Das Rätsel um unsere personale Identität
Zu den rätselhaftesten Fragen gehörte lange die der Identität. Ist der Fluß, in den ich steige, derselbe wie der, in den ich gestern stieg? Heraklit von Ephesos hatte die Frage vor 2500 Jahren verneint: Panta rei, alles fließt. Er war der Urvater aller prozessualen Ontologien. Wenn sich aber alles stetig verändert, wie können wir dann überhaupt rechtfertigen, eine Person sei dieselbe wie neulich? Was begründet ihre Identität als Person?
Die Frage ist von höchster politischer Relevanz. Man stellt und beantwortet sie nämlich nicht nur bei Menschen. Gibt es eine diachrone Identität bei Gewerkschaften oder Vereinen? Ist der 1. FC Köln noch derselbe wie 1948? Ist die deutsche Nation 2026 noch dieselbe wie 1926? Wenn man mit radikal dekonstruktivistischem Werkzeug an diese Fragen herantritt, könnte man sie allesamt verneinen. Dann kämen die Dekonstruktivisten vielleicht zu dem Ergebnis, daß es sie selbst nicht länger als einen Augenblick lang gäbe. Wer die diachrone Identität von Nationen, Institutionen oder anderen sozialen Gebilden grundsätzlich als bloße Konstruktion auflöst, muß nämlich erklären, weshalb dieselbe Kritik nicht auch die Identität der eigenen Person trifft.
Aber jeder Mensch macht die alltägliche Beobachtung, daß es ihn wirklich gibt, und er freut sich, nicht allein auf der Welt zu sein. Über Jahrzehnte liebt er vielleicht seine Frau. Durch Stoffwechselvorgänge besteht jeder Mensch zwar nach einigen Jahren nicht mehr aus denselben Atomen und Molekülen wie zuvor. Dennoch weiß er genau: Seine Frau ist immer noch dieselbe Person.
Im Roman Fremder in einer fremden Welt betrachtet Robert Heinlein (1907–1988) eine Skulptur von Auguste Rodin (1840-1917):
„Jeder kann ein hübsches Mädchen ansehen. Ein Künstler kann ein hübsches Mädchen ansehen und die alte Frau erkennen, die sie sein wird. Ein besserer Künstler kann eine alte Frau ansehen und das hübsche Mädchen erkennen, das sie einmal war. Ein großer Künstler kann eine alte Frau ansehen, sie genauso porträtieren, wie sie ist – und den Betrachter zwingen, das hübsche Mädchen zu erkennen, das sie einmal war … mehr als das, er kann jeden, der auch nur die Empfindsamkeit eines Gürteltieres hat, zwingen zu erkennen, daß dieses reizende junge Mädchen immer noch lebt, gefangen in ihrem ruinierten Körper. Er läßt einen die stille, endlose Tragödie miterleben, daß nie ein Mädchen geboren wurde, das in seinem Herzen jemals älter als achtzehn geworden ist … ganz gleich, was die erbarmungslose Zeit getan hat.“
Robert Heinlein

Hinter diesen poetischen Formulierungen verbirgt sich unsere ontologische Fragestellung. Was ist es, das uns in der Greisin noch dieselbe Person erkennen läßt, die einst dieses Mädchen war? Offenbar ist sie trotz aller Veränderungen zeitlebens dieselbe Person geblieben.
Aber was macht diese Identität aus? Was ist überhaupt eine Person?
Hier verkneifen wir uns phantasievolle metaphysische Scheinantworten. Weder die materielle Grundlage noch eine unstoffliche Entität wie eine Seele machen die Person aus. Ihre Identität ist keine starre Substanz und nichts Übersinnliches. Sie beruht vielmehr auf der zeitlichen Kontinuität einer komplexen Organisationsstruktur, die sich gegen entropische Auflösung behauptet und sich dennoch fortwährend verändert.
Wenn ich meine 91jährige Mutter ansehe, an die ich mich als 23jährige junge Frau noch gut erinnere, frage ich: Ist sie dieselbe geblieben? Ich erkenne „sie“. Aber was genau erkenne ich eigentlich wieder?
Nicht dieselben Atome, nicht über 91 Jahre dieselbe Gestalt. Wiedererkannt wird vielmehr die Person in der historisch gewachsenen Kontinuität ihrer Persönlichkeit und ihres biographischen Zusammenhangs. Was fortbesteht, ist ein bestimmter Zusammenhang von Eigenschaften, Erinnerungen, Dispositionen, Beziehungen und Verhaltensmustern. Einzelne Elemente können im Laufe der Zeit verloren gehen, ohne daß die Person zu einer anderen wird. Das gilt bei einer Amputation ebenso wie bei einer Demenz. Trotz aller Veränderungen bleibt eine erkennbare Kontinuität bestehen. Genau diese Kontinuität bezeichnen wir im Alltag intuitiv als dieselbe Person.
Meine genetische Ausstattung, einen Teil meiner Lebenserinnerungen und die pädagogische Prägung durch meine Eltern trage ich in mir. Diese Informationen haben mich mitkonstituiert. Darum empfinde ich es so, daß meine Eltern in mir fortleben. Dieses intuitive Gefühl steht keineswegs im Widerspruch zu dem, was uns die Naturwissenschaften heute über Leben, Vererbung und Informationsweitergabe sagen können.
Im Grunde besteht die kategoriale Errungenschaft des Lebens darin, daß sich seine Formen immer wieder neu organisieren, variieren und weitergeben. So widerstehen sie der Entropie zeitweise, auch wenn sie ihr letztlich niemals endgültig entkommen.
Identität erkennen wir überall da, wo im Rahmen eines sich ständig verändernden Prozesses eine komplexe Informationsstruktur fortlaufend aufrechterhalten wird. Dieser Prozeß ständiger Veränderung beginnt mit unserer Erzeugung und endet im Tod mit der Auflösung unseres Körpers. Solange die funktionale Einheit besteht, leben wir als dieselbe Person.
Dementsprechend bilden auch andere Phänomene funktionale Einheiten: ein Wald wächst heran, seine aus vielen Spezies bestehende funktionale Einheit wächst, und sie kann einst wieder vergehen und sich wie die Kohleflöze aus dem Karbon in Erdschichten ablagern. Funktional kohärente Einheiten haben erkennbare Gestalten, denen wir Namen zu geben pflegen: Rom, das schon zur Zeit der Cäsaren als ewige Stadt bezeichnet wurde, eine Familie, eine Nation und selbst Heraklits Fluß.
Wie der Rhein fließt er, an Form und Gestalt erkennbar, seit Jahrtausenden, und doch sind seine Wasser nie dieselben wie gestern. Denn als Ganzes ist er mehr als die Summe seiner Teile. Dieses Ganze rechtfertigt die Behauptung: Er ist mit sich selbst identisch und also doch derselbe wie gestern.
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