Was eine Gemeinde des Kreises Ohlau in schwerer Zeit erlebte

von Fritz Langner

Mit dem Jahre 1945 begann für uns eine schwere Zeit. Es war, als wenn „etwas in der Luft läge.“ Daß die Erlebnisse jener Tage und Monate nicht verloren gehen, zur Erinnerung, zum Mahnen und zum Bedenken, sollen sie festgelegt werden. Das Geschick war in allen Gemeinden des Kreises ähnlich. Die Januar-Tage waren unfreundlich und kalt, die Stimmung der Bewohner recht gedrückt. Bei all dem sonst so Schweren der langen Kriegszeit war es zudem bekannt geworden, daß die „Räumung des Kreises“ [siehe Landkarte des Kreises] in Erwägung gezogen war. Der ganze Kreis mit 54.433 Einwohnern, 14.713 Haushalten, 24.120 Rin­dern, 8.316 Schafen und 1.580 Gespannen sollte nach dem Kreise Waldenburg gebracht werden. Diese Pläne lagen seit Ende Dezember 1944 auf der NSV-Stelle vor. Am 19. Januar 1945 – es war schlechtes Wetter mit Schnee­treiben – trafen die ersten Flüchtlinge aus den Kreisen Namslau und Kreuzburg in Ohlau ein. Das brachte allgemeine Unruhe in die Stadt. Monate vorher waren flüchtige Batschka-Deutsche usw. bereits im Kreise untergebracht. Ein banges Gefühl stieg in der beunruhigten Bevölkerung auf: „Wann werden wir an der Reihe sein?“

Der 21. Januar war der letzte Sonntag in der lieben Heimat. Am Nachmittag waren alle Haushaltungs-Vorstände zu einer gemeinsamen Besprechung und zur genauen Einteilung über die – nun wohl unvermeidliche – Ausreise im Gasthaus ver­sammelt. Hoffen paarte sich mit Bangen! Gerüchte mancher Art tauchten auf.

Da kamen am Montag Flüchtlinge von Kreuzburg und Namslau auch nach Deutschsteine, blieben über Nacht und zogen am folgenden Tage wieder weiter. Am späten Nachmittag des fol­genden Dienstag, dem 23. Januar, traf nun der „Räumungsbe­fehl der Kreisleitung“ ein. Nach den getroffenen Maßnahmen und Einteilungen sammelten sich die mit der notwendigsten Habe beladenen, mit Planen überdeckten Wagen der Gemein­de an der Straße. Sämtliches Groß- und Kleinvieh mußte zu­rückgelassen werden. Gegen 5.30 Uhr setzte sich der „Trauer­zug“ Richtung Ohlau in Bewegung, den vereisten Hühnerbach entlang nach Rosenhain. Es war eine beschwerliche Fahrt, die Wagen mußten auf dem Landwege vierspännig vorgebracht werden. Mit viel Mühe endlich in Rosenhain angelangt, traf uns der Befehl der Kreisleitung: „Da sich die Lage wesentlich gebessert hat, haben sich auf Anordnung des Gauleiters alle sofort zurückzubegeben!“ Schwach flackerte in den verzwei­felten Herzen ein Hoffen auf.

Noch einmal ging ein Teil – nachdem in R. Quartier bezogen war – zu Fuß nach dem lieben Heimatort, ins verlassene Heim.

Es war eine klare, kalte Mondnacht. In der Ferne hörte man Geschützdonner. Am frühen Morgen des 23. Januar begab ich mich zum Dominium, wo noch sämtliche Leute anwesend wa­ren. Als eine Granate im Park einschlug, wurde da eiligst an den Abzug gedacht. Es war ein furchtbarer Anblick, den das geräumte Dorf machte! Die Tore standen auf, das Vieh in den Ställen brüllte, herrenlose Hunde liefen umher – sonst alles ausgestorben!

Die ersten verwundeten Soldaten – von Linden kommend – gingen nach Ohlau.

