Im Würgegriff der Gutmenschen [1]
Sie können das Wort „moralisch verpflichtet“ nicht mehr hören? Ich auch nicht mehr. Gerade darum sollten Sie aber weiterlesen. Es geht Ihnen nämlich wie dem Hund, der die Worte Maulkorb und Leine nicht mehr hören mag. Eine durchgesetzte Moral ist ein Mittel sozialer Disziplinierung. Zwangsläufig müssen wir uns mit den uns angelegten Leinen und moralischen Nasenringen auseinandersetzen, mit denen man uns durch die Manege führt.
[Text: 11 200 Worte)
Inhaltsverzeichnis
Der Machtanspruch des Moralisten
Die Religion der universellen Moral
Der Sünder wird selbst zum Tribunal
Moral tobt sich an den Universitäten aus
Die Strategie der moralischen Machtergreifung
Die paninterventionistische Weltmoral
Moral als denaturierte Ideologie
Weltherrschaft des Guten mit Pferdefuß
Am moralischen Gängelband
Das Wort „unmoralisch“ ist zur Killerphrase geworden. Gutmenschen tragen sie als Waffe vor sich her wie einen Spieß, mit dem ein schlichter Landsknecht selbst den schönsten Ritter vom Pferd holen konnte. Solche Killerphrasen haben keinen greifbaren Inhalt. Sie sind leere Worthülsen. Über alles und jeden gießen Spießbürger die Einheitssauce ihrer Moral aus. Es wäre gefährlich, die guten Leute einfach ihrem moralischen Delirium zu überlassen. Zu dessen Symptomen gehört nämlich oft eine besserwisserische Arroganz gegenüber allen, die nüchtern geblieben sind. Wir sollen uns einreihen in die Triumphzüge der professionellen Betroffenen, sollen einstimmen ins Aufheulen der immer Empörten, doch schweigen, wo sie bußfertige Stille ansagen.
Schweigend sollen wir bis zu Kind und Kindeskind dafür zahlen, daß sie ein gutes Gewissen haben. Schon 1667 glaubte Pufendorf, daß selbst „das Fegefeuer nur zu dem Zweck angezündet ist, um diejenigen mit einer Abgabe belegen zu können, die der Tod sonst von allen menschlichen Dingen befreit.“[2] Wir werden erst frei von solchen Abgaben sein, wenn alle moralischen Fegefeuer gelöscht sind.
Linksextreme Taktik hat sich unterdessen des Moralismus bemächtigt und benutzt ihn, um ihre strategischen Ziele zu erreichen. Wer nicht durchschaut, mit welchen Mechanismen sie funktioniert, bleibt dagegen wehr- und hilflos. Wenn endlich ganze Nationen ihre ökonomischen Eigeninteressen durchboxen, indem sie ihre Moral wie ein klebriges Spinnennetz um den ganzen Globus hüllen, wird es für uns alle gefährlich – auch für unsere eingeborenen Moralisten.
Der Machtanspruch des Moralisten
Moral kann man unter verschiedenen Aspekten betrachten: unter religiösem Aspekt etwa, dann kristallisiert sich z.B. aus katholischer Sicht heraus, daß eine gültige Moral aus Christentum plus katholischer Lehre bestehen muß, wohingegen sie doch, Luther zufolge, eher eine Frage der individuellen Gewissensentscheidung wäre. Man kann sie auch rational zu konstruieren suchen. Viele haben das unternommen. Allerdings hält die Vernunft der meisten Menschen genau das für moralisch, was ihnen persönlich nützt.
Viel spannender ist darum die Frage nach der sozialen Funktion von Moral. Da lautet die soziologische Antwort ganz schlicht: Moral kann ein Herrschaftsinstrument sein, indem man zum Beispiel ein Volk dazu bestimmt, eine konkrete „Erinnerungskultur“ zu verinnerlichen, die Machtstrukturen stabilisiert. Es kann dann moralisch geboten sein, an der richtigen Stelle moralische Zerknirschung zu zeigen und den politischen Fingerzeig korrekt zu beherzigen, so wie es im Wilhelm Tell aus höflicher Moral geboten war, den Geßlerhut zu grüßen. Dann fungiert Moral als Fremdbestimmung. Es herrschen diejenigen, die die Auslegungsmacht darüber für sich in Anspruch nehmen, was aus dem moralisch Gebotenen heute politisch konkret folgt.
Moralismus ist eine Angriffswaffe, sich selbst mittels der eigenen Weltanschauung durchzusetzen, und damit eine Methode, Macht zu erringen und zu bewahren. Jeder kann sie benutzen. Man hält dann jemandem vor: „So etwas macht man nicht, das ist böse!“ – unmoralisch!
Jeder Mensch bildet sich in jungen Jahren ein persönliches Weltbild. In seiner Sicht der Dinge bewertet er alle Phänomene, Personen und Erfahrungen in Bezug auf sich selbst. Die Summe aller dieser Bewertungen begründet ein komplexes, möglichst in sich stimmiges Weltbild, eine auf das eigene selbst und seine Bedürfnisse abgestimmte Ideologie. Diese hält er freilich nicht für eine subjektive, nur für ihn selbst geltende, sondern für eine objektiv „wahre“ Bewertung des sozialen Lebens. Daß sich alle Menschen durch solche Lebens-Ideologien leiten lassen, fällt ihm erst bei anderen Menschen mit „falscher Ideologie“ auf. Es gibt nicht eine Moral, sondern viele.
Erst nach hinreichender Analyse des eigenen Denkens und Handelns bemerken viele ihre eigenen, im Alltag nicht mehr hinterfragten weltanschaulichen Grundannahmen, also ihre eigene Ideologie. Hat man aber erkannt, daß es keineswegs nur die eigene, scheinbar nicht ideologische „richtige“ oder „wahre“ Sicht der Welt gibt entgegen vielen anderen, ideologisch getrübten Perspektiven anderer Leute, wird man sofort „toleranter“. Man erkennt dann, daß es viele relativ gültige und relativ richtige Perspektiven auf das menschliche Zusammenleben gibt. Man vermag dann auch, in Gedanken die Perspektive eines Fremden zu übernehmen, sich in ihn hineinzuversetzen und ihn zu verstehen.
Man zahlt für diese Fähigkeit den geringen Preis, sich selbst und seine Sicht der Welt nicht mehr absolut zu setzen. Das bringt den endgültigen Abschied von der egozentrischen Vorstellung mit sich, der eigenen Weltsicht so etwas wie Objektivität oder Wahrheit beizumessen. Wer nie gelernt hat, seine empathischen Fühler auszustrecken und sein Gegenüber im Innersten zu verstehen, muß dabei noch einiges an Anstrengung aufbringen.
Der Lohn ist groß und besteht in einem umfassenderen Verständnis der Beweggründe anderer Menschen. Als Nebeneffekt dämpft er die zwischenmenschliche Aggression ganz erheblich. Alles zu verstehen, heißt zwar nicht, alles zu verzeihen. Ein Konflikt nur zur Austragung ideologischer Zwistigkeiten lohnt dann aber den Aufwand nicht. Die Welt wird ein Stückchen friedlicher.
Wer aber die Moral seiner Ideologie, „sein Gut und Böse“, verabsolutiert und als „das Gut und Böse“ schlechthin ausgibt, erhebt damit den Machtanspruch, an die Wertsetzungen seiner Weltanschauung habe sich alle Welt gefälligst zu halten. Es bietet sich
„kein besserer Weg zur Durchsetzung eines Machtanspruchs an als der Kampf um den Sieg einer Norm, deren Vertretung und Interpretation sich der darum Kämpfende vorbehält.“
Panajotis Kondylis[3]
Der moralische Extremismus
Mit Moralisten kann man nicht diskutieren. Ebensogut könnte man mit Zeugen Jehovas über ihre Schöpfungsgeschichte und ihre Propheten streiten. Wie alle Extremisten sind beide im Käfig ihres Glaubens vernagelt, nur sind Moralisten aggressiver. Der Gott der Christen kennt noch die Barmherzigkeit und die Vergebung. Ein echter Moralist vergibt und verzeiht nie, auch sich selbst nicht.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts galt der Moralismus unter gebildeten Leuten als tot, als mumifiziertes Fossil des finsteren Mittelalters. Mit dem 30jährigen Krieg um Religion, Konfession und wahre Moral sollte er abgetan sein, zermalmt unter den Argumenten französischer Aufklärer, gevierteilt und der Lächerlichkeit preisgegeben durch Friedrich Nietzsches Werk „Jenseits von Gut und Böse“ und schließlich zur Karikatur des rückständigen moralischen Spießers geronnen.
Er ist wieder auferstanden. Als Wiedergänger sucht er in sozialen Foren nach Dominanz. Geistige Gartenzwerge ohne erkennbare Sachkenntnis spielen sich auf wie Riesen der moralischen Inquisition. Sachbezogene Argumente knipsen sie aus wie einen Lichtschalter. Es wird sofort dunkel, sobald einer mit gerunzelter Stirn anhebt: „Das ist aber unmoralisch!“
Fettfleckartig breiten sich moralisierende Deutungsmuster in allen Bereichen aus, oft auch, wo sie gar nicht hingehören. Zur Frage, ob der Arzt heilen kann, tritt die Vorfrage, ob er es in bestmöglicher Weise darf oder ob seine Technik böse Gentechnik ist. Darf ein Biologe noch männlich von weiblich unterscheiden, oder ist er dann – genderistisch gesehen – böse? Moralisiert ist die Pädagogik. Unser Staatsfernsehen moralisiert von früh bis spät. Der Physik warf man schon lange die Erfindung der Atomkraft vor. Gentechnik wird kurzerhand unter „unmoralisch“ rubriziert. Alles muß vor Moral triefen. Es soll auch keine wertfreie wissenschaftliche Erkenntnis mehr geben. In der Geschichtsforschung ist es in manchen Bereichen unmoralisch, über andere als die schon lange „historisch feststehenden“ Deutungen auch nur nachzudenken.
Das Internet wird überschwemmt von moralischen, hypermoralischen und pseudomoralischen Schweigegeboten, Phrasen der Beschwörung des Guten und Beschimpfungen des Bösen. Wer in der Sache kein Argument hat, verlegt sich aufs Moralisieren. Und er findet Gehör – die Gemeinde wächst. Sie stachelt sich selbst zu immer größerer Aggressivität auf und sucht „die Unmoral“ auszurotten. Arnold Gehlen hatte Recht, daß die Radikalisierung jeder Ethosform Aggression freisetzt.[4] Rigoros fährt man Ungläubigen über den Mund. Soziales Mobbing tritt heute gewöhnlich in Form dümmlicher Moralisierung auf. Es bedarf keiner inhaltlichen Argumente. Man kann mit ihm nicht diskutieren. Das erwartet der Moralist auch nicht. Man soll sich ihm beugen.
Extremisten erkennt man daran, daß sie mit absolutem Wahrheitsanspruch auftreten, die Welt aus einem einzigen Prinzip heraus erklären, dieses absolut setzen und daneben nichts gelten lassen. Dem Politologen Harald Bergsdorf zufolge erhebt der Extremist erstens den Wahrheitsanspruch, mit seiner Doktrin die einzig wahre Weltsicht gefunden zu haben. Darum kämpft er zweitens mit besonderem Rigorismus gegen andere Interessen, Lebensformen und Wertvorstellungen. Weil Freund-Feind-Denken und Haß die Hauptantriebskräfte extremistischer Politik seien, seien sie heterophob und wollten demokratischen Pluralismus nicht akzeptieren.[5] Moralisten dürfen also auf dem schmalen Grat zwischen Fanatismus und Extremismus keinen falschen Schritt tun. Ein Pluralismus verschiedener Moralen ist ihnen fremd.
Wie alle Prinzipien kann man auch moralische Prinzipien verabsolutieren. Dann glaubt man an die reale Existenz eines konkreten, universellen Gut und Böse und schwingt sich zum Propheten, Ankläger, Richter und Vollstrecker auf – des Guten, versteht sich. Neben seiner Moral duldet der Moralist nichts.
Andere Menschen erklären die Welt aus Sicht anderer Sachgebiete: der Naturwissenschaftler zum Beispiel auf Grundlage der Chemie und Physik. Für ihn ist eine Aussage richtig oder falsch. Der Ästhet betrachtet die Welt, und was er sieht, findet er schön oder häßlich. Der Ökonom unterscheidet das Nützliche vom Unnützen.
