Herrscher der Begriffe

Unsere schöne neue Welt enthält ein Universum schöner Begriffe wie Humanismus, Gerechtigkeit, Demokratie, Teilhabe, Wahrheit, Gleichberechtigung, Klimarettung, fairer Handel, Friede, Freude und Eierkuchen für alle. Alle diese schönen Worte sind leider, funktional gesehen, nur die Nasenringe, an denen man die Masse durch die Arena führt und wie einen Zirkusbären für sich tanzen läßt.

Ob diese Lehren ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ sind, ist für die Welt der politischen Geschichte eine Frage ohne Sinn. Die ‚Widerlegung‘ etwa des Marxismus gehört in den Bereich akademischer Erörterungen oder der öffentlichen Debatten, wo jeder recht hat und die anderen immer unrecht. Ob sie wirksam sind, seit wann und für wie lange der Glaube, die Wirklichkeit nach einem Gedankensystem verbessern zu können, überhaupt eine Macht ist, mit der Politik zu rechnen hat, darauf kommt es an.

Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, S.1352.[1]

Politiker müssen nicht an den Inhalt solcher Phrasen glauben. Sie beherrschen das Volk, indem dieses glaubt, die Politiker träten mit ganzer Kraft für ihre mögliche Verwirklichung ein. Als vor ein paar Tagen der Bundespräsident mit geübt sonorer Stimme vor die Kamera trat und das Fernsehvolk lauschte, wie traurig und betroffen man doch sei, tiefstes Mitgefühl, volle Solidarität und so weiter, lachte im Hintergrund Armin Laschet laut. Er fühlte sich unbeobachtet.

Solche kleinen Szenen reißen kurz den Schleier von den pathetischen Betroffenheitsritualen unserer Politiker. Sie werden von der Schminke bis zur sorgenzerfurchten Stirn sorgsam einstudiert und wie ein katholisches Hochamt zelebriert. Man weiß: Das Bekenntnis zur richtigen Haltung wird medial hervorgehoben und soll die Gefühle der Zuschauer steuern: „Dem können wir vertrauen! Er glaubt dasselbe wie wir.“

Die großen allgemeinen Begriffe Freiheit, Recht, Menschheit, Fortschritt sind heilig. Die großen Theorien sind Evangelien. Ihre Überzeugungskraft beruht nicht auf Gründen, denn die Masse einer Partei besitzt weder die kritische Energie noch die Distanz, um sie ernsthaft zu prüfen -, sondern auf der sakramentalen Weihe ihrer Schlagworte.

Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, S.1352.[2]
In der Predigt werden immer dieselben Schlüsselbegriffe eingepaukt, bis sie fest in den Köpfen installiert snd und das Handeln beherrschen (Hugo von Trimberg, Der Renner, um 1424-1444)

Je abstrakter ein Begriff ist, desto geringer sein Realitätsgehalt. Eigennamen bezeichnen eine wirkliche Person. Sammelbegriffe wie Frau enthalten schon weniger an eindeutigem Inhalt. Unter Frauenrechten kann sich schon jeder nach Belieben vorstellen, was er mag, vollends unter Menschenrechten. Je allgemeiner ein Begriff, desto höher schwebt er über jedem eindeutigen Inhalt. Jeder kann sich abstrakte Begriffe nach Belieben selbst ausdenken.

Politische Theologien

Die maßgeblichen ideologischen Schlagworte sind säkularisierte theologische Begriffe. Sie stehen heute als Symbole für politische Verheißungen und damit für letztlich uneinlösbare, utopische Versprechen. In alten Zeiten erklärte man die Allmacht Gottes zur Quelle der Schöpfung. Der “Allmacht” entsprach auf weltlicher Ebene die Souveränität des absoluten Monarchen, die sich zur Idee der Souveränität des Volkes weiterentwickelt hat. Mit der ursprünglich nur Gott zukommenden “Würde” schmückte sich gern auch der Renaissancemensch und legte den Grundstein zur heutigen Idee einer Menschenwürde.

Auch Demokratie, Freiheit, Gleichberechtigung und ihre Verwandten kann man als Ideen, Leitbilder oder Prinzipien betrachten. Darin erschöpfen sie sich aber nicht. Ihre reale Funktion besteht darin, eine Gruppe von Menschen auf ein gemeinsames Handlungsziel zu lenken, zusammenzuschweißen und Opferbereitschaft zu erzeugen.

In intellektualistischem Wahn befangen, konstruierten unsere Theologen und Philosophen jahrhundertelang ideale Begriffe und behaupteten, diesen entspreche etwas in der realen Welt: Sünde, Erbsünde, Vergebung, Gerechtigkeit Gottes, Souveränität, Repräsentation, Gottesgnadentum, Freiheit, Sozialismus, Kommunismus, Demokratie, Gleichheit – alles hübsch ausgedacht. Die Wirklichkeit erwies sich meistens als sperriger als die schlüpfrigen Phrasen. Aber als Lenkungsinstrumente taugen sie hervorragend, begeisterten die Menschen und ließen sie willig ihren relgiösen oder politischen Propheten folgen.

