Muhammad Sabbah zum heutigen Selbstverständnis deutscher Staatlichkeit
Vorbemerkung von Klaus Kunze
Der Autor der nachstehenden Stellungnahme wurde 1982 in Tulkarm geboren. Er studierte „Philosophy of Mind“ an der Palestine Technical University – Kadoorie – Tulkarm zum Hauptthema: Philosophie des Geistes. Als palästinensischer Flüchtling war in Syrien und studierte in Damaskus Philosophie. Nach dem Krieg zog er in die Türkei. Auf Facebook ist er regelmäßiger Teilnehmer der Philosophie-Gruppe Deutschland.
Er erweist sich dort als profunder Kenner der deutschen Philosophie und führt Oswald Spengler im Profil: „Die Kultur formt sich selbst, bevor der Staat erwacht.“

Armin Mohler formulierte einst den Begriff des Nasenringes, mit dem man uns Deutsche durch die Manege zerrt. Bei einem maßgeblichen Teil der Publizistik und der Politik funktioniert dieser noch immer. Es gab aber gegen solche Instrumentalisierungen schon vor hundert Jahren den Begriff des heimlichen Deutschland. Unter der Oberfläche blieb es bis heute lebendig.
Aus seiner Tiefe publizierte ich 1995 unter dem Titel „Mut zur Freiheit“ einen geistigen Befreiungsschlag, in dem es resümierend heißt:
Wir dürfen uns die freie Entscheidung für eine unseren Bedürfnissen entsprechende Ethik nicht entwinden lassen. Gegen sie funktionalisieren Unfreiheit und Fremdbestimmung heute wie eh und je eine gegen uns gerichtete Moral, deren Sprachregelungen kalte, graue Begriffsnetze über uns werfen.[1] Wir sollten feinfühliger darauf achten, ob wir durch eine Moral benutzt und fremdbestimmt werden. Wer die Fäden dieser Moral zusammenhält, geißelt uns mit Wahnvorstellungen von Sündhaftigkeit, Bösesein und Schuld: Begriffen, die es nur innerhalb seiner Glaubenslehre gibt. Ihr praktischer Sinn aber ist es, uns Gehorsam abzuverlangen, denn Sühne oder Buße, jedenfalls aber Gehorsam, verlangen sie alle. In solchen Wert- und Unwertsetzungen verkörpert sich in der gegenwärtigen historischen Lage Deutschlands der Machtanspruch derjenigen Menschen, die aus biographischen Gründen eine Urangst vor uns haben und die uns mit ihrer Moral fesseln und harmlos machen wollen; aber auch der Machtanspruch derjenigen, die uns aus Haß oder Rachsucht leibhaftig da sehen möchten, wo ihre Hölle am tiefsten ist, und die uns von Herzen wünschen, daß uns Angst, Scham und Verzweifelung nie wieder aus ihren Klauen lassen. Am heimtückischsten sind dabei jene pseudobiologistischen Lehren, die uns allein schon aufgrund unserer Abstammung eine metaphysische Schuld wie eine Erbsünde aufladen. Wer an einen Gott und seine Moral glaubt, in dessen Hölle der eigene Großvater bereits schmort, der allerdings ist wirklich selbst schuld und verstrickt sich unentrinnbar in einem Labyrinth von erster, zweiter und dritter Schuld.
Hier hilft nur ein geistiger Befreiungsschlag: Wir dürfen nicht an jenen Gott und seine ganze alttestamentarische Schuldmetaphysik glauben. Schon Pufendorf hatte geargwöhnt: „Die Zahl der Sakramente wurde mit Bedacht vermehrt, damit die Menschen häufiger der Priester bedürfen. … Ja ich glaube, auch das Fegefeuer ist nur zu dem Zweck angezündet, um diejenigen mit einer Abgabe belegen zu können, die der Tod sonst von allen menschlichen Dingen befreit.“[2] Wir werden erst frei von jenen Abgaben sein, wenn alle moralischen Fegefeuer gelöscht sind.
Unser heutiger Autor Muhammad Sabbah diagnostiziert genau in diesem Sinne auch das heutige Deutschland als „moralisches Objekt“.
Deutschland, der reuige Staat: Teilnahmebedingungen nach Auschwitz
von Muhammad Sabbah am 14.12.2025
von Facebook mit automatischer Übersetzung aus dem Arabischen