Der Naturwissenschaftler weiß: Die Realität „draußen“ ist immer dieselbe. Sie sieht nur in unseren Köpfen aus den verschiedenen Blickwinkeln und Besonderheiten anders aus, unter denen man eine Frage betrachten kann. Jeder kann sich ein eigenes Modell der Realität draußen in seinem Kopf drinnen zusammensetzen. Bei jeder Entscheidung kann man abwägen, ob sie zugunsten der Ästhetik, der Moral, der Nützlichkeit oder eines anderen Gesichtspunktes ausfällt. Jeder kann danach handeln, was seine Moral ihm sagt, wenn er das möchte und gegen andere Optionen abgewogen hat.
Ob ein Handeln moralisch ist, kann immer nur ein Kriterium bei der Abwägung verschiedener möglicher Handlungsoptionen anhand unterschiedlicher Handlungsmaximen sein. Der Moralist aber glaubt nicht nur daran, immer müsse die Moral das letzte Wort haben. Er wähnt sich auch in Besitz einer höheren Erkenntnis, welche konkrete Moral das sein soll und was sie gerade fordert.
Wer dagegen jede Moral auf ihren Urheber zurückführt und eine allgemeinverbindliche Moral verneint, ist in moralischer Beziehung Nihilist. Ein und dasselbe moralische Gesetz für alle? „Nihil!“ Nichts, antwortet er, so etwas gibt es nicht.
Im moralischen Kettenhemd
Wer einen realen Interessenkonflikt nicht zusätzlich mit moralischen Imperativen befrachtet, glättet die Wogen und ist eher zu einer friedlichen Verständigung bereit.
Es ist dagegen „eine einfache, historisch unbestreitbare Tatsache, daß das größte Leiden in der bisherigen Geschichte nicht aus der Zerstörungslust von Nihilisten, sondern aus den Kämpfen um Durchsetzung der jeweils ‚einzig wahren‘ Moral oder Religion entstand.“
Panajotis Kondylis[6]
Doch der Moralist sieht nichts außer moralisch Relevantem. Wegen einer unverhüllten Schamgegend oder nackten Brüsten will er ein Gemälde im Museum abhängen. Mohrenapotheken sollen ihren Namen aufgeben. Er fordert, seiner Moral zuliebe solle der Staat Geld ausgeben, das er gar nicht hat, und wenn sich jemand über seine Moral lustig macht: „Nieder mit ihm!“
Die potentielle Aggressivität moralischer Verbote ist unübertroffen. Wer ohnehin aggressiv ist, kann erst recht auftrumpfen, wenn er sich zuvor moralisch bewaffnet.
„Das moralische Urteilen und Verurteilen ist die Lieblings-Rache der geistig Beschränkten an denen, die es weniger sind.“
Friedrich Nietzsche[7]
Die Empörung ist der typische Gestus des Moralisten. Unsere vom Internet und sozialen Medien dominierte Diskussion wird von einer Empörungswelle nach der anderen heimgesucht. Moralische Schiet-Stürme fegen durchs Land und brechen sich im Internet oft erst an den Innenwänden der jeweiligen Echokammern.

Mit moralischem Mobbing versucht man, Argumente anderer zu unterdrücken.
„Es gibt im Leben den Rigorismus der einzelnen Werte. Er kann sich bis zum Fanatismus steigern. Jeder Wert hat – wenn er einmal Macht gewonnen hat über eine Person – die Tendenz, sich zum alleinigen Tyrannen des ganzen menschlichen Ethos aufzuwerfen, und zwar auf Kosten anderer Werte, auch solcher, die ihm nicht material entgegengesetzt sind. […] Solche Tyrannei der Werte zeigt sich schon deutlich in den einseitigen Typen der geltenden Moral, in der bekannten Unduldsamkeit des Menschen gegen fremdartige Moral; noch mehr im individuellen Erfaßtsein einer Person von einem einzigen Wert.“
Nicolai Hartmann [8]
Wer an eine alleinseligmachende Moral glaubt, sieht den Ungläubigen als, böse, unmoralisch und schlechthin verwerflich an. Wie der Kirchenvater Augustin stellt er seine Moral über Freiheit und Lebensrecht Andersdenkender: „»Es kommt nicht darauf an, ob jemand gezwungen wird, sondern allein darauf, wozu er gezwungen wird, ob es nämlich etwas Gutes oder etwas Böses ist.«[9] Dieser Satz, der wie bei Platon die souveräne Nichtachtung der individuellen Freiheit und subjektiven Moralität durch den, der sich im Besitze der absoluten Wahrheit glaubt, zum Ausdruck bringt, hat historisch zur Rechtfertigung der Ketzerverfolgungen gedient.“[10] Aus dieser Geisteshaltung folgten die Greuel der Religionskriege, die Robespierre’sche Guillotinenmoral, der Tugendterror und die Schrecken des Archipels GULAG.
Die Moralisten kommen – rette sich, wer kann! Sie sind brandgefährlich. Henning Hahn konstatiert dem „pathologischen Moralismus“ eine Tendenz zum „moralischen Terrorismus“:
„Wer seine moralische Autonomie verabsolutiert und sie als vollständige Wirklichkeit seiner Freiheit mißversteht, entwickelt wiederum pathologische Verhaltensmuster. Er wird entweder zum Moralapostel oder zum moralischen Terroristen. Der Moralist krankt daran, daß er in seinen sittlich vorgegebenen Verantwortungsverhältnissen keinen Sinn mehr erkennt. Er kann sich nicht mit der konventionalisierten Wirklichkeit versöhnen, weil er der Fiktion eines ‚verbundenen Subjekts‘ anhängt, ‚welches all seine Grundsätze aus der Perspektive einer allgemeinen Menschheit gewinnen muß. So sucht der Moralist den moralischen Standpunkt nicht nur dann auf, wenn ihm eine bestimmte Rollenanforderung zum Problem geworden ist, sondern führt sich permanent als unvoreingenommener Weltenrichter auf.“
Henning Hahn [11]
„Im moralischen Terrorismus“, zieht der Philosoph Hahn Bilanz, „mündet diese Verabsolutierung des moralischen Standpunkts dann in Gewalt.“
Heutige Moralisten denken beschränkt in einem engen Gut-Böse-Korsett. Sie kennen nur die moralische Guillotine, manchmal auch die eiserne. Eine Freiheit, nach seiner persönlichen Moral zu leben, gewährt sie nicht. Für eine Wert-Philosophie der Freiheit hingegen ist „nicht nur Freiheit der höchste Wert, sondern auch die Wert-Freiheit die höchste Freiheit.“[12] Wertfreiheit führt unmittelbar zur Moralfreiheit, nicht zur Unmoral, sondern zur Amoral.
Es wird vielfach bemerkt und beklagt, daß in den früher „westlich“ genannten Ländern ein Kulturkampf stattfindet, ein innerer Bürgerkrieg zweier Lager, die sich nicht mehr miteinander verständigen können. Zwischen ihnen steht eine unsichtbare and schallschluckende Wand, die keine Argumente mehr durchläßt. Diese Wand besteht aus Moral.
Es wird Zeit, sie niederzureißen, die moralischen Kettenhemden auszuziehen, den Gegnern in die Augen zu sehen und sich zu erinnern, daß sie auch Menschen sind und keine Inkarnation des Bösen.
Was ist Moral?
Vergewärtigen wir uns, was Moral eigentlich ist. Ihre spezifischen Unterscheidungsmerkmale lauten gut und böse. Das hört sich schlicht an und ist es auch. Es sind zunächst Wort-Seifenblasen ohne konkreten Inhalt. Wenn jemand nämlich auffordert, das Gute zu tun und das Böse sein zu lassen, weiß noch niemand, was im einzelnen gemeint ist. Darüber kann man auch lange streiten. Es hängt immer vom persönlichen Weltbild ab. Dieses besagt, was einer für wertvoll, wertlos oder belanglos hält.
Im Unterschied zur Moral nimmt die Ethik für sich in Anspruch, wissenschaftlich zu reflektieren, was Moral ist, auch ob konkreten Tugenden wie Treue oder Pflichterfüllung inhaltlich richtig sind und beachtet werden sollten. Die Ethik stellt gern mit Inhalt gefüllte Wertbegriffe auf leitet Tugenden aus ihnen ab. Sie sucht diese in ein System zu bringen. Die Moral hingegen beschränkt sich auf die leeren Wortgefäße gut und böse.[13] Man spricht manchmal von materialer Wertethik[14], wohingegen die Moral formal ist und erst mit dem konkreten Inhalt einer Weltanschauung gefüllt werden muß, wenn man sie auf das praktische Handeln anwenden will.
Moral[15] beinhaltet für sich noch keinen gültigen Wert oder Inhalt. Sie bildet kein eigenständiges Normensystem aus. Ihr Gut und Böse besteht aus den jeweils antithetischen Bestandteilen verschiedener Weltbilder und können nur aus deren jeweiliger Perspektive als solche angesehen werden.[16] Jedes Weltbild hat sein eigenes Gut und Böse. Das Bild, daß jemand sich von der Welt und seiner Rolle in ihr macht, kann religiös begründet oder politisch-ideologisch sein. Selbst ein egozentrisches Exemplar unter den Nihilisten, das an nichts glaubt, hat ein konkretes Weltbild. In dessen Mitte steht der Egoist selbst. Max Stirner formulierte das prägnant: „Mir geht nichts über mich.“[17] Auch was für ihn daraus folgt, ist in seiner Weise seine Moral.
Die Weltsicht jedes Menschen besteht aus seinem Ego, aus dem heraus er die Welt betrachtet und bewertet, und seiner persönlichen Identität in Auseinandersetzung mit der Welt. Im sozialen Leben bemüht er sich um Selbsterhalt und sozialen Einfluß. Er sucht Spielregeln durchzusetzen, die ihn begünstigen. Diese bilden seine Moral. Sie sagt ihm, was gut für ihn ist. Der böse
„Feind ist der, gegen den es gilt, das eigene Weltbild und somit auch die eigene Identität zu verteidigen.“
Panajotis Kondylis[18]
Weil verschiedene Personen ihre jeweilige Perspektive auf die Welt ganz unterschiedlich bilden, gibt es zwar gut und böse als abstrakte Begriffe. Es gibt aber je nach Weltsicht jedes Individuums inhaltlich nicht eine Moral für alle, sondern viele Moralen. Diese verschiedenen Sichtweisen hängen von den Gefühlen ab, mit denen jemand die Dinge betrachtet. So konnte Nietzsche formulieren: „Die Moralen sind auch nur eine Zeichensprache der Affekte.“[19] Sie heben das Bauchgefühl auf ein abstrahierendes Sprachniveau.
Bei wissenschaftlicher, also wertfreier Betrachtung gehören die geistige Erfassung der Lebenswelt und ihre Teilung in ein für das Individuum Gutes oder Böses zu den grundlegenden geistigen Funktionen. Gut und böse sind Denkkategorien des Betrachters und nicht Merkmale des betrachteten Objekts oder einer beobachteten Handlung. Sie beschreiben lediglich komplementäre Aspekte und Seiten derselben, objektiv zusammengehörenden Wirklichkeit.
Was jeweils inhaltlich als gut oder böse gilt, hat sich historisch so entwickelt. Mythen, Religionen und Ideologien beinhalten auch kollektive weltanschauliche Entscheidungen.[20] Das Gute und das Böse eines Christen ist darum inhaltlich etwas anderes als das Gut und Böse eines Linksextremisten, das eines narzistischen Egomanen oder das eines Sadisten wie des Marquis de Sade. Selbst dieser hatte ein philosophisch sehr ausgefeiltes Weltbild.[21]
Theoretisch muß nicht jedes Weltbild antithetisch konzipiert sein. Die sozial erfolgreichen sind es aber, weil sie Menschen Orientierung vermitteln. Schon das Kleinkind unterscheidet, was seine Bedürfnisse befriedigt und darum nützlich ist, davon, was ihm widerstrebt und schadet. So teilt das Kind seine kleine Welt in sein Gutes und sein Böses, lange bevor es das Wort kennt. Die Germanen unterschieden zwischen schädigenden Naturgewalten und der dem Menschen zuträglichen Ordnung der Dinge. Chaos und Ordnung sahen sie in den zerstörerischen Frostriesen bzw. den menschenfreundlichen Göttern verkörpert. Monotheistische Religionen reduzierten die schöpfende, ordnungstiftende Kraft auf eine Gottesperson gegenüber dem Diabolos, wörtlich: dem Durcheinanderbringer. Daraus ging das Christentum hervor und identifizierte seinen Gott mit dem Guten an sich und ursprünglich mit dem Bösen an sich den Teufel.