Nutzt man nur richtigen Worte und Begriffe, muß selbst dieses Teufelchen entweichen. Für die Erringung und Sicherung weltlicher Macht ist unwichtig, ob schöne Begriffe wie Sünde, ewige Seligkeit oder Verdammnis, Gott oder Teufel irgendeinen realen Bezug haben, solange die zu Beherrschenden nur an sie glauben und sich mit ihnen lenken lassen (Rabanus Maurus, De rerum naturis, 1425).

Solche Begriffe sind Symbole: Wortsymbole. Ein schönes Wort, eine Losung, ein schlau klingender …ismus, das alles wirkt anziehend wie eine Fahne, eine Standarte, eine Parole oder ein Abzeichen. Dazu bekennt man sich; zu „verstehen“ gibt es da nichts. Im Kern beruhen sie auf psychologisch entschlüsselbaren Wünschen und Erwartungshaltungen. Jeder kann seine eigenen Beweggründe und Hoffnungen in Worte wie Freiheit, Sozialismus, Gleichberechtigung oder Erlösung hineinprojizieren.

Sie sind wie ein Hauch der Stimme: Hirnerzeugnisse, Kopfgeburten ohne festen Anker in der realen Welt. Mit Begriffen können wir auch Vorstellungen bezeichnen, die nur in unseren Köpfen existieren: Prinzipien, Konstrukte, Gedankenmodelle. Sie entziehen sich jeder empirischen Überprüfung und jeder objektivierbaren Begrifflichkeit. Darum kann sich von ein und demselben Begriff jeder eine andere Vorstellung machen.

Pfiffige Theologen erfanden den Begriff “Todsünde” und erzeugten Folgsamkeit durch deutliche Darstellung ihrer Folgen. Hier wird die Neigung, sein Geld für sich zu behalten, mit dem Begriff “Geiz” gegeißelt. Sein Vermögen der Kirche zu schenken, schützte hingegen vor teuflischer Rache (Hugo von Trimberg, Der Renner, um 1424-1444)

Macht gewinnt, wer sie sozial wirksam werden läßt, indem seine Gefolgsleute an einen Realitätsgehalt solcher Begriffe glauben. Dann gewinnen sie Bedeutung als soziale Tatsachen. Es muß selbst Micky Mouse nicht geben, um ihn auf eine Fahne zu malen und Tausende unter dieser Fahne in den Krieg ziehen zu lassen – wenn sie denn an ihn glauben – und wenn ein Verführer sich selbst als berufener Prophet und fähiger Vollstrecker der idealen Maus präsentiert.

Die Legitimität aller politischen Systeme beruht auf dem Glauben der Beherrschten an solche ideologischen Traumgebilde.

Das Gehirn durch die Nasenlöcher abgepumpt

Die Herrschaftstechnik der Massengesellschaft besteht darin, Massen durch den Glauben an dieselben schönen Worte zu lenken. Man kann ihnen durch stetige Wiederholung derselben Phrasen gleichsam das Gehirn durch die Nasenlöcher abpumpen und durch ein anderes mit konformem Inhalt ersetzen.

Früher konnte man das Wort Kaiser gar nicht mehr denken ohne die Assoziation „unser Heldenkaiser“, zeitweise das Wort Jude nicht ohne den Zusatz „Geldjude“ und heute das Wort Klimawandel nicht ohne das Adjektiv „menschengemacht“. Worte und Phrasen prägen sich ein und beeinflussen das Verhalten.

Was ist Wahrheit? Für die Menge das, was man ständig liest und hört. Mag ein armer Tropf irgendwo sitzen und Gründe sammeln, um die Wahrheit festzustellen – es bleibt seine Wahrheit. Die andre, die öffentliche des Augenblicks, auf die es in der Tatsachenwelt der Wirkungen und Erfolge allein ankommt, ist heute ein Produkt der Presse. Was sie will, ist wahr. Ihre Befehlshaber erzeugen, verwandeln, vertauschen Wahrheiten. Drei Wochen Pressearbeit, und die Welt hat die Wahrheit erkannt. Ihre Gründe sind so lange unwiderleglich, als Geld vorhanden ist, um sie ununterbrochen zu wiederholen.

Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, S.1365.[3]

Über hundert Jahre sind vergangen, seit Oswald Spengler das schrieb. Wer Geld hat, kauft sich Zeitungen und mit ihnen die “öffentliche Meinung”. So entstanden Medienimperien wie das der SPD. Inzwischen haben die „öffentlich-rechtlichen“ Medien die Aufgabe der ununterbrochenen Wiederholung ergänzt und übernommen. Die Medienberatering der ARD, Elisabeth Wehling, formulierte das so:

„Wann immer ein Frame über Sprache aktiviert wird, egal ob es sich um affirmative oder verneinende Sprache handelt, gewinnt er an Stärke in den Köpfen der Rezipienten. Der dahinterstehende Mechanismus heißt Hebbian Learning: Je öfter Neuronengruppen simultan im Gehirn feuern, desto stärker wird die synaptische Verbindung zwischen ihnen. Wir nehmen es nicht wahr, und wir können es auch nicht beeinflussen. Aber es hat zentrale Konsequenzen für Ihre Kommunikation: Nutzen Sie nie, aber auch wirklich nie, den Frame Ihrer Gegner, und nutzen Sie diejenigen Frames, die Ihre moralische Perspektive auf die Sachverhalte deutlich machen, immer und immer wieder – von Interview zu Interview, von Debatte zu Debatte, von Schriftsatz zu Schriftsatz. Nur durch die ständige Wiederholung neuer sprachlicher Muster über längere Zeit hinweg ist es möglich, den neuen Frames kognitiv Geltung zu verschaffen und sie damit zu einer realistischen Wahrnehmungsalternative werden zu lassen.“[4]

Elisabeth Wehling, Framing Manual (Gutachten für die ARD), 89 Seiten, 2017, S.17.

Die Rolle der Indoktrination mit den gewünschten Schlüsselbegriffen haben die Medien übernommen.

Bestimmte Vorstellungen sollen aus dem Gehirn vorher abgepunpt werden, weshalb man die Bezeichnungen für bestimmte Worte verbieten will. Wer etwas nicht mehr auf den Begriff zu bringen vermag, kann es noch nicht einmal mehr denken. Schon der bloße Gedanke an etwas Verbotenes – das Gedankenverbrechen – wird dem Unterworfenen dann unmöglich. Einst durfte man in Deutschland nicht wagen, frei zu denken. Heu­te darf man es. Medial indoktriniert und selektiv in­for­miert, kann der moderne Deutsche es aber häufig nicht mehr. [5]

Jetzt darf man es, aber man kann es nicht mehr. Man will nur noch denken, was man wollen soll, und ebendas empfindet man als seine Freiheit.

Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, S.1368.[6]

Findet die Freiheit immer einen Weg?

In dem Kinofilm Jurassic Park klonte man niedliche Saurier, deren Gene leider dem Reagenzglas entkamen und mit schrecklich langen Zähnen blonden Schauspielerinnen auflauerten. „Das Leben findet immer einen Weg!“, legte der Drehbuchautor einem skeptischen Beobachter in den Mund.

Ich kann nicht beweisen, daß sich immer wieder Menschen ihrer Konditionierung entziehen können und daß das freie Denken als Vermögen in jedem Kinde neu geboren wird. Ich schließe nur von mir auf andere. Objektivierbar ist aber ein ständiges Hase- und Igel-Spiel zwischen medialen Konditionierern und freien Denkern, die überall ihre Schlupflöcher finden.

Das Internet hat sich bisher nicht effektiv und nicht vollständig im Sinne von Heiko Maas, George Soros, Mark Zuckerberg und den anderen Meinungslenkern „regeln“ lassen. Die Zukunft ist offen. Unser Freiheitsdrang wird immer einen Weg finden. Wir haben unsere Chance. Nutzen wir sie!


[1] Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1918 in zwei Bänden, hier zitert nach der einbändigen Ausgabe (Text nach dem Druck von 1923), Anaconda-Verlag 2017, ISBN 978-3-7306-0453-3, S.1352 = 2.Band, 4. Kap. III der Erstausgabe. Im Text des Werkes kommt der Buchtitel nicht vor. Ihn hatte ein findiger Verleger sich ausgedacht.

[2] Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1918 in zwei Bänden, hier zitert nach der einbändigen Ausgabe (Text nach dem Druck von 1923), Anaconda-Verlag 2017, ISBN 978-3-7306-0453-3, S.1352 = 2.Band, 4. Kap. III der Erstausgabe..

[3] Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1918 in zwei Bänden, hier zitert nach der einbändigen Ausgabe (Text nach dem Druck von 1923), Anaconda-Verlag 2017, ISBN 978-3-7306-0453-3, S.1365 = 2.Band, 4. Kap. III der Erstausgabe..

[4] Elisabeth Wehling, Framing Manual (Gutachten für die ARD), 89 Seiten, 2017, S.17.

[5] Klaus Kunze, Die sanfte Gehirnwäsche, 2020, S.144.

[6] Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1918 in zwei Bänden, hier zitert nach der einbändigen Ausgabe (Text nach dem Druck von 1923), Anaconda-Verlag 2017, ISBN 978-3-7306-0453-3, S.1368. = 2.Band, 4. Kap. III der Erstausgabe..

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