Hinter die Kulissen blicken
Die Kulissen der westlichen Wertegemeinschaft und UnsererDemokratie sind durchsichtig geworden. Dahinter sehen wir die politischen Akteure der nackten Macht. Sie hantieren mit salbungsvollem Wortgeklingel, an das sie selbst nicht mehr glauben.
Das ist bezeichnend für Epochenbrüche. 1789 glaubten auch viele Franzosen nicht mehr an Gottesgnadentum. Die historischen Folgen sind bekannt. Wenn die ideologischen Erklärungsmuster herrschender Kreise der großen Masse gar nichts mehr erklären und keine Lösungen liefern, ereignet sich – Geschichte.
In Europa hatte es drei große Phasen der Aufklärung darüber gegeben, daß die Glaubenswahrheiten der herrschenden Eliten nur Kopfgeburten waren: die vorsokratische Aufklärung in Griechenland[1], der Humanismus[2] und zuletzt die vollendete Aufklärung im 18. Jahrhundert[3].
Auf jede Epoche der Aufklärung war wiederum eine Welle neuer Ideologisierung gefolgt. Die breite Masse fröstelt es bei der Vorstellung, daß unserem Leben kein „höherer“ Sinn vorgegeben ist. Sie hüllt sich gern in den warmen Mantel einer sinnstiftenden Ideologie. Was im 20. Jahrhundert daraus folgte – 1917, 30.1.1933, 7.10.1949[4] – ist bekannt.
Auch in der Bundesrepublik wurde die ernüchterte, aufgeklärte und skeptische Kriegsgeneration abgelöst von hoch ideologisierten Studenten, die uns jetzt mit ihrer ganzen Realitätsblindheit[5] als neue Machtelite im Nacken sitzen.
Ich habe dagegen den Realismus als wesentliches Merkmal „rechter“ Weltbetrachtung bezeichnet.[6] Die rechte Persönlichkeit sträubt sich dagegen, sich zum Beispiel nur als Untertan „göttlicher“ Moralgebote oder „Sünder“ zu fühlen oder als dienendes Rädchen in einer kollektivistischen Sozialmaschine. Darum staune ich, daß gewisse, oft als rechts bezeichnete Autoren auf einmal ihr Jesulein wiederentdecken und die Wiedergeburt christlicher Glaubensdemut für eine gangbare Grundlage halten, unser Volk vor seiner Endlösung zu bewahren.
Rein funktional ist daran richtig, daß die Sonne der Erkenntnis nicht über jedem strahlt, sondern als erste erreicht, die auf den Gipfeln der Aufklärung weiter blicken. Es war aber historisch noch nie möglich, aus Menschen, die an nichts glauben, eine wirksame soziale Bewegung zu schmieden. Fehlende soziale Durchschlagskraft ist der Preis der aufgeklärten Erkenntnis.
Bewahrung einer sozialen Gemeinschaft erfordert Wertsetzungen, welche die Integrität der sozialen Ordnung nach innen und außen abstützen. Ohne sozialbezügliche Wertsetzung und ohne Erziehung zu sozialen Tugenden haben wir keine Chance, unser Gemeinwesen, unsere Vorstellungen menschlichen Zusammenlebens und letztlich uns selbst als Volk auf Dauer zu erhalten. Weil sich keine Ordnung von allein einstellt, bedarf auch eine soziale Ordnung der Stiftung: Die Ordnung muß errichtet, sie erhaltende staatliche Institutionen müssen etabliert und die sie stützenden Tugenden müssen durchgesetzt werden.
Die Aufklärung darüber, daß die gemeinschaftsbildenden Tugenden letztlich nicht religiös oder sonst metaphysisch begründbar sind, hat zum Verlust alles dessen geführt, was ein Gemeinwesen im Innersten zusammenhält. Sie „löste die Treuepflicht zu außerrationalen Werten auf, hob die Bindungen durch Kritik ins Bewußtsein, wo sie verarbeitet und zerdampft wurden, und stellte Formeln bereit, die Angriffspotential, aber keine konstruktive Kraft hatten.“[7] Wenn wir die Wirkungen des Gemeinschaftlichen wieder nutzbar machen wollen und uns darum für die Anwendung der gemeinschaftsbildenden Werte entschieden haben, muß die Auflösung dieser Werte ein Ende haben. Sie sind der Mörtel, der die Bausteine unseres Gebäudes zusammenhalten soll.