Die begriffliche Erfindung von Gut und Böse stellte eine hohe Abstraktionsleistung dar. Sie war den Urgesellschaften wohl noch fremd. Man schob alles auf Naturgewalten, die man später als mehr oder weniger freundliche Götter personifizierte und am Ende auf einen Erzbösewicht verringerte, dem man einen guten Gott gegenüberstellte. Die mittelalterliche Scholastik stritt noch erbittert darum, ob dieser Gott in seiner Allmacht das Gute geschaffen habe oder ob er mit dem Guten identisch sei und es verkörpere. War er allmächtig, hätte er auch das Gute böse und das Böse als gut erschaffen können. Hätte er dies aber nicht gekonnt, eben weil er mit dem Guten identisch ist und schlechterdings nichts Böses hätte schaffen können: Wie sollte er dann allmächtig sein?
Durch solche Disputationen lösten sich Gott und das Gute begrifflich voneinander. Im christlichen Abendland lebten das Gute und das Böse als Phänomene fort, auch als die Aufklärung bei vielen Gelehrten die Vorstellung einer Person namens Gott obsolet machte und der Teufel zur abergläubischen Spukgestalt wurde.
Gut und böse erkannte man jetzt als abstrakte Begriffe, die nur in menschlicher Vorstellung existieren und uns helfen, das Handeln anderer Menschen uns gegenüber zu bewerten. Auch gebildete Aufklärer konnten es sich in ihrer Epoche nicht erlauben, Gott und das göttliche Gut und Böse rundweg zu leugnen. Sie machten es aber argumentationslogisch irrelevant: Sie unterschieden scharf zwischen dem im praktischen Leben ethisch Gebotenen und rein innerseelischem Gut und Böse. Die Ethik für die Lebenspraxis schöpften sie aus den Resultaten vernünftigen menschlichen Nachdenkens. Das innere Gut und Böse überließen sie der Moraltheologie.
So schob Samuel von Pufendorf die praktische Bedeutung der Moral beiseite, indem er ihren Wert scheinbar lobte. Offen angreifen durfte er sie nicht. Er machte sie aber praktisch irrelevant:
„Das Naturrecht lehrt also die Menschen, wie sie dieses Leben in rechter Gemeinschaft mit anderen Menschen zu verbringen haben. Demgegenüber wendet sich die Moraltheologie an den Menschen. soweit er Christ ist und demgemäß den Vorsatz haben muß, nicht allein dieses Leben mit Anstand zu verbringen, sondern die Frucht seiner Frömmigkeit vor allem nach dem Ende des Lebens zu erwarten. […] Daher gehören die Lehrsätze des Naturrechts nur zur weltlichen Gerichtsbarkeit, deren Wirkung nicht über dieses Leben hinausreicht. Und es wäre bei vielen Dingen ganz verkehrt, sie auf die Gerichtsbarkeit Gottes anzuwenden, um die sich vielmehr die Theologie zu kümmern hat. Daraus folgt, daß das Naturrecht sich zum großen Teil auf die Ordnung der äußeren Handlungen des Menschen bezieht. […] Aber für die Moraltheologie genügt es nicht, das äußere Verhalten des Menschen in einer den Sitten entsprechenden Form zu ordnen. Sie bemüht sich vielmehr in erster Linie darum, daß der Geist des Menschen und seine innere Haltung gemäß dem Ratschluß Gottes geformt werden.“
Samuel von Pufendorf [22]
So befreite sich die Aufklärung von einer Moral vor dem Hintergrund göttlicher Gebote und erfand ein Naturrecht nach Maßgabe menschlicher Vernunft, der Ratio. Damit machten die aufklärerischen Rationalisten unmißverständlich klar, daß die letzte Deutungshoheit darüber, was wir tun sollen und lassen müssen, von den Theologen auf eben diese aufgekärten Gelehrten selbst übergegangen war.
Die Religion der universellen Moral
Nachdem die Deutungshoheit über das zwischenmenschlich Gute und Böse sich völlig von der Religion getrennt und auf die Moralisten übergegangen war, hinderte nichts mehr die Moral daran, auf eigene Hand selbst Religion zu werden.[23] Man muß sie nicht mehr begründen, sondern glauben.
Die Hypertrophie der Moral hat sakrale Formen angenommen. „Es gibt heute“, sagte Pareto,
„eine humanitäre Religion, die den Gedankenausdruck der Menschen reguliert, und wenn sich zufällig einer dem entzieht, dann erscheint er als Ungeheuer, wie jemand im Mittelalter als Ungeheuer erschienen wäre, der die Göttlichkeit Jesu geleugnet hätte.“[24]
Politische Reden werden „wie ein moralisch-rhetorisches Hochamt begangen“, in dem „die Liturgie vom guten Menschen zelebriert wird.“
Vilfredo Pareto[25]
Ein Religiöser muß nicht zwingend zu im Jenseits wohnenden Göttern beten. Auch der Buddhismus kennt keinen Gott. Es genügt für eine Religion, daß Menschen an ein nicht hinterfragbares Heiliges glauben, dieses verehren und, wie häufig, Ungläubige diskriminieren.
Der neulinke Hypermoralismus besitzt eine klare Vorstellung von Gut und Böse. Gut ist es, sich zwischenmenschlich „human“ zu verhalten. Böse ist, was er für „inhuman“ hält. Dabei hat er eine sehr spezielle, einseitige Vorstellung davon, was human sei. Human heißt menschlich, und er versteht „Mitmenschlichkeit“ unter „Humanität.“ Er vergißt dabei, daß Aggression ebenso menschlich ist wie Zuneigung. Menschen sind zum freundlichen Miteinander ebenso fähig wie zu Abgrenzung und Krieg. Das „Böse“ ist genauso „menschlich“ wie das „Gute.“ Jeder ist zu beidem fähig. Die Ideologie vom guten Menschen“ leugnet und verharmlost[26] diese menschliche Fähigkeit.
Ideologischer Kern des moralisierenden Gutmenschentums ist der Glaube, nur das Gute sei menschlich. Wer „Böses“ tut, wird per definitionem aus diesem Humanum ausgegrenzt, ist nicht mehr „menschlich.“ Jeder, der seine Interessen ohne Rücksicht auf die neulinken Glaubenssätze vom guten Menschen durchsetzt, gilt als „böse“. Sein Handeln wird als unmoralisch abqualifiziert – unmoralisch aus Sicht der linken Moral, versteht sich.
Wir können historisch gut einordnen, wann und mit welchen Folgen diese Idee literarisch in die Weltgeschichte eintrat: 1486. Christlicher Vorstellung zufolge verkörperte sich ja das Gute in Gott, wohingegen die Menschen Sünder seien. Nur ihm kam eine – göttliche – Würde zu. Dem Menschen gottgleiche Würde zuzuschreiben, wäre Blasphemie gewesen. Udo Di Fabio, 1999 bis 2011 Richter am Bundesverfassungsgericht, identifizierte als materiellen Kern dieser Idee und als Sinn des Begriffs „Würde des Menschen“ die säkularisierte christliche Vorstellung von der Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen:[27]
„Der moderne Ursprung dieser radikalen Idee liegt auf der Hand. Der Humanismus, repräsentativ verewigt durch die kleine Schrift Pico della Mirandolas[28] über die Würde des Menschen, beginnt die Konstruktion seines Ideengebäudes mit einer im Grunde nur notdürftig kaschierten Gotteslästerung. Die biblische Offenbarung, wonach jeder einzelne Mensch ein Ebenbild Gottes sei, wird von seinen transzendenten theologischen Wurzeln und den praktischen Demutsermahnungen getrennt. Die jeweils einzelne Gottesebenbildlichkeit wird zur Identität des Menschseins schlechthin gemacht, wenn jeder Mensch auf Erden in den Rang eines gottgleichen Schöpfers erhoben wird und jeder als Schöpfer seines Schicksals, im Range gleich.“
Udo Di Fabio[29]
Max Stirner grauste schon 1844 die Vorstellung einer Religion, die statt Gott eine bestimmte Idee vom Menschen in den Rang religiöser Verehrung erhob. Sie schreibt der Natur des Menschen bisher Gott vorbehaltene Prädikate zu wie die Sittlichkeit, die Freiheit und die Humanität. Sittlichkeit heißt, das Gute zu tun und das Böse zu meiden. Freiheit als göttlicher Attribut bedeutet das vollständige Freisein von irgendwelchen Bindungen und Einschränkungen bei unbegrenzter Verstehens- und Willenskraft.[30] Auf den Menschen gemünzt heißt sie Emanzipation, Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung.
Jedem erlegte diese neue Religion, erkannte Stirner, die moralische Bestimmung auf: „Du sollst ein ganzer, ein freier Mensch sein.“ So hätten sie „eine neue Religion proklamiert, ein neues Absolutes, ein Ideal, nämlich die Freiheit.“ Wie die Christen Missionare ausgesandt hätten, weil die Menschen Christen werden sollten, so seien jetzt Missionare der Freiheit entstanden. Diese könnte dereinst, sah Stirner 1844 voraus, „wie bisher der Glaube als Kirche, die Sittlichkeit als Staat, so als eine neue Gemeinde sich konstituieren und von ihr aus eine gleiche ‚Propaganda‘ betreiben.“ Könne man das neue Ideal finden, gäbe es eine neue Religion, „ein neues Sehnen, ein neues Abquälen, eine neue Andacht, eine neue Gottheit, eine neue Zerknirschung.“[31]
Zwei Jahre später kritisierte Pierre-Joseph Proudhon, daß der „Sozialismus, unterstützt von der äußersten Demokratie, den Menschen vergöttlicht, indem er das Dogma vom Sündenfall verwirft, und somit Gott, der hinfort zur Vervollkommnung seiner Kreatur überflüssig ist, entfernt.“[32] Die neue Religion des Humanitarismus hat Gott vom Thron gestürzt und den Menschen daraufgesetzt. Ihn betet sie jetzt an.
Für einen Christen muß es sich als Gotteslästerung darstellen, daß sich der Mensch jetzt selbst anbetet. Gegenstand des neuen Glaubens und religionsähnlicher Verehrung war ein nur in der Vorstellung existierendes Abstraktum: der Mensch an sich.
Seitdem Menschenrechte fast weltweit gesetzlich fixiert sind, suchen gläubige Humanitaristen neue Betätigungsfelder. Sie finden sie in immer neuen Minderheiten, denen angeblich ihr Mitgefühl gilt.
„Leider ist es nicht mehr nur ein Zeichen der Empathie, wenn auf die Not von Frauen, Homosexuellen, Menschen mit unterschiedlichem ethnischen Hintergrund und Transmenschen aufmerksam gemacht wird, sondern eine Demonstration von moralischen Ansprüchen und Überzeugungen – einer neuen Religion, wenn Sie so wollen.“
Douglas Murray [33]
In den letzten Jahren feierte die Selbstvergötzung des Menschen in den USA und Europa ihren Siegeszug. Ihre Monstranzen sind Regenbogenfahnen. Die Inquisition lauert in Talk-Schauen, und auf ihren Altären werden Ungläubige der sozialen Verachtung geopfert. Sicherlich haben Sie schon einmal die neomoralistische Phrase gelesen: „Faschismus ist keine Meinung, Faschismus ist ein Verbrechen!“ – Es ist typisch für Religionen und totalitäre weltliche Ideologien, daß Ungläubige zu Verbrechern erklärt und entrechtet werden.
