Geliebte Identität oder neurotischer Selbsthaß?

Das Aufgeben der eigenen Identität

Lange hatte Boris auch in der Berufsschule seinen blau-weißen Schalke-Schal mit Stolz getragen. Doch jetzt geriet es ihm täglich zu einem Spießrutenlaufen. Die Jungs aus den benachbarten Dortmunder Siedlungen waren Borussia-Fans und hänselten ihn: „Absteiger!“

Schließlich gab er auf. Der Segen war zum Fluch geworden. Das Selbstwertgefühl wuchs nicht mehr in der Gewißheit, einer ruhmreichen Siegermannschaft anzugehören. Boris gab seine Schalker Identität auf und war nur noch Boris, Kind einer entwurzelten Einwandererfamilie.

Identität stiftende Angebote für Entwurzelte gibt es überall, von Fußball-Ultras bis hin zur Antifa. Sie lassen ihre Anhänger sich einem mächtigen Ganzen angehörig fühlen und ihre Identität prägen. Sie nehmen teil an der Gemeinschaft aller, erkennbar zum Beispiel an blau-weißen Schals. Sieg und Niederlage aller werden zu Sieg und Niederlage auch für den Einzelnen.

Der skeptische Blick

Wer emotional unbeteiligt außen steht, hat hinreichend Stoff für Witz und Persiflage wie der Erfolgsautor Walter Moers:

Ich wußte zum Beispiel, daß es so etwas wie kollektiven Egoismus gibt, der Solidarititis genannt wird, obwohl das eigentlich ein Widerspruch in sich ist. Es ist die Kraft, die beispielsweise eine militärische Spezialeinheit oder die Mannschaft eines Ruderbootes antreibt. Es ist eine milde und vorübergehende Form des Wahnsinns: Man glaubt für kurze Zeit, man wäre mehrere Personen auf einmal. Beziehungsweise mehrere Leute denken, sie wären ein und dieselbe Person. Besonders unter Soldaten ist das sehr verbreitet.

Walter Moers, Der Bücherdrache, 2021,S.76.

Billiger Spott ergießt sich über den Unglücklichen, der seine Identität mit der unterlegenen Seite verbunden hatte, dessen Solidarität in Leid umschlägt, wenn der höhnende Sieger sie in den Schmutz zieht und dessen Liebe einer Identität gilt, die jetzt als verbrecherisch gebrandmarkt wird. Starke Persönlichkeiten fliehen dann erst recht in diese Identität hinein, schwache aus ihr heraus.

Flucht der Geächteten ins Deutschsein

Nicht jedes Identitätsmerkmal kann man ablegen wie einen blau-weißen Schal. Daß man Deutscher ist ohne Rücksicht darauf, ob man das sein möchte, erkennt man, wenn Ausländer einen geradezu mit der Nase darauf stoßen. Der Dichter Hans Grimm schildert uns sein Schlüsselerlebnis:

„Bei meiner Heimreise von Südafrika im April 1928 ereignete sich ein bezeichnender Vorfall. [..] Der Kapitän Wagner von der Tanganjika, der im ersten Weltkriege Kommandant des Kreuzers Wiesbaden gewesen war“,[1] stritt mit englischen Passagieren um Route und Fahrplan des Dampfers.
Beim Verlassen des Eßsaales wallte unter den Engländern die Meinungsverschiedenheit noch einmal auf, und es traf sich, daß der laute Führer der Deputation sich auf Deck dem schweigenden deutschen Zahlmeister, einem einstigen Berufsoffizier, unversehens zuwandte und die Worte ausstieß:
»You Germans must never forget that you are a beaten nation.«

(Ihr Deutsche dürft nie vergessen, daß ihr eine geschlagene Nation seid!), Hans Grimm, Suchen und Hoffen, Lippoldsberg 1960, S.7.

In den Jahren nach dem Versailler Diktatfrieden konnte man nicht einfach aus seinem Schicksal aussteigen, Deutscher zu sein, wie man einen blau-weißen Schal ablegt. Auch das Einholen der schwarz-weiß-roten Reichsfahnen nützte der Republik nichts: Die neuen schwarz-rot-goldenen Fahnen sollten der Welt zeigen: »Wir haben unsere Identität gewechselt, und zu dem runderneuerten demokratischen Deutschland solltet ihr nett sein.« – Das war die Welt allerdings nicht.

