Die Auflösung des deutschen Volkes

Das deutsche Volk befindet sich in heller Auflösung. Diese Auflösung wurde von langer Hand geplant und wird jetzt quasi generalstabsmäßig durchexerziert. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern das nüchterne Resultat eines Blickes auf die Fakten und auf die politischen Absichten der maßgeblichen Akteure.

Das deutsche Volk ist ein mehrdeutiger Begriff. Ursprünglich hatte es sich nicht zwingend mit Verwandtschaft zu tun. Zum folc gehörte in althochdeutscher Zeit, wer dem Kriegsvolk „folgte“. Einem wandernden Volk schlossen sich in der Völkerwanderungszeit vielerlei Leute an. Im Laufe der Jahrhunderte verband sich das Wort Volk aber fest mit dem Begriff des deutschen Volkes. Zu ihm zählte man alle Menschen deutscher Muttersprache.

Die harten Fakten und ihre Gründe

Bekanntlich lebten niemals alle Deutschen in einem Staat zusammen. Den verschiedenen deutschen Staaten haben immer auch Menschen angehört, die nicht deutsch sprachen. Volkszugehörigkeit ist ein faktischer Zustand, Staatsangehörigkeit ein rechtlicher. Daß die Staatsangehörigen der Bundesrepublik weniger würden, läßt sich nicht feststellen. Es können ausreichend Pässe nachgedruckt werden.

Der Unterschied war früher auch gesetzlich völlig klar:

„Deutscher Volks­zu­ge­hö­­riger im Sinne die­ses Gesetzes ist, wer sich in seiner Heimat zum deut­schen Volks­­tum bekannt hat, so­fern dieses Bekenntnis durch be­stimmte Merkmale wie Abstammung, Sprache, Erzie­hung, Kultur bestätigt wird“ 

§ 6 Bundesge­setz über die Ver­­triebenen und Flücht­linge (BGBl. I 1971, 1563 ff., und die Neu­fas­sung vom 2.Juni 1993, BGBl.1993, 829 ff. sowie andere Ge­set­ze.

Die Deutschen als Volk halbieren sich aber von Generation zu Generation. Das hat strukturelle Gründe und wird von einem mächtigen ideologischen Druck flankiert. Daß dieser spezifische Druck nicht die alleinige Ursache ist, zeigt uns ein Vergleich mit Nachbarländern, in denen der weltanschauliche Rückblick auf die Jahre vor 1945 zu einem positiven Verständnis der nationalen Identität führte und die trotzdem nicht dem Phänomen des anhaltenden Geburtenschwundes entgangen sind.

Die historische Demographie und die Genealogie weisen übereinstimmend auf, daß es seit Beginn schriflicher Aufzeichnungen über Geburten einen Sog vom Land in die Städte gab. Nie haben Städte ihre Einwohnerschaft aus sich selbst heraus reproduziert. Sie empfingen immer Zuzug vom Land. Bevölkerungsüberschuß auf dem Land, aber Bevölkerungsschwund in den Städten, das ist eine Gesetzmäßigkeit, deren Gründe gut erforscht sind. Stadtbürgern brachte Kinderreichtum häufig Armut, dem Landvolk fleißige Hände und eine Art Altersvorsorge.

Eine industrielle Massengesellschaft ist städtisch. Sie benötigt zu ihrem Bestandserhalt fortwährenden Zuzug. Heute leben die wesentlichen Teile der deutschen Bevölkerung in solchen Verhältnissen. Kinderreichtum wird wirtschaftlich nicht belohnt, sondern durch Absinken des Sozialstatus bestraft.

Die weichen Fakten und ihre Gründe

Wollen die Deutschen überhaupt noch ein Volk sein? In politischer Hinsicht ist das ihre Existenzfrage.

„Da­­durch, daß ein Volk nicht mehr die Kraft oder den Willen hat, sich in der Sphäre des Politischen zu halten, ver­schwin­det das Politi­sche nicht aus der Welt. Es ver­schwin­det nur ein schwaches Volk.“

§ 6 Bundesge­setz über die Ver­­triebenen und Flücht­linge (BGBl. I 1971, 1563 ff., und die Neu­fas­sung vom 2.Juni 1993, BGBl.1993, 829 ff. sowie andere Ge­set­ze.