Der Katholik und grandiose Rhetoriker Juan Donoso Cortés verdammte den religiösen Irrtum und lobte die Kirche, denn
„die Freiheit in der Wahrheit ist ihr heilig, die im Irrtum ist ihr ebenso verabscheuungswürdig wie der Irrtum selbst; in ihren Augen ist der Irrtum ohne Rechte geboren und lebt ohne Rechte, und dies ist der Grund, weshalb sie ihm nachspürt, ihn verfolgt bis in die geheimsten Schlupfwinkel des menschlichen Geistes; weshalb sie ihn auszurotten sucht. Und diese ewige Illegitimität, diese ewige Nacktheit und Blöße des Irrtums ist sowohl ein religiöses als auch ein politisches Dogma. Zu allen Zeiten haben es alle irdischen Gewalten verkündet: Alle irdischen Gewalten haben das Prinzip, auf dem sie beruhen, der Diskussion entzogen; alle haben das diesem Prinzip entgegenstehende Prinzip Irrtum genannt und haben es jeder Legitimität und jeden Rechtes entkleidet.“
Juan Donoso Cortés [34]
Indem der neulinke Moralismus seine „humanitaristischen“ Prinzipien jeder Diskussion entzieht, zeigt er seine tief religiöse Natur.
Der Sünder wird selbst zum Tribunal
Die Deutschen der ersten Nachkriegsjahre hatten kein besonders ausgeprägtes schlechtes Gewissen. Täter von Verbrechen waren „die Nazis“ gewesen, wovon man sich bald gern selbst ausnahm. Aber selbst die ehemaligen Parteigenossen fanden mehrheitlich, daß sie persönlich nichts Böses angestellt hatten. Wer sein nacktes Leben gerade aus einem Luftschutzbunker gerettet, durch Vertreibung seine Heimat verloren hat oder vergewaltigt worden ist, hat andere Sorgen als ein schlechtes Gewissen.
In den Jahrzehnten danach liefen die Turbinen der Vergangenheitsbewältigung erst schleppend an und drehen sich bis heute von Jahr zu Jahr schneller. Das ist für Deutschland massenpsychologisch ein wesentlicher Erklärungsgrund dafür, daß der Moralinpegel von Jahrzehnt zu Jahrzehnt steigt. Hinzu kommt, daß sich alle Modetrends und geistigen Zivilisationskrankheiten aus den USA mit ein paar Jahren Verspätung auch in Deutschland breit machen.
Der aggressive Moralismus speist sich aus einem gewissen Gefühl, moralisch versagt zu haben. Dieses entwickelt sich nicht von selbst, es ließ sich aber vom Nukleus der Hochschulen verbreiten und über Massenmedien langsam induzieren. In den USA bestand der Kernvorwurf moralischen Versagens darin, daß die Vorfahren der heutigen Amerikaner Sklaven gehalten hatten. Gegenüber den Deutschen lautet der Vorwurf, ihre Vorfahren seien Nazis gewesen.
Es ist bezeichnend für die Massenpsychologie solcher Vorwürfe, daß die Erlebnisgenerationen mehrheitlich überhaupt kein schlechtes Gewissen hatten. Dagegen wächst die moralische Dimension schuldhaften Versagens in den Augen nachfolgender Besserwisser von Generation zu Generation ins Unermeßliche. Das Sühnebedürfnis stieg in dem Maße, in dem junge Leute die zu sühnende Zeit gar nicht selbst erlebt hatten.
Fluchtpunkt und Rettungsanker des Sünders ist die Moral oder was er dafür hält. Die Flucht ins Moralische bietet sich als letzter Ausweg bei ausgeprägtem Schuldbewußtsein. Wo moralische Hypotheken und Schuldvorwürfe das Gewissen überlasten, werden die Menschen das Gewissen, um Gewissen nicht mehr haben zu müssen; man entkommt dem Tribunal, indem man es wird.[35] Aus dem moralisch Angeklagten wird der neue Apostel der Moral. So kam es in Deutschland zu dem von Marquard als Übertribunalisierung bezeichneten Phänomen:
Während der sündige Christ noch auf göttliche Gnade hoffen durfte, wird der säkularisierte Sünder zum „absoluten Angeklagten“ vor einem moralischen „Dauertribunal, dessen Ankläger und Richter der Mensch selber ist“ und „unter absoluten Rechtfertigungsdruck, unter absoluten Legitimationszwang gerät.“ Die absolute Moral läßt nicht mit sich verhandeln und antichambrieren. Der „totale Rechtfertigungsdruck“ ist nach Marquard „menschlich unaushaltbar und unlebbar.“[36] Das hält nur ein Gemütsathlet oder Zyniker auf Dauer durch. Die anderen gehen in die Knie oder werfen mit Ekel und Abscheu den Moralkomplex insgesamt über Bord.
„Die Technik einer missionierenden Massenbewegung legt es darauf an, in ihrer Gefolgschaft die Stimmung und die Geistesverfassung eines reuigen Sünders wachzurufen.“ Sie infiziert das Volk und bietet sich dann selbst als Heilmittel an.[37] Schuldbewußtsein kann man erst erzeugen und dann politisch ausbeuten. Es begründet und stabilisiert die Macht derer, die sich als verbindliche Interpreten und Hüter des Moralischen ausgeben. Wer sich ihnen unterwirft, dem winkt Vergebung. Die geforderte Unterwerfung unter die Moral und die persönliche Selbstaufgabe ist ein Akt der Sühne. Die Selbstaufgabe beginnt mit der Aufgabe der selbstbestimmten eigenen Moral und endet mit rituellen Aktionen als Sühnezeichen.
Vom Marxismus zum Moralismus
Die Linke ist mutiert. Als ich 1968 Schüler war, klopfte sie gern den Spruch: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Das Establishment waren die Bösen: alte, repressive, reaktionäre Spießer, Fossilien des klerikal-faschistischen Syndroms der BRD. Und dieses gehörte natürlich weggeräumt, um alle Unterdrückten ins kommunistische Paradies zu führen.
Heute sind die linken Revolutionäre von einst selbst die Spießer. Schon Robert Michels hatte 1911 festgestellt: Im Besitze der Macht geht in dem Revolutionär eine Umwandlung vor, an deren Endpunkt er, wenn nicht der weltanschaulichen Legitimation, so doch der Substanz nach, den Entthronten so ähnlich wird wie ein Haar dem anderen.[38]
In meiner Kindheit konnte ein nackter Busen in einer Illustrierten noch den Staatsanwalt auf den Plan rufen. Spießer rümpften über unmoralische Nacktheit die Nase. Bald ist es wieder soweit. Nackte Busen gelten als „sexistische Werbung“. Wer im Betrieb mit einer anziehenden Kollegin anbändeln möchte, läuft Gefahr, wegen sexueller Anmache gefeuert zu werden. Sind diese Linken alle frustrierte, verklemmte Typen, feministisch verunsichert in ihrer Geschlechtsrolle, oder sind sie bloß feige und trauen sich einfach nicht mehr? Angetreten war die antiautoritäre Linke 1968 mit dem Versprechen fröhlicher sexueller Selbstverwirklichung. Was hat viele Linke zu Spießern mutieren lassen?
„Die moderne Linke, jedenfalls in ihrem akademischen Teil, scheint vor allem mit der Frage beschäftigt, wie sie dafür sorgen kann, daß niemand vom rechten, also linken Weg abkommt. Ihre ganze Energie ist darauf gerichtet, daß die Menschen nicht das Falsche sagen. Oder die falschen Witze reißen. Oder die falschen Kostüme zu Halloween tragen.“[39]
Die Parolen zur sexuellen Befreiung hatten 1968 unter linkem Vorzeichen gestanden. Immerhin galt sexuelle Verklemmtheit als Zeichen einer autoritären, latent faschistoiden Persönlichkeit. „Die Linke, mit der ich aufgewachsen bin, war stolz auf ihre Aufmüpfigkeit und ihren Widerspruchsgeist. Bei den sogenannten K-Gruppen gab es schon damals nichts zu lachen. Wer gläubiger Marxist ist, hält Ironie für ein Zeichen von Dekadenz.[40]
Doch schon bald erhoben sich die ersten mahnenden Stimmen im linken Lager selbst. Nach dem SPIEGEL vom 17.2.1965 soll eine amerikanische Studentin zugegeben haben: „Ich finde die Idee, Sex ausschließlich zum Vergnügen zu betreiben, außerordentlich attraktiv.“ Der – damals – linke Frank Böckelmann rümpfte darüber 1971 die Nase: „Die Mehrheit der Amerikaner ist bereits zu einem eindeutigen moralischen Urteil nicht mehr fähig.“[41]
Die heutige Entwicklung wurde befördert durch den ökonomischen und dann ideologischen Zusammenbruch des Marxismus um 1989. Seine Klassenkampftheorien hatten besagt, die unterdrückte Arbeiterklasse werde sich dereinst erheben und das kapitalistische System beseitigen. Diese Prophezeiung trat nicht ein. Statt dessen löste sich, soziologisch betrachtet, die Arbeiterklasse auf: für einen strammen Kommunisten höchste Zeit für einen Paradigmenwechsel.
Der englische Publizist Douglas Murray fand den Nukleus dieses Paradigmenwechsels in den Arbeiten der Postmarxisten Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. Diese wandten sich vom „traditionellen Diskurs des Marxismus“ ab, der sich auf den Klassenkampf und wie ökonomischen Widersprüchlichkeiten des Kapitalismus konzentriert habe. „Doch jetzt“, schreibt Murray, „müsse das Konzept des Klassenkampfes neu geschrieben werden, weshalb sie die Frage aufwerfen:“ „In welchem Umfang ist es notwendig geworden, das Konzept des Klassenkampfes zu modifizieren, um mit neuen politischen Themen – Frauen, nationale, ethnische und sexuelle Minderheiten, Anti-Atomkraft- und institutionskritischen Bewegungen – von eindeutig anti-kapitalistischem Charakter umgehen zu können, deren Identität jedoch nicht auf bestimmte Klasseninteressen ausgerichtet ist.“
Ernesto Laclau / Chantal Mouffe [42]
Das Zitat bildet einen Schlüssel, die Mutation der Linken von fröhlichen Antiautoritären zu verbissenen Spießern zu erklären. Ging es bisher darum, die armen, unterdrückten und ausgebeuteten Arbeiter zu befreien und glücklich zu machen, mußten jetzt andere herhalten: Diverse Minderheiten traten an die leer gewordene Stelle derer, die es zu befreien galt. Das marxistische Heilsversprechen gilt fort, nur wurden seine Adressaten ausgetauscht: „Diese Gesellschaft ist zwar eine kapitalistische, aber das ist nicht ihr einziges und entscheidendes Merkmal; sie ist sexistisch und patriarchalisch, ganz zu schweigen von rassistisch.“[43]
Damit war der Schwenk vollzogen. Sex wurde zu etwas Rechtfertigungsbedürftigem. Da verstehen die neuen Spießer keinen Spaß. „Weil theoretisch alles verstörend sein kann, was sich auf dem Terrain zwischen Mann und Frau abspielt, gehen Museen dazu über, vor Räumen mit anstößigen Bildern Warntafeln anzubringen. Studenten erhalten vor der Lektüre von Textpassagen, die sie belasten könnten, sogenannte Trigger-Warnungen. Die Rechte habe ein Problem mit freier, selbstbestimmter Sexualität, hat die Feministin Margarete Stokowski dieser Tage geschrieben. Mag sein, ließe sich einwenden, aber zumindest muß man als Rechter vor dem Beischlaf nicht lange Verträge unterschreiben, um mögliche Klagen abzuwenden, wenn einer oder eine anschließend enttäuscht ist.“[44]
Vordergründig schwingen sich die neulinken Tugendbolde zu Beschützern angeblich Unterprivilegierter auf. Dahinter steht die alte Strategie, die derzeitigen Herrschaftsstrukturen zu zerstören. Diese bezeichneten sie früher als Schweinesystem und sehen sie heute noch so. Ganz früher war der Zigarren rauchende Kapitalist das Feindbild, 1968 der präfaschistoide Reaktionär, heute der „alte weiße Mann“. Die Protagonisten dieser Ideologie findet man inzwischen auf Lehrstühlen und in Seminaren der Universitäten.
Bei genauerer Betrachtung ihrer Person sind es in der Wolle gefärbte Linksextremisten. Wie alle Fanatiker haben sie häufig ein schwaches Selbstbewußtsein, fühlen sich aber wertvoll und großartig, wenn sie einer großen Sache dienen dürfen. Die neue, großartige Sache ist aus ihrer Sicht die Förderung „der Diversität“ durch Privilegierung von Minderheiten. Sie sind die geborenen Feinde der Freiheit, weil die Privilegierung bestimmter Gruppen immer die Freiheit derer einschränkt, die keiner Minderheit angehören.
