Fiktionales Denken vom Affen bis zur Politik: Vaihingers ‚Als-ob‘ als Schlüssel zur Ideologiekritik

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.
Erich Kästner

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt …

Mit unseren haarigen Verwandten teilen wir eine bemerkenswerte geistige Fähigkeit. Wie gestern im Magazin Science nachzulesen war, können Bonobos fiktional denken: Sie durchschauen das „So-tun-als-ob-Spiel“ mit einer fiktiven, also bloß ausgedachten „Realität“. Die Forscher der Johns Hopkins University kommen zu dem Ergebnis, daß Bonobos sich Dinge vorstellen können, die nicht real sind:

Sekundäre Repräsentationen ermöglichen es unserem Geist, sich vom Hier und Jetzt zu lösen und imaginäre, hypothetische oder alternative Möglichkeiten zu generieren, die von der Realität entkoppelt sind. Dies unterstützt viele unserer komplexesten kognitiven Fähigkeiten, wie die Zuschreibung mentaler Zustände, die Simulation möglicher Zukünfte und das Rollenspiel. […] Unsere Ergebnisse legen nahe, daß die Fähigkeit zur Bildung sekundärer Repräsentationen imaginärer Objekte zumindest bei einem kulturell geprägten Affen zum kognitiven Potenzial gehört und wahrscheinlich 6 bis 9 Millionen Jahre zurückreicht, zu unseren gemeinsamen evolutionären Vorfahren (übersetzt und gekürzt, ungekürzt siehe in Fußnote [1].

Amalia Bastos, Christopher Krupenye, Evidence for representation of pretend objects by Kanzi, a language-trained bonobo, Science 5.2.2026

Der Affe Kanzi konnte sich in einem Experiment ausgezeichnet vorstellen, in einem geleerten Becher befände sich Saft, und durchschaute die Fiktion. Er wählte den leeren, durchsichtigen Saftbecher im Spiel, als ob der Becher voll wäre, im vollen Bewußtsein, daß der Saft nur eine Fiktion war.

Der Bonobo wählt den fiktiv gefüllten Becher
(Bild: ChatGPT 5.1, basierend auf der Studie)

Was offenbar die gemeinsamen Urahnen von Menschen und Affen schon ansatzweise beherrschten, haben wir Menschen zur Vollendung getrieben. Wir vermögen uns Dinge und Ereignisse vorstellen, die gar nicht oder noch nicht oder nicht mehr existent sind. Das ist eine Voraussetzung für planvolles, zielgerichtetes Handeln.

Dümmer als die Affen?

Doch wir Menschen scheitern oft genau daran, wenn wir unsere Vorstellungswelt für real halten. Die reale Welt ist draußen. In sich konstruiert jeder mehr schlecht als recht eine Vorstellung von ihr: Die Welt sei schlecht, meint der eine, sie sei wunderbar, der andere, sie sei zum Irrenhaus geworden, seufzt der Dritte. Unsere Vorstellung ist ein realer Teil der Welt, befindet sich aber in uns.

Seit Kant betrachten auch wir die ganze Vorstellungswelt nicht mehr mit naiv-blödem Staunen, sondern ganz kühl und nüchtern als ein theoretisches Vorstellungsgebilde, welches zur Vermittlung von Empfindungsreihen dient.

Hans Vaihinger, Die Philosophie des Als-Ob, 1911, 3.Aufl.1918, S.181..

Doch nicht jeder Mensch durchschaut die Fiktion in jedem Fall. Daß James Bond und Winnetou fiktional sind, weiß noch jeder Erwachsene. Wir können uns aber auch so komplexe Fiktionen ausdenken, daß schlichte Gemüter sie mit der Realität verwechseln und zum Beispiel an die Realexistenz einer Arbeiterklasse oder einer arischen Rasse glauben. Manche Fiktionen sind dabei so geschichtsmächtig, daß sie ganze Zivilisationen wie Lemminge in ihr Verderben stürzen lassen können, so, je nach Kontext, die Fiktion von den Weisen von Zion und der „jüdischen Weltverschwörung“, die der „menschengemachten Klimakatastrophe“ oder die der 63 oder mehr verschiedenen sexuellen Geschlechter.

Auch Oswald Spengler enttarnt die Wissenschaft als „durchscheinendes Gewebe“ – eine Fiktion der „faustischen Seele“. Doch was er darunter findet, „das Früheste und Tiefste, der Mythos, das unmittelbare Werden, das Leben selbst“, ist wiederum auch eine mächtige Fiktion. „Das Leben“ als absoluter Grund aller Kulturen und Schicksale ist keine empirische Tatsache, sondern die letzte, unbewußte Als-ob-Annahme Spenglers – eine Metaphysik, die sich als Anti-Metaphysik tarnt.

