Klaus Kunze

Der moralische Maulkorb

In der französischen Revolution gab es eine Phase des Tugendterrors. Auch 2019 hat das Moralisieren wieder Hochkonjunktur. Wie jede Herrschaftstechnik ist es nicht das einfache Volk, das heute moralisiert. Dieses vergnügt sich hedonistisch und ohne moralische Bedenken. Es hat nichts anderes gelernt.
Heute wird uns die Moral tagtäglich von oben eingeseift: Auf hohem Roß und mit erhobenem Zeigefinger duckt man uns rund um die Uhr im Fernsehen und anderen Medien in den Büßerstuhl und predigt uns, wen wir lieben müssen und wen wir nicht hassen dürfen. Da lohnt sich ein Blick weit zurück in eine Zeit, in der zölibatäre Stubengelehrte in jeder Frau eine moralische Gefahr sahen.

Schon damals diente Moral der Errichtung und Aufrechterhaltung konkreter Herrschaftsstrukturen. Wer sich aus moralischer Fremdbestimmung befreien möchte, sollte wissen, wie sie schon immer funktionierte und heute noch funktioniert. Weiterlesen

Pfotentreue

Vier Pfoten tappen und mein Schritt,
als Vorzeitschatten wandern mit,
die da trabten und jagten als Freunde fürs Leben
Dein Schicksal war mir und Dir meines gegeben.

So spurten auf diesem Waldespfad
einst Ahnherr und Ahnwolf dem Urochs nach
Auf ewig mit dem Menschen im Bund
ergab sich ihm der Wolf als Hund.

Der Pfad ist endlos und windet sich fort
zu den Sternen, dem fernen Sehnsuchtsort
sie heulen nächtens die Lieder der Ahnen,
wie trifft mich und rührt mich im Herzen ihr Klagen.

Zum Sternenhimmel auch hebt sich mein Sinn:
Jahrtausende eilen im Fluge dahin,
dann folgt auf Sirius’ klüftigem Grund
in Liebe vereint seinem Menschen ein Hund.

KK 5.8.2017

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Der Eisenhammer – ein frühneuzeitlicher Rüstungsbetrieb

Die Nieme ist ein östlicher Zufluß der Weser und mündet in diese beim Kloster Bursfelde (Abbildung). Einen Kilometer niemeaufwärts stand vor einem halben Jahrtausend ein Eisenhammer. Der Familienbetrieb nutzte die Wasserkraft für einen baumartigen, auf und ab auf einen Amboß schlagenden Hammer. Der Betrieb stellte schweres Eisengerät her, auch Rüstungsgüter.

Abnehmer solcher Eisenhämmer waren Landesfürsten. Exportiert wurde weserabwärts über Bremen bis Holland.

Eisenhammer (Charles Delaunay 1868, gemeinfreie Abbildung)

Verpächterin des Eisenhammers war Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg. Der Eisenhammer stand damals also auf „staatlichem“ Grund und Boden. Heute gehört dieser dem Land Niedersachsen. Damit war der Eisenhammer ein quasi staatlicher Rüstungsbetrieb.

Die Epoche der sich herausbildenden Staatlichkeit hatte eben erst begonnen. Es gab noch keinen alle Lebensbereiche regelnden Staat. Das Herzogtum hatte keine „Staatsbediensteten“, um einen Eisenhammer zu betreiben. Darum wurden solche Fiskalgüter verpachtet, um Einnahmen zu erzielen. Weiterlesen

… folg ich der Vögel wundersamen Flügen

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,

Folg ich der Vögel wundersamen Flügen,

Die langgeschart, gleich frommen Pilgerzügen

Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten,

Träum ich nach ihren helleren Geschicken

Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.

So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern,

Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen,

Es schwankt der rote Wein an rost’gen Gittern,

Indes‘, wie blasser Kinder Todesreigen,

Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,

Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

Georg Trakl  (gefallen 1914) Weiterlesen

Die Kollektivintelligenz der Widderchen

Widderchen heißt eine Schmetterlingsfamilie. Sie unterscheiden sich von anderen durch ihre Antennen (Fühler): dick wie Widderhörner. Von ihnen will ich erzählen.

Ein einzelner Falter ist gar kein Falter.

Konrad Lorenz, Pionier der Verhaltensbiologie, prägte den Satz: „Ein Affe ist kein Affe“. Damit spielte er auf das Bedürfnis an, einer Gruppe anzugehören. Die Affenhorde, das Löwenrudel, die Giraffenherde, das Bienenvolk, der Heringsschwarm: Sie sind die kleinsten Einheiten, in denen die biologische Art sich erhalten kann. Einzeltiere tragen zum Fortbestand der Art nichts bei.

Schmetterlinge bilden keine Herden und Rudel. Sie füllen ein geeignetes, vorhandenes Areal mit einer flexiblen Individuenzahl an. So viele Individuen ein Biotop ernährt, so viele gibt es dort auch. Ein Falter kommt selten allein. Wo eine Schmetterlingsart existieren kann, da gibt es sie gewöhnlich zahlreich.

Schmetterlinge können sich exponentiell vermehren. Sie ähneln darin Blumen: Sie können sich potentiell ins Unendliche aussamen, werden aber durch die verfügbare Fläche begrenzt. Weiterlesen

Gotik: Maß und Ziel

Unserer Zeit sind weitgehend das rechte Maß und die rechte Form abhandengekommen. Die Architektur früherer Epochen war menschlich. Sie wies eine geistige Struktur auf. Sie war für ihre Erbauer Maß und Ziel zugleich. Der gotische Pfeiler der St.Lorenz-Kirche in Nürnberg bricht seine gewaltige Baumasse durch filigrane Rippung auf:

St.Lorenz-Kirche in Nürnberg

Was der Bombenkrieg uns gelassen hat, bildet Oasen der geistigen und emotionalen Normalität.

Magdeburg, Blick auf den Dom

Gotische Architektur strahlt stimmungsvolle Ruhe, zugleich aber auch Dynamik aus. Alle Gedanken und Sinne ihrer Erbauer waren himmelwärts gerichtet. Und dorthin lenkt sie unseren Blick.

Magdeburger Dom

In der Gegend des Magdeburger Doms lebten seit unvordenklicher Zeit meine Vorfahren. Wie oft mögen sie bewundernd emporgeblickt haben? Der Dom war optischer Mittelpunkt und Fluchtpunkt für Tausende bei dem entsetzlichen Gemetzel am 20. Mai 1631, als die Stadt im 30jährigen Krieg erobert wurde. Weiterlesen

Stadtmauer in Uslar erneuert

Die mittelalterliche Stadtmauer in Uslar fiel seit Jahren stellenweise in sich zusammen. Weil es anscheinend im Solling keine Maurer gibt, wird sie jetzt von einer Firma aus Groß Gerau liebevoll teils abgetragen und wieder aufgebaut. Man hatte im Mittelalter Lehm mit Kalk vermischt. Der Kalk hat sich durch die Jahrhunderte vollständig zersetzt. Eindrucksvoll ist die sonst nicht zugängliche Außenseite der Stadtmauer, die innen auf der Stadtseite nur ein Mäuerchen ist.

Die aus dem 14. Jahrhundert stammende Stadtmauer wurde erstmals 1423 erwähnt.

Eingestürzte Mauer

Im September 2019 begannen die Wiederaufbauarbeiten und nähern sich jetzt, Ende Oktober, der Vollendung.

Stadtmauer Uslar, Außenseite
Stadt-Innenseite – vollendet 20.10.2019
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