In Rosenhain war alles unruhig durcheinander, niemand wuß­te, was zu tun sei, als gegen 9.00 Uhr durch Lautsprecher­wagen die sofortige Räumung des Ortes angeordnet wurde. Welch eine arge Enttäuschung! Das Zutrauen zu den Ankündi­gungen der Gauleitung hatte einen argen Riß erhalten! „Die Lage hatte sich wesentlich gebessert!“

Über Goy – wo uns der sogenannte „Volkssturm in Zivil“ be­gegnete, der bemüht war, mit Wagen, Nachrechen usw. „Pan­zersperren“ zu legen – und Wüstebriese kamen wir bis Runzen, wo primitivst übernachtet wurde. Am 30. Januar langte der Zug in Freiburg an, die Schule bot erbärmliche Unterkunft, nicht einmal Lagerstroh. Die Unruhe, die vielen Beschwerden, die Hetze ließen ein Nachdenken nicht zu. Man sehnte sich nach 11 Tagen eines Lebens auf der Landstraße bei diesem winterlichen Wetter nur nach einer Bleibe und war glücklich, als man am 2. Februar gegen Mittag im bestimmten Rothenbach landete.

Durch die NSV erfolgte eine zufriedenstellende Unterbringung in Privatquartieren, und die Einwohner waren durchaus gut und zuvorkommend und versuchten, das schwere Los leichter zu machen. So vergingen drei „friedliche Wochen.“ Zwei Ereignisse führten die Leidensgenossen eng zusammen: Die Beerdigung des „Altbürgermeisters“ Olawsky am 15. Ja­nuar und die Konfirmation am 18. Januar. Es war mir eine besondere Freude und ein Bedürfnis, zu den „Brüdern im Leid“, die mir besonders in den schweren Wochen ans Herz gewachsen waren, am Friedhof und im Gotteshaus zu sprechen. Schon lag neue Unruhe über allen.

Es sollte weiter gewandert werden – erneut auf die Landstraße hinaus! Am 20. Februar standen die mit der notwendigsten Habe bepackten Wagen wieder zum Abmarsch bereit. Schwe­re Last, aber weit schwerer waren die Herzen belastet! Ziel: Tschechei. So gings bei wenigstens befriedigendem Wetter über Görtelsdorf, Hauptmannsdorf, Braunau, Hronow über den schwierigen Paßweg (die Wagen ohne Bremsen!) nach Nachold, Skalitz, Trebischau, wo den braven Pferden ein Ruhetag ge­gönnt wurde. Der 25. Februar war ein herrlicher Sonntag-Mor­gen, als es erneut weiter ging über Jermir bis Josefstadt. In einer Kaserne wurde Unterkunft bezogen.

Die Haltung der tschechischen Bevölkerung war vorsichtig ab­wartend, aber nicht feindlich, Verpflegung wurde (von „amtli­chen Stellen”) geboten. Da am Montag ein unfreundlicher Tag mit Regen-Schnee war, erfolgte die Weiterreise erst am fol­genden Tage. Also schon wieder eine Woche auf der Landstra­ße! Von Königgrätz (wo auf den Straßen schon Panzersperren errichtet waren) gings bis Kuklen, wo im Kino eine erbärmli­che Massenunterkunft geboten wurde. Endlich am Mittwoch, dem 28. Februar, landeten wir in dem einige Kilometer von Chlumetz gelegenen kleinen tschechischen Dorf Lischitz. Hier wurden die „Wanderer” in den Sälen der beiden Gasthäu­ser und den beiden Klassenzimmern der Schule notdürftig un­tergebracht. Bei dem wirklich knappen Wohnraum der Einhei­mischen war ein Unterkommen in Privatquartieren nur in ganz geringem Maße möglich. Die Gespanne wurden bei den Land­wirten eingestellt. Die Haltung der Bevölkerung war auch hier in Ordnung. Als nach bestimmtem Plan die Mithilfe in den Wirtschaften mit Gespannen einsetzte, wurde das Verhältnis durchaus zufriedenstellend, und zu der erhaltenen Verpflegung für Menschen und Pferde kam dadurch mancher Zuschuß. Der Bürgermeister hat nach Möglichkeit geholfen. Nach einer erfolgten Besichtigung der Massenquartiere konnte ich erlan­gen, daß zur „Auflockerung” etwa die Hälfte der Vertriebenen im Nachbarort Luschetz, wo die tschechische Polizeistation lag, in die Schule und einige Privatquartiere verlegt wurde.

