Ein neues Schreckgespenst geistert durchs Land: der Transhumanismus.
Bereits der Name rüttelt alle gutmeinenden Humanisten auf: transhumanistisch, also jenseits des Humanen, haust das Gespenst. Höchste Gefahr droht! Jenseits des Humanen geht es nämlich inhuman zu, unmenschlich, tierisch oder – technisch?
Andere formulieren Posthumanismus. Den Humanismus hinter uns lassen? Das Abendland wankt!
Doch seltsam: Als das englische Parlament just beschloß, einen kleinen Menschen bis zum Zweitpunkt der Vollendung seiner Geburt im Mutterleib töten lassen zu dürfen, da wankte nichts und niemand.
Sachlich sortiert
Als vor Jahrhunderten dem Ritter Götz von Berlichingen seine eiserne Hand angepaßt wurde, sprach mit Recht niemand von Transhumanismus, auch nicht wenn später ein Krüppel mit einem Holzbein daherkam oder wenn Uropa statt des Hörrohres ein modernes Hörgerät implantiert bekam.
Doch Zweifel am Restbestand der Menschlichkeit eines Mannes regen sich auf einmal bei der Vorstellung, er könne sich technische Apps einbauen lassen. Die neuere Science Fiction steckt voller Ideen, was man einem Menschen alles applizieren könnte: künstliche Augen mit Fern-Sehfunktion, vielleicht sogar einen im Kopf implantierten Internetempfänger mit Schnittstelle zum Gehirn? In dem alten 007-Film „Der Spion, der mich liebte“ spielte 1977 Richard Kiel den vierschrötigen Russenbösewicht mit eindrucksvollen Zahnreihen. Sie nannten ihn den Beißer. Böse eben – transhuman!

(Richard Kiel als „Beißer“ in „Der Spion der mich liebte“ (1977)
Doch wir wollen erst einmal sachlich sortieren, wovon wir überhaupt sprechen. Die Diskussion dreht sich nicht um Prothesen, sondern um jede bewußte technische Optimierung gesunder Menschen. Das reicht vom Einbau technischer Apps, bisher technische Utopie, über die gezielte Veränderung der Genetik mit bestimmten Zuchtzielen bis zum Aufspielen eines kompletten menschlichen Gehirninhalts auf eine Festplatte, um das Bewußtsein so „umziehen“ oder nach dem Tod „weiterleben“ zu lassen. Alles das erfüllt manche Menschen mit jener Art Ekel, Abscheu und dem Grauen, das mich packt, wenn ich an im Mutterleib getötete ungeborene Kinder denke.
In der angelsächischen Diskussion bezeichnet „Transhumanismus“ eine philosophische und kulturelle Bewegung, die die technologische Überwindung der biologischen Grenzen des Menschen anstrebt. Ihre Kernideen sind die Lebensverlängerung bis zur Unsterblichkeit durch Medizin und Nanotechnologie, einen Geist-Upload des Bewußtseins in einen Computer oder eine Cloud, die gentechnische oder kybernetische Verbesserung („Enhancement“) von Intelligenz, Körper und Emotionen und den Übergang vom Menschen zum „Posthumanen“ oder „Transhumanen“.
Es gibt allerdings keine allgemeingültige Definition von Transhumanismus und ebensowenig eine unumstrittene gemeinsame Zielsetzung seiner publizistischen Vertreter. Libertäre pochen einfach auf das persönliche Entscheidungsrecht zur Selbstoptimierung, Linke peilen endlich eine „gerechte“ Verteilung technischer Errungenschaften an, hinter der die Gleichheit für alle winkt. Religiöse oder spirituelle Varianten verstehen Technik als göttlichen Auftrag, und weil es in Amerika keinen Irrsinn gibt, den es nicht gibt, wird von manchen sogar die Ablösung „der Menschheit“ durch KI gefordert. Die einzige Gemeinsamkeit ist der Glaube, daß Technologie die menschliche Natur radikal verbessern oder ersetzen soll.
Der begrabene Hund
Gerade im letzten, harmlosen Wörtchen liegt der Hund begraben: „soll“! Alle diese Strömungen erheben programmatische Forderungen. Es geht ihren Protagonisten oft nicht in erster Linie um ihren persönlichen Körper, sondern um Milliarden anderer Menschen. Diese hat freilich kein Transhumanist vorher um ihre Meinung gefragt.
Sie wollen „die Welt retten“, indem sie „die Menschheit“ ummodeln. Das geht nicht mit Individualtherapie, sondern nur kollektiv. Alle sollen! So lautet die Devise. Sie soll zur moralischen oder politischen Norm für alle werden.
Der philosophische Terminus für solche Forderungen lautet Normativismus. Normativismen stecken in allen Ideologien, die ein normatives Sollen behaupten, das absolut und universell gelten soll. Der entgegengesetzte Terminus wäre Dezisionusmus. Ihm zufolge gelten zwischenmenschliche Normen immer nur und erst, wenn menschliche Entscheidung sie befohlen hat.
Als wichtigste Vertreter des normativen Transhumanismus gelten Nick Bostrom (Oxford), Ray Kurzweil (Leiter der technischen Entwicklung bei Google), Max More (USA), Zoltan Istvan und Julian Savulescu (Oxford). Der Bioethiker behauptet eine „Pflicht zur genetischen Verbesserung“ (Procreative Beneficence): Eltern sollen ihre Kinder genetisch optimieren.