„Am Ziele angelangt, enthüllt sich endlich das ungeheure, immer unsinnlicher, immer durchscheinender gewordene Gewebe, das die gesamte Naturwissenschaft umspinnt: es ist nichts andres als die innere Struktur des wortgebundenen Verstehens, das den Augenschein zu überwinden, von ihm die ‚Wahrheit‘ abzulösen glaubte. Darunter aber erscheint wieder das Früheste und Tiefste, der Mythos, das unmittelbare werden, das Leben selbst.“

Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, Nachdruck nach der Ausgabe des Beck-Verlags von 1923, Anaconda-Verlag o. J., S.681, am Schluß des Kapitels „Faustische und apollinische Naturerkenntnis“.

Auch große Denker räumten gewöhnlich die ihnen gegnerischen Fiktionen nur weg, um ihre eigenen an deren Stelle zu setzen.

Fiktionen sind ambivalent

Fiktionen können uns, metaphorisch, in den Himmel oder in die Hölle führen. Als der Poet in Friedrich Schillers genialem Gedicht vor Zeus tritt, ist „die Welt schon weggegeben“: „Der Herbst, der Wald, die Jagd sind nicht mehr mein.“ Doch „willst Du in meinem Himmel mit mir lieber, sooft Du kommst, er soll Dir offen sein!“

Nicht nur in der Kunst ist die Fiktion unverzichtbar, auch beim technischen Fortschritt. Irgendwann vor mehr als 6000 Jahren hatte einer unserer Ahnen, der keine Steine und Stämme mehr schleppen oder schleifen wollte, den fiktionalen Einfall eines Karrens auf Rädern. Sie hinterließen archäologische Spurrinnen im Gestein. Heute teilt Elon Musk, bekennender Science-Fiction(!)-Fan, mit vielen Menschen die Fiktion einer künftigen Weltraumzivilisation. Er möchte in den Himmel fliegen.

In die tiefsten Höllen führt uns dagegen Dante in seiner Comedia: den Schreckensvisionen der, von Hieronymus Bosch kongenial gemalten Fiktion, in der Sünder – wieder eine Fiktion – gequält werden. Je offener wir die Augen halten, desto mehr Fiktionen erkennen wir in Politik und im Geistesleben, wie in der Mathematik die fiktive Unendlichkeit (∞) und allgemein in jeder normativen Ideologie. Diese beruhen immer auf Fiktionen. In der Fiktion wird etwas als real angenommen, obwohl ihr Benutzer weiß oder wissen müßte, daß es gerade nicht real ist. Die Fiktion ist nur ein Gedankenkonstrukt in seinem Kopf, eine Hilfslinie des Denkens so wie ein Breitengrad, den man nirgends im Gelände real auffinden kann.

Weil alle Oberbegriffe, Sammelbegriffe, Denkkategorien, Ethiken, Morallehren, Mythen und Ideologeme auf Fiktionen beruhen oder mit ihnen arbeiten, kann man sie nicht qualitativ negieren oder falsifizieren. Alle entspringen möglichen Denkstilen und dürfen nicht absolut gesetzt werden.

Es ist ein Irrtum, zu meinen, daß eine absolute Wahrheit zu finden sei, oder ein absoluter Maßstab von Wissen und Handeln: das höhere Leben beruht auf edelen Täuschungen.

Hans Vaihinger, Die Philosophie des Als-Ob, 1911, 3.Aufl.1918, S.143.

Hans Vaihinger (1852-1933) hat in seinem dickleibigen Lebenswerk „Die Philosophie des Als-Ob“ von 1911 eine umfassende Analyse des Fiktionalen geliefert.[2] Er leitet ihre Berechtigung und Notwendigkeit daraus ab, daß Fiktionen für unsere Orientierung in der Welt unentbehrlich sind. Wir dürfen darum guten Gewissens aus allen möglichen Fiktionen auf die zurückgreifen, die uns praktisch nützen, und die verwerfen, die unsere Existenz in Frage stellen.

Der politische Kampf der Fiktionen

In der politischen Auseinandersetzung benutzen alle Seiten solche Fiktionen. Auf ihnen beruhen dann komplexe Ideologien. Sie leiten aus fingierten Annahmen die „Werte“ als Du-sollst-Forderungen ab. Es setzt sich gesellschaftlich durch, wer im metapolitischen Raum seinen eigenen Fiktionen Anerkennung verschafft, die gegnerischen dekonstruiert und ihre Verfechter delegitimiert.

Alte Fiktionen sterben allmählich aus, neue treten an ihre Stelle: es ist ein beständiges Wogen, ein Kampf.

Hans Vaihinger, Die Philosophie des Als-Ob, 1911, 3.Aufl.1918, S.135.