Es war erfreulich, daß aus der Mitte der Leidensbrüder selbst an mich die Bitte kam, Andachtsstunden zu halten. Die bittere Not hatte segensreich gewirkt. Das Massenquartier war von lieben Frauenhänden zur Andachtsstätte umgewandelt, und wir suchten durch Lied, Ansprache und Gebet die kranken Herzen zu stärken. Ich möchte besonders unsere Karfreitags-, Oster- ­und Waldandacht in dankbarer Erinnerung festhalten. Zwei Kinder, die der Herr in sein himmlisches Reich holte, haben wir auf dem Friedhof zu Chlumetz und Lauschitz zur letzten Ruhe gebettet, und ich konnte den Angehörigen Trost aus Got­tes Wort bieten. So wurden alle durch die Not und die Schwe­re der Zeit recht zusammen gebunden. Die Kranken fanden in dem unter Dr. Larisch (Oppeln) stehenden Flüchtlings-Kran­kenhaus Aufnahme. – Weh war uns allen ums Herz, als im schönen Frühjahr die Gedanken ostwärts in die verlorene Hei­mat eilten, wo jetzt auch der Frühling einzog. Mitte April tauchten neue beunruhigende Nachrichten von neu­em Wandern auf. Neue Furcht vor der Landstraße! Bei einer Besprechung in der Bezirksstadt Chlumetz (24.4.) wurde der Abzug wieder abgeblasen. Auffallend war dabei die absolute Unsicherheit der „maßgeblichen Stellen”, keiner wußte recht Bescheid, und eine gewisse Aufregung der „Verantwortlichen” war unverkennbar. Was sollten wir „Kleinen” da draußen tun, denen doch immerhin eine erhebliche Verantwortung oblag? Nachrichten von den großen Ereignissen kamen überhaupt nicht zu uns. Man merkte eine gewisse Spannung und Unruhe unter den Ortseinwohnern. Ein Besuch meinerseits in Königgrätz bei der zuständigen NSV-Stelle brachte keinerlei guten Rat. Überall dieselbe Unsicherheit und Unruhe! Auf der Bahn war das besonders zu merken. Am 5. Mai kam auch am Ort eine „begeisterte Stimmung” der Tschechen zum Ausdruck. Ihre Lautsprecher schrien unermüdlich ihre Berichte bei offenen Fenstern den an der Straße lagernden Tschechen zu. Wir – rat- und hilflos! Am folgenden Sonntag zog der kommu­nistische Teil der Einwohner im Orte umher und verlangte eine Durchsuchung ihrer Gäste nach Waffen, der nach Ver­mittlung durch den tschechischen Ortslehrer zugestimmt wur­de. In meinem Beisein wurden alle Quartiere von einer Kom­mission durchsucht – ohne Zwischenfälle und Erfolg. Am 8. Mai nachts wurde nun auf Anraten des tschechischen Lehrers der Beschluß gefaßt, am folgenden Vormittag mit den Gespannen abzurücken, um zu versuchen, evtl. über Prag nach dem Westen zu kommen. Über den „Zusammenbruch“ wußten wir nichts Genaues. Der gebildete Orts-Ausschuß, bestehend aus dem Bürgermeister, dem Lehrer und Förster des Ortes, benahm sich korrekt. Auf meine ausdrückliche Bitte war durch den Bürgermeister der Teil der Vertriebenen aus dem Nach­barort Luschetz unter Begleitung von tschechischer Polizei zum Treck gebracht worden.

