Erstpublikation: freilich-magazin 20.12.2023

Das innere Gesetz, nach dem wir antreten, geben wir uns selbst. Es gibt keine Freiheit ohne diese normative Selbstbestimmung. Auf dem Weg zu ihr können Bücher hilfreich sein. In Zeiten ideologischer Herrschaftsansprüche bildet für uns Untertanen das Lesen geradezu einen subversiven Akt.

Γνῶθι σεαυτόν!“ stand am Apollotempel von Delphi: „Erkenne dich selbst!“ Am besten erkennt man jemanden inmitten von ihm geliebter Bücher. Doch liebt er sie, weil sie von Anfang an seinem tiefsten Selbst entsprachen, oder haben umgekehrt erst die Bücher ihn dazu gemacht, was er jetzt ist? Welche haben mich in den Grundlagen meines Denkens dauerhaft bestärkt?

Vielleicht ist es ein wechselseitiger Prozeß. Um über meine fünf wichtigsten Bücher zu schreiben, muß ich die Unbelangbarkeit des neutralen Beobachters aufgeben und vieles von mir selbst preisgeben. Da mag sich einer mir dann geistesverwandt fühlen oder auch nicht, wenn er mich schon als Neunjähriger in Schmetterlingsbüchern lesen sieht, denen bald Werke des Verhaltensforschers Konrad Lorenz und anderer Biologen folgten. Lange bevor mir irgend jemand etwas von einem Sein an sich erzählen oder andere Flausen wie Erbschuld oder Erlösung in den Kopf setzen konnte, dachte ich bereits durch und durch empirisch und naturwissenschaftlich. Bei jeder Eigenschaft eines Lebewesens fragte ich mit Konrad Lorenz nach ihrer Funktion: „In welcher Weise dient sie der Arterhaltung?“ Das gilt auch für unser angeborenes Streben nach kultureller Einhegung angeborener Triebe.

In seinem Werk “das sogenannte Böse” über die Naturgeschichte der Aggression erklärte der Forscher die Naturnotwendigkeit des Aggressionstriebes für die Arterhaltung. Ideologische, religiöse oder moralische Erklärungsansätze benötigt der Empiriker nicht.

Ich wollte immerzu nur wissen, was tatsächlich war und ist, und schwor mir schon mit vierzehn Jahren: Ich will mir niemals von Einbildungen, Wunschträumen und Illusionen das Gehirn vernebeln lassen!

Während Mitschüler neugierig in der Mao-Bibel blätterten und sich ideologisch aufrüsteten, führte mich der Weg über die Sinnesphysiologie geradewegs zur Erkenntnistheorie: Ist real, was wir wahrnehmen? Konrad Lorenz (1903-1989) hat es mir beantwortet: Unser Wahrnehmungsapparat ist genetisch nicht auf Halluzinationen ausgelegt, sondern auf das richtige Erkennen unserer wirklich vorhandenen Umgebung. Die Existenz unserer Augen wäre unerklärlich, wenn alles Gesehene nur Illusion wäre.

Grundlagen des Denkens

Seine geistige Summe faßte Konrad Lorenz zusammen in einem dtv-Sammelbändchen „Vom Weltbild des Verhaltensforschers“ (1968, ISBN 3-423-00499-1) mit Aufsätzen aus den Jahren 1942-1959. Als eines meiner fünf wichtigsten Bücher aber sehe ich an seine 1973 erschienene Mahnung „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ (ISBN 3-492-000350-8). Er beschreibt diese als strukturelle Funktionsstörungen lebender Systeme. Das gibt uns bis heute den Schlüssel zum zusammenhängenden Verständnis vieler unserer aktuellen Probleme. Diese „Sünden“ sind die Überbevölkerung, die Verwüstung des Lebensraumes, der Wettlauf mit uns selbst, der Wärmetod des Gefühls, der genetische Verfall, das Abreißen der Tradition, die Indoktrinierbarkeit durch Ideologien und die Gefahr menschlicher Selbstvernichtung durch Kriege, insbesondere durch Kernwaffen.

Konrad Lorenz

Ein naturwissenschaftlich fundiertes, also realistisches Welt- und Menschenverständnis bildet das Fundament, ohne das man sich nur allzu leicht durch ideologische Schwärmereien in die Irre leiten lassen könnte. Mit gnadenlos realistischem Blick hatte der Athener Thukydides (um 454-399 v.Chr.) die Geschichte des Peloponnesischen Krieges beschrieben. Er ist ein Urvater aller kritischen Geschichtswissenschaft. Neben Homer, Platon und anderen lasen wir ihn einst im Griechischunterricht, als Kindern in Deutschland noch Bildung vermittelt wurde.