Jede Fiktion läßt sich dekonstruieren. Das liegt in der Natur der Sache. Es läßt schon an einem kleinen Beispiel leicht zeigen: der Menschheit. Menschheit gibt es nur im Kopf, in der Vorstellung. In der Realität vermöchte niemand zu sagen, wie viele Menschen in irgendeinem gedachten Augenblick dazugehören. Gehören Ungeborene dazu? Seit wann gäbe es eine solche „Menschheit“? Können wir schon zu Zeiten des Homo habilis von ihr sprechen, war der als Art womöglich auch eine Fiktion, oder gar seit dem Australopithecus? Sind nicht alle Bezeichnungen wie Art, Unterart oder Rasse fiktiv und beliebig?

Auch Menschheit ist eine Fiktion und ein Ideologem für polemische Diskutanten, die vorgeblich im Namen dieser Menschheit zu sprechen vorgeben. Alle Sammelbegriffe sind Fiktionen: die Hunde, die Reichen, die Kinder. Wir kommen im praktischen Leben nicht ohne solche Fiktionen aus. Aber im erkenntnistheoretischen Sinn sind sie niemals real, sondern immer nur Vorstellungen, die wir uns von der Realität machen.

Der politische Kampf entbrennt, weil alle Seiten ihre jeweiligen Fiktionen als real ausgeben, als die Wahrheitihre Wahrheit. Je höher wir in der Begriffspyramide steigen, desto weniger Realität steckt in den Ober-Oberbegriffen. Waldi ist real. Dackel ist weniger real, weil abstrakter, losgelöst von den individuellen Eigenschaften Waldis. Hund enthält noch weniger Realität, Canide wieder weniger und so fort bis zum blassen Wesen.

Darum sind die Spitzen der Fiktions- oder Ideologieproduktion inhaltsleer: Die -ismen sind nur Klebeetiketten auf Schubladen mit einem Sammelsurium von Vorstellungen. Darum kann auch niemand verbindlich definieren, was Sozialismus oder Demokratie eigentlich ist. Es gibt sie nicht real, und jeder kann sich darunter vorstellen, was er will.

Es ist auch eine Frage politischer Macht, welche Fiktionen unseren Kindern an Schulen und Universitäten als angebliche Realitäten eingebleut und welche ihnen ausgetrieben werden: Es gibt keine Väter und Mütter mehr, nur noch Elter 1 und Elter 2, keine Neger, kein deutsches Volk, keine Germanen. Aber es gibt Queere, Gerechtigkeit, Gleichheit aller Menschen, Wertegemeinschaft, Menschenwürde, Gesellschaft, Patriarchat, Diskriminierung, Arbeiterklasse, Privilegierung. Moderne linke und „woke“ Diskurse sind extrem begriffsintensiv – sie operieren mit vielen hoch abstrakten Konstruktionen. Alle sind verbale Seifenblasen.

Auf der anderen Seite benutzen Rechte ihre eigenen Fiktionen. Auch die Begriffe Rechte und Linke enthalten bereits Fiktionen. Die meisten Akteure beider Lager halten ihre eigenen Fiktionen für Abbilder der Realität. Auf der Rechten neigen metaphysisch übereifrige Akteure dazu, den Begriff Volk so zu verstehen, als sei das Volk eine Person mit persönlichen Interessen, einem Volkswillen, Volksgemeinschaft, Wählerwillen, einer Volksseele, einer Vergangenheit und – wohl zweifelhaft – einer Zukunft. Strukturell ist das ebenso eine Fiktion wie Menschheit.

Auf der Rechten dominieren nicht fiktionale Abstrakta wie bei Linken, sondern fiktionale Erzählungen, Mythen, narrative Muster sozusagen: die Siegfriedsage, das Nibelungenlied, der Gotenzug, der schlafende Kaiser im Kyffhäuser, der Rütlischwur, das ewige Deutschland und vieles mehr, was in der Romantik verklärt zum Ausdruck kam.

Politische Dekonstruktion

Das gesellschaftliche allgemein als sagbar Akzeptierte wird als Overton-Fenster bezeichnet[3]. Davon abweichende Fiktionen und Ideologeme zu unterdrücken beginnt heute bei der Lehrer- und Journalistenausbildung und setzt sich an den Universitäten fort.

Laut Curtis Yarvin („Die Kathedrale“) sind Wahlen nur die Fassade einer tieferliegenden Herrschaftsstruktur. Während Regierungschefs und Koalitionen wechseln, bleibt das ideologische Fundament der Institutionen des Landes unangetastet. Tatsächlich bestimmt ein Netzwerk aus Journalisten, Akademikern und „Thinktanks“, welche politischen Positionen im Rahmen des „Vernünftigen und politisch Akzeptablen“ liegen und welche bekämpft werden müssen.  Dieses Netzwerk bestimmt durch „Diskurskontrolle“, Promotionen und Sanktionen den politischen Fahrplan und gibt so die  Agenda vor, deren Punkte dann Politiker, NGOs und Angestellte im öffentlichen Dienst abarbeiten.