Nun waren wir wieder auf der Landstraße in dieser so unruhi­gen Zeit! Der Zusammenbruch war bekannt geworden und trug zur verzweifelten Stimmung bei. In einem der nächsten Orte kamen wir nicht weiter, da ein Militär-Transport (vom Laza­rett Königgrätz) von tschechischem Mob angehalten und „er­leichtert” wurde. Sonderbarerweise wurden wir ohne Belästi­gung durchgelassen. Ich nehme an, daß durch Boten von Luschetz aus über uns berichtet worden war. Kurz bevor wir in die Hauptstraße (Königgrätz – Prag) kamen, hielten uns tsche­chische „Partisanen“ an, durchsuchten einige Wagen, die sie z. T. beraubten, und nahmen uns sämtliche Fahrräder weg. Mit dem sogenannten „Führer“ war nicht zu verhandeln, da er viehisch betrunken war. Auf der Hauptstraße zog ein nicht endenwollender Zug von russischen Soldaten – gröhlend und schreiend -, so daß wir nicht weiterkonnten. Auf der anderen Seite der Straße lagen „entwaffnete deutsche Soldaten“. Das alles drückte uns tief danieder! Ein Teil der armen Landser hatte sich zu unserem Treck geschlagen, war auch schnell in „Zivil“. Wir standen eine lange Zeit eng an der Straßenseite – die Wagen mit weißen Fähnchen versehen. Dem Vernehmen nach sollte in Prag eine „Siegesfeier“ statt­finden. Aus all den Gründen entschloß ich mich, umzukehren, um – auf unserem Herweg über Königgrätz – nach der Heimat zu kommen, vor allem von dem Gedanken geleitet, nicht zum „Siegesfest der Tschechen und Russen“ zu kommen. Wie gut und richtig es war, beweist die Schilderung von Father Reichen­berger über jene Tage in Prag und das grausige Geschick der dort gesichteten flüchtigen Deutschen. (Vergleiche Reichen­berger: Ostdeutsche Passion: „Die Prager Revolution”, Seite 101 ff.)

Auf meine Bitte riet mir ein tschechischer Partisan in Uni­form, zunächst nach Königsstädtl zu fahren, um dort weitere Weisungen entgegenzunehmen. Hier erhielt ich beim Narodny vybor, – die wohl die vorläufige Gewalt in Händen hatten – eine Bescheinigung, die heute noch in meinen Händen ist, die für uns alle auf dem so schweren Weg nach der Heimat von so großer Bedeutung war und uns vor vielem „Unangenehmen” bewahrt hat. Nun gings nach Bydzow zu. Die kalte Nacht verbrachten wir, da mir die Stimmung in den tschechischen Orten nicht verlockend erschien, an der Straße, scharf am Grabenrand. Militärautos fuhren nachts an uns vorbei, in ent­gegengesetzter Richtung – wohl ohne Ziel, scheinbar in die Hände der „Sieger“. Ein Partisanen-Panzerwagen weckte uns frühzeitig. Den entstiegenen, als „Partisanen“ sichtbar gekenn­zeichneten bewaffneten Tschechen wies ich mich mit der er­haltenen Bescheinigung aus, und sie fuhren nach einigen Fra­gen wieder zurück, hatten uns unbehelligt gelassen. Frühzeitig setzten wir unsere Reise fort. In Bydzow wurde ich von bewaffneten Posten zum Polizei-Chef gebracht, der nach Einsicht des erhaltenen Passierscheins uns auf Nebenwegen Richtung Königinhof weiterleitete. Im Orte Mircejewo war Sie­gesfeier der Russen und Tschechen. Der Abend war herange­kommen, wir konnten schwer vorwärts, da vor uns ein mit Rindern bespannter Treck zog.