Die ohnehin ablaufenden Notwendigkeiten und Ursachenketten der industriellen Massengesellschaft wurden und werden in Deutschland massiv verstärkt durch eine volksfeindliche Ideologie. Diese ist tendenziell kosmopolitisch und sublimiert damit auf geistiger Ebene die materiellen Erfordernisse globalen Wirtschaftens. Das Volk wurde begrifflich seit den 1970er Jahren von der Bevölkerung verdrängt. Der Perspektivenwechsel begann in der Soziologie, wo „die Bevölkerung“ einer von mehreren Parametern ist. Vom Linksradikalismus wurde er begierig aufgenommen, verallgemeinert und auch angewandt, wo an sich das gesamte Volk im Gegensatz zu Nachbarvölkern gemeint sein müßte.

In Deutschland breitete sich vom linksradikalen Spektrum aus eine haßerfüllte Grundhaltung gegen alles aus, was unser Schicksal ausmacht, Deutsche zu sein. Wie der Soziologe Helmut Schoeck anhand von Schulbüchern der 1970er Jahre bereits aufgezeigt hat, wurden Schulkinder schon damals planmäßig neurotisiert:

„Wie ein riesiger Staubsauger, der, einem Tintenfisch gleich. mit Dutzenden von Schläuchen aus der Seele des Kindes jeden Winkel absaugt, in dem noch ein Rest Sinn verborgen sein könnte, sind die linken Lernziele und Schulbücher bzw. vom Lehrer selbst zusammengebauten Unterrichtseinheiten ein wohlüberlegtes Instrument zur Abtötung jedes Erlebnisses von Sinn.“

Helmut Schoeck, Kinderverstörung, 1987, S.128.

Die damalige neurotisierte Jugend nähert sich heute bereits dem Ruhestand, nachdem sie weitere Generationen von Kindern indoktriniert hat. Was dabei herauskommt, kann man gelegentlich freitags Schule schwänzen sehen: einen Marsch ungebildeter, hirnloser emotionaler Analphabeten, aufgehetzt und hysterisch schreiend balancieren sie täglich auf dem schmalen Grat zwischen selbstverstümmelndem Ritzen und panischer Furcht vor einem Klimatod. In neurotischer Verkürzung der Wunder des Lebens haben sie nur sich zu empören gelernt, und Anti-etwas zu sein ist ihr Lebenssinn. Aus der Empörung

„wird Haß, wird Feindseligkeit gegen die eigenen Bezugspersonen, das eigene Volk und Land, und dieser Haß, so richten es die Schulbuchverfasser ein, muß nun auch noch seine vermeintliche Berechtigung in den Augen des Kindes bekommen: deshalb flößt man ihm den Verdacht ein, die eigene Gesellschaft, die Leute bei uns hätten Hunde ohnehin lieber als Kinder. Jetzt, als verfolgte Minderheit im eigenen Land, kann sich das verstörte Kind mit den fernen Kindern in den Entwicklungsländern voll identifizieren.“

Helmut Schoeck a.a.O. S.108 mit entsprechenden Nachweisen.

Nach diesem Blick in die Kindheit und Sozialisationsgeschichte der heutigen GRÜNEN wird deutlich, warum der geballte Haß des Linksradikalismus der Vorstellung gilt, das deutsche Volk sei etwas Wertvolles, das man vielleicht sogar verteidigen und beschützen sollte. Jahrgang um Jahrgang wurde vorenthalten, welche vielfältige Geschichte unser Volk hat, das man einst als Volk der Dichter und Denker rühmte. Was aber sollen sie lieben an ihrem Volk, wenn man die in Schulen vermittelte Geschichte von tausend Jahren auf zwölf reduziert und die Kinder nur zu Gedenkstätten der Selbstscham schickt?

Selbst die Eiche als deutscher Symbolbaum lebt nicht ewig.

Dadurch wurde das Bewußtsein zentral getroffen, Teil einer überzeitlichen Solidargemeinschaft zu sein, den Vorfahren etwas zu verdanken und eigenen Kindern etwas zu schulden. Doch

„keiner lebt für sich allein. Jeder ist auf Gemeinschaft … in der Abfolge der Generationen an­gewiesen.“

Wolfgang Schäuble, Wie leben aus der Wurzel des Überlieferten, FAZ 25.8.1995.

