Unser heiliger Zorn

Neues Netzwerk Wissenschaftsfreiheit

Muß jede Generation aufs erst den Morast der Knechtschaft durchwaten, um den Wert der Freiheit zu erlernen? Klaus Rüdiger Mai berichtet von einem neu gegründeten Netzwerk Wissenschaftsfreiheit:

Die schlechte Nachricht lautet, daß für die Freiheit der Wissenschaft in Deutschland inzwischen wieder gekämpft werden muss, die gute, dass renommierte Wissenschaftler sich zu einem Netzwerk Wissenschaftsfreiheit zusammengefunden haben, das „sich für ein freiheitliches Wissenschaftsklima“ einsetzt. Darunter verstehen die Mitglieder des Netzwerkes „eine plurale von Sachargumenten und gegenseitigem Respekt geprägte Debattenkultur und ein institutionelles Umfeld, in dem niemand aus Furcht vor sozialen und beruflichen Kosten Forschungsfragen und Debattenbeiträge meidet.“

Klaus Rüdiger Mai, Für die Freiheit der Wissenschaften muß in Merkels Deutschland wieder gekämpft werden!, Tichys Einblick 4.2.2021

Von 1970 bis 2015 hatte bereits ein Bund Freiheit der Wissenschaft e.V. bestanden.

Ich war ihm als Student beigetreten, weil ich in Ruhe meiner Vorlesungen hören wollte und keine Lust auf durch die Hörsäle randalierende Kommunisten hatte. Deren Spezialität bestand darin, die Vorlesungen ihnen mißliebiger Professoren zu „sprengen“, indem sie sich gewaltsam Zutritt verschafften, sich mit Megaphonen und Plakaten vorne aufbauten, ihre dumpfen Parolen von der Weltrevolution brüllten und die Lehrveranstaltung „sprengten“. Ihr bevorzugtes Ziel waren Vorlesungen, die trotz von ihnen ausgerufener „Vorlesungsboykotte“ ihre Hörer fanden.

Der Kölner Stadt-Anzeiger berichtete am 19.5.1978 unter der Überschrift “Mit Gebrüll in die Vorlesung” über eine von “linken” Streikführern gesprengte Vorlesung des Prof. Erwin Scheuch (rechts im Bild).

Kampf gegen rechts war 1978 schon verdeckter Kampf gegen die Union

Wer waren diese Leute? Maßgeblich beteiligt waren „Spartakisten“, wie aus einem Flugblatt des RCDS von 1978 anschaulich hervorging.

Flugblatt des RCDS, V.i.S.d.P. Lothar Hesse, Lindenstr.99, Köln, 1978.
Der RCDS war und ist die Studentenorganisation in den Unionsparteien.

Der Marxistische Studentenbund Spartakus existierte von 1971 bis 1990 und war der Studentenverband der Deutschen Kommunistischen Partei.  Seine Büchertische und Flugblätter gehörten an der Universität Köln zum gewohnten Bild.

Aus einem Werbe-Flugblatt des MSB Spartakus, Uni Köln 1978 “gegen rechts”.
Uni Köln, 1978, mit Werbung für Siegfried Bratke

Als kleine, aber auch mal gewalttätige Minderheit errang der MSB bei der Wahl zum Studentenparlament am 13.12.1978 zwei Sitze. Bei einer Veranstaltung des RCDS mit Vortrag von Gerhard Löwenthal trat er mit Genossen weiterer Splittergruppen in Aktion “gegen rechts”:

Insgesamt standen den etwa 50 Demokraten rund 400 aus dem ganzen Land zusammengekarrte linke Chaoten gegenüber. Von Anfang an versuchten die Linken, durch rhythmisches Klatschen, dümmliche Sprechchöre, Trillerpfeifen usw. die äußerst sachlichen Ausführungen des Referenten zu behindern. […] Als alles nichts nützte, griff man schließlich zur offenen Gewalt: Rote Horden stürmten das Rednerpult und zerstörten das Mikrophon.
[…] MSB, SHB und KSV kamen voll auf ihre Rechnung.

hh[1], Zeitschrift Student, 11. Jahrgang Nr.80, Dezember 1978.

Ich habe hier nur ein beliebiges Beispiel für die stalinistischen Methoden herausgegriffen, die akademische Freiheit im Kern zu treffen. Ihre Methoden haben sich nur teilweise gewandelt. Zur Not tut es auch heute noch die eine oder andere Vorlesungssprengung wie zum Beispiel des früheren AfD-Vorsitzenden Prof. Lucke.