Der Vorhang der Aufklärung
Um sie sozial wirken zu lassen, müssen wir den Vorhang der Aufklärung schließen und die sozialen Tugenden verkünden und anwenden, als ob sie ontologisch real wären. „In dem Moment, in dem ein Reich aufhört, heilig zu sein, ist es schon kein Reich mehr.“[8] Es ist praktisch unmöglich, ein Volk intellektueller Einzelgänger zusammenzuhalten, die an überhaupt nichts glauben. Ohne Zusammenhalt zu einem Ganzen ist auch der einzelne schwach; zu schwach in einer Acht-Milliarden-Menschen-Welt. Nur mit vereinten Kräften sind wir stark. „Der Verein ist nur dein Werkzeug oder das Schwert, wodurch Du deine natürliche Kraft verschärfst und vergrößerst; der Verein ist für Dich und durch Dich da.“[9]
Ich weiß ja, lieber Leser: Wir sind hier unter uns. Gesamtschulverblödete Freitagsdemonstranten lesen keine Sätze mit mehr als drei Kommas. Darum kann ich das Geheimrezept ja lüften: Um sozial erfolgreich zu sein, müssen wir diejenigen Werte bewußt setzen, die unser Volk zum Überleben benötigt. Wir müssen dabei selbst nicht an einen Mantel der Geschichte glauben, der uns durchweht, nicht an unser ewiges Deutschland, nicht an Ehre, Treue und Freiheit so glauben, als existierten diese wie Wesenheiten – anthropomorphe Personifikationen – real.
Trotzdem müssen wir sie verkünden, als wären sie Realitäten. Immerhin wirken sie ja als soziale Tatsachen, solange Menschen an sie glauben. Das Wissen um die Willkür solcher Wertsetzungen bleibt immer intellektuellen Feinschmeckern vorbehalten. Darum ist das Verkünden der Werte, für die wir uns entschieden haben, eine realistische Option. Die Aufklärung mit ihrer Zerstörung fast alles dessen, was Menschen einst heilig war, hat den Boden bereitet für eine neue Glaubenssehnsucht.
„Die weite Verbreitung von Zweifeln und Respektlosigkeit führt oft zu unerwarteten Ergebnissen.“[10] Eric Hoffer hat auf diese hingewiesen: Angesichts des menschlichen Glaubenshungers schafft der Intellektuelle durch die Zerstörung des einen Glaubens nur Sehnsucht nach einem neuen. Wenn die Menschen unbedingt etwas glauben wollen, sollten wir wenigstens denjenigen zu einem uns allen nützlichen Glauben verhelfen, die wir nicht rational vom Wert der eigenen, freien Entscheidung überzeugen können.
Vom Wert der Fiktion
Politische und weltanschauliche Überzeugungen bilden sich nicht rational. Der Verstand webt nur nachträglich eine Scheinrationalisierung um Grundentscheidungen, die unser Gefühl schon vorbewußt getroffen hat. Dieses Gefühl speist sich aus unseren tiefsten Ängsten und Hoffungen, Wünschen und Bedürfnissen. Später rationalisierte Ideologien fußen immer auf solchen emotionalen Grundlagen. Diese nannte man in der Epoche der Aufklärung zusammenfassend „Leidenschaften“.
Es ist ein wahres Elend der Menschen, daß, sobald sie ihre Leidenschaften und Imaginierungskraft zu außerordentlichen, ihrem Temperamente gemäßen Meinungen verleitet: sie diese, ihre unzeitige Geburt sogleich für eine göttliche Einsprechung halten, und daher alles, was mit derselben nicht übereinstimmet, es seie noch so heilig und gut, als einen verwerflichen Menschentand ansehen.
Franz Balthasar Neuwirth, Verleger in Köln, Unter Fetten Hennen, 1764, in: Fußnote zu Michael von Isselt, Geschichte des Cölnischen Krieges, S.447.
Die Abfolge von Bedürfnissen und Gefühlen („Leidenschaften“), Einbildungskraft und am Ende (rationalisierte) Meinung kommt schon in diesem frühen Beleg deutlich zum Ausdruck. Darum will die Masse der Menschen unbedingt irgendetwas glauben. Sie benötigt einen tröstenden und ermutigenden Anker, einen Schutz, der Sicherheit bietet. Glaubenslehren wie Religionen bieten sich dafür ebenso an wie vordergründig weltlich auftretende Ideologien. Es ist eine soziale Tatsachen, daß Bewegungen nicht gedeihen, die auf jede überpersönliche Sinnstiftung verzichten. Also müssen wir den Menschen anbieten, was sie hören wollen. Wir müssen ihre Gefühle bedienen.