Zu die­ser Ge­mein­schaft gehören alle, die sich zum

„deut­­schen Volks­tum als national ge­präg­ter Kultur­ge­meinschaft, nicht als an­er­kannter oder nicht an­er­kannter Rechts­in­sti­tution, son­dern als einer rechtlicher Wer­tung a priori vor­gege­be­nen Seins­form, be­­kennen oder nicht be­ken­nen.“

Friedrich Schröer, Deutsche Volkszugehörigkeit von Minderjährigen, Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­blät­ter 1973, 148 ff..

Wer sich, von jahrzehnterlanger Charakterwäsche indok­tri­niert und neu­ro­tisiert, sei­ner Wurzeln schämt, gibt seine Identität irgendwann auf. Bereits 1978 stellte der Historiker Hellmut Diwald schon für die Deutschen fest:

Charakteristisch ist daß sie nicht mehr in der Lage sind, sich als Deutsche, als eigenes Volk mit eigentümlichen Merkmalen einzuschätzen.

Hellmut Diwald, Geschichte der Deutschen, 1978, S.123.

Der derzeitige GRÜNEN-Sprecher Robert Habeck steht ganz in dieser Tradition. Mit dem Begriff Vaterlandsliebe kann er nichts anfangen. Das gilt für fast alle großen gesellschaftlichen Akteure: Für die Merkel-CDU gilt es ebenso wie für die großen Kirchen. Wer das deutsche Volk erhalten will, gerät schnell amtlich in den Verdacht, er sei ein Verfassungsfeind. Dabei wird die Liebe zum eigenen Volk mit Chauvinismus oder Kollektivismus verwechselt.

Wenn Sie nicht glauben können, was gesellschaftlich relevante Kräfte mit dem deutschen Volk konkret vorhaben, schauen Sie einfach mal, was ein prominenter Genosse dazu schreibt:

(Twitter) 10.11.2019

Die Vaterlandsliebe

Braucht unser Staat überhaupt ein Volk – und braucht unser Volk einen Staat? Nichts bleibt heute unangezweifelt. Doch was ist „Volk“ überhaupt? Ein noch nicht staatlich verfaßtes Volk

„erwächst aus einer geschichtlich gewachsenen, substantiellen Gemeinsamkeit einer Gruppe von Menschen. Sie verweist und findet ihren Grund in der subjektiv unverfügbaren Vergangenheit: aus gemeinsamer Geschichte, Schicksal, Sprache, Kultur erwächst solidarische Verbundenheit. Ihre aus geschichtlicher Kontingenz geprägte Gestaltung widerstrebt rationaler Erklärbarkeit.“

Otto Depenheuer, Solidarität im Verfassungsstaat, 2.Aufl. 2016, S.318.

Ein Staat erwächst einem Volk, sobald es sich Institutionen schafft und diese mit staatlicher Autorität ausstattet: mit umfassenden zwischenmenschlichen Regelungsbefugnissen. Diese staatliche Ordnung benötigt eine Ethik mit gemeinschaftsbildenden Tugenden. Elf Leute sind keine Fußballmannschaft, wenn sie sich nicht an die für alle geltende Spielregeln halten. Wenn sie in alle Himmelsrichtungen auseinanderfliegen, bilden Vögel keinen Schwarm mehr. Ohne Bereitschaft, sich an Regeln zu halten, gibt es keine kollektive Handlungseinheit: keine Fußballmannschaft, auch keinen Staat.

Diese Bereitschaft besteht in der Anerkennung spezifischer Tugenden wie die der Staatstreue, der Vater­landslie­be und der Fami­lien­bin­dung. An eine me­taphysi­sche Reali­tät solcher ge­mein­schaftsbil­denden Wer­te muß nie­mand glau­ben. Wer Gott nur vom Thron stürzt, um sich selbst – in­dividuell oder kol­lektiv – dar­aufzuset­zen und als „gottesebenbildlich“ anzube­ten, hat nicht be­griffen, was Aufklä­rung tatsäch­lich bedeu­tet. Daß es solche Werte aber bei allen Völ­kern und in al­len Kul­tu­ren gibt, läßt den Schluß zu, daß es of­fenbar ei­nen Nut­zen hat, wenn die Mit­­glie­der einer Gruppe ein die Ge­mein­schaft ­­sta­bi­lisie­ren­des Sy­stem von Nor­men an­wen­den.