Die Schriftsteller Hans Grimm, Ernst von Salomon und Paul Alverdes 1934 in Lippoldsberg (Abbildung aus Hans Grimm, Suchen und Hoffen).

So flüchteten die von Versailles unterdrückten, ausgebeuteten und moralisch beschimpften Deutschen mehrheitlich erst recht in ein betontes Deutschsein hinein. 1933 schrieb Hans Grimm:

Unser Volk begreift heute, daß es als ganzes Volk den Weltkrieg verloren hat und nicht als Heer oder Klasse, und nicht als Kaiser oder Offizier oder besonders betroffener Auslandsdeutscher.

Hans Grimm, Suchen und Hoffen, Lippoldsberg 1960, S.256.[2]

Diese Identifikation von Menschen mit ihrem Land beschrieb Ernst von Salomon:

Denn wir fühlten uns selber Deutschland. Wir fühlten uns so sehr Deutschland, daß wir, wenn wir Idee sagen, Deutschland meinten, daß wir, wenn wir Kampf sagten, Einsatz, Leben, Opfer, Pflicht, daß wir dann immer Deutschland meinten.

Ernst von Salomon, Die Geächteten, 1930, S.181,

Flucht der Selbstgerechten aus dem Deutschsein

Wenn alle Fans und Mitglieder des FC Schalke ihre blau-weißen Schals verbrennen, hört der Verein auf zu existieren. Jede gemeinsame Unternehmung endet, wenn das Gefühl gemeinsamer Identitität erlischt. Diese bewußte gemeinsame Identität bildet sich durch den kollektiven Glauben an sich selbst. Ihn zu zerstören ist das letzte Ziel, wenn ein Feind sich eine Menschengruppe unterwerfen will. Hans Grimm fand das in einer englischen Zeitschrift des 1. Weltkriegs auf den Punkt gebracht:

Ich erinnere mich an einen Kriegsaufsatz des Student of War in der Times. der Aufsatz beschäftigte sich mit gewissen englischen propagandistischen Unternehmungen. Er enthielt den Satz: »Die Moral des deutschen Feindes muß gebrochen werden. Es ist der Verlust an Moral, nicht der Verlust an Boden oder an menschen oder an Material, was Sieg oder Niederlage ausmacht. Der Feind muß aufhören, an sich zu glauben.«

Hans Grimm, Hans Grimm, Suchen und Hoffen, Lippoldsberg 1960, S.146.

Den Siegermächten des 1. Weltkrieges war es noch mißlungen. Die Deutschen glaubten umso mehr an sich selbst, je stärker sie durch Reparationen und Demütigungen niedergedrückt wurden. Den Siegermächten des 2. Weltkrieges ist das Unternehmen gelungen. Und wie in dem englischen Artikel aus dem 1. Weltkrieg vorgezeichnet, war es „der Verlust an Moral“, der gerade intellektuell gebildete Deutsche in Massen aus ihrem Deutschsein emotional aussteigen ließ.

Der Altbundespräsident Joachim Gauck erzählte 2019:

    „Als ich in die gesamtdeutsche Politik eintrat, begegnete ich einer Vorstellung von Deutschland, die sehr defizitär war. Ich traf in Westdeutschland auf Intellektuelle, die den Begriff der Nation gar nicht mehr benutzen wollten. […] Deutschland? Nein. Die deutsche Fahne? Oh, sehr verdächtig.

Joachim Gauck, Ich habe dieses Land gehaßt, DIE ZEIT vom 15.2.2019

Es genügt den Aussteigern nicht, sich als Weltbüger zu verstehen. Sie verlassen das anscheinend sinkende Schiff Deutschland nicht, um sich in dekonstruktivistischen oder esoterischen Gefilden reiner Geistigkeit hinzugeben. Auch nach Aufkündigung der Loyalität halten sie „Deutschland“ und das deutsche Volk keineswegs für bloße Einbildung. Sie hassen es nämlich, und hassen kann man nur, was man als existierend anerkennt. Joachim Gauck hat diesen Haß als neurotische Feindschaft bezeichnet.