„Wir reden viel über den Wert der Freiheit, aber in Wahrheit ist Freiheit für ängstliche Naturen eher Drohung denn Verheißung. Der Nachteil des Glücksversprechens der siebziger Jahre war, daß es jedem Einzelnen die Verantwortung aufbürdete, sein Glück zu finden. Wer einsam zu Hause saß, weil er keinen Anschluß fand, mußte es sich selbst zuschreiben, wenn das wilde Leben an ihm vorbeizog. Von dieser Last ist die nachfolgende Generation befreit. Die Freuden der Selbstkasteiung stehen jedem offen. Wer sich bei den linken Flagellanten einschreibt, muß nie fürchten, daß andernorts die bessere Party stattfindet.“
Jan Fleischhauer [45]
Für die neulinken Moralisten gilt die Faustregel: Was Spaß macht, ist verboten. Falls sie sich durchsetzen, könnte das zum Ende der Spaßgesellschaft führen.
Dabei müssen diese Fanatiker keineswegs selbst Angehörige einer Minderheit sein. Auch eine weiße, sexuell normale Frau kann ihr Leben dem Kampf gegen Kapitalismus, Rassismus, Sexismus und den anderen Teufeln weihen, die angeblich in der aus bürgerlichen Vorurteilen bestehenden Hölle ihr Unwesen treiben. Der Philosoph Eric Hoffer hatte in seinem 1951 erschienenen Buch „Der Fanatiker“ aus seiner Epoche noch besonders im Auge, wie Hitler in seiner Anfangszeit besonders von Frauen gefördert worden war: „Die Ehe bietet der Frau, was sie ebenso im Anschluß an eine Massenbewegung finden würde. […] Die Langeweile alter Jungfern und der Frauen, die in der Ehe keine Freude und Erfüllung mehr finden, entspringt dem Bewußtsein eines unfruchtbaren und verpfuschten Lebens. Indem sie sich an eine heilige Sache klammern und alle ihre Energien und ihre Substanz dieser Sache widmen, finden sie ein neues Leben, bedeutungsvoll und zweckbestimmt.“[46]
Als Hoffer dies schrieb, gab es noch keine verblühenden, kinderlosen Feministinnen, die in ihrem verpfuschten Leben allenfalls noch Genderbeauftragte werden können. Die prägende seelische Lage solcher Frauen verführte aber damals wie heute zu besonderem Fanatismus:
„Die Langeweile ist verantwortlich dafür, daß bei der Geburt von Massenbewegungen alte Jungfern und Frauen in vorgerückten Jahren immer und immer wieder Hebammendienste leisteten. […] Die glühende Überzeugung, daß sie“ Minderheiten gegenüber „eine heilige Verpflichtung hätten, ist häufig nur der rettende Strohhalm für das versinkende Ich.“
Eric Hoffer [47]
Sie sind nicht nur in kleinen, radikalen Gruppen organisiert, sondern bilden einen personellen Schwerpunkt der Partei „die Grünen“. Ihr Sinnen und Trachten strebt immer wieder danach, die Mehrheitsgesellschaft moralisch zu bevormunden.
„Jeder kleine Spießer macht
Das Leben mir zur Qual,
Denn er spricht nur immer von Moral.
Und was er auch denkt und tut,
Man merkt ihm leider an,
Daß er niemand glücklich sehen kann.“
(Zarah Leander 1938)
Wenn ein normaler Mann heute einer normalen Frau am Arbeitsplatz Avancen macht, gilt er schnell als sexistischer Flegel. Gleichzeitig stehen aber unter moralischem Naturschutz diejenigen Männer und Frauen, die einer „sexuellen Minderheit“ angehören und darum ideologisch benötigt werden. Sie dürfen sich öffentlich alles erlauben, ohne als „sexistisch“ zu gelten.
Moral tobt sich an den Universitäten aus
Wie sehr sich postmarxistische Deutungsmuster an vielen Hochschulen durchgesetzt haben, zeigt die verbissene Intoleranz, mit der dort diejenigen Normen verteidigt werden, auf die der derzeitige Linksextremismus sich stützt. Diese Normen selbst bilden eine komplexe Ideologie, deren Versatzstücke in einem bestimmten Geschichtsbild, einer spezifischen Auffassung von der Gleichheit aller Menschen und ähnlichem bestehen. Wer die sich daraus ergebenden Normsetzungen mißachtet, gilt als böse, wer sie verinnerlicht hat, als gut. Bösen muß man aus dieser Perspektive nicht mit Toleranz begegnen, denn sie sind ja böse.
Auf der einen Seite stehen Vertreter des kritischen Rationalismus. Dieser ist davon überzeugt, daß es feststehende Wahrheiten nicht gibt. Darum soll jeder Gesichtspunkt in eine freie Diskussion eingebracht werden dürfen. Jede Überzeugung muß sich ständig gefallen lassen, anhand neuer Fakten und Gesichtspunkte überprüft zu werden. Darum ist wissenschaftliche Erkenntnis ohne Freiheit von Forschung und Lehre nicht möglich. Fragestellungen sind Sachfragen, und um Sachfragen zu beantworten, haben Wissenschaftler die beste Kompetenz. Schließlich geht es um Glaubensfragen.
Jeder Jüngling, dem beim Anblick eines Mädchens noch vor Aufregung die Eiterpickel platzen, darf sich als berufener Hohepriester des Humanitarismus fühlen. Dann geht es, mit den Worten Zara Rifflers, so zu: „Die gefühlte Bedrohung in Kombination mit der übertriebenen Political Correctness läßt die Moral in universitären linken Kreisen zu einer Hypermoral wuchern. Es wird moralisch entschieden, was „richtig“ sei. Eine solche moralisch „richtige“ Meinung wird absolut gesetzt, abweichende Meinungen hingegen als obsolet ausgesondert. Diese Hypermoral hat die Oberhand gewonnen und läßt kaum einen Diskurs zu, da andere politische Auffassungen unmittelbar verurteilt werden – denn diese entsprechen nicht den eigenen moralischen Prinzipien, daher gefährden sie den Kampf gegen die gefürchteten -ismen.
Die Hypermoral ersetzt das Bewußtsein von der Relevanz der Meinungsfreiheit und blockiert jede Toleranz. Linke Gruppierungen maßen sich an Universitäten die Definitions- und Entscheidungsgewalt darüber an, welche Personen die Universität betreten, welche innerhalb der Räumlichkeiten reden dürfen und welche Inhalte noch erlaubt sind. Da sich die Hypermoral durch das Ausbleiben eines Diskurses mit Andersdenkenden verfestigt, wird der offene Diskurs unmöglich. Damit sind die Universitäten in eine politisch linke Wohlfühlzone geraten und im eigenen moralisierenden Wortgeklingel gefangen. Realität stört.“[48]
Dem kritischen Rationalismus und der Wissenschaftsfreiheit gegenüber stehen die Vertreter geschlossener Weltbilder, die absolute Wahrheiten schon gefunden glauben. Wer ihnen widerspricht, ist böse – unmoralisch! Er muß darum am Forschen, Lehren und Reden gehindert werden, notfalls handgreiflich. Moralische Fragen zu beantworten, fühlen sich bereits Erstsemester völlig kompetent.
In einer scharfsinnigen Analyse hat die Historikerin Sandra Kostner erkannt, daß hier ein Kampf um Macht stattfindet. Der Linksextremismus ist dabei, an den Universitäten „wissensbasierte Machtasymmetrien durch moralbasierte“ zu ersetzen.[49] In ihnen steht der wissende Professor wie ein dummer Junge hilflos neben dem krakeelenden Erstsemester, der für sich moralische Kompetenz und den Vorrang seiner Moral vor jeder wissenschaftlichen Kompetenz beansprucht.
„Moralbasierte Machtasymmetrien bilden die ideale Voraussetzung für Studenten, die das agendawissenschaftliche Programm radikalisieren oder einfach nur Macht über andere ausüben möchten. So haben es sich manche zur Aufgabe gemacht, Disziplinarmaßnahmen für Dozenten einzufordern, deren Lehrinhalte oder deren Sprachgebrauch von der «richtigen» Gesinnung abweichen. Die Anklage lautet stets: rassistisch, sexistisch, anschlußfähig an rechte Diskurse, femo-/homonationalistisch oder islamophob. Vorgebracht werden die Anschuldigungen über Social-Media-Accounts oder über Beschwerdebriefe an Leitungsebenen.“
Sandra Kostner [50]
Die Machtergreifung des Linksextremismus hat gerade in vielen geisteswissenschaftlichen Fakultäten bereits stattgefunden. Eine Freiheit der Wissenschaft kennt er nicht mehr, nicht mehr als normatives Ziel und bereits nicht in der wissenschaftlichen Methodik. Von Wissenschaft kann keine Rede mehr sein, wo die Resultate angeblich wissenschaftlicher Forschung von vornherein feststehen. Als wahre Resultate gelten dann nur noch diejenigen Hypothesen, die mit der dominanten Ideologie übereinstimmen.
Um diese in der gesamten Gesellschaft durchzusetzen, haben Linksextremisten quasi eine Agenda geschaffen, einen Plan schrittweiser Machtergreifung: den Marsch durch die Institutionen:
„Ursprünglich strebten Agendawissenschafter die soziale Revolution an. Aber schon in den 1970er Jahren verlagerten sie ihr Ziel: weg vom Empowerment der angeblich vom Kapital unterdrückten sozialen Klassen, hin zum Empowerment von Gruppen, die aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe, ihrer außereuropäischen Herkunft, ihres nichtchristlichen Glaubens oder ihrer sexuellen Orientierung pauschal zu Opfern der von weiß-christlich-heterosexuellen Männern geschaffenen Machtverhältnisse erklärt wurden.“
Sandra Kostner [51]
Sie sind in der Wolle gefärbte Feinde unserer Verfassung, denn, so Art. 5 Grundgesetz: „(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. [..] (3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.“
Wer Vorlesungen sprengt und Wissenschaftler niederbrüllt, hat an einer Universität nichts zu suchen.
Moralismus ist eine Methode, ideologischen Machtansprüchen die Weihe scheinbar höherer Moral zu verleihen. Diese Moral mitsamt ihrer Weihe zu analysieren, sie auf ihren ideologischen und methodologischen Kern und ihre soziale Funktion zurückzuführen, ist auch eine Methode. Sie entlarvt solche Art Moral als ein „ideologisches Konstrukt“, wie eine linke Lieblingsphrase lautet. Man nennt diese Methode: Dekonstruktivismus.
Soll doch mal einer sagen, man könne von seinen Gegnern nichts lernen – und sei es nur etwas Methodisches! Die Einfalt der ideologischen Moralisten besteht darin, daß sie ihren Gegnern nicht zuhören, sondern sie niederbrüllen. So können sie auch nichts von ihnen lernen. Wären sie lernwillig, wären sie allerdings keine Moralisten mehr.
Mit einer dekonstruktivistischen Lanze kann man einen Ritter der Moral vom hohen Roß holen. Sie sind nämlich gar nicht „moralischer“ als andere Leute. Sie bilden sich lediglich ein, ihre Moral sei die einzig wahre und gültige. „Indem Moralisten glauben (machen wollen), sie wären eo ipso moralischer als andere Menschen, die keine Moralisten sind, räumen sie dem Symbolischen und Bekenntnishaften den Vorrang ein.“[52] „Bekennen“ kann man sich allerdings nur zu einem Glauben oder einer Religion.
Die Strategie der moralischen Machtergreifung
Wer Macht erringen und behalten will, muß diese Macht legitimieren. Sie ist nämlich Macht über seine Mitmenschen. Sie bricht irgendwann zusammen, wenn die Mitmenschen nicht mehr an ihre Berechtigung glauben.
Menschen mögen keine Herrscher aus eigener Machtvollkommenheit. Darum herrschten frühere Könige von Gottes Gnaden. Das verlieh ihrer Macht die höhere Weihe und Legitimation. Wer anderen Befehle geben will, muß darum vorgeben, seine Herrschaft stehe in unbedingtem Einklang mit universalen Gesetzen des Seins. Wer herrschen will, muß einer höheren Sache zu dienen vorgeben. Den erweckten Glauben daran nennt man eine Herrschaftsideologie.
