… auf dem schmalen Grat zwischen Entropie und Emergenz

Doch – es gibt das deutsche Volk tatsächlich. Es ist Bestandteil unserer Realität. Aber unsterblich ist es nicht. Unsere linksgrünen Dekonstruktivisten erkennen mit ihren spärlichen Denkbemühungen nicht, daß es auch Wald gibt, nicht nur Bäume. Wir wollen das hier philosophisch nachweisen und einen kleinen Ausflug in die Ontologie wagen. Der Ausflug lohnt sich für jeden, der an der Front politischer Debatten höhnisch niedergemacht werden soll, weil er für ein deutsches Volk jenseits von Staatsgrenzen und Paßfragen kämpft.

Die Stadt der ewig Blinden

Es gibt tatsächlich geistig Blinde, die nicht erkennen, was doch augenfällig ist. Die Seherin Kassandra sah den Untergang Trojas voraus, aber niemand glaubte ihr.

Warum warfest du mich hin
In die Stadt der ewig Blinden
Mit dem aufgeschloßnen Sinn?

Friedrich Schiller, Kassandra

Die Ontologie ist seit den Vorsokratikern die Lehre vom Sein. „Was existiert wirklich?“, fragte sie seit Heraklit. „Es gibt nichts Festes und Dauerndes“, hätte dieser geantwortet. „Panta rei!“ – alles fließt. Als naturwissenschaftlich inspirierte Menschen unserer Zeit könnten wir heute das Buch der philosophischen Ontologie zuklappen und die Physik befragen, die Kosmologie und schließlich die Quantenphysik. Das unternehmen wir hier auch.

Wen wir sicherlich nicht fragen werden, sind die Theologen und jene anderen verstaubten Metaphysiker, die uns ein Jenseits versprechen würden oder okkulte Kräfte im Diesseits vermuten.

Wer sich heute schämt, Deutscher zu sein, möchte sich dieser Bürde leicht entledigen, indem er die Existenz unseres Volkes rundweg abstreitet. Nein, Germanen gab es natürlich auch nicht, das seien alles nur Konstrukte.

Was ist ein Konstrukt? Da stellen wir uns erst mal ganz dumm: Ein Konstrukt ist ein Hirngespinst, dem in unserer Außenwelt kein reales Ding entspricht.

Gibt es eine Froschheit?

Die Froschheit wäre solch ein Konstrukt, eine Gemeinschaft aller Frösche der Welt. Indessen: Es gibt sie nicht. So können wir uns leicht geistig etwas zusammenkonstruieren, das es nicht gibt.

Wir können auch tatsächlich Existierendes auf einen Begriff bringen. Zwar ist der Begriff konstruiert, nicht aber, was er bezeichnet. Vom gemeinsamen Genpool einer bestimmten Froschart können wir durchaus sprechen und damit etwas Wirkliches in einem seiner Aspekte bezeichnen. Es hindert nicht die Annahme eines Genpools, daß dessen Individuen ständig wechseln. Es gibt auch einen Wald als zusammenhängendes Ökosystem ohne Rücksicht auf die wechselnden einzelnen Bäume, Bodenpilze und was noch im Wald kreucht und fleucht.

Für einen waschechten Reduktionisten gibt es das alles nicht. Er reduziert alles auf seine Einzelelemente, aus denen es sich zusammensetzt. Ein radikaler Dekonstruktivist wäre genau so einer: Er reduziert das „Konstrukt“ Wald ebenso auf Einzelbäume wie Völker auf Einzelpersonen.

Wäre er konsequent, dürfte es für ihn noch nicht einmal Menschen geben: alles nur Atome und Moleküle. Falls er einmal in die Tiefe seiner eigenen Quantenstruktur einsteigen würde, würde er entsetzt infrage stellen, ob es ihn selbst substanziell gibt. Auf Quantenebene ist das nicht der Fall. Es gibt im Reich der Atome und Elementarteilchen keine feste Substanz, wenn man „Substanz“ als feste, dauerhafte, klar umrissene, klassische Materieeinheit versteht. Elementarteilchen sind Anregungen von Feldern. Elektronen verwandeln sich in Wellen, und wie bei Schrödinger Katze weiß man nie genau, wo sich sich eigentlich befindet. „Alles fließt.“ Der geniale Grieche Heraklit hatte das intuitiv erfaßt.