Benjamin Kaiser, Twitter (x) 6.2.2026.

Wenn wir nicht den fiktionalistischen Fehler machen, diese tieferliegende Herrschaftsstruktur als gesteuerte Einheit anzusehen, trifft die Diagnose Yarvins zu. Wir erkennen das praktisch zum Beispiel, wenn an einer Universität eine Arbeit schlechter benotet wird, wo jemand die fiktionalen Gendersternchen verschmäht oder etwas nicht botmäßig Wokes schreibt.

Wie in der DDR und zuvor im 3.Reich weiß jeder, welche Fiktionen er zu bedienen hat. Es ist die metapolitische Aufgabe unserer Tage und unsere Pflicht – welch‘ eine schöne Fiktion! -, unsere Ideen, unsere Mythen, unsere Fiktionen zu befestigen, die gegnerischen zu dekonstruieren und unsere eigene, die uns nützende Gedankenwelt an die nächste Generation weiterzugeben.

Der Nachweis der Fiktivität hindert doch die praktische Anwendung nicht; so z.B. bei dem Freiheitsbegriff, dem Pflichtbegriff usw.

Hans Vaihinger, Die Philosophie des Als-Ob, 1911, 3.Aufl.1918, S.143.

Hans Vaihinger 1852-1933 (Foto: Wikipedia)

Ohne die befreiende Tat der völligen Zerstörung aller fremdbestimmenden Fiktionen können wir keinen neuen Anfang machen. Für einen Augenblick öffnet sich uns so der Vorhang der Erkenntnis, daß alle Ideen eben nur Menschenwerk und Sache freier, interessenbedingter Entscheidung sind. Paradoxerweise müssen wir ihn leider schnell wieder schließen: Auch die freie Entscheidung für die uns nützlichen Fiktionen ist keine Sache für Mehrheiten. Die Masse muß an die gemeinschaftsbildenden Tugendfiktionen glauben, als seien diese im metaphysischen Sinne real. Skepsis ist nicht die Vorhalle der Resignation, sondern der Vorbote des Kampfes und somit einer neuen siegreichen Gewißheit. Gewiß können wir uns aber nur unserer selbst sein.

Lesen Sie gern weiter in

Mut zur Freiheit, 1995, Link zum Thema dieses Blogs: S.199 ff.

[1] Sekundäre Repräsentationen ermöglichen es unserem Geist, sich vom Hier und Jetzt zu lösen und imaginäre, hypothetische oder alternative Möglichkeiten zu generieren, die von der Realität entkoppelt sind. Dies unterstützt viele unserer komplexesten kognitiven Fähigkeiten, wie die Zuschreibung mentaler Zustände, die Simulation möglicher Zukünfte und das Rollenspiel. Wir präsentieren experimentelle Belege dafür, daß ein nicht-menschlicher Primat imaginäre Objekte repräsentieren kann. Kanzi, ein mit Lexigrammen trainierter Bonobo, identifizierte in angeleiteten Rollenspielinteraktionen korrekt den Ort imaginärer Objekte (z. B. „Saft“, der zwischen leere Behälter gegossen wurde), nachdem ihm verbale Anweisungen gegeben wurden. In drei Experimenten konnten wir diesen Befund konzeptionell replizieren und wichtige alternative Erklärungen ausschließen. Unsere Ergebnisse legen nahe, daß die Fähigkeit zur Bildung sekundärer Repräsentationen imaginärer Objekte zumindest bei einem kulturell geprägten Affen zum kognitiven Potenzial gehört und wahrscheinlich 6 bis 9 Millionen Jahre zurückreicht, zu unseren gemeinsamen evolutionären Vorfahren.

Amalia Bastos, Christopher Krupenye, Evidence for representation of pretend objects by Kanzi, a language-trained bonobo, Science 5.2.2026.

[2] Weil das Werk heute kaum zitiert wird, kenne ich es leider erst seit einer Woche. Vaihinger teilt meine Positionen, die ich in „Mut zur Freiheit“, Kapitel „Die Geistesfreiheit“, 1995 publiziert habe, indem ich genau das gleiche Als-Ob als einzigen Ausweg aus der Erkenntnis gesehen habe, daß alle Metaphysik nur Hirngespienst ist..

[3] Vgl. im einzelnen Klaus Kunze, Die sanfte Gehirnwäsche, 2020.