Das andere Lager
Auf der anderen Seite stehen wütend alle metaphysisch Beflügelten, für die jede Biotechnologie einem „Herumpfuschen in Gottes Schöpfung“ gleichkommt oder die auch nur an eine feststehende „Natur des Menschen“ glauben. In dieser, so die Idee, gewinnen all die schönen „höheren“ Eigenschaften „des Menschen“ Gestalt: Glauben, Liebe, Hoffnung, „Menschlichkeit“ und jenes Gute an sich, das sie irgendwo in jedem Menschen verborgen meinen. Schließlich sei der Mensch ja gottesebenbildlich, also könne in seiner Natur eigentlich nur Gutes stecken.
Seit der Renaissance bildete dies die Kernidee des sogenannten Humanismus. Er hatte sich von der beschaulichen Betrachtung des lieben Gottes wie auch dem scharfsinnigen Nachdenken über Gott durch die Scholastik abgewandt. Weil Gott sowieso unergründlich sei, galt die Neugier der Humanisten jetzt dem Menschen.
Sie behaupteten, es gebe eine in jedem Mensch fest verankerte moralische Natur. Dieser Natur schrieben sie einen ganzen Katalog einzelner moralischer und ethischer Pflichten zu, fest in ihm verankert wie in der Betriebssoftware eines Computers. Im nächsten Schritt zogen sie diesen ethischen Pflichtenkatalog aus „dem Menschen an sich“ wieder hervor, nannten ihn Naturrecht, hoben den Zeigefinger, runzelten die Stirn und donnerten: „Du sollst!“
Der logische Fehlschluß war grandios: Aus einem angeblich vorhandenen moralischen Sein wurde ein moralisches Sollen abgeleitet. Die Werte, behaupteten die Naturrechtler, lägen bereits in der Natur des Menschen verankert vor, also solle sich gefälligst jeder daran halten. Was das im einzelnen bedeutete? Diese Interpretation behielt jeder der Naturrechtler sich gern selbst vor. „Die Natur des Menschen“ bildete einen unerschöpflichen Kaffeesatz an Moralin, aus dem jeder schöpfte, was er wollte und halbwegs rational begründen konnte.
Wenn aber moralisches Sollen fest zur Natur des Menschen gehörte, mußte jeder eigenmächtige Veränderung „der Natur des Menschen“ eine Erzgefahr für „das Humane“ darstellen, für alle Menschlichkeit, für Ethik, Moral und das Gute. Selbstverständlich schloß man stillschweigend alles Böse aus dieser Vorstellung einer Natur des Menschen aus. Mord, Totschlag, Abtreibung, Kannibalismus, Neid und Haß rechnete man nicht in sie ein, auch wenn die bösen ebenso alltäglich und augenfällig zu den menschlichen Neigungen gehörten wie die guten.
Nun bürgt niemand für all die guten Eigenschaften der Natur des Menschen, wenn diese Natur der Willkür und dem Belieben technisch begabter Menschen ausgeliefert ist. Nach-, also trans- oder posthuman droht mutmaßlich eine neue, frankensteinische Welt moralischer Monster: der Gespenster des Transhumanismus.
Der technische Pragmatismus
Jenseits von humanitaristischer Schwärmerei und ihren Veränderungsängsten, aber auch jenseits der furchtlosen Fortschrittsschwärmer und ihren neuen Wunschmenschen kann nur ein pragmatischer Standpunkt stehen. Mögen sich normative Befürworter und Gegner ruhig vor dem Hintergrund ihrer konträren Ziele bekämpfen. Realistisch sind diese nämlich alle nicht.
Nicht daß sich technische Utopien nicht in die Realität umsetzen ließen. Vielleicht klappt das irgendwann. Nicht realistisch sind alle Vorstellungen einer „menschlichen Natur“, der ethisch-moralische Werte oder Normen eingebrannt seien. Es gibt weder eine normativ zu verstehende „Natur des Menschen“ noch eine Norm, an dieser nichts durch technische Eingriffe zu verändern oder gar eine Pflicht, sie „höher“ zu entwickeln. Das sind alles aus Wunschvorstellungen geborene Hirngespinste.