Mit Bangen dachten wir daran, hier in dem Ort bleiben zu müssen. Ein junger Polizist, dem ich mich unter Vorlage meiner Bescheinigung auswies, brach­te uns mit zwei Mann aus dem furchtbaren Ort. Am 12. Mai landeten wir (nach unruhig außerhalb des Ortes an der Land­straße verbrachter Nacht) in Königinhof, wo eine Kontrolle durch russisches Militär erfolgte. Auf Betreiben eines tsche­chischen Beraters wurden die Männer unter 50 Jahren – auch 2 unseres Ortes (Herrn. Knispel und Oskar Weigt) – mit fort­genommen. Nach langem Warten kamen unsere Leute gottlob wieder zurück. Das Schicksal der übrigen – wohl hinzugekom­menen Soldaten – ist ungewiß. In Friedland hielt uns ein russischer Posten an und wies mir den Weg durch das an der Straße liegende Lager (frühere Judenlager) an. Nach Rücksprache mit dem Leiter dieses Lagers, einem russischen Offizier, bekam ich nach Einsicht meines Passierscheines die Erlaubnis der direkten Weiterfahrt – am Lager entlang. Welch ein furchtba­res Bild bot sich uns! Alles wild durcheinander, Gefangene, Soldaten, Zivilisten, Männer und Frauen, Wagen und Pferde usw. Unser Glück konnten wir erst recht ermessen! Unermüd­lich schnell setzten wir die Reise fort, nur heraus aus diesem Land – ins Schlesierland.

Am 14. Mai landeten wir nach 6 schweren Tagen in Rothen­bach. Groß war die Freude der bekannten Schlesierfreunde, die wir damals im Januar verlassen hatten. Hier war russische Besatzung. Der Kommandant gab 2 Tage Ruhepause, und mit neuem Passierschein wurden wir nach Deutschsteine weiter­gesandt. Wie sah doch die Heimat aus! Überall Kriegsschä­den, zerstörte Orte, teils ohne Bewohner, an Kadavern, Lei­chen und Gräbern vorbei. Welch wonniges Gefühl, als wir von Ferne unser Rosenhainer Kirchlein sahen! Heimat – endlich daheim! Am Hühnerbach lagerten wir auf einer Wiese gegen­über dem Kirchstegel in der Nacht vom 18. zum 19. Mai. Vor uns lag unser Deutschsteine, es schien unberührt von der Kriegs­furie. Rauch stieg aus den Schornsteinen – also „bewohnt“. So nahe und doch noch fern! Zwei Kundschafter stellten fest, daß Russen im Ort, der kaum zerstört war, lagen. Am folgenden Morgen begab ich mich mit einem Polen, der als Gespannführer mit ausgezogen und wieder zurückgekom­men war, nach Ohlau, um vom polnischen Starosten die Ge­nehmigung zum Einzug ins Heimatdorf zu erlangen.

Der stellvertretende Landrat schien recht informiert zu sein und die Genehmigung wurde – ohne daß wir durch die in der Kaserne befindliche „Kontrollstelle“ gehen mußten – erteilt. Ich wurde zum „Bürgermeister“ ernannt. Am Pfingstsonnabend gegen Mittag zogen wir im lieben Heimatort ein. Wer ermißt das Glück? Wie dankbar mußten wir unserem Gott sein für die wunderbare Führung „durch so viel Angst und Plagen, durch Zittern und durch Zagen“. Durch den russ. Kommandanten und den anwesenden stellv. Landrat erhielten wir die Erlaub­nis, die nicht besetzten Gehöfte und Häuser zu beziehen. In der Schule lag die Kommandantur. Zerstört waren durch Brand nur zwei Scheunen und ein Wohnhaus. Im Dominium waren russische Posten, die das Vieh „betreuten“. Nun galt es, die Gehöfte und Häuser zu räumen und säubern, das war arge Arbeit. Wie sind diese in den paar Monaten zugerichtet worden! Die Wohnungen waren zum großen Teil ausgeräumt, die Möbel teils zerstört, verschleppt, Wäsche, Klei­der, Hausrat ausgeraubt. Hier und da waren bei den Häusern Aschenhaufen, als Reste verbrannter Gegenstände. In dem rest­los ausgeraubten Klassenzimmer war das Büro der Komman­dantur eingerichtet, in der Lehrerwohnung hauste das Perso­nal. Furchtbar sah es im Schloß aus! Alles machte einen schrecklichen Eindruck, aber das Gefühl, daheim zu sein, half über alles hinweg, und der Glaube, wieder aufbauen zu kön­nen, gab Mut und Kraft.