Aber wenn man so weit geht, daß man aus Furcht vor Nationalismus nationale Prägungen nicht mehr akzeptiert oder automatisch verdächtigt, dann ist man einen Schritt zu weit gegangen. So kann aus einer guten pädagogischen Absicht und aus einer positiven Selbstkritik auch so etwas wie eine neurotische Feindschaft gegen das Eigene werden. Und diese neurotische Feindschaft gegen das Eigene hat dann bei vielen zu einer Ferne von jeder Art von Selbstbewußtsein geführt – manchmal sogar zu einer Vernachlässigung nationaler Interessen.“

Joachim Gauck, Ich habe dieses Land gehaßt, DIE ZEIT vom 15.2.2019

Der Selbsthaß mündet bei manchen Protagonisten geradewegs in einen handgreiflichen neuen Rassismus. Plötzlich soll es wieder wichtig sein, ob man „Weißer“ oder „Neger“ ist. In den USA haben diese zu einer manchmal aggressiv auftretenden “schwarzen“ Ideologie und Identität geführt. Diese ist genauso verständlich als Reaktion auf Demütigungserfahrungen, wie wir Deutsche sie nach dem 1. Weltkrieg gemacht hatten. Sie ist aber neurotisch, wenn ein in Deutschland lebender Deutscher sie sich aus lauter moralischem Selbsthaß zu eigen macht.

Am 30.3.2021 schrieb Joachim Gauck,

daß linksidentitärer Aktivismus eine neue Form von Rassenideologie geschaffen habe, die mit antiweißem Rassismus verbunden sei. Diese Ideologie leugne die historischen Leistungen von Weißen, etwa die Bekämpfung und Abschaffung der Sklaverei, aber auch die historischen Verbrechen von Nichtweißen, um ideologisierte Geschichtsbilder zu schaffen. Dies fördere Rassenkonflikte und führe dazu, daß reale Verfolgung und Unterdrückung, die in vielen Regionen der Welt fortbestünden, ausgeblendet würden.

(Renovatio 31.3.2021, Joachim Gauck: Gegen die neue Rassenideologie, ZEIT online 30.3.2021)

Identität ist unentrinnbar

Die Neurotiker des Ausstiegs hängen ihren blau-weißen Schal an die Garderobe, um sich flugs einen weiß-blauen umzuhängen. Antideutsche Identität spiegelt die deutsche und bestätigt sie damit.

Seine nationale Identität kann man nicht einfach ablegen wie einen Schal. Sie ist wie ein Schatten, der überall hin folgt. Es gibt nämlich zweierlei: eine objektivierbare Identität und ein subjektives Bewußtsein dieser Identität. Die objektivierbare Identität bekommt man als Deutscher im Ausland sehr schnell unter die Nase gerieben und nimmt sie selbst manchmal erst unter Ausländern vollständig wahr.

Das Bewußtsein dieser Identität gehört zum gesunden Selbstbewußtsein, und bei Neurotikern kann es zu quälendem Selbsthaß führen. Unsere Identität als Deutsche ist kein bunter Fanschal, kein modisches Accessoir und nicht wie ein Paß, den man bei der Schiffsreise nach Europa über Bord werfen kann.

Ob sie als Fluch oder Segen empfunden wird: Sie ist uns eingewachsen wie die Nase im Gesicht.

Das überwuchernde Moos bewahrt Form und Struktur des toten Bäumchens in morbidem Nachleben seiner Idenitität.

[1] Hans Grimm, Suchen und Hoffen, Lippoldsberg 1960, S.5.

[2] Ähnlich derselbe S.191: „Wir erkannten im Krieg und wissen es seit dem Kriege in der Mehrzahl noch, daß wir alle zusammen aus dem einen großen deutschen Napfe essen und daß die bayerischen und sächsischen und welfischen und katholischen und evangelischen und bourgeoisen und proletarischen Näpfe Einbildungen waren; wir haben uns indessen vom verlorenen Kriege an zunehmend nicht darum gekümmert, ob der große Napf hinreichend oder ganz unzureichend gefüllt sei, und wer ihn etwa zu füllen vermöge, sondern die immer peinlichere neidische Sorge galt dem einen bei uns, daß nicht etwa irgendeiner zuviel zu essen erhalte vom Brei.“

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Peinliche Verwandte: rechte und linke Identitätspolitiker

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  1. Ich hätte mir einen Hinweis auf die Aufgabe der Identität als Mann – Stichwort “Lila Pudeln” – gewünscht.

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