So verstanden schweben die Werte für eine Ge­­mein­­schaftsord­nung nicht in über­sinn­li­chen Sphären. Sie beein­flus­sen höchst real das mensch­liche Zu­sammenleben, weil viele Men­schen gefühlsmäßig zu ihnen neigen. Es herrscht, wer den Inhalt des Glaubens be­stimmt, auf des­sen Grund­la­ge die in der Staats­­ver­fas­sung kon­kre­ti­sier­te Wert­ord­nung ruht. Es gilt da­her ei­n Sy­­stem von Tu­genden durch­­zu­­­set­zen, das unsere in­­di­­vi­­duel­­le Frei­heit mit dem Be­stand der Ge­­mein­schaft ver­knüpft, der wir alle an­ge­hören und die uns die in­divi­du­elle Freiheit nach innen und au­ßen ga­ran­tieren soll. Diese Nor­­men gibt es in Deutschland tra­di­­tio­nell. Es ist sinnlos, Hirn­ge­spinste aus der in­tellektuellen Retorte zu ziehen. Ra­tio­na­li­stisch aus­ge­­klü­gelte Werte erwär­men niemandem das Herz. Sie kön­nen we­der die nötige soziale Bindungs­kraft ent­fal­ten noch Fol­ge­be­reit­­schaft er­zeu­gen. Nur die in den Gefühlen der Menschen wirk­lich vor­han­denen, überlieferten Werte, Tugenden und Ge­mein­schafts­ideen können dauerhaft sozial funktionieren: die Fa­­mi­lie, das Volk und alle auf sie bezogenen Sekundärtugenden.

Diese empfundene Identität mit meinen mir verwandten und gleichgesinnten Mitbürgern ruft jene eigentümliche Solidarität hervor, die sich mit dem Begriff der Vaterlandsliebe verbindet. Meine Opferbereitschaft richtet sich auf mir verwandte Menschen, mit denen ich mich gleich weiß in ihrer grundsätzlichen Sicht auf die menschlichen Verhältnisse. Mit ihnen bilde ich gern einen staatlichen Bund, eine Solidargemeinschaft, deren personales Substrat immer diese konkreten Menschen sind und nicht abstrakte Begriffe.

Vaterland ist eine Metapher, ein symbolisches Wort für alle lebenden, verstorbenen und künftigen Menschen, die dieses Vaterland gebildet haben, bilden und bilden werden. Sie sind es, die ein Mensch liebt und denen er sich solidarisch verbunden fühlt. Wenn man den Begriff des Volkes nicht als bloße Sam­mel­bezeich­nung für viele einzelne Men­­schen be­trach­tet, kann man nur zu dem Schluß kom­men, daß es Völ­ker nur in unserer Vorstellung gibt: „In mente„, hätte William von Ock­ham ge­sagt: im Gei­­ste. Real vor­han­den sind aller­dings die Ver­wandt­schafts­be­ziehun­gen, die ge­mein­same Spra­che und die gemein­sa­me Ge­schich­te der An­­gehörigen eines Vol­kes. Alle diese Um­stände be­wahren das Phä­­no­­men „Volk“ aber nicht, wenn es als Volk nicht mehr „in mente“ ist: im Bewußtsein sei­ner An­ge­­hörigen also, denn das

„Deutsch­land, wel­ches wir lie­ben und zu sehen be­gehren, hat nie exi­stiert und wird viel­leicht nie exi­stieren. Das Ideal ist eben etwas, das zu­gleich ist und nicht ist. Es ist die im tiefsten Her­­zen der Men­schen leuch­tende Son­ne, um wel­che un­sere Ge­danken“ sich drehen.

Paul De Lagarde, Deutsche Schriften, 1884, zitiert nach Sammlung Diede­richs, Deutsches Wesen, Hrg. Friedrich Daab, 1914, S.83.

Das ideale Deutschland befindet sich in uns. Das reale Deutsch­­­land aber kön­nen nur kon­krete Menschen sein, die Ge­samt­­heit aller Deut­­schen. Wer sich für sie verantwort­lich fühlt und sie zu seiner Her­­zenssache macht, rech­net zu ih­nen die Ge­samt­heit der Le­­ben­den, der Toten und der Ungeborenen. Das ideale heim­liche Deutschland da­gegen trägt je­der nur in sich allein.