Als die Linke der Nachkriegszeit an die Macht strebte, propagierte sie ein komplexes ideologisches Konstrukt. Friedrich Engels hatte behauptet, historisch führe gesetzmäßig ein Weg von der kommunistischen Urgesellschaft über die Erfindung des Privateigentums, die Ausbeutung der Menschen und die Verarmung der Arbeiterklasse „naturnotwendig“ zur Revolution und schließlich zur klassenlosen Gesellschaft. In der DDR bildete das die offizielle Herrschaftsideologie. In den Augen der meisten Opfer wurde sie spätestens durch den Zusammenbruch des Ostblocks seit 1989 widerlegt.
Die vor Schreck eine Zeitlang sprachlos gewordene Linke mutierte. Sie ersetzte ihre Ideologie der Machtgewinnung und ihres Machterhalts durch eine andere. Diese neue Herrschaftsideologie besteht in einem rigiden Moralismus, der ein und dieselben inhaltlichen Ziele anstrebt wie zuvor der Marxismus. Gewechselt hat lediglich die metaphysische Letztbegründung. An die Stelle des historischen Materialismus trat der Glaube an einen spezifischen Moralismus.
Bereits der Marxismus war angetreten mit dem „humanistischen“ Versprechen, die Menschen durch Aufhebung ihrer „Entfremdung“ durch die Produktionsverhältnisse frei und glücklich zu machen. Dieses Glücksversprechen hält der postmarxistische linke Moralismus aufrecht. Standen der Verheißung aus marxistischer Sicht noch die Widersprüche von Kapital und Arbeit mitsamt ihrer Entfremdung des Menschen von seinen eigenen Werken entgegen, heißen die Erzschurken des neuen Moralismus: Kapitalismus, weißer Rassismus, Frauenunterdrückung oder Sexismus.
Sie gilt es zu zerstören. Die geistige Zersetzung bedient sich der Waffe des Moralischen: Die Erzschurken werden moralisch angeprangert. Es folgt ihre geistige Dekonstruktion, indem ihre Grundannahmen und Wertbegriffe als bloße Konstruktion dargestellt werden. Begriffe wie Ehe, Familie oder Demokratie werden uminterpretiert, bis sie das Gegenteil besagen. Seien sie erst einmal überwunden, werde sich gewiß ein Zeitalter der Harmonie, des Friedens und der Mitmenschlichkeit ganz von selbst einstellen.
Für den Linksextremismus bis zur Wende um 1989 stand der angeblich faschistoide Staat BRD für die Aufrechterhaltung kapitalistischer Unterdrückung. Der neue linke Hypermoralismus schwenkte den Fokus, je nach Erfolg seines eigenen Marsches durch die Institutionen und seiner Eroberung des Staates, auf „Rechtsradikalismus aus der Mitte der Gesellschaft“. Geblieben ist als Feindbild die verschwommene Idee, die Linke sich von „rechten“ Vorstellungswelten macht. Die linke Schreckensvision besteht in der jeweils antithetischen Umkehr linker Positionen.
Wir haben Moral als eine ausfüllungsbedürftige Worthülse erkannt, die erst mit konkreter Ideologie gefüllt werden muß, bevor ein Gut und Böse aus ihr herausspringt. Diese Ideologie ist heute derselbe Linksextremismus, den wir hier seit Jahrzehnten kennen. Der Philosoph Alexander Grau hat auf den Erfolg postkommunistischer Ideologeme hingewiesen, die bereits das gesamte linke Spektrum bis hin zum Linksliberalismus infiziert haben:
„Der Hypermoralismus ist ja nicht politisch neutral, sondern wir kennen ihn vor allem eigentlich aus dem linken oder linksliberalen Lager. Er ist der Versuch, die Gesellschaft anhand linker Ordnungsvorstellungen und eines weitestgehend links konnotierten Menschenbildes auszurichten und hat seine Wurzeln in der 68er-Bewegung und in der kulturellen Hegemonie, die in einigen Teilen der Gesellschaft zumindest dieser Linksliberalismus inzwischen erlangt hat.“
Alexander Grau [53]
Der englische Publizist Douglas Murray sieht die Infizierung des Linksliberalismus mit dieser Bewegung als so gefährlich an, weil „die marxistische Unterkonstruktion eines Großteils dieser Bewegung nicht gewürdigt wird.“[54] Sie greift als „Befreiungsbewegung“ nach der gesellschaftlichen Alleinherrschaft. Nach einer Machtergreifung würde sie sich funktional als moralisch rigide Herrschaftsideologie entpuppen.
Eine ehrenwerte Gesellschaft
Die Ironie der Geschichte besteht darin, daß sich die humanitaristisch auftretende Linke teilweise einig in manchen Überzeugungen und in ihrem Feindbild ist mit Strömungen, die sie sonst schärftens ablehnt. Geistige Auseinandersetzungen haben eben ihre eigenen Gesetze. So kann ich mit Vergnügen den katholischen Autor Donoso Cortés zitieren, wenn er den Liberalismus und den Sozialismus analysiert, und mit demselben Vergnügen bei einem Liberalen die saftigsten Formulierungen gegen kirchliche Machtansprüche entlehnen.
Der moralisierende Humanitarismus ist in sich so schwammig und uneinheitlich, daß sich sehr unterschiedliche Strömungen seiner bedienen. Alle Menschen frei und glücklich zu machen und für „das Humane“ zu kämpfen, versprachen die Marxisten, behaupten die Linksliberalen und beanspruchen selbst in der Wolle gefärbte Marktliberale für sich. Sie haben ja auch alle scheinbar denselben Gegner: Jene moralischen Schurken, die kein verordnetes Gut und Böse für sich gelten lassen wollen.
Die beharren auf ihrer eigenen Mündigkeit, ihrer moralischen Selbstbestimmung und ihrer Identität. Diese Identität legt sich jeder global geltenden Moral quer in den Weg. Die ehrenwerte Gesellschaft der Moralisierer hingegen findet ihre tiefste strukturelle Gemeinsamkeit in ihrem universalistischen Anspruch, global für alle Menschen zu gelten. Sie suchen nach einer globalisierbaren Moral.
Nationen, die ihre Interessen dadurch gefährdet sehen und sich verweigern, gelten als böse. Die USA nennen diese Gegner „Schurkenstaaten“, weil sich ihr globaler Machtanspruch noch an ihnen bricht. Für linksextreme Antifaschisten sind die Erzschurken natürlich Rassisten, Sexisten und Faschisten, womit sie ihr Vokabular weitgehend ausgeschöpft haben. Für Linksliberale heißen die Bösewichter Populisten oder Rechtsextremisten, die das Dogma der „fundamentalen Menschengleichheit“ anzweifeln.
Abgerundet wird die ehrenwerte Gesellschaft der moralisch Gleichgesinnten durch die Spitzen der evangelischen und katholischen Kirche. Sie werden nicht müde, ihr Gut und Böse aus ihrer Bibel herauszulesen, vor allem durch ihre Auslegung der Nächstenliebe.
Sie alle bilden heute ein Kartell der Guten und häufig eine Koalition der moralisch Willigen, das sich in wesentlichen Grundlagen ebenso einig weiß wie häufig im Ergebnis. Sie kennen zum Beispiel keine Meinungsverschiedenheiten, daß es alles Flüchtlinge seien, die da in kleinen Booten von Afrika aus zu „Flüchtlingsrettern“ tuckern, die sie am Horizont schon sehen können. Sie alle nach Deutschland zu holen, schallt es von allen Seiten, sei gut, sie zurückzuschicken aber böse.
Da freuen sich selbst die erzliberalen Kapitaleigner und Finanzjongleure in den USA und ihrer deutschen moralischen Kolonie, für die Menschen nur als „Humankapital“ einen Stellenwert haben. Für Aktieninhaber ist wahrhaftig jeder Einwanderer eine potentielle „Bereicherung“, weil er allein schon durch seinen Konsum die Nachfrage steigert und das Bruttosozialprodukt fördert.
Die paninterventionistische Weltmoral
Eine Ideologie vemag nur dann die Herzen der Menschen für sich einzunehmen, wenn sie vorgibt, sie besitze den Schlüssel für die Antworten auf die großen Menschheitsfragen. Sie muß darum global, ja universell geltende Antworten anbieten. Diese müssen scheinbar absolut gelten, weil sie sonst unverbindlich wären. Und sie müssen die Sehnsucht nach Sinnsuche befriedigen. Die wenigsten Menschen haben nämlich verstanden, daß es keinen für alle vorgegebenen „Sinn des Lebens“ gibt, sondern daß jedermann frei zur Sinnstiftung ist.[55]
Nur universalistische Ideologien mit absolutem Geltungsanspruch und einem hinreichenden Sinnangebot können sich im Konkurrenzkampf der Ideologien behaupten. Solange sie oppositionell sind, treten sie als Befreiungsideologie auf und mutieren nach der Machtergreifung ihrer Verfechter zur Herrschaftsideologie. Der sozialontologische Imperativ lautet: Um sich sozial durchzusetzen, muß eine Ideologie jede geistig-moralische Konkurrenz bekämpfen. Ihre Handlungsmaximen müssen tendenziell weltweit dominieren.
Der geläufigen Taktik entspricht es, die eigene Welt-Anschauung zu verabsolutieren und so den Normgeltungsanspruch: „Alles hört auf mein moralisches Kommando!“, auf die ganze Welt auszudehnen. Wer das unternimmt, ist Universalist. Indem er moralisch-ethische Normen aufstellt, verstärkt und verabsolutiert er seinen Geltungsanspruch. Dieser richtet sich jetzt universal an die ganze Welt. In seiner Norm verkörpert sich sein Machtanspruch gegenüber dem Rest der Welt: eine moralisierende Allmachtsphantasie.
Bei Religionen ist das der Regelfall: Jeder Ungehorsame werde sicher Ärger bekommen, wenn er sich nicht nach den Geboten ihres jeweiligen Gottes richtet. Derartige aus dem Jenseits begründete, also transzendierte Geltungsansprüche[56] waren lange der Regelfall gesellschaftlicher Herrschaftslegitimation. Religion diente als Kitt des Gemeinschaftlichen schlechthin und spielte bei der Aufrechterhaltung aller sozialen Systeme eine ausschlaggebende Rolle.
Viel aktueller ist es aber, eine den eigenen Interessen folgende weltliche Moral zu universalisieren: „In der gegenwärtigen planetarischen Konstellation gibt es gewichtige Kräfte und Mächte, die an der Universalsierung bestimmter Werte und somit an der Universalsierung des (ihres) Ethischen interessiert sind“[57] Es spielt für das Funktionieren solcher universalistischer Morallehren keine ausschlaggebende Rolle, ob sie durch friedliche Missionare, durch Kanonenboote oder durch Handelsboykotte verbreitet werden.
Die historische Blaupause des moralischen Humanitarismus finden wir in der späten Antike. Damals ähnelte die Lage mental stark der modernen. Je stärker der Strom von Menschen, Waren und Informationen innerhalb eines Kulturraumes wurde, desto mehr Menschen wurden ihrer engeren Heimat entfremdet und entwurzelt. Großreiche und Einflußhemisphären brachten schon immer Menschenmassen verschiedener Herkunft und Glaubens unter ihre Kontrolle und verwandelten sie in lenkbare Massenmenschen.
Je umfassender eine Herrschaft sich geographisch ausdehnt, desto dringlicher wird ihr Bedürfnis nach einer universalen Herrschaftsideologie. Diese dient dazu, den Machtbereich zusammenzuhalten und heterogenen Unterworfenen ihre Stammesgötter madig zu machen. Im Innenleben eines Großreiches sind Tugenden wie Eigenständigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung nicht gefragt. Das Bedürfnis nach einer universalistischen Moral ist aber ein wechselseitiges: Wer als Entwurzelter fern der Heimat unter fremden Anschauungen lebt, muß sich trösten und eine Moral der Heimatlosen annehmen, eine überall brauchbare Nomandenethik der Bindungslosen, der Zerstreuten, der Entorteten. In dieser Lage befanden sich die Menschen im ersten historischen multiethnischen Großreich: dem Alexanders und der folgenden Diadochen.
