selbst immer noch gleicher als die anderen.

Wir hatten das alles schon. Hinter ihrer Minderheitentümelei und ihren Phrasen von Gleichheit lauert derselbe Machtanspruch, der im 20. Jahrhundert unter roten Fahnen und Fanfarenklängen weltweit 100 Millionen Tote gefordert hatte.[15]

Manche wollen frei sein wie ein Schmetterling. Andere möchten lieber gleich sein und die Freiheit hinter Stacheldraht verschwinden lassen.

[1] Ernst Niekisch, Gedanken über deutsche Politik, 1929, S.287.

[2] Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, 1967, 6.Aufl.2008, S.17 f.

[3] Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, 1967, 6.Aufl.2008, S.23.

[4] Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, 1967, 6.Aufl.2008, S.16.

[5] Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, 1967, 6.Aufl.2008, S.17.

[6] Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, 1967, 6.Aufl.2008, S.245.

[7] Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, 1967, 6.Aufl. 2008, S.263.

[8] Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, 1967, 6.Aufl. 2008, S.28.

[9] Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, 1967, 6.Aufl. 2008, S.263.

[10] Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, 1967, 6.Aufl. 2008, S.267.

[11] Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, 1967, 6.Aufl. 2008, S.267.

[12] Laclau / Mouffe, Socialist Strategy: Where next, in: Marxism today, Januar 1981, zit.nach Douglas Murray, Wahnsinn der Massen, 2019,  S.79

[13] Laclau / Mouffe a.a.O.

[14] Simone Miller, „Wir erleben gerade eine Revolution“Paul B. Preciado im Gespräch mit Simone Miller, Deutschlandfunk 7.6.2020.

[15] Stéphane Courtois, Das Schwarzbuch des Kommunismus, 1998.

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