Der reduktionistische Fehlschluß

Jeder Mensch macht aber die alltägliche Beobachtung, daß es ihn wirklich gibt, und er freut sich, nicht allein auf der Welt zu sein. Über Jahrzehnte liebt er vielleicht seine Frau. Durch Stoffwechselfunktionen besteht jeder Mensch nach ungefähr sieben Jahren nicht mehr aus denselben Atomen und Molekülen wie zuvor. Aber er weiß genau: Sie ist immer noch dieselbe Person.

Auguste Rodin, La Belle qui fut heaulmière

In einem Roman schildert Robert Heinlein ein Gespräch über die Skulptur einer alten Kurtisane von Auguste Rodin:

Jeder kann ein hübsches Mädchen ansehen. Ein Künstler kann ein hübsches Mädchen ansehen und die alte Frau erkennen, die sie sein wird. Ein besserer Künstler kann eine alte Frau ansehen und das hübsche Mädchen erkennen, das sie einmal war. Ein großer Künstler kann eine alte Frau ansehen, sie genauso porträtieren, wie sie ist –  und den Betrachter zwingen, das hübsche Mädchen zu erkennen, das sie einmal war … mehr als das, er kann jeden, der auch nur die Empfindsamkeit eines Gürteltieres hat zwingen, zu erkennen, daß dieses reizende junge Mädchen immer noch lebt, gefangen in ihrem ruinierten Körper. Er läßt einen die stille, endlose Tragödie miterleben, daß nie ein Mädchen geboren wurde, das in seinem Herzen jemals älter als 18 geworden ist … ganz gleich, was die erbarmungslose Zeit getan hat.

Robert A. Heinlein, Fremder in einer fremden Welt, 1996, (Stranger in a strange Land, 1961), S.495 f.

Warum hat Heinlein (1907-1988) in seinem Roman so Recht? Warum ist das hübsche Mädchen, das sich noch in der Greisin verbirgt, real?

Materie emergiert zur Persönlichkeit

Weil sie zeitlebens dieselbe Person ist. Der dekonstruktivistische Unsinn ist blind für die Konstanz eines existierenden Phänomens in Raum und Zeit.

An Heinleins hübschem Mädchen, verkörpert in Rodins Plastik, nagt naturgemäß der Zahn der Zeit. Physiker haben die Beobachtung, daß alles Stoffliche zum Zerfall neigt, mit dem Begriff Entropie versehen. Sie ist offenbar ein universelles Prinzip, dem alles unterliegt.

Gäbe es nichts als Entropie, hätten sich nach dem Urknall niemals aus Wasserstoffatomen höhere Elemente bilden können und aus durcheinanderwirbelnden Gaswolken kosmischen Staubes keine Planetensysteme und Galaxien. Daß sie sich gleichwohl bildeten, und zwar überall im Kosmos, beruht auf einem physikalisch beschreibbaren „Gegenprinzip“: der Emergenz. Sie ist allgemein viel weniger bekannt als die große Zerstörerin Entropie. Entropie ist ein thermodynamisches Gesetz. Emergenz ist ein Beschreibungsbegriff für komplexe Systeme. Die eine baut ab, die wirkt andere potenziell aufbauend.

Die Chaostheorie hat darauf aufmerksam gemacht, daß sich aus chaotischen Zuständen, scheinbar wie von selbst, unter bestimmten Bedingungen irgendwann Ordnungsstrukturen herausbilden. Wenn sie Wasser in ein Waschbecken plätschern lassen, bildet es dort zunächst ein Chaos, dann aber schnell einen Strudel in den Abfluß.

Wenn sie Wasser in ein Waschbecken plätschern lassen, bildet es dort zunächst ein Chaos, dann aber schnell einen Strudel in den Abfluß. Der Strudel weist einen höheren Grad an Ordnung auf als das erst chaotisch einlaufende Wasser. Die einzelnen Moleküle dieses Wassers haben für sich genommen noch nicht die Eigenschaft, flüssig zu sein. In ihrer Masse aber sind sie es.

Jedes System nimmt neue, zusätzliche Systemeigenschaften an, wenn die Komplexität zunimmt. Das System emergiert dann zu etwas qualitativ Neuem mit Eigenschaften, die vorher in seinen Einzelbausteinen nicht vorhanden waren. Dieses universelle Prinzip gilt in der Biologie, wo Konrad Lorenz es Fulguration nannte und für neue Systemeigenschaften wie zum Beispiel das Fliegen verantwortlich machte, das die Saurier erst nicht kannten.