Alle Gruppen und Kollektive existieren nur insoweit und auch nur so­lange, wie sie von den handelnden Gruppenmitgliedern als Kollekti­ve tat­sächlich wahrgenom­men werden. Wenn die Einzelmitglieder der Gruppe aufhören, gruppenbezogen zu handeln, wenn der Wille, die Grup­pe zu bilden und die Gruppe bestehen zu lassen, erlischt, dann erlischt die Gruppe über­haupt. Das ist das Ziel aller derer, die das deutsche Volk heute auflösen. Sie lösen es auf, indem sie das emotionalen Zusammengehörigkeitsgefühl und den Willen zerstören wollen, gemeinsam Deutsche zu sein.

Eine Familie kann sich durch Schei­dung auflösen. Eine politische Partei kann durch Verbot aufge­löst werden. Auch die Mitglieder eines Vol­kes können sich zerstreuen. Nachdem die Athener die meli­schen Männer getötet und die Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft hatten, gab es für den Rest der Weltgeschichte keine Melier mehr. Völker sind eben nicht Gedanken Gottes, sondern handelnde Kollektive von Einzelmenschen, die im Kol­lektiv handeln wollen und das tatsächlich tun. Wenn der Wille zu ge­meinsamem Handeln und damit zur gemeinschaftlichen Existenz er­lischt, endet das Volk über­haupt. Völker sind nicht Gedanken Got­tes, sondern kol­lektive Gedanken vieler Menschen. Das zum Be­wußt­sein seiner selbst ge­kommene Volk bezeichnet die ro­manische Tra­dition als Nation: Nation sei ein tägliches Plebiszit. Die Nation als Wil­lens­ein­heit zusammen­gehörender Menschen erfordert es, die Ent­schei­dung für das Zusammengehören und das gemein­schaft­liche Han­deln täg­lich neu zu treffen.

Zum Schwarm werden die Einzelvögel, wenn sie sich in einer gemeinsamen Ordnung formieren.

Nationen sind daher vergängliche Gebilde und in ihrer Existenz verletz­lich. Ihre Existenz hängt davon ab, den Willen zur Gemein­schaft tagtäglich aufrecht zu erhal­ten. Einer Nation die­sen Willen, die Über­zeugung von ihrer eigenen Identität also, zu nehmen, befördert sie von der präsenten Existenz „in mente“ ins Reich der Schatten, in den Orkus des bloßen Erinnerns, in die reale Nichtexistenz. Finis Ger­­maniae? Das kann uns passieren, liegt aber allein an unserem Wollen. Ob eine

„Nation als politische oder auch kulturel­le Einheit erhal­ten bleibt, hängt nicht von ir­gend­ei­ner unwandelbaren Sub­stanz ab, die ihr inne­woh­­nen soll, sondern von den langfristigen Erfor­der­nis­sen der pla­ne­ta­rischen Lage, ge­nau­er: von der Art und Weise, wie die Ak­teure diese Erfordernisse be­greifen und sich darauf ein­stel­len.“

Panajotis Kondylis, Die Zukunft der Nation, FAZ 26.10.1994.

Es liegt ein irreführender, weil transzendenter Akzent in der For­mu­lie­rung eines Gedichts, man solle an sein Volk und dessen Zukunft glau­ben. Das Volk gibt es, oder es gibt es nicht. Richtig wäre die For­mu­lierung, man solle den Willen, in Gemeinschaft als Volk zu han­deln, nicht auf­ge­ben.

Ein so verstandener Wille zu gemeinschaftlichem und gemein­schafts­­­be­zo­ge­nem Handeln stünde nie in Gefahr ideologischer Verab­so­lutierung, kol­lek­ti­vistischer Totalitätsansprüche oder quasireligiöser Er­weckungs­hoffnun­gen. Als Begründung für das kollektive Phäno­men, das wir je nach Aspekt der Betrachtung als Volk, Na­tion oder Staat bezeichnen, genügt die Einsicht, daß der Gemeinschaftsbezug des Handelns letztlich die Daseinsbedingungen des Einzelnen sichern muß. Am Anfang muß kann nur die Einsicht stehen, daß je­der Einzelne die Na­tion und einen handlungsfä­higen Staat für sein persönli­ches Wohl­er­gehen und das seiner Nachkommen unab­dingbar braucht. Auf der freien Entscheidung für die Nation mag dann eine „säkularisierte“ Welt­anschauung aufbauen, die sich der Liebe zu ihren Nächsten nicht schämt und selbstverständliche Solidarität mit allen anderen Deut­schen ein­schließt.