Stalinistische Toleranz

Damals hatten die Stalinisten ihren Marsch durch die Institutionen noch vor sich und nicht hinter sich. Heute sitzen sie in den Gremien der Universitäten, die sie selbst einst so heftig bekämpft hatten, und wollen uns etwas von Demokratie und Meinungsfreiheit erzählen.

Rechtsgrundlagen zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und Neonazismus (Schriftenreihe der Fachhochschule Düsseldorf) Paperback,
by Siegfried Bratke (Autor)

Amazon-Buchwerbung für von Buch Siegfried Bartke

Es ist kaum zu fassen: In einer “EJDM Europäische Vereinigung von Juristinnen und Juristen für Demokratie und Menschenrechte in der Welt e.V. firmiert als Ansprechpartner:

Generalsekretär RA Siegfried Bratke, Düsseldorf

Webseite “Bündnis Toleranz”

Überall spielten sie die Biedermänner: “Laßt uns rein, ihr lieben Geißlein, eure liebe Mami ist da!” Die Freiheit – so ihr gern erzähltes Märchen – sei bedroht von „Rechtsextremismus“. Jetzt sind sie drin. Die Freiheit, die sie meinten, war immer nur ihre eigene Agitationsfreiheit. Am 1.7.2016 nahm Siegfried Bratke, alut Einladung, auf einer Veranstaltung der Grünen als Podiumsdiskutant gegen die AfD teil:

Siegfried Bratke, Düsseldorf, Jurist und Mitglied des „Forums gegen Rassismus“ und der „Europäischen Vereinigung von Juristinnen und Juristen für Demokratie und Menschenrechte in der Welt e.V.“

Einladung der Grünen von 2016

Ob er dort wohl etwas davon erzählt hat, was er unter Toleranz versteht?

Abgekanzelt

Heute sind die stalinistischen Methoden subtiler geworden. „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!“ hatte oft auf Transparenten der SED gestanden, die heute “Die Linke” heißt. Linke Doktrinäre hatten von der Sowjetunion gelernt, was Klassenkampf im Hörsaal konkret bedeuten kann. Heute blicken sie aber weit nach Westen: Von Amerika lernen, heißt siegen lernen! Der neueste Schrei aus God’s own country ist die Cancel culture, die Unsitte, jemanden moralisch abzukanzeln.

Sie haben den aufgeleckten Speichel ihres roten Führers mitsamt den veralteten Lehren des dialektischen Materialismus abgeworfen und lenken den Zug jetzt mit Volldampf in die Gegenrichtung: das aufklärerische „Religion ist Opium fürs Volk“ war gestern. Die Chaoten haben die Sprengkraft des Religiösen für sich entdeckt. Die Religion der “Gegenaufklärung” hat ihre eigenen Offenbarungen: Sie heißen Dekonstruktivismus, Antirassismus, Genderismus und ein gegen jede Form der Marktwirtschaft gerichteter Antikapitalismus. Speichellecker des Amerikanismus haben sich gierig darauf gestürzt und beten sie inbrünstig nach.

Wer sich den Doktrinen und Parolen der neuen Pharisäer verweigert, ist ein Ketzer, den ein „woker“ Gläubiger mit bestem Gewissen  mundtot machen darf.

Das Schlagwort für den Kampf gegen die europäische Kultur und Geschichte lautet: Cancel Culture, worunter Wikipedia einen systematischen „Boykott von Personen oder Organisationen“ versteht, „denen beleidigende oder diskriminierende Aussagen beziehungsweise Handlungen vorgeworfen werden“, im Grunde also nicht Cancel Culture, sondern Culture Canceling. Der Klassenkampf der Kommunisten feiert als Culture Canceling seine Auferstehung. Die Gespenster der Vergangenheit schicken sich an, unsere Zukunft zu zerstören.

Klaus-Rüdiger Mai, Cancel Culture – Ein Angriff, der zur Rückeroberung führen könnte, Tichys Einblick 11.10.2020

Und wiederum ist die Freiheit der Wissenschaft in äußerster Gefahr. Geistiger Stalinismus hat sich gehäutet und greift wiederum nach der Macht, wie das in seinem Wesen liegt.