In zeitgenössischen Hollywood-Erzählungen erscheint Deutschland nicht als ein Land mit Geschichte, sondern als eine „reumütige Nation“; eine Entität, die nur dann in Erscheinung treten darf, nachdem ihrer Präsenz ein dauerhaftes Schuldbekenntnis vorausgegangen ist.
Reue ist hier kein historischer Moment, der abgeschlossen werden muß, sondern ein fester existentieller Zustand: Deutschland existiert in dem Maße, wie es anerkennt, ist präsent in dem Maße, wie es bereut, und ist legitim in dem Maße, wie es sein früheres Selbst verneint.
Innerhalb dieses Rahmens wird die deutsche Präsenz nach einer strengen Regel neu organisiert:
Jede positive deutsche Präsenz kann nur über einen von zwei Wegen erfolgen, einen dritten gibt es nicht.
Der erste Weg ist der der „moralischen Ausnahme“: Der Deutsche, der sich von seiner Gemeinschaft lossagt, gegen seinen Kontext rebelliert und sich gegen „Deutschland“ selbst stellt – Schindler, Stauffenberg und ihresgleichen werden als seltene Einzelfälle dargestellt, nicht als Ausdruck einer inneren moralischen Möglichkeit, sondern als deren Negation.
Tugend entstammt hier nicht der deutschen Kultur, sondern entsteht vielmehr als Bruch mit ihr. Dadurch bleibt die grundlegende Erzählstruktur erhalten: Die Gesellschaft ist schuldig, und Güte erscheint nur als Ausnahme.
Der zweite Weg ist der der „Reinigung durch Reue“:
Deutschland, das dies anerkennt, sich dafür entschuldigt und sich politisch und moralisch im „westlichen Lager“ positioniert.
In diesem Modell ist Deutschland kein historischer Akteur mehr, sondern wird zu einem ständig überwachten moralischen Objekt, dessen Legitimität an seiner Übereinstimmung mit der „Nachkriegserzählung“ gemessen wird, nicht an seiner Fähigkeit, seine eigene Bedeutung zu erzeugen.
Es handelt sich um einen Staat, dessen Existenz zwar gestattet wurde, dem aber die narrative Souveränität fehlt.
Innerhalb dieser beiden Entwicklungslinien wird das Fehlen von Bismarck, Hegel, Kant, Goethe, Wagner, Spengler, Schmitt und Thomas Mann verständlich, nicht zufällig. Sie alle gehören in unterschiedlichem Maße einem „vorsündhaften“ Deutschland an, einem Deutschland, das sich weigerte, der Sünde unterworfen zu werden.

Bismarck repräsentiert einen Staat, der sich durch Gewalt und Politik etabliert, nicht durch Entschuldigungen.
Hegel sieht den Staat als die Manifestation der Vernunft in der Geschichte, nicht als eine Entität, die einem „ewigen moralischen Gericht“ unterliegt.
Kant setzt ein universelles rationales Selbst voraus, nicht ein Selbst, das durch eine nachfolgende „historische Sünde“ definiert wird.
Goethe präsentiert eine selbstbewußte, humane, universelle Kultur, die keine „moralische Rechtfertigung“ für ihre Existenz sucht.
Wagner verkörpert trotz all seiner Probleme ein mythisches ästhetisches Projekt, das die Nation mit dem Mythos verbindet, nicht mit dem Bedauern.
Spengler bietet eine pessimistische Interpretation der Zyklen der Zivilisation und verortet Europa – und Deutschland darin – auf einem Pfad des „historischen Niedergangs“, nicht aber in einer Position einzigartiger moralischer Schuld.
Schmitt stellt die Begriffe „Souveränität“ und „Entscheidung“ als das Wesen der Politik dar, außerhalb der Logik liberaler Ethik und „nachfolgender Prozesse“.
Was Thomas Mann betrifft, so stellt er trotz der Komplexität seiner Position und seines kritischen Wandels einen großen deutschen Intellektuellen dar, der nicht allein auf die Rolle der „Erkennung“ reduziert werden kann, sondern vielmehr auf einen tiefen inneren Kampf mit der Bedeutung Deutschlands selbst.
Die Nennung dieser Namen bedroht das vorherrschende Narrativ, da sie Deutschland seine Rolle als Produzent von Gedankengut, Schönheit, Staat und Selbstkritik zurückgibt, anstatt es lediglich auf einen einzigen historischen Moment zu reduzieren. Diese historische Weite wird somit zugunsten einer aufgebauschten Epoche unterdrückt, die alles Vorherige und Nachfolgende in den Schatten stellt.
Hier überschneidet sich die Hollywood-Erzählung mit dem, was man die „zionistische Erzählung nach Auschwitz“ nennen könnte, in der der Holocaust von einem konkreten historischen Ereignis in einen „metaphysischen moralischen Ursprung“ verwandelt wird, durch den Schuld und Unschuld, Legitimität und Illegitimität neu definiert werden.
Adorno wies darauf hin, dass das Denken nach Auschwitz nicht mehr so möglich sei wie zuvor, sondern daß nicht nur ein Bewußtsein für den Bruch entstanden sei, sondern vielmehr die Umwandlung von Auschwitz in eine „einzige Linse“, durch die die Geschichte einer ganzen Nation betrachtet werde.
Das Ergebnis ist keine Geschichtsinterpretation, sondern vielmehr eine „Verwaltung des Gedächtnisses“:
Eine Erinnerung erstarrt eine Nation in einem Moment der Schuld und beraubt sie des Rechts auf Komplexität, auf Widersprüche und auf Kontinuität. Wenn Geschichte auf Moral reduziert wird, verliert sie ihre Dialektik und wird zu einem „Gericht“, das sein Urteil nur einmal fällt … aber niemals schließt.

[1] Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, 1.Hauptstück Kap.14.
[2] Pufendorf, De statu Imperii Germanici, S.259.


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