Handeln in nationaler Solidarität

Das Volk als Solidargemeinschaft von Verwandten hat sich historisch bewährt. An ihm allein muß und kann sich so­zia­les Han­deln ausrichten. Andere Solidargemeinschaften wir religiöse haben sich historisch nicht als dauerhaft und darum als ungeeignet erwiesen (Udo Di Fabio, Die Kultur der Freiheit, 2005, S.186). Solidarität erfordert differenzierendes Denken in Kategorien menschlicher Ungleichheit, denn die Solidargemeinschaft

„ist wesentlich und legitimerweise Abstammungsgemeinschaft, insoweit sie diejenigen ausgrenzt, die außerhalb der Gemeinschaft stehen, weil sie an deren Gemeinsamkeit nicht teilhaben: die Angehörigen einer Solidargemeinschaft stehen sich einander näher als den Menschen im übrigen, d.h., sie sind im Verhältnis zueinander gleicher als im Verhältnis zu anderen.“

Otto Depenheuer, Solidarität im Verfassungsstaat, 2.Aufl. 2016, S.309 f.

Eine typisch juristische Vorstellung besteht darin, eine rechtliche Verpflichtung als unsichtbares Band zu symbolisieren, das einen Menschen mit einem anderen verbindet. So kann man sich vorstellen, daß die realen Angehörigen eines Volkes durch ihr tägliches Handeln eine Art Bund[1] unter sich aufrechterhalten, der wie ein ideelles Band alle Einzelnen miteinander verbindet, berechtigt und verpflichtet.

Überall auf der Welt gab es diese Solidargemeinschaften bereits vor der Geburt jedes heute Lebenden. Man wird in eine Abstammungsgemeinschaft hineingeboren. Niemand kann sich frei aussuchen, mit welchen anderen Menschen er sich staatlich organisieren und ihnen solidarisch sein soll. Eltern und Vorfahren sind bereits da, bevor das Kind in die unkündbare Solidargemeinschaft hineingeboren wird.

„Die Unkündbarkeit des Bundesschlusses verbindet viele Generationen miteinander. Die bündische Gemeinschaft verfügt dadurch über Vergangenheit und Zukunft und ermöglicht dadurch die Statuierung einer Verantwortung des einzelnen vor der Nachwelt.“

Depenheuer a.a.O. (2016), S.313 f.

Die Gemeinschaft miteinander solidarischer und untereinander verpflichteter Menschen ist der einzige rechtfertigende Anlaß für den Einzelnen, gegebenenfalls für andere Menschen große Opfer zu bringen. Das gilt auch für Menschen, die er gar nicht persönlich kennt. Warum akzeptiert ein egoistischer Einzelner, den Ertrag seiner Hände Arbeit durch staatliche Umverteilung zu Bedürftigen wandern zu lassen, die nicht arbeiten? Auf rein persönlicher Ebene wecken die Gefühle der familiären Liebe und Fürsorge solche Bereitschaft. Auf überpersönlicher Ebene kann man sich den Staat als Solidargemeinschaft wie eine große Familie denken. Er institutionalisiert und regelt die Hilfsbereitschaft und Fürsorge in analoger Weise.

Wir akzeptieren das, wenn wir den Gedanken familiärer Solidarität auf unser ganzes Volk übertragen. Sie besagt, daß jeder für den anderen, notfalls mit seinem Leben, einzustehen hat. Diese anderen gelten ihm als seine Angehörigen im weitesten Sinne, mit denen er sich emotional verbunden fühlt aufgrund gleicher Abstammung, gleicher Geschichte und gleichen Schicksals. Der Staat kann nicht sinnvoll nur als unpersönliche Verteilungsanstalt materieller Güter verstanden werden, sonst würde er keine Opferbereitschaft wecken. Er muß darum

„als personenbezogenes Gebilde gedacht werden, dessen Substrat nur das Volk sein kann. Tatsächlich liegt im Begriff des Volkes der Schlüssel zur Beantwortung der Frage nach dem materiellen Grund der staatsbürgerlichen Solidarität. Diese findet ihre Grundlage  in der substantiell durch Volkszugehörigkeit, rechtlich durch Staatsangehörigkeit vermittelten Gemeinsamkeit der Staatsbürger.“

Depenheuer a.a.O. (2016), S.324.