Im Grunde dreht es sich ausschließlich um die Frage der Macht. Nachdem der Linken das Subjekt des revolutionären Kampfes, nach klassisch-marxistischer Lehre das Proletariat, abhanden kam, halfen die Liberalen um den Philosophen John Rawls aus, für den eine Gesellschaft dann als gerecht gilt, wenn „die Gesetze zum Wohle der am stärksten benachteiligten Gruppe“ gestaltet worden sind. Alles, was als unterdrückt angesehen wird: die People of Color, die Homosexuellen, die Angehörigen der 666 Geschlechter werden zum neuen revolutionären Subjekt erhoben, zum Maß aller Dinge.

Klaus-Rüdiger Mai, Cancel Culture – Ein Angriff, der zur Rückeroberung führen könnte, Tichys Einblick 11.10.2020

Weit entfernt von jeder ergebnisoffenen Wissenschaftlichkeit können Sie argumentativ nicht mithalten und versuchen das auch gar nicht.

Klaus-Rüdiger Mai schloß seinen Beitrag mit den Worten:

In der ZEIT fand sich unlängst ein Artikel, in dem Wege empfohlen werden, den Zorn zu besiegen. Als größten Feind und mithin Quell des Zorns machte die ZEIT „das eigene Gedächtnis“ aus und tröstete: „Das kann man überwinden.“ Wollen wir wirklich unser Gedächtnis verlieren? „Singe mir, oh Muse, den Zorn des Peleiaden Achilleus.“ Sie wollen vernichten, was sie nicht mehr verstehen und ahnen dabei nicht, daß es auch den Heiligen Zorn gibt. Aus Freude aber, und aus Zorn, aus dem Geist der Freiheit ist unser Gedächtnis gemacht.

Klaus-Rüdiger Mai, Cancel Culture – Ein Angriff, der zur Rückeroberung führen könnte, Tichys Einblick 11.10.2020

Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das Unsägliche kroch. Wer sich an die haßerfüllten Angriffe der Kommunisten in unseren Hörsälen der 1970er Jahre erinnert, bewahrt für unsere jungen Leute die Erinnerung.

Die Erinnerung ist eines der Geheimnisse unserer Freiheit.


[1] Der Autor ist dem Verfasser bekannt.

Warum die neue Zivilreligion der “woken” Philister und Pharisäer ein idologischer Handlanger der US-Finanzwirtschaft und damit Amerikanismus ist,

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Quer gedacht – Umkehr der Parameter

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Was sind das bloß für Vögel?

  1. Nicht sich es zu einfach machen!
    Wenn eine Fußballmannschaft 0:5 gegen Bayern München verloren hat, ist es
    wenig hilfreich, zu erklären, daß man die bessere Mannschaft gewesen sei, die
    anderen aber nur wegen ihrem Foulspiel gewonnen hätten. Wenn heute linke
    Kräfte den universitären Diskurs beherrschen und alles Abweichende aus dem
    Diskurs herausdrängen können, wenn es sein muß durch bloßes Niederbrüllen,
    dann muß gefragt werden: Wie konnten sie so siegreich sein, warum gewannen
    die Nichtlinken nicht?
    Hier muß auch selbstkritisch gefragt werden, ob die Nichtlinken denn auf der Ebene der ideologischen Auseinandersetzung wirklich dem verakademisierten
    Marxismus in all seinen Varianten etwas gleich Niveauvolles entgegen zu setzen
    hatten. So erinnere ich mich vieler inneruniversitärer Diskussion, in denen sich
    etwa Vertreter der “Marxistischen Gruppe” (MG) stets hervortraten als rhethorisch sehr Talentierte mit erstaunlichem jeweiligen Fachkenntnissen,
    sodaß selbst Professoren Probleme hatten, deren Kritik zu widerlegen. Jetzt beherrschen Linke den Diskurs und brauchen nicht mehr zu argumentieren,weil sie die Macht innehaben. Aber sie waren so erfolgreich, weil sie einst den Nichtlinken intellektuell überlegen waren, wie eben auch Bayern München
    gewinnt, weil sie besser sind und nicht, weil sie so viel foulen!

    • Wir waren denen in meiner Studienzeit in Köln 1974-1979 intellektuell haushoch überlegen, personell aber im Verhältnis 1:50 unterlegen. Die meisten meiner juristischen Kommilitonen sahen naserümpfend über die linken Narren in der PhilFak hinweg, ohne sich ihre gutbürgerlichen Fingerchen schmutzig zu machen.

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