Am Pfingstmontag begann schon die Arbeit im Ort. Mit allem Hochdruck wurden die Aufräumungsarbeiten im Haus, Hof und im Ort fortgesetzt. Der Kommandant, ein russischer Offi­zier, war durchaus in Ordnung. Beim landwirtschaftlichen Be­zirks-Offizier im Dremling hatte ich schon am 25. Mai eine Besprechung wegen sofortiger Bebauung der Felder, zunächst mit Kartoffeln. Die Wintersaat stand gut. Teils war die Feld­mark von ausgeworfenen Schützengräben, die aber ganz ge­wiß nie bezogen waren, durchzogen. Die vielen Kartoffelgruben am Dominium lagen noch voll da, wurden aber durch die Rus­sen in kurzer Zeit abgeholt, da die Schnapsbrennereien (Heidau u. a.) mit Hochdruck arbeiteten. Der Ort bot bald ein deutsches Bild, die Felder waren in uner­müdlichem Fleiß fast restlos bestellt, das noch lagernde Ge­treide gedroschen, die Gärten in Ordnung gebracht. Schon am 30. Mai war die erste Zusammenkunft der deutschen Bürger­meister – meist deutsche Rückgeführte – mit dem Starosten im Beisein des russischen Kreisoffiziers in Ohlau im Sitzungssaal des Rathauses, die sich wiederholte. Bald wurden die ersten Einwohner durch polnische Miliz nach Ohlau geholt, einige blie­ben länger in Haft. Früher im Ort gewesene Polen hatten wohl Berichte nach „oben” gegeben. Gefragt und gehört wurde nie­mand. –

Bereits am 20. Juni wurde der Pole, der am Dominium war, in die Teichmann-Wirtschaft eingewiesen, zunächst im Nebenraume wohnend. Am folgenden Tage zogen die Russen ab – nahmen mit, was irgend möglich war. Am 27. Juni kamen weitere Polen nach unserem Ort. Fast in jede Wirtschaft wurde eine polnische Familie eingewiesen, die zunächst im Auszug­hause wohnte. Bald wurden auf höhere Weisung die Rollen vertauscht. Die deutschen Besitzer mußten den Polen, von de­nen wenige Landwirte waren, die Wirtschaft mit allem, auch Wohnung mit Möbel, Hausrat usw. abtreten. Diese wurden die Herren, jene die Arbeitskräfte. Dem Deutschen blieb nur so viel, wie er dringendst zum Leben gebrauchte, die neuen Inha­ber verkauften und verschoben, was nur möglich war. Bald tauchte die sogenannte „polnische Miliz“ auf. Damit begann ein neuer Leidensweg. Dauernd wurden, unter den nichtigsten Vorwänden (Suche nach Waffen, Radios, usw.), die Wohnun­gen durchstöbert und beraubt. Mit Schauern denken wir an jenen „Nacht-Appell“ am Sonntag, 14. Juli. Sämtliche Deut­sche wurden mitten in der Nacht mit Gelärm und Krach nach dem Hof des polnischen Soltys beordert, wo betrunkene Poli­zisten warteten, und stundenlag dort festgehalten. Infolge Un­einigkeit der Horde kam der Plan des Ausräumens der Woh­nungen nicht zur Verwirklichung. Dafür wurden einige Jungen und Mädel nach Ohlau zur Miliz gebracht, wo sie eine schwe­re Nacht hatten. Die gestohlenen Sachen konnte man übrigens meistens am folgenden Tage auf dem „schwarzen Markt“, der am Friedrichsplatz in Ohlau stattfand, zum Kauf angeboten finden. Es war dauernd ein Gefühl der Unsicherheit und Unruhe, nächtliche Schießereien waren eine Selbstverständlich­keit. Bestohlen wurden übrigens die Polen auch selbst.