Die Solidarität der Mitglieder einer solchen Solidargemeinschaft untereinander erfordert ein Denken in Gleichheits- und Ungleichheitskategorien. Untereinander gelten sie als gleich. Wer nicht dazu gehört, ist Ausländer und damit ungleich. Ihm wird nicht das Maß an Solidarität geschuldet, das einem Inländer zukommt. Schließlich ist er auch seinerseits nicht verpflichtet, notfalls mit seiner ganzen Existenz für einen Staat einzustehen, der für ihn Ausland ist. Es existiert kein Weltstaat und keine globale Solidargemeinschaft. Für radikal kosmopolitisches Denken ist das schrecklich. Es möchte von der Ebene des Individuums die des Staates überspringen und unmittelbare Solidaritätspflichten zwischen allen Menschen begründen.

Kosmopolitisches Denken kann dabei die Frage nicht beantworten, warum ich mich jemandem gegenüber solidarisch fühlen und Opfer bringen soll, der mir nicht angehört und den ich nicht liebe, vielleicht aufgrund seines Verhaltens, seiner Kultur und anderer Eigenheiten auch gar nicht lieben möchte. Wenn ich mich mit jemandem schlechterdings nicht identifizieren kann, mag ich mich auch nicht für ihn aufzuopfern. Je ferner er mir steht, je weniger er mir und den Meinen ähnelt, desto weniger fühle ich mich ihm solidarisch. Ich empfinde zwischen ihm und mir keine substantielle Gleichheit.

„Die staatsbürgerliche Solidarität, d.h. die Identifikation mit der Nation über alle sonstigen Unterschiede und Gegensätze hinweg, ist fundiert durch die unverfügbare  Zugehörigkeit zu einer konkreten Volksgemeinschaft. Der Begriff des Volkes im substantiellen Sinne vermag jene Basis substantieller Gleichheit  der Staatsbürger zur Sprache zu bringen. Im Zentrum des substantiellen Volksbegriffs steht das Volk als ethnische oder kulturelle Größe.

In ihm gründet die politische Einheit des Volkes. Dieser Nationenbegriff ist objektiv: er garantiert die nationale Identität, ohne sie von subjektiven Willensbekundungen  bestimmen zu lassen.“

Depenheuer a.a.O. (2016), S.333.

Kosmopolitisches Denken übersieht aber auch, daß die verschiedenen Solidargemeinschaften nicht nur den Zweck haben, im Sozialleben untereinander solidarisch zu sein. Sie haben auch die Funktion, die Art und Weise des Zusammenlebens gegenüber Bedrohungen von außen zu garantieren. Diese droht potentiell aus Ländern, die im Innern ebenfalls Solidargemeinschaften bilden, aber völlig andere Vorstellungen von gutem Zusammenleben haben. So kann man die Solidargemeinschaft unseres Staates auch betrachten als staatliche Gemeinschaft derjenigen, die in einer freiheitlichen demokratischen Grundordnung und nicht in einem islamischen Kalifat oder einer asiatischen Autokratie leben wollen.

„Denn jede Gemeinschaft muß eine Grenze zur sozialen Umwelt setzen, sonst kann sie keine kraftspendende Identität gewinnen.“

Udo Di Fabio a.a.O., S.103.

Wer die Kraft aufbringen möchte, die zur Verteidigung unserer Identität notwendig ist, darf niemals schweigen: nicht wenn „Deutschland verrecke“ an Hausmauern geschmiert wird, nicht, wo „Allah ist groß“ gebrüllt wird, nicht, wenn wir Welle auf Welle gegen Afroasiaten ausgetauscht werden, und überall da nicht, wo unser Staat, seine Grundordnung und mit ihr unsere eigemtümliche freiheitliche Lebensweise angegriffen wird.

Klaus Kunze 1.12.2019


[1] Ich folge in der Vorstellung des „Bundes“ der überzeugenden Argumentation Otto Depenheuers. In der Sexta A des damaligen Staatlichen Gymnasiums in Köln-Mülheim (heute Hölderlin-Gymnasium) war er mein Freund und Klassenkamerad, seit 1999 Inhaber des Lehrstuhls für „Allgemeine Staatslehre, Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie“ sowie Direktor des „Seminars für Staatsphilosophie und Rechtspolitik“ an der Universität zu Köln.