Lichte Gegenwart

Eben setzt sich ein Schmetterling zu mir.  Seine Aufmerksamkeitsspanne ist kurz wie die eines durchschnittlichen Mediennutzers. Ich sitze still. Der Falter erkennt mich nicht als Mensch. Er fliegt zu einer Blume. Sollte ich ihm einen Strauß hinstellen? Lieber lasse ich ihn selbständig suchen und finden. Auch als Leser möchte ich nicht auf der ersten Seite schon erfahren, wer der Mörder ist. Jeder gute Krimi fängt ganz harmlos an.

Schmetterlinge flogen hier vor 10000 Jahren nicht. Es wuchsen auch keine Eichen, Kirschbäume Nußbäume und Kastanien. Heute ist Himmelfahrtstag, und der Himmel strahlend blau. Es ist warm. Wann haben Sie zuletzt daran gedacht, daß wir im Eiszeitalter leben?

Eiche, Nußbaum, Kastanien und Kirschbäume gab es hier in der Eiszeit noch nicht.

Diese begann vor rund einer halben Million Jahren. Während der Saale-Eiszeit hätte ich hier den Kopf in den Nacken legen und die kilometerhohe Eiswand eines Gletschers hinaufblicken können. Es herrschte Permafrost. In all diesen Zeiten gähnte die Eiszeit nur ein paarmal kurz und machte kleine Nickerchen. Eines dauerte nur 11000 Jahre, das Eem-Interglazial. Ihm folgten 170000 Jahre der Weichsel- oder Würm-Eiszeit. Sie ist auch seit rund 11000 Jahre zuende. So lange pflegen die Eiszeit-Päuschen zu dauern. Der Platzanweiser bittet das Publikum, wieder seine geheizten Plätze einzunehmen. Die turnusmäßige Klimakatastrophe: der Winter naht.

In der letzten kurzen Erwärmungspause war es mehrere Grad wärmer als heute. Der Meeresspiegel lag 6-9 Meter höher. In der folgenden Weichsel-Kaltzeit fiel er auf mehr als hundert Meter unter den heutigen. Erdgeschichtlich sind solche Schwankungen normal. Menschen und Tiere mußten sich anpassen oder zugrundegehen. In den eisfreien Teilen Europas lebten seit der Eem-Warmzeit Neandertaler, eine menschliche Unterart mit flachem Schädel und fliehendem Kinn. Als sich über den vorderen Orient moderne Menschen nach Norden ausbreiteten, konnten sie sich noch mit Neandertalern vermischen. Sie nahmen 2-4% ihres Erbgutes in sich auf, vor allem für das Immunsystem, Haut und Haare. Der genetische Rest hat sich wohl als weniger vorteilhaft erwiesen.

Mitten in der letzten Kaltzeit drangen unsere Vorfahren nach Europa vor. Vor knapp 50000 Jahren bewohnten sie eine Höhle in Bacho Kiro Bulgarien. Vor über 30000  Jahren schufen sie kleine Kunstwerke in Höhlen der Schwäbischen Alb. In Frankreich nannte man sie nach dem ersten Fundort Cro Magnon. Mit den Neandertalern war es bald vorbei.

Genetisch gehörten die Menschen aus der Bacho-Kiro-Höhle zu den mtDNA-Haplogruppen M, N, R und U.[1] Sie besiedelten die eisfreien Teile Europas und Westasiens. Mit aufeinanderfolgenden Buchstaben bezeichnen die Genetiker die verschiedenen, voneinander abzweigenden Abstammungslinien. Von Frauen der Haplogruppen M, N und R sowie ihren später entstandenen Untergruppen

Bild: Wikitree

 stammen die heutigen Europäer ab.

Dunkle Vergangenheit

Anatomisch sahen sie aus wie wir. Von manchen gibt es Gesichtsrekonstruktionen anhand des Schädels. Aus gefundener DNA können wir Haar- und Augenfarbe ableiten. Der in England gefundene sogenannte Cheddar-Mann und ein in Spanien gefundener Steinzeitjäger hatten beide blaue Augen und dunkle Haut.

Durch Umweltanpassung und auch sexuelle Selektion entstanden in Jahrzehntausenden die heutigen Europäer als phänotypisch, genetisch und durch psychische Merkmale abgrenzbare Bevölkerung. Die Abgrenzbarkeit besteht, mit den Worten Andreas Vonderachs, „in dem Komplex ihrer miteinander korrelierten morphologischen, physischen, psychischen und genetischen Eigenschaften“, die sie von anderen Menschen in charakteristischer Weise unterscheiden.