Weder sollen wir uns technisch mit Apps oder Maschinen zu „höherem“ verbinden“, noch verbietet und das unsere „Mutter Natur“. Wir müssen unsere Entscheidungen schon selbst treffen, philosophisch ausgedrückt: dezisionistisch. In unserer Fähigkeit dazu liegt unsere Freiheit.
Diese Freiheit darf aber niemals die Macht umfassen, anderen Personen ins Genom, ins Gehirn oder sonstwohin zu pfuschen, ohne daß diese es wollen.
Aber wer will, darf ruhig weiter davon träumen, nicht nach seinem baldigen Tod verbuddelt oder verbrannt zu werden, sondern als Bewußtseinsinhalt oder auch nur als Kopie auf unabsehbare Zeit virtuell weiterzuspuken: mit optischem Weitwinkelausblick auf unsere schöne reale Welt und Lautsprecher, versteht sich. Für mich jedenfalls und für viele, die ich kenne, wäre das jedenfalls eine weniger langweilige Zukunftsaussicht als diese Sache mit dem Sarg, den Würmern und dergleichen, die sich dann über meine liebsten Teile hermachen, vielleicht auf der Suche nach der Natur des Menschen.
Technischer Pragmatismus bietet den Ausweg zwischen den normativistischen Streithähnen, ihrem Glauben und Gegenglauben. Wer will, darf sich technisch erweitern – mit Implantaten, Genom-Editierung oder sogar einem Bewußtseins-Upload. Wer nicht will, läßt es bleiben. Weder gibt es eine Pflicht zur Verbesserung noch ein Verbot aus einer angeblichen ‚Natur des Menschen‘. Die Entscheidung liegt allein beim Einzelnen. Das ist Freiheit.
Unsere Verantwortung
Aus pragmatischer Sicht gibt es viele Milliarden Menschen, und Biotechnik ist so teuer, daß eher wenige sich „Verbesserungen“ an sich werden leisten können. Das gilt auch für individuelle genetische Veränderungen. Was kümmert es den Rest der Welt, wenn mein Neugeborenes genetisch so verändert ist, daß es keinen Schnupfen mehr bekommen kann?
Eine „schöne neue Welt“ mit genetisch normierten und klassifizierten Bürgern droht nicht. Sie wäre unökonomisch und ineffizient. Die Dystopie Aldous Huxleys ist unrealistisch und unwahrscheinlich, so interessant sie sich als Menetekel auch liest.

Was wir aber während der sogenannten Corona-Krise gelernt haben, ist die Gefahr massenhafter Eingriffe in unser aller Genom durch staatliche oder gesellschaftliche Kontrolle. Die Eigenverantwortung für unseren Körper unsere Gene dürfen wir uns unter keinen Umständen abnehmen lassen. Auch unter demokratisch klingenden Parolen kann sich ein totalitärer Anspruch durchsetzen, der an die Stelle eines nebulösen Sollen aus der Natur des Menschen ein knallhartes gesetzliches „Du mußt!“ setzt.
Dann schlüge die Stunde der Waldgänger, für die keine fremdbestimmenden Normen gelten.


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