Emergenz tritt überall auf, wo viele Einheiten interagieren und daraus qualitativ neue Eigenschaften entstehen: In der Physik, der Chemie, der Biologie, den Neurowissenschaften, der Psychologie, Ökonomie und in der Informatik bei der Schaffung künstlicher Intelligenz.

In der Soziologie tritt es auf bei der Bildung gesellschaftlicher Strukturen und kollektivem Verhalten.

Notwendigerweise muß ein System zusätzliche Systemeigenschaften annehmen, sobald die Wechselwirkungen seiner Teile ein Gesamtniveau an Komplexität erreichen, das sich nicht mehr vollständig aus den Eigenschaften der Einzelteile erklären läßt. Auf die Wechselwirkungen der Teile aufeinander und die daraus folgende Komplexität kommt es entscheidend an. So lassen sich biologische Eigenschaften nicht allein mit den Gesetzen der Chemie und Physik erklären, geistige Fähigkeiten nicht allen mit denen der Biologie, und man kann soziale nicht allein auf die geistigen Fähigkeiten des Individuums reduzieren.

Nebenbei bemerkt bewegen wir uns hier vollständig auf dem Boden der anerkannten wissenschaftlichen Modelle unserer Zeit. Wissenschaftstheoretisch geradezu vorsintflutlich sind dagegen Ideologien, die einen Menschen für nichts als Materie halten wie d’Holbach (System der Natur 1770), oder gar wie La Mettrie in seinem berühmten Buch L’Homme-Machine von 1747 (Der Mensch eine Maschine).

Das Volk als soziale Entität

Genau solcher Reduktionismus, also ein komplexes Ganzes auf seine Einzelteile zu reduzieren, unternehmen heute die modischen Dekonstruktivisten.

Sie sind blind dafür, daß eine Familie und eine Sippe zusätzlichen Gesetzlichkeiten unterworfen sind als ein Einzelmensch, nämlich sozialen. Bei nochmals steigender Komplexität, zum Beispiel innerhalb eines ganzen Volkes, sind sie blind dafür, daß sich eine Vielzahl sozialer Interaktionen nur damit erklären läßt, daß viele Menschen sich bewußt als ein Volk fühlen und ihr Handeln auch dadurch bestimmen lassen.

Dadurch wird ein Volk nicht zu einer metaphysischen Entität. Wie alles Ganze existiert es nur durch das komplexe Zusammenwirken seiner Einzelteile, den Deutschen. Es hat auch kein Eigenbewußtsein, weil menschliche Vergesellschaftungen fluide soziale Entitäten sind und kein personales Eigenbewußtsein aufweisen.

Wenn aber in den führenden Köpfen und Eliten eines Volkes der Gedanke mächtig wird, daß es richtig und wichtig ist, zu diesem Volk zu zählen, wird dieses Bewußtsein von den Massen übernommen und kann generationenlang normativ prägen. Solche Prägungen manifestieren sich in dem Gefühl, Teil einer großen Gemeinschaft zu sein, nämlich der Lebenden, der Toten und der Ungeborenen. Daraus erwachsen Verantwortungsbewußtsein für das eigene Volk, Solidarität auch mit seinen Ärmsten und Hilfsbedürftigen, Liebe und Stolz auf das Eigene bis hin zur Opferbereitschaft. Diese beginnt schon beim Zahlen von Steuern, solange der Eindruck herrscht, daß diese allen zugute kommen.

Ein Volk kann durchaus in konkreten historischen Situation so handeln, als ob es kollektiv als Ganzes gemeinschaftlich handeln würde, quasi also, als ob es eine soziale Wesenheit wäre. Das hat sich besonders in historischen Situationen gezeigt, in denen ein Volk von außen angegriffen wurde.

Dem Phänomen „Volk“ wird man phänomenologisch und historisch nur gerecht, wenn man es mit den Augen betrachtet, mit denen Robert Heinlein die alte Kurtisane von Rodin gesehen hat. Wie diese ist ein Volk dem ständigen Wandel unterworfen und vermag wie ein Feuer aufzulodern, lange hell zu leuchten und schließlich zu vergehen. Wie man selbst in der Greisin noch das verführerische Mädel erkennen kann, leben auch in unserem Volke noch genug jugendliche Kraft und zäher Wille, einen historischen Nachruf als verfrüht erscheinen zu lassen.

Doch wie auch Rodins Karyatide mit dem Stein bedrückt ist, mit dem sie einst als Säulenbestandteil einen griechischen Tempel stützte, müssen auch wir unsägliche Mengen vor allem an mentalem Gerümpel abwerfen, wenn wir wieder aufrecht stehen wollen.