Neben all der vielen Feldarbeit für die Polen wurden die Deut­schen (auch mit Gespannen) für die polnischen und russischen Stellen in Ohlau beordert – ohne jeden Lohn.

Ab Anfang August war die Möglichkeit gegeben, in Ohlau an den in der erhaltenen lutherischen Kirche stattfindenden Got­tesdiensten, die P. Kluge hielt, teilzunehmen, später auch ab und zu in der Kirche zu Rosenhain, die zunächst Diakon Neun­herz aus Frauenhain hielt. Über die erfolgten Sterbefälle und Beerdigungen führte ich Buch (bis zur Ausweisung im Juni 1946 10). Die Beerdigungen hielten P. Kluge, Ohlau, P. Wahlich, Ohlau, und zuletzt ich. Geboren wurde in dieser Zeit nur ein Kind. Wieder auf Bitten der Frauen hielt ich ab 16. Sept. Sonntag nachmittags – mit Zustimmung des Soltys – Andachtsstunden in der Schule ab, die immer gut besucht wa­ren. Wir trösteten uns in dieser schweren Zeit mit Gottes Wort, und auch an den Gräbern der Heimgegangenen fanden wir uns andächtig zusammen. Nach einem persönlichen Besuch des stellvertr. Superintendenten von Brieg/Ohlau, P. Schmidt v. Puskas-Mollwitz, am 08.11.1945 wurde ich von ihm beauf­tragt, in der Kirchengemeinde Rosenhain „Lesegottesdienste und Predigten zu halten und besonders auch in Deutschsteine kirchliche Amtshandlungen zu vollziehen“. Es war mir eine besondere Freude, gerade in unserem Heimatkirchlein, in dem meine Eltern getraut, in dem ich getauft wurde, meiner Ge­meinde, in der ich seit 1912 gewirkt hatte, so in dieser schwe­ren Zeit dienen zu können. Dieser Auftrag wurde unterm 08.12. von der evang. Kirchenleitung für Nieder- und Oberschlesien erneut gegeben. Unser erster Gottesdienst war am Totensonn­tag (25.11.), dem ein Adventsgottesdienst, die Christnachtfeier, Weihnachts-, Silvester- und Neujahrsgottesdienste folgten. Wie oft und viel haben wir Gott gedankt für diese Stunden, für seine oft so sichtbare Hilfe, seinen Schutz! Und immer wieder sind wir gestärkt in den rauhen Alltag gegangen. Besonders sei hier an die treue Mithilfe unseres Kirchvaters Grünig und seiner Frau gedacht.

In regelmäßigem Wechsel mit Diakon Neunherz wurde nun alle 8 Tage in Rosenhain Kirche gehalten. Immer waren diese – trotzdem so oft gerade an Sonntagen von Polen „Arbeit” angesetzt war -, recht gut besucht.

Die Jugend sammelte ich nachher zur „Kinderlehre” (Vorbe­reitung zur Konfirmation). Nach der von mir geführten Perso­nenstandliste waren am 05.10.1945 ca. 284 Personen in Deutschsteine anwesend. Von diesen wurden am 18.09. die seinerzeit zu uns Evakuierten, die mit uns auszogen und wie­der zurückkamen, auf polnische Anordnung nach ihrer Heimat – Rheinland und Berlin – zurückgesandt.