Arnold Gehlen hat den unmittelbaren Zusammenhang zwischen der allumfassenden Kosmopolis des Hellenismus und der Ausbildung eines universalistischen Humanitarismus aufgewiesen. Der in Athen wohnende Phönizier Zenon, ein schwerreicher Händler, fand die passende Ideologie für den moralisierenden Handelsstaat: eine universalistische Weltsicht, nach der alle Verwandtschaftsverbindungen und Stammespflichten vor der Tugend zurückzutreten hätten.[58] Was diese Tugend im einzelnen forderte, erläuterten gern die Philosophen, und so hatte jeder seinen Vorteil. Hier entstand der Gedanke eines menschheitsumspannenden Naturrechts mit einheitlicher Moral.
Eine analoge Entwicklung hat sich während des 20. Jahrhunderts abgespielt: Wieder gewinnen in den Quasi-Vielvölkergebilden USA und Europa universalistische Vorstellungen an Boden, so daß Wirtschaftsnomaden, Kosmopoliten und Globetrotter sich überall heimisch fühlen dürfen. Der geistige Anspruch einer Menschheitsmoral hat aber auch immer eine polemische Spitze. Sie richtete sich zunächst gegen diejenigen Staaten, die sich der Zumutung widersetzten, sich die amerikanischen Ansichten von Moral, Demokratie und Freiheit zu eigen zu machen. Heute richten diese sich vor allem gegen Staaten Asiens mit gänzlich anderen Ideen vom Verhältnis von Freiheit, Bindung und Religion, aber auch gegen europäische Neubesinnung auf nationale Interessen und Besonderheiten.
Wie unterschiedlich die Moralen verschiedener Menschengruppen sein können, war dem Liberalen John Stuart Mill noch völlig klar: „Wo es eine herrschende Klasse gibt, rührt ein großer Teil der moralischen Begriffe eines Landes von ihren Klasseninteressen, von ihrem Gefühl der Überlegenheit her. Das moralische Verhältnis zwischen Spartiaten und Heloten, zwischen Pflanzern und Negern, zwischen Fürsten und Untertanen, Adel und Bürgerschaft, Männern und Frauen ist zum größten Teil das Ergebnis dieser Klasseninteressen.“[59] Heute reden uns die Vertreter der meist in den USA ansässigen globalen finanziellen Eliten, einer „Klasse“ im Verständnis Mills, ein, es gebe weltweit nur eine, nämlich die ihnen nützliche Moral. Ihre Interessen an freiem Kapitalfluß haben sie zur Staatsideologie der USA gemacht.
Ebenso wie das Individuum seinen Geltungsanspruch am wirksamsten vorträgt, indem es ihn in die äußere Form genereller Normen hüllt, pflegen auch Staaten – gleichsam wie Individuen – „ihre Anliegen im Vokabular universaler Zielsetzungen und weltumspannender Sozialentwürfe zu formulieren.“[60] Wenn wir den Blick einmal von unseren deutschen Verhältnisse auf eine globale Ebene heben, sehen wir den Herkunftsraum des moralisierenden Humanitarismus. Dieser ist in den USA entstanden und hat sich über die Hochschulen und Massenmedien in die westeuropäischen Länder ausgebreitet.
Nicht zufällig entspricht all sein Gut und Böse der ökonomischen Interessenlage der in den USA herrschenden Finanzkreise. Deren Wohlstand ist auf stetiges ökonomisches Wachstum angelegt, und wenn sie im Inland nicht mehr wachsen können, müssen sie expandieren und den Rest der Welt ideologisch nach ihren Interessen umgestalten. Sie verwandeln die übrige Menschheit entweder in Kunden oder in Zulieferer. Als entscheidende Voraussetzung galt lange der global möglichst „freie Fluß von Menschen, Informationen, Waren und Dienstleistungen.“ Am Ende verwandelt sich der Mensch selbst zur austauschbaren Ware. Der „neoliberale Anspruch, den Menschen als Ganzes zu einer Ware zu machen und ihn marktförmig zu gestalten und damit gleichsam einen neuen Menschen zu schaffen, kommt einem totalitären Anspruch gleich.“[61]
Auch der Neoliberalismus gibt sich moralisch: Das Glücksstreben der Menschen und ihr Eigennutz würden wie von unsichtbarer Hand Glück und gemeinsamen Wohlstand hervorbringen. Unmoralisch erscheint in diesem Lichte, wer sich dem freien Walten der Marktkräfte und des Kapitalverkehrs und seinen Regeln des modernen Nomadismus entgegenstelle.
Weil dies nicht unbedingt im Interesse aller anderen Staaten liegen muß, galt es, diese mental anpassungsbereit zu machen. Diese Bereitschaft suchen die USA traditionell durch verschiedenartige Methoden ideologischer Übernahme zu erzeugen. Sie treten im Namen der Moral und der Menschenrechte auf, was nach Niklas Luhmanns Beobachtung eine „internationale Interventionsethik“ begründet. Die Menschenrechte sind aus seiner Sicht als Soziologe nichts als „eine interessante Denkfigur“,[62] die auf eine Veränderung des Rechtsbewußtseins hindeute:“ Sie begründen den universalen Geltungsanspruch einer konkreten Weltmacht, unter Berufung auf das, was sie als Menschenrecht definiert, notfalls global militärisch einzugreifen. Damit folgt Luhmann Carl Schmitt: Dieser hatte auf das „universalistisch-imperialistische, raumaufhebende Weltrecht“ hingewiesen, von dem aus „unabsehbare ‚humanitäre‘ Interventionen völkerrechtlich zulässig sind.[63] „Universalistische, weltumfassende Allgemeinbegriffe“ seien „im Völkerrecht die typischen Waffen des Interventionismus“: eine „imperialistische, unter humanitären Vorwänden in alles sich einmischende, sozusagen pan-interventionistische Weltideologie“.[64]
Sie predigt eine Menschheitsmoral, auf deren Fuß die Weltbank folgt. Jede Philosophie mit universalem Anspruch ist eine objektive Bedrohung für jedes Volk, das geistig eigenständig bleiben will. Im lebenswichtigen Punkt seines Glaubens, seiner Moral, seiner Werte gleichgeschaltet und fremdbestimmt, treibt das Volk „der Auflösung entgegen: zur Gegenwehr nicht nur unfähig, sondern auch unwillig.“[65] Es weiß nicht mehr, daß es die Moral seiner eigenen Selbstbehauptung eingetauscht hat gegen die Moral einer Konkurrenz, für die „America first!“ gilt und kein nationaler Imperativ, der unserem Volk nützt.
Moral als denaturierte Ideologie
Die Moral eines Weltbildes kann dessen Blütezeit überdauern. Weltbilder werden nicht widerlegt. Es sterben nur irgendwann ihre Verfechter, ohne Nachfolger zu hinterlassen. Eine überlebte Moral ohne lebendige Hintergrund-Ideologie empfinden wir als Spießertum. Der moralisierende Spießer ist ein sicherer Hinweis, daß sich ein Weltbild überlebt hat und nicht mehr allgemein einleuchtet.
In der Blütezeit einer Ideologie bildet die sich aus ihr ergebende Moral eine allgemein respektierte Faustregel, welches Verhalten gesellschaftlich anerkannt ist und welches als tabu gilt, als böse. Diese Moral bildet den griffigsten Teil der jeweiligen Herrschaftsideologie, ein Ideologiesubstrat selbst für Analphabeten gewissermaßen. Nur wenige Menschen denken sich in die herrschende Anschauung ihrer Zeit tiefer hinein, manche aber doch. Eine in sich konfuse Ideologie wird jedenfalls auf Ablehnung stoßen. Merkmal der erfolgreichen Religionen und Ideologien der Geschichte war darum ihre relative ideologische Kohärenz: Eine Ideologie sollte die Welt in sich widerspruchslos deuten und erklären und ihren Anhängern ein in sich widerspruchsfreies Sollen anbieten.
Sie kommt in Schwierigkeiten, wenn sich die realen Gegebenheiten stark verändert haben. Dann paßt ihre Deutung des Weltgeschehens nicht mehr mit der Gegenwart zusammen. So erging es dem Marxismus mit für ihn katastrophalem Ausgang: Die von Marx im 19. Jahrhundert als historische Akteurin vorausgesetzte Arbeiterklasse gab es in Europa im Ausgang des 20. Jahrhunderts nicht mehr. Die Arbeiter sanken zu Konsumenten herab. Entsprechend verfiel der Zuspruch der Menschen zu den marxistischen Handlungsanweisungen, mit denen Marx und Engels die Menschen in eine glückliche, klassenlose Gesellschaft hatten führen wollen.
Der Restbestand des Marxismus denaturierte zu etwas Neuem, anderen. Seine ideologischen Fragmente fielen in sich zusammen und bildeten den Nährboden für das neulinke, moralisch auftrumpfende Weltbild der Postmarxisten: Antikapitalisten, Antisexisten, Antirassisten und andere Antis, die statt einer in sich kohärenten Ideologie nur dumpfe moralisierende Vorurteile und Abneigungen aufboten. Von einer gemeinsamen, in sich widerspruchsfreien Ideologie sind sie noch weit entfernt.
Reklame mit einer freizügigen Schönheit ist als sexistisch verpönt, fast nackte Männer mit rosa Schleifchen auf einer Art Karnevalswagen hingegen nicht. Frauenrechte sollen geschützt werden, und gleichzeitig setzt man sich für radikale Moslems ein. Bezeichnenderweise hat diese neulinke, „woke“ Bewegung noch keinen prägnanten Eigennamen für sich und keine übergreifende Bezeichnung für ihre Ideologie gefunden. Weil das nächste Ziel dieser Postmarxisten in der Zerstörung der geltenden gesellschaftlichen Normen und Werte besteht, könnte man sie als Destruktionisten bezeichnen. Sie zersetzen die vorhandene Werteordnung, um die Gesellschaft für systemüberwindende Reformen“ sturmreif zu machen. Wenn man unseren Staat und seine Ordnung sinnbildlich als ein Gebäude begreifen kann, kratzen sie den Mörtel aus den Fugen, um es zum Einsturz zu bringen. Ein Haus, bei dem alle Ziegel locker sitzen, wird zunächst dysfunktional. Diese Dysfunktionalität können wir tagtäglich in Deutschland in immer mehr Bereichen erkennen.
Der Marxismus war von Anfang an in wesentlichen Teilen ein großer Irrtum, aber er war ein intelligenter Irrtum von Männern, die oft noch ungeheuer gebildet waren und imstande, folgerichtig und zusammenhängend zu argumentieren und Sinnangebote zu machen. Dagegen ist der moralisierende Destruktionismus nur noch wie der verrottete Humus aus den Resten eines einstmals großen Baumes: Er gärt und blubbert selbstzufrieden vor sich hin, weil er ein guter Humus sein möchte.
Nicht besser geht es dem ebenso erfolgreich moralisierenden Neoliberalismus. Die Grundidee des Liberalismus aus dem 19. Jahrhundert ist genauso mausetot wie die Grundideen des Marxismus aus derselben Epoche. Liberale glaubten damals, eine vortreffliche Methode der Wahrheitsfindung entdeckt zu haben: Man setze sich zusammen, lasse in einem freien Spiel der Geisteskräfte jede Meinung zu Wort kommen und alles ausdiskutieren, und dann fände man zwangsläufig die Wahrheit – oder jedenfalls eine Wahrheit, auf die man sich eben geeinigt habe. Im wirtschaftlichen Bereich bedeutete das, alle ökonomischen Akteure sollten ihr Privatinteresse nach Kräften fördern dürfen, woraus ganz sicher das Gemeinwohl erzeugt werde.
Wer diese Grunddoktrinen des Liberalismus heute ernsthaft öffentlich vertreten würde, würde wohl leises Kichern oder betretenes Schweigen auslösen. Der Liberalismus hat seine Mittel in den vergangenen knapp 200 Jahren von Anfang bis zum Ende durchdekliniert und ausprobiert. Daß sich die Wahrheit von selbst einstellt, wenn man diskutiert, oder sich das Gemeinwohl wie von unsichtbarer Hand von selbst einstellt, wenn man allen Akteuren freien Lauf läßt, glaubt wohl keiner mehr. Geblieben sind aber moralisierende Versatzstücke liberaler Eigenrechtfertigung: Es ist böse, wenn in einem Land nicht jede Meinung zu Wort kommen darf oder wenn nationale oder andere Barrieren den freien Handel oder die freie Migration behindern. Die spezifische Moral der Händler und der Finanzgrößen bildet in den USA und Europa das oft unbemerkte Hintergrundrauschen in allen von den großen Kapitalflüssen abhängigen Bereichen. Der Liberalismus als theoretische Rechtfertigungsideologie der Weltfinanziers ist ideologisch tot. Überlebt hat ihn sein Moralismus.