Diese charakteristischen Unterschiede sind kein „soziales Konstrukt“. Wer sie dafür hält, muß die naturwissenschaftliche Realität weitgehend verdrängen. Diese Realität entspricht freilich nicht dem, wovor volkspädagogische Warntafeln und Sprachverbote solche Angst haben. Sie ist erheblich vielschichtiger. Wer möchte kann das nachlesen, zum Beispiel bei Andreas Vonderach.

Schon die ersten Besiedler Europas bildeten keine genetische Einheit, sondern repräsentierten unterschiedliche Zweige unseres großen Stammbaumes. Die sogenannten Marker, durch die Genetiker die „Haplogruppen“ unterscheiden, lassen sich nicht mit physischen Merkmalen der Menschen in Verbindung bringen. Diese haben sich seit dem Ende der Eiszeit vielfach diversifiziert und trotzdem auch immer wieder vermischt. Aus Mutationen entstanden blonde Haare, die sich im Norden stärker durchsetzten, und vor rund 5000 Jahren sogar rötliche Haare. Weil die Haarfarbe keinen Überlebensfaktor bildet, vermutet man sexuelle Selektion als Motor ihrer Ausbreitung: Viele finden es unwiderstehlich.

Unsere Schimpansen-Verwandten haben helle Haut unter ihrem Fell. Als Menschen das Fell ablegten, um als Savannenjäger besser klimatisiert zu sein, mußte die Haut als Sonnenschutz dunkler werden. So gesehen haben wir eine dunkle Vergangenheit. Tief braun liefen Europäer noch vor ein paar tausend Jahren herum, bis sich die Hellhäutigkeit genetisch durchsetzte. Sie hatte Vorteile in langen, sonnenlosen Wintern. “Menschen in der Prähistorie, die aufgrund von zufälligen Mutationen in diesen Genen eine helle Pigmentierung aufwiesen, hatten in Mittel-und Nordeuropa im Vergleich zu anderen Menschen vermutlich einen stabileren VitaminD-Haushalt und dadurch einebessere Gesundheit und höhere Überlebens-und Fortpflanzungschancen” (WILDE 2014 S.43). Unter den vielen Merkmalen, die uns von anderen Menschen unterscheidet, ist die Hautfarbe eine der jüngsten und vergleichsweise unwichtigsten.

Daß wir von nichts weiter entfernt sind als von universaler Gleichheit aller Menschen, erfreut jeden Liebhaber der Vielfalt. Gleiche Einheitsmenschen wird es auch in Zukunft nicht geben, auch wenn gewissen Sozialwissenschaftler davon träumen. Den Traum von der Gleichheit allen, was Menschenantlitz trägt, träumen seit hundert Jahren vor allem diejenigen Sozialwissenschaftler und ihre Schüler, die sich aufgrund ihrer Herkunft oder anderer Eigenschaften, die sie nicht ablegen wollten oder konnten, gesellschaftlich zurückgesetzt fühlten.

Die dekonstruktivistische Zerstörung menschlicher Normen geht meistens von Leuten aus, die der Norm nicht entsprechen. Auch das kann man bei Vonderach mit Namen und Nachweisen nachvollziehen.

„Daß alle Menschen gleich sind, ist eine Illusion. Zum Glück: Erst die ungezählten Unterschiede, die in unseren Genomen schlummern, bieten eine Chance, daß unsere Art nicht eines Tages spurlos verschwindet. Es wäre beängstigend, wenn die menschliche Evolution, wie häufig behauptet wird, schon zum Stillstand gekommen wäre. Sie führt immer weiter. Nur können wir nicht wissen, wohin.“

Jörg Albrecht, FAZ 17.1.11.2015

Die Wirklichkeit wird sich am Ende immer erfolgreich gegen ideologische Machtansprüche durchsetzen. Das gilt umso mehr, wenn jedes Kind sie erkennen kann.


[1] Hublin, Jean-Jacques; Sirakov, Nikolay; Aldeias, Vera; Bailey, Shara; Bard, Edouard; Delvigne, Vincent; Endarova, Elena; Fagault, Yoann; Fewlass, Helen; Hajdinjak, Mateja; Kromer, Bernd; Krumov, Ivaylo; Marreiros, João; Martisius, Naomi L.; Paskulin, Lindsey; Sinet-Mathiot, Virginie; Meyer, Matthias; Pääbo, Svante; Popov, Vasil; Rezek, Zeljko; Sirakova, Svoboda; Skinner, Matthew M.; Smith, Geoff M.; Spasov, Rosen; Talamo, Sahra; Tuna, Thibaut; Wacker, Lukas; Welker, Frido; Wilcke, Arndt; Zahariev, Nikolay; McPherron, Shannon P.; Tsanova, Tsenka (2020-05-11). “Initial Upper Palaeolithic Homo sapiens from Bacho Kiro Cave, Bulgaria”. Nature: 1–4. doi:10.1038/s41586-020-2259-z. ISSN 1476-4687. Retrieved 2020-05-11.