Wir müssen die Werte bewußt setzen und fiktional für real erklären, die zur Wiedergeburt Deutschlands funktional erforderlich sind.
Eine Fiktion ist die Idee einer real nicht existenten Tatsache. Beispiele gibt es viele. So glauben viele Linke bis heute an die Fiktion menschlicher Gleichheit oder, Rousseau folgend, an einen fiktiven „Gesellschaftsvertrag“, der angeblich vor Altersgrau geschlossen worden sei.
Als Rechte haben wir dagegen unsere eigenen Mythen und Fiktionen. Schläft da nicht ein Barbarossa im Kyffhäuser, hat hinabgenommen des Reiches Herrlichkeit, „und wird einst wiederkommen mit ihr zu seiner Zeit?“ Dichtete nicht Felix Dahn: „Gebt Raum ihr Völker unserm Schritt, wir sind die letzten Goten“? Fanden nicht schon Germanen Todesmut in der Fiktion, von Wotan abzustammen und nach einem Schlachtentod in Walhall einzugehen? Blieben nicht die Nibelungen treu bis in den Tod?
Es ist für einen Ungläubigen immer leicht, über die Träume und Fiktionen eines anderen zu lachen. Aber offenkundig funktioniert es. Mir fallen seit einiger Zeit auf Twitter (oder x) fiktive Animationen auf, in denen Tempelritter gegen die Feinde unserer Seinsweise marschieren. Rational gesehen mag das ein Niveau sein, an dem Zwölfjährige sich begeistern können. Aber offenkundig wirkt es emotional.
Die emotionale Wirkung einer Fiktion leidet offenbar nicht unter dem Bewußtsein, daß es doch nur eine Fiktion ist. Jahrhundertelang knieten sich bei uns Gläubige vor irgendwelche Kreuze und beten zu Jesus oder zu Heiligen. Glaubten sie wirklich, ihr Gott oder ein Heiliger wese darin tatsächlich herum? Der Glaubensinbrunst genügt ein bloßes Symbol, eine Fiktion, eine Vorstellung.
In England unterläuft seit einem Monat eine KI-animierte, fiktionale Dame namens Amelia die britische Zensur und Strafverfolgung. Mit ihren markanten lila Haaren sagt sie den dort Herrschenden alles, was die nicht hören wollen. Von „Britannia rules the waves“ angefangen läßt sie keinen englischen Mythos, keine Fiktion britischer Macht aus und ruft zum Widerstand gegen die Machtergreifung der Moslems auf.
Diese kurzen Animationen sind viel wirksamer als jeder geschriebene Text wie dieser, der ja ohnehin unter uns Pastorentöchtern bleiben wird. Unsere Linken, bemerke ich immer wieder, können ja intellektuell nicht mehr bis drei zählen und lesen keine Texte. Amelia kreist unterdessen von Twitter über Instagram, Tiktok und andere jugendtypische Kanäle und verbreitet erfolgreich, was ich hier nur spröde als Wertsetzungen und Fiktionen bezeichne.
Stellen wir uns darauf ein! „Gott will es!“[11]
[1] Sie erklärte die Welt aus dem Naturgesetz von Ursache und Wirkung ohne Zuhilfenahme waltender Götter.
[2] Sie machte mit der Zeit das geschlossene Weltbild der Scholastik obsolet.
[3] Bis zu rein materialistischen Versuchen wie denen von d‘Holbach und La Mettrie, woraus im 19. Jahrhundert Max Stirner und Friedrich Nietzsche die Konsequenzen zogen.
[4] Gründung der DDR.
[5] Genderwahn, Klimawahn, feministische Außenpolitik und so weiter.
[6] Klaus Kunze, Das rechte Weltbild, 2024.
[7] Arnold Gehlen, Moral und Hypermoral, S.102, dort im Präsens.
[8] Julius Evola, Revolte gegen die moderne Welt, S.353.
[9] Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum, Reclam, 2.Abtl., II. 2., S.351.
[10] Eric Hoffer, Der Fanatiker, S.119.
[11] „Deus lo vult“, Papst Urban II im Jahr 1095. Ghu weiß, an welchen fiktionalen Gott ich (als Atheist oder Agnostiker, aber doch als Science-Fiction-Leser) hier denke.


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