Thukydides

In jenem Krieg unterlag nach Jahrzehnten das demokratische Athen dem konservativen Sparta. Als Seemacht eroberte es Insel um Insel und Stadt um Stadt, zwang die Unterworfenen zur demokratischen Staatsform und erlegte ihnen hohe Kriegssteuern auf. Wer sich nicht fügte wie die Melier, wurde getötet, die Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft. Thukydides zitiert die wesentlichen Dialoge wie den zwischen den Athenern und den Meliern. Die Melier beriefen sich auf die Götter: Diese befahlen, sie sollten ihrer Mutterstadt Sparta treu blieben. Die Athener konterten nüchtern: Die Götter hätten die Welt und die Menschen gemacht, wie sie sind, und sie seien halt so, daß immer der Stärkere dem Schwächeren den Willen aufzwinge. Schon als Schüler verblüfften mich die Parallelen zu dem Vorgehen der „demokratischen“ Seemächte USA und England gegenüber Landmächten wie der damaligen Sowjetunion und vormals auch Deutschland. Daß Machtstreben immer von ideologischen Rechtfertigungen „höherer Art“ begleitet wird, schuf mir einen Schlüssel zum Verständnis von Ideologien und ihrer sozialen Funktion.

Je pompöser das Gehabe eines Glaubensprediges, desto mehr lädt es zur Skepsis ein, wenn nicht zu subtilem Spott. Die verwehten Spuren antiker Skeptiker verbreiterte der Franzose Michel de Montaigne (1533-1592) in seinem Buch „Essais“ (ISBN 3-8218-4472-8) zu einem zukunftsweisenden Pfad. Er verglich die antiken und zeitgenössischen Völker und Kulturen miteinander und erkannte ihre Mannigfaltigkeit. Dadurch relativierte er alle ideologischen und religiösen Ansprüche und durchschaute sie als modebedingt. Ohne offen die drohende Inquisition herauszufordern, lehrte er einen grundlegenden Skeptizismus, der für sich allein schon genügt, auch alle heutigen ideologischen Machtansprüche in Frage zu stellen.

Michel de Montaigne

Wie man ideologiebasierte Macht delegitimiert, wußte Max Stirner (1806-1858). Fachphilosophisch gilt er als Banause. Und doch hat er in seinem Werk „Der Einzige und sein Eigentum“ (ISBN 3-15-003057-9) die Aufklärung bis zu ihrem konsequenten Endpunkt durchdacht. Auf ihm bauen wiederum so heterogene Geister auf wie Friedrich Nietzsche und – fundamentalistische Autonome. Er versetzte sämtlichen christlich oder humanitaristisch inspirierten Trugbildern den intellektuellen Todesstoß: „Ich soll?“ – Warum eigentlich?“ Stirner gehorcht Befehlen realer Menschen, bestreitet aber radikal die Geltung von Geboten und moralischen Anweisungen „höherer Art“. Seine Philosophie macht frei von moralistischer oder religiöser Gängelung. „Da oben“, impliziert sie, „ist eben kein Jemand“, der uns etwas zu befehlen hätte.

Stirners Schrift bildet die ultimate Verteidigungswaffe gegen jeden Versuch, den Einzelnen unter Verweis auf Gebote angeblich “höherer” Art zu beherrschen. Sie läßt jede ideologische Seifenblase zerplatzen, mit der irgendeine Obrigkeit unsere Freiheit einzuengen sucht. Als Beherrschungsideologie anderer taugt sie nicht.

Johann Caspar Schmidt alias Max Stirner

Damit öffnet sich die Perspektive hin zu naturwissenschaftlichen, aber auch zu soziologischen Fragen. Nicht „Was sollen wir tun?“, lautet für einen freien Menschen die Frage, sondern „Warum suchen viele Menschen den Sinn des Lebens in irgendwelchen metaphysischen Schubladen, statt ihrem Leben selbst einen zu geben? Warum schaffen sich die für sie geltende Moral nicht eigenverantwortlich? Welche arterhaltende Funktion mag die Sucht nach moralischem Gehorsam haben? Sind Gesellschaften mit moralischer Konformität vielleicht stabiler und erfolgreicher?

Max Stirner räumt ein, daß seine Macht sich im Verein mit anderen Menschen vervielfacht. Der Philosoph Panajotis Kondylis (1943-1998) kannte sie alle, Lorenz, Thukydides, Stirner, ja die gesamte philosophische Literatur. In seinem Werk Macht und Entscheidung (1984, ISBN 3-608-91113-8) bezeichnet er alle Ideologien als Ausdruck individuellen Machtstrebens. Um zu herrschen, muß man sich auf das Walten „höherer“ Gesetze berufen, als deren bescheidener oberster Prophet, Richter und gegebenenfalls Vollstrecker man auftritt. Jede angeblich höhere Norm enthält einen Machtanspruch dessen, der sie verkündet.

Panajotis Kondylis

Kondylis zufolge drückt sich in solchen Denkbemühungen immer eine konkrete Konfliktlage aus:

Wir sollen brav gehorchen, doch – warum eigentlich? Selbst denken macht frei!