Deutsche Schule durfte nach erneutem Verbot nicht gehalten werden. Für die polnischen Kinder war am 30. August eine „polnische Lehrerin“ gesandt worden, die mit uns im Schul­haus wohnte. Sie war – das sei ausdrücklich festgelegt – Deut­schen gegenüber nicht feindlich, ja sie hat oft vermittelt und uns zum Vorteil gehandelt. Das Klassenzimmer wurde not­dürftig mit Schulmöbeln ausgestattet und sogenannter „Schul­unterricht“ gehalten. Es gab auch einen sogen. „Schulinspektor“ in Ohlau.

Hohe Tannen weisen die Sterne
An der Iser wildschäumender Flut.
Liegt die Heimat auch in weiter Ferne,
Doch du, Rübezahl, hütest sie gut.

Hast dich uns zu eigen gegeben,
Der die Sagen und Märchen erspinnt,
Und im tiefsten Waldesleben,
als ein Riese Gestalt annimmst.

Komm zu uns an das lodernde Feuer,
In die Berge bei stürmischer Nacht.
Schütz die Zelte, die Heimat, die teure,
Komm und halte bei uns treu die Wacht.

Höre, Rübezahl, laß dir sagen:
Volk und Heimat die sind nicht mehr frei.
Schwing die Keule wie in alten Tagen,
Schlage Hader und Zwietracht entzwei.

Tage, Wochen und Monde gingen dahin unter Unruhe, Be­drückung, mancherlei Not leiblicher und seelischer Art. Wir trugen aber mit Stolz die weiße Armbinde und die Fähnchen an unseren Häusern, die uns schon äußerlich als Deutsche kenn­zeichneten. Viel Hoffen und Glauben kam und blieb. Über das Geschick unseres Vaterlandes bekamen wir keinerlei Nach­richten. Post kam nur wenig durch, diese wurde vom sogen. „Amtsvorsteher“, der in Rosenhain sein Amt, in Odersteine die Wohnung hatte, meist vorenthalten. Dieser war ein ausge­sprochener Deutschhasser. Gerüchte aller Art tauchten hier und da auf. „Botschaften“, die angeblich von Flugzeugen geworfen waren, wurden verbreitet. Wie klammerte sich alles an solche Tröstungen. Die geliebte Heimat zu halten das war aller Wunsch, dafür trug man all das schwere Leid. Da tauchten Nachrichten auf, daß die „Aussiedlung“ (Ausweisung) erfol­gen sollte. Welch niederschmetternde Botschaft! Anfang Juni 1946 bestätigten es Aushänge in Ohlau. „In den nächsten Ta­gen werden nach der englischen Okkupations-Zone Transporte mit der Eisenbahn geleitet“. So stand es tatsächlich da – mit näheren Ausführungen. Die Unruhe wuchs aufs neue! Da kam am 14. Juni nachmittags die Anordnung, daß am Sonn­tag, 15. Juni, früh ab 5.00 Uhr die bestimmten Familien mit dem notwendigsten Gepäck – d. h. soviel jeder tragen kann – zum Abmarsch anzutreten haben. Etwa 150 Personen waren es, der Rest mußte zur Arbeit bei den Polen zurückbleiben. Mit schwerem Herzen wurde gegen 11.00 Uhr der liebe Hei­matort unter polnischer Zivilbegleitung (für das Gepäck waren kurz vor Abmarsch noch Wagen gestellt) in Richtung Lager Markstädt verlassen. Nach erfolgter „Revision“ und „Erleich­terung“ des Gepäcks gings am folgenden Tag nach dem Bahn­hof, von wo aus in Güterwagen der Abtransport erfolgte. Sollte man noch glauben und hoffen? Alles umsonst? Voll­kommen zermürbt, verzweifelt, gebrochen kamen die völlig Heimatlosen in der Westzone an. Was erwartet uns hier? – das war die bange Frage!     

Hohe Tannen weisen die Sterne –
ein schlesisches Schicksalslied