Den christlichen Amtskirchen geht es nicht besser. Christliche Theologie hatte seit 1000 Jahren ein in sich schlüssiges, zusammenhängendes Modell der Weltdeutung und Sinnstiftung entwickelt. Es ist attraktiv für Menschen, die an den Gott der Bibel und die Wahrheit der Offenbarung glauben. Auch wenn man beides nicht glaubt, kann man vom Scharfsinn und der rhetorischen Brillianz großer Theologen wie William von Ockkam, Thomas von Aquin, Martin Luther oder Donoso Cortés beeindruckt sein. Von ihrer Theologie ist geistig nur ein moralisierender Scherbenhaufen mit bunten Kirchentags-Luftballons übrig geblieben.
Die Kernbotschaft des Christentums, nämlich die Liebe Gottes[66], wurde weitgehend ersetzt durch einen geistig wenig anspruchsvollen Moralismus. Seine Anhänger klopfen sich selbst auf die Schultern und wissen: „Wir sind die Guten.“ Demgegenüber war der Katholik Donoso Cortés schon 1851 viel fortschrittlicher, nahm Abschied vom Gut-Böse-Dualismus und erklärte: Eigentlich ist aufgrund des göttlichen Schöpfungsaktes alles gut, weil Gott nichts Böses erschaffen hat. Ein substantiell Böses, zwinkert er seinen staunenden Lesern zu, gibt es nicht, es ist nur mangelndes Gutes.[67]
Wenn ich dagegen heute im Internet auf die Seiten der evangelischen Landeskirche Hannover gehe, finde ich ein Sammelsurium an Themen. Würde ich Gott suchen oder mich fragen würde, warum ich als Skeptiker an die biblische Offenbarung glauben soll, wäre ich enttäuscht. Gott scheint dort Nebensache zu sein. In Deutschlands Kirchen werden heute vielfach nur noch Gefühle bedient. Man setzt Zeichen, versichert sich gegenseitig den guten Willen und setzt sich gegen den Bösen ein. Er heißt heute nicht mehr Teufel, sondern Rassismus, Sexismus oder Nationalismus.
Damit weiß man sich, welche wundersame Fügung! – ganz einig mit den Moralisten anderer ideologischer Herkunft. Roland Baader wirft den christlichen Amtskirchen darum vor, sie seien „bei ihrem pragrammatischen Hauptanliegen von Kündern der Offenbarung zu Sangesbrüdern der sozialistischen Parteien geworden“ – und das „gegen den ausdrücklichen Sinngehalt der biblischen Lehren.“[68]
Wenn die historischen Voraussetzungen einer Ideologie entfallen sind, geht ihre Weltdeutung ins Leere. Sie wird von den Nachgeborenen in ihrem Ursprung und geistigen Zusammenhang nicht mehr verstanden. Ihre Sollensforderungen verharren wie Schwebeteilchen in der Luft, wenn das Feuer erloschen ist. Die Versatzstücke ganz unterschiedlicher denaturierter Ideologien haben sich zu einem neuen Moralismus verklumpt. Einer anspruchsvollen geistigen Struktur bedarf er nicht. Seine Anhänger wissen sich einig in der Glaubensgewißheit, was als böse gilt. Im Fernsehen wird ihnen das ja täglich vorgeführt. Alles andere ist für sie belanglos.
Die neue Volksfront der Moralisten beherrscht weitgehend die Medien, das öffentliche Leben und den gesellschaftlichen Diskurs. Sie bestimmt auch, wer an diesem Diskurs teilnehmen darf und wer nicht mehr. Willkommen sind nur Jünger des Moralismus. Anderen gibt sie „keine Bühne“. In ihr fühlen sich alle Gutmenschen wohl, durch deren früheres geistiges Zuhause der Wind pfeift und es durchs Dach regnet. Diese alten Ideologien, ihre historischen Voraussetzungen und einstmals zukunftsweisenden Lösungsvorschläge, werden von immer weniger Menschen noch verstanden. Wer identifiziert sich noch mit einer „Arbeiterklasse“? Was fangen junge Leute mit einer „Erlösung von Erbsünde“ an? Wer glaubt an Wahrheit durch Diskussion oder Gemeinwohl durch zügellosen Egoismus?
Während selbst viele junge Abiturienten Schwierigkeiten haben, einen längeren Text sinnerfassend zu lesen, hat sich aus den Überresten der alten, anspruchsvollen Ideologien ein neuer Eine-Welt-Moralismus herausgebildet. Er flüstert seinen Anhängern zu: Denkt nicht soviel nach, alles wird gut, wenn ihr nur zu den Gutwilligen gehört. Er verspricht Erlösung vom Bösen durch kollektive symbolische Akte, durch Zeichen-Setzen, und durch ständige Kampfbereitschaft gegen Rechts; schließlich muß der neue Teufel ja einen Namen haben.
Weltherrschaft des Guten mit Pferdefuß
„Gut und Böse, „Freiheit und Entfremdung, Gott und Teufel können zwar höchst konkrete Begriffe sein – nicht aber an sich, sondern erst in ihrem positiven oder negativen Bezug auf einen existenziellen Feind, dessen wirksame Bekämpfung auf sozialer Ebene jedoch gerade die Objektivierung der Entscheidung und die Verleugnung des rein existenziellen Charakters verlangt.“[69] Für die realen Menschen existenziell ist die Durchsetzung ihrer kollektiven Interessen in Konkurrenz zu anderen Nationen mit anderen Interessen. Eine Strategie in diesem Konkurrenzkampf besteht darin, eine Ideologie nebst ihrer Moral global durchzusetzen, die eigenen Interessen nützt.
Durchgesetzt hat sich auch im internationalen Wettbewerb, wer seine Macht normativ begründet und seine Gegner zur Anerkennung derjenigen Normen bewegt, deren Geltung seine Macht weiter stabilisiert. Auf diesen ideologischen Normvorgaben beruht dann eine Moral, mit der man die Welt zum Beispiel in „gute“ Staaten gegenüber „bösen“ Schurkenstaaten einteilt. Da man selbst zu den Guten gehört, kann man dann mit gutem Gewissen mit den Bösen nach Belieben verfahren: Die Welt vom Bösen zu befreien, kann per definitionem nicht selbst böse sein.
Im Vollgefühl der eigenen Moral kann man dann Menschen Dinge antun, gegen die sich das eigene Mitgefühl sonst sträuben würde. Die Feindschaft zwischen Menschen erreicht „ihren Siedepunkt in Religionskriegen und in Bürgerkriegen mit ihren juristischen, moralischen und ideologischen Verfemungen“, das heißt in der Verabsolutierung des eigenen Rechts und der damit verbundenen Kriminalisierung […] des Gegners, der nicht mehr als Mensch anerkannt wird, sondern der als Störer, Schädling oder letztes Hindernis des Weltfriedens beseitigt werden soll.“[70]
So erweist sich der Januskopf alles Moralischen: Es reklamiert das Gute für sich und scheint die Menschen zum Guten zu leiten. Seine Rückseite besteht darin, implizit ein Böses dazuzudenken und dieses Böse in Mitmenschen hineinzuprojizieren. „Das Gute“ ist ohne „ein Böses“ als sein Pferdefuß nicht zu haben. Friedlicher würde unsere Welt nur werden, wenn wir erkennen, daß jeder seine eigene Moral hat, nach der wir ihn gern leben lassen würden. Suum cuique.
Literaturverzeichnis
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[1] Publiziert 2020 unter dem Titel „Die mörderische Macht der Moralisten, Herausgeber Die Deutschen Konservativen e.V., Text hier geringfügig ergänzt.
[2] Pufendorf (1667) S.259.
[3] Kondylis (1984) S.43.
[4] Gehlen, S.180.
[5] Harald Bergsdorf, in: Backes / Jesse (2006), S.182.
[6] Kondylis (1981), S.494.
[7] Nietzsche Aph.219, S.112.
[8] Hartmann, (1926) S.524 ff. = (1962) S.576.
[9] Aurelius Augustinus, Ep.93 (V 16) ad Vicentinum.
[10] Welzel, S.65.
[11] Henning Hahn (2017), Ziff. 1.4.2.3.
[12] Carl Schmitt, (1967), S.51.
[13] Hartmann S.289 f. anhand Platons Begriff vom Guten.
[14] Ein kohärentes System materialer Wertbegriffe hat zum Beispiel Nicolai Hartmann entwickelt. Zur angeblich möglichen prozeduralen Erzeugung ethischer Werte durch Diskurs (J.Habermas) siehe im einzelnen K.Kunze (1995), S.143 ff.
[15] Manche Autoren verwenden das Wort Moral synonym für Ideologie, womit sie für das soziale Leben entscheidende Unterschiede zwischen beidem einebnen.
[16] Kondylis (1984) S.23.
[17] Stirner (1845), S.5.
[18] Kondylis (1984) S.21.
[19] Friedrich Nietzsche (1886), Aphorismus 187, S.78.
[20] Kondylis (1984), am angegebenen Ort, S.43.
[21] Kunze, Genderwahn, 2019, S. 13 ff., Das ewig Weibliche, 2019, S.205 ff.
[22] Pufendorf (1673), S.15 f.
[23] Stirner, S.61.
[24] Pareto, Cours de Soc. Gén. § 1172, 1, zit. nach Gehlen, Moral, S.82.
[25] Michael Jeismann, Ende des Hochamts, FAZ 28.5.1994, in Anspielung auf Richard von Weizsäckers Reden.
[26] Gehlen, S.42.
[27] Di Fabio S.114, ebenso Herdegen, Art. 1 I GG Rdn.7.
[28] Giovanni Pico della Mirandola, Oratio de hominis dignitate, 1486, deutsche Ausgabe 2001
[29] Di Fabio S.98.
[30] Donoso Cortés, S.61.
[31] Stirner, S.268 f.
[32] Proudhon S.392, s.a. S.431.
[33] Murray, S.299.
[34] Donoso Cortés, S.22.
[35] Marquard S.12.
[36] Marquard S.49 f..
[37] Hoffer S.49.
[38] Michels (1911 / 1989) S.196.
[39] Jan Fleischhauer, FOCUS 26.10.2019
[40] Jan Fleischhauer, FOCUS 26.10.2019
[41] Frank Böckelmann, 1971 / 1987, S.61
[42] Laclau / Mouffe, Socialist Strategy: Where next, in: Marxism today, Januar 1981, zit.nach Murray a.a.O. S.79
[43] Laclau / Mouffe a.a.O.
[44] Jan Fleischhauer, FOCUS 26.10.2019
[45] Jan Fleischhauer, FOCUS 26.10.2019
[46] Hoffer, S.48.
[47] Hoffer S. 48, 19.
[48] Zara Riffler, 14.1.2020.
[49] Sandra Kostner, NZZ 13.1.2020.
[50] Kostner a.a.O.
[51] Kostner a.a.O.
[52] Kondylis (1984) S.91.
[53] Allexander Grau, Interview mit dem Deutschlandfunk am 30.11.2017.
[54] Murray S.317.
[55] Kunze (1995), S.27 f.
[56] Habermas, S.23.
[57] Siehe Kondylis (1992) S. 105 ff.
[58] Gehlen, S.30.
[59] Mill, 1860 (1869), 1. Kap., S.6.
[60] Kondylis, FAZ 21.10.1995.
[61] Rainer Mausfeld, Angst und Macht, S.81.
[62] Luhmann nach E.Straub, Dasein geht durch den Magen, FAZ 2.2.1995.
[63] Schmitt, (1941), in: derselbe (1995), S.234 (251).
[64] Schmitt, (1941), in: derselbe (1995), S.285.
[65] Sander, S.109.
[66] Vgl. Johannes 4 Vers 16, Donoso S.33.
[67] Donoso S.75-77, 83 nach Augustinus von Hippo (Enchiridion 3,11: „Was ist aber das, was wir böse heißen, anders als der Mangel des Guten?“).
[68] Baader S.109.
[69] Kondylis (1984) S.58.
[70] Schmitt